The Day after – the Day before?

14.11.2004: FC Junkersdorf 1946 – PSI Yurdumspor Köln 1:0 (1:0)

Drinnen Langeweile, draußen kalt, grau, diesig. So fängt es sonntags immer an. Plus die Erkenntnis, am Tage zuvor von meiner Fortuna aus Düsseldorf – wie in letzter Zeit üblich – lediglich fußballerische Magerkost serviert bekommen zu haben. Soll man da sonntags zuhause bleiben und dumpf an die Wand starren? Oder hilflos direkt mit dem Kopf vor selbige rennen, ob des derzeitigen Geschehens beim Oberligameister der Herzen? Aber nicht doch. Soeben ist mein Lieblings-Schlagwort gefallen. Man könnte es ja mal umsetzen und sich ein Oberliga-Spiel anschauen. So wie die Fortuna derzeit agiert, kann man die Reise ja versuchsweise auf der Geschäftsstelle als aktive Vorbereitung für die nächste Saison zur Abrechnung einreichen. Und wenn die beteiligten Mannschaften schon ebenso grausam spielen, vielleicht werden ja ein paar schöne Tore und nettes Ambiente geboten.

Aufgrund der zuletzt geäußerten Hoffnung fällt ein Besuch beim Verein meines derzeitigen Wohnortes, beim Bonner SC, leider aus. Tristes Ambiente hab ich an solchen Sonntagen auch zuhause, 200 Zuschauer in einer Schüssel, in die 12.000 Besucher hinein passen würden, sind auch nur beim ersten Besuch so richtig kultig, und ich war schon mehr als einmal da. Außerdem hat Bonn ein Auswärtsspiel, spielt in Velbert. Und dahin fahr ich bestimmt nicht freiwillig, wenn nicht gerade Fortuna dort aufläuft. Also schnell den WDR-Videotext angeklickt – wo könnte man denn heute den Leistungsstand der Oberliga Nordrhein the day after (und vielleicht sogar the day before…) Fortuna überprüfen?

Gleich das erste Spiel ist der Haupttreffer, bietet es doch einen „Ground“, den ich in den letzten zwei Jahren nicht betreten habe, aus dem ganz einfachen Grund, weil die gastgebende Mannschaft erst zur aktuellen Saison aus der Verbandsliga Mittelrhein aufgestiegen ist. Es handelt sich um den – wer kennt ihn nicht? – FC Junkersdorf 1946. Junkersdorf ist ein – dem Hörensagen nach – etwas noblerer Stadtteil von Köln und somit verkehrstechnisch relativ flott zu erreichen. Die Mannschaft ist allerdings für ihre erste Oberliga-Saison von ihrem Schul-Sportplatz, auf dem sie ansonsten kicken, in ein kleines Stadion umgezogen, den uralten Ground des Leichtathletik-Vereins ASV Köln, in unmittelbarer Nähe des Rhein-Energie-Stadions gelegen. Klingt sehr reizvoll für den gemeinen Fortuna-Fan.

Zumal auch noch ein echtes kölsches Derby ansteht. So ähnlich jedenfalls. Gegner ist nämlich kein Geringerer als Yurdumspor Köln. Der letztjährige Aufsteiger in die Oberliga, der so lange Zeit um den Aufstieg mitspielte, sich aber am Ende übernahm. Man wollte mit aller Macht der beste türkische Club in Deutschland werden. Völlig logisch wurden zu diesem Zweck deutsche, ex-jugoslawische oder afrikanische Spieler verpflichtet, was das Zeug hielt, es wurde ordentlich Kohle verjubelt, am Ende der Saison brach man ein und stand mit leeren Händen da. Und da aus leeren Händen normalerweise von alleine nichts Neues sprießt, kam es nun bereits in der Hinrunde der jetzigen Saison, wie es kommen musste: schwindendes Zuschauerinteresse, Sponsoren, die absprangen oder nicht zahlten, Gehälter, die nicht pünktlich überwiesen wurden, eine lustlos kickende Mannschaft. Vor einigen Wochen schließlich erfüllte sich dann der Traum der Verantwortlichen von Yurdumspor, endlich mal überregional bekannt zu werden, allerdings anders als sie es sich gedacht hatten: der Präsident des Vereins war in der Türkei verschollen (er musste seinen Wehrdienst nachholen), das Geld blieb aus, der Trainer trat vor dem Heimspiel gegen den 1.FC Bocholt zurück (oder wurde gefeuert, man ist sich da nicht so ganz einig), die unbezahlten Spieler streikten (oder wurden vom soeben arbeitslosen Trainer dazu animiert, man ist sich da nicht so ganz einig). Um den Super-GAU zu verhindern, fanden sich doch noch neun Heroen bereit, auf den Platz zu gehen und eine denkwürdige 0:12-Pleite zu kassieren.
Die Spieler treten seitdem wohl nur noch an wegen der Versicherung des mittlerweile wieder eingeflogenen Präsidenten, bei entsprechenden Angeboten in der Winterpause gehen zu dürfen. Schaulaufen quasi. Und da es ziemlich schwierig ist, einen neuen Trainer zu finden, wenn schon die Mannschaft meistens nicht vollzählig ist, wurde diese Aufgabe auch gleich zwei Spielern aufgedrückt, Torwart Galic als Trainer und Abwehrrecke Sarpei als Co-Trainer. So wurstelt man sich also durch bis zur Winterpause, und dann sieht man mal weiter. Ein lustiger Chaos-Club, das könnte ja heiter werden. Also, rein ins Auto des Arbeitskollegen und auf in die Verbotene Stadt!

Immerhin wird aufgrund der Wegbeschreibung schon vor dem Spiel etwas geboten, nämlich ein astreiner Schleichweg zur Westtribüne des Rhein-Energie-Stadions, den ich bis dato nicht kannte. Wozu auch, ich kann mir etwas Schöneres vorstellen, als dorthin zum Fußball zu fahren. Leider steht die nächste Fahrt bereits am 2. Dezember an, wenn Alemannia Aachen dort UEFA-Cup spielt, man ist ja dankbar für ein bisschen internationales Flair in der Nachbarschaft, dann darf es auch schon mal Köln sein, besonders wenn Köln nicht spielt. Also gar nicht mal so schlecht, diese Strecke jetzt entdeckt zu haben.

Die Fahrt geht an der Westtribüne vorbei, dann die erste links, und man steht im Wald. Immerhin kann rechter Hand eine Umzäunung gesichtet werden, dahinter tatsächlich ein Rasenplatz. Auf der Straße davor: Autos, Autos, Autos, soweit das Auge reicht, parken sie rechts und links, auf der Straße gehen Dutzende von Menschen. Nanu, wir sind doch viel zu früh da, es ist viertel nach eins und das Spiel beginnt um halb drei? Sollte diese Partie hier tatsächlich als Lokalderby gelten und die Massen anziehen? Kann ich mir kaum vorstellen. Mühsam wird unter einem Baum eingeparkt und die Lage sondiert.

Schon kurz darauf ist die Sache klar: kein Mensch hier interessiert sich für das Fußballspiel. Die gehen alle zum Flohmarkt! Jawohl, im Rhein-Energie-Stadion ist Flohmarkt. Endlich mal das richtige Ambiente für diesen Verein! Das ist einen Blick wert.

Allerdings versuchen wir zunächst, zu eruieren, wie man wohl das Stadion betreten könnte. An einer Seite, an der sich auch das Vereinsheim findet, ist ein Eingang, aber da kommt man nicht durch, es steht Security dort, die den kleinen, im Stadion gelegenen Parkplatz bewacht, denn dort dürfen die stolzen Besitzer von Flohmarktständen ihre Autos abstellen. Auch ist keine Kasse in Sicht, und ganz umsonst wird es ja wohl nicht sein. Also wandern wir den Hauptweg wieder zurück. Längs dieser Straße erstreckt sich die alte, verwitterte Rückwand der Tribüne, auf deren linker Seite in ausgebleichtem Schwarz der Schriftzug „ASV Köln“ gepinselt steht. Das Ding sieht keinen Tag jünger als 50 Jahre aus. In der Mitte der Wand, rechts neben dem „n“ von „Köln“, befindet sich eine Holztür. Vielleicht der Eingang? Der Kollege rüttelt mal versuchsweise daran. Das hätte er lieber nicht tun sollen, denn die Tür ist nicht nur verschlossen, sie wackelt auch äußerst bedenklich in ihren Angeln, ein paar Rostplättchen von denselben verabschieden sich ins feuchte Gras. Wir suchen schleunigst das Weite, bevor die Tür von selbst in sich zusammen fällt, und wir noch für Hooligans gehalten werden. Okay, kommen wir eben später wieder. Irgendwo wird dann schon ein Eingang sein. Vielleicht schneiden sie ja einfach ein Loch in den neben der Tribüne beginnenden Maschendrahtzaun, der sich rund um das restliche Areal erstreckt. Zutrauen würde ich es ihnen. Sind ja Kölner.

Aber nun gehen wir mal ein wenig im Rhein-Energie-Stadion bummeln. Ein schöner Satz, nicht wahr? Die Eingänge der unteren Ebene sind geöffnet, überall Stände mit zweifelhaften und netten Dingen, überall wird gefeilscht, was das Zeug hält. Schöne Idee, dort mal einen Flohmarkt zu veranstalten. In puncto Kreativität hat der gemeine Kölner aber gegen uns natürlich keine Chance, schließlich fand im verflossenen Rheinstadion zu Düsseldorf nicht nur einst ein Kirchentag vor einem Spieltag statt, sondern auch schon mal die Schäferhund-Weltmeisterschaften. Da müssen sich die Kölner schon anstrengen, um das zu toppen.

Nachdem wir am einzigen Getränkestand von einem echt kölschen Köbes zwei Minuten lang erfolgreich ignoriert worden sind, stecken wir die Portemonnaies wieder ein und wandern zurück zum ASV-Stadion. Es ist mittlerweile kurz nach zwei, nun sollte das Stadion doch zu betreten sein. Und schon von weitem sehen wir, dass unsere Ahnung nicht getrogen hat, die alte Holztür steht offen. Da wird wohl jemand im Vorbeigehen zu heftig geniest haben. Aber nein, es ist tatsächlich der Eingang ins Stadion. Und zwar der einzige. Durch den Eingang betritt man direkt die Tribüne, zur Rechten sind zwei Tische aufgestellt, an dem einen wird kassiert, auf dem anderen liegen die schlichten Fan-Devotionalien, die man vom FC Junkersdorf erwerben kann. Ich glaube, es sind nur Schals.

Es werden zwei verschiedene Karten angeboten: einmal Tribünenkarte für sieben Euro, einmal Tribünenkarte für elf Euro. Letztere ist für den VIP-Bereich, der übrigens auch der Presse zugänglich ist, wie die Kassiererin erläutert. Der Kollege, der bislang von der Oberliga nur Bonn und Freialdenhoven zu Gesicht bekommen hat, ist dermaßen erstaunt über den VIP-Bereich, dass ich ihn flugs zu einem Sieben-Euro-Ticket überrede. Schließlich soll er nicht verwöhnt werden, sondern die volle Oberliga-Breitseite bekommen. Dafür mache ich dann selbst auch gern mal Abstriche.

Nachdem er die Eintrittskarte im handlichen Taschenbuchformat entgegen genommen hat, erklimmen wir die Stufen. Die Tribüne besteht aus einigen Reihen mit Holzbänken, auf denen tatsächlich Sitzkissen liegen! In der Mitte der Tribüne steht die Sprecherkabine. Vor der Sprecherkabine befindet sich eine Art winziger Terrasse. Auf dieser stehen einige Klappstühle, ein Mädel werkelt herum, es befindet sich dort ein Tisch, auf dem mehrere Wein- oder Sektgläser stehen sowie ein Cooler, ferner kann so eine kleine Warmhalteeinrichtung gesichtet werden, wie man sie vom Catering-Service kennt. Tata, dies ist der VIP-Bereich, deutlich ausgeschildert. Da sind wir erst mal platt, so was haben wir noch nie gesehen. Für vier Euro mehr darf man sich also vor die Sprecherkabine auf Klappstühle setzen, wird am Platz bedient und bietet, zum Spielfeld hin völlig ungeschützt, eine interessante Zielscheibe für Befreiungsschläge. Möchte nicht wissen, wie oft es dort schon eingeschlagen hat. Ja, das VIP-Dasein will hart erarbeitet sein beim FC Junkersdorf!

Der Rest der Tribüne links wie rechts von der Sprecherkabine ist absolut identisch, man hat die freie Platzwahl. Einziger Unterscheid zwischen beiden Seiten: links verkündet ein kleines Schild unter dem Tribünendach, dass es sich um Block „E“ handelt, rechts ist es „G“. In der Mitte, wo einer unwiderstehlichen Logik nach das große „F“ zu sehen sein müsste, ist nichts. Auch „A“ bis „D“ suchen wir vergeblich, für so viele Buchstaben ist die Tribüne viel zu klein. Daher beschließen wir nach längerem Überlegen, dass das „E“ für „Einheimische“ und das „G“ für „Gäste“ steht. Man kommt also durch den einzigen Eingang gemeinsam hinein, dann wandern die einen nach links, die anderen nach rechts. Das ist noch Fan-Trennung! Wir entschließen uns, im „Gästebereich“ Platz zu nehmen.

Also das mit den Sitzkissen ist eine prima Idee, ohne wären die Bänke nämlich im wahrsten Sinne des Wortes arschkalt. Einmal ein kurzer Blick ins Rund und schnell wieder weggeguckt, außer dem Rasen gibt es nämlich nicht so viel zu sehen. Zur Linken hinter dem Tor befindet sich das Vereinsheim mit den Spielerkabinen, dort können in der Kurve auch ein paar Mann an einem Geländer stehen, zur Rechten ragt nur ein Erdwall auf, gefolgt von Wald. Auf der „Gegengeraden“ das selbe Bild, auch hier können sich keine Zuschauer aufhalten, mit einer Ausnahme: dort hat der Bediener der winzigen Anzeigetafel seinen Platz. Sie ist weiß, sieht relativ neu aus und mutet daher in ihrer Umgebung herrlich skurril an. Wir staunen nur noch.

Gleich darauf staune ich noch ein bisschen mehr, denn an der Tribünenstrebe neben meiner Bank macht sich jemand zu schaffen. Ich warte, bis er sich entfernt hat und riskiere mal einen Blick, aha, er hat mit Panzertape eine stinknormale Hausmülltüte am Pfeiler befestigt und wiederholt dies nun am nächsten tragenden Element. Normale Abfalleimer gibt es nämlich hier nicht. Wenigstens darin kann sich das ASV-Stadion mit dem etwas größeren Nachbarn, bei dem heute Flohmarkt ist, messen.

Nun will die Verpflegung angeschaut werden, was sich allerdings etwas schwierig gestaltet, zum einen, weil die beiden Tische, die der Nahrungsaufnahme gewidmet sind, mangels Platz direkt an der hinteren Tribünenwand stehen und somit direkt am Gang, der zu den Sitzplätzen führt; in den 30 Sekunden, die ich für den Bestellvorgang benötige, drängeln mich mindestens vier Ellenbogen beiseite. Zum anderen ist die Auswahl doch eher bescheiden, Bockwurst, Süßkram und Getränke, aber später soll noch aufgefahren werden. Dies hat auch seinen ganzen bestimmten Grund, wie wir dann sehen werden.

Aber was solls: ich erstehe unfallfrei einen Plastikbecher Cola für 1,20 Euro, da kann man nicht meckern. Dazu hätte eher der Kollege Anlass: auch er möchte das Getränk, das uns die nächsten zwei Stunden wenigstens wach halten soll, erstehen. Die nette Dame hinter dem Tresen gießt die Flüssigkeit oben in den Plastikbecher hinein, unten sickert sie wieder hinaus. Da ist wohl jemand nicht ganz dicht. Der Kollege macht höflich darauf aufmerksam, die gute Frau, die es bis dahin noch nicht bemerkt hat, schnappt sich eilfertig einen neuen Becher, und um auch nichts verkommen zu lassen, kippt sie den noch im porösen Gefäß enthaltenen Rest der Cola schwungvoll in den neuen Becher, bevor sie aus der Flasche nochmals nachschenkt. Ja, Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit sind wichtig in unserer Zeit! Wir begeben uns auf unsere Plätze zurück und harren der Dinger, die da kommen.

Und es kommt Fürchterliches. Punkt 14.15 Uhr erwacht nämlich die Lautsprecheranlage zum Leben. Nicht, weil irgend etwas durchgesagt wird, nein, wozu auch, ist ja kaum jemand da, den das interessieren könnte. Nein, sie spielen Musik. Und was für welche…

Hier mal eine Kostprobe, womit man an einem nasskalten, trüben November Sonntag in einem Kölner Stadion vor dem Spiel gefoltert werden kann: zum Beispiel mit einem lustigen Stimmungslied vom Ballermann: „Wir starten jetzt die Partykarawane, die Frauen fassen die Männer direkt an der Banane…“. Ich schmeiß mich weg, das kann nicht deren Ernst sein. Ist es aber, diese Ode an die Fröhlichkeit läuft volle 5 Minuten durch, gefolgt von einem noch stärkeren Hammer: „Sieben Tage Sonntag, sieben Tage frei“, in dem der Sänger freimütig bekennt, was er denn alles so machen würde, wenn er seinen Lebensunterhalt nicht mit unglaublich dämlichen Karnevalsliedern bestreiten müsste. Jetzt weiß ich auch, warum Junkersdorf ein etwas nobleres Viertel der Verbotenen Stadt sein muss, wenn ein „Musik“stück jemals die Bezeichnung „Arbeitgeberlied“ verdient hat, dann wohl das.
Nun ist es kurz vor dem Spiel, und die musikalische Marterung klingt aus mit „Nimm den letzten Zug und komm zurück zu mir“ von Howard Carpendale, allerdings auch in einer verschärften Party-Version. Ich bin sicher, wenn der Schmachtfetzen auf einem seiner Konzerte in einem derartigen Tempo gespielt worden wäre, Howie persönlich hätte noch während des Liedes den Schlagzeuger vom Podest gehauen. Unglaublich, was hier geboten wird.

Nun aber genug den Kopf geschüttelt. Der Stadionsprecher schaltet sich ein und verliest die Mannschaftsaufstellung. Bei Yurdumspor habe ich wieder das Déjà-vu, dass sich nur drei oder vier Namen türkisch anhören, man hat also die Marschrichtung der letzten Saison tatsächlich immer noch nicht geändert. Bei Junkersdorf kommen mir einigen Namen bekannt vor, die Herren haben in den letzten Jahren mal für den Bonner SC oder Fortuna Köln oder beide gespielt. Immerhin, kein schlechtes Team für einen Aufsteiger, da ist massig Oberliga-Erfahrung auf dem Platz. Und da, da ganz weit hinten am Vereinsheim beginnt der Einlauf der Teams und ihrer Schiedsrichter. Sie traben langsam bis zum Mittelkreis, richten sich in einer Reihe aus und winken auf die Tribüne. Groteskerweise drehen sie sich dann auch noch um und winken dem Bediener der Anzeigetafel zu. Dem muss ja wirklich bei jedem Heimspiel das Herz aufgehen!
Während der gesamten Einlaufzeremonie hat übrigens niemand – ich betone: niemand – geklatscht. Das scheint hier nicht üblich zu sein. Der Stadionsprecher versucht, noch mal Stimmung zu machen, landet aber den Flop des Tages: über Lautsprecher tönt plötzlich wirklich und wahrhaftig „Football’s coming home“…

Ein gähnend leeres Stadion mit einer Handvoll Zuschauer, die keinen Finger rühren. Eine Tribüne, die in den kommenden Jahren von selbst auseinander fallen dürfte. Ein VIP-Bereich, in dem man sich bei diesem Wetter den Hintern abfriert und ungeschützt Wind und Nieselregen ausgesetzt ist. Dann laufen 25 Leute ein und es heißt „Football’s coming home“…

Also so langsam aber sicher finde ich es großartig. Andererseits schleicht sich bei mir angesichts der Skurrilität dieser Szene der Gedanke ein, ob es sich hierbei vielleicht doch um eine Performance handelt, deren Ankündigung wir irgendwie übersehen haben…

Aber nein, das Spiel wird tatsächlich angepfiffen. Zeit für den FC Junkersdorf, alle PR-Register zu ziehen. Nach exakt 8 Minuten blicke ich mich zufällig zur Rückwand der Tribüne um und erstarre: der Kassentisch wird weggeräumt. Die Tür bleibt offen. Freier Eintritt nach 8 Minuten Spielzeit…Der Kollege neben mir wird grün vor Neid. Hätten wir im Rhein-Energie-Stadion noch gewartet, bis der Köbes von Gottes Gnaden uns endlich Aufmerksamkeit geschenkt und bedient hätte, dann hätte sich der Rückweg wahrscheinlich so sehr verzögert, dass er sich den Eintritt hätte sparen können. Denn genau darauf hoffen wohl die Verantwortlichen des FC Junkersdorf: dass die vom Flohmarkt zurück kehrenden Bummler auf dem Weg zu den Parkplätzen vielleicht noch einen Blick ins ASV-Stadion werfen und gleich da bleiben.

Und auch die Mannschaften erkennen die Gunst der Stunde und werben um mehr Zuschauer: als ob es abgesprochen wäre, fällt circa dreißig Sekunden, nachdem das Stadion zum offenen Gelände erklärt wurde, das 1:0 für die Hausherren, an dem sich auch Yurdumspor begeistert beteiligt, denn es ist ein Eigentor. Es wird wirklich immer besser.

Das Spiel hingegen lässt nun für einige Minuten etwas nach. Zeit genug für das unmittelbar vor uns platzierte, ältere Ehepaar, mal die Stullen auszupacken, gefolgt von einer Thermoskanne mit heißem Kaffee. So ein Gerät hab ich schon ewig nicht mehr in einem Stadion gesehen, wie haben die das bloß durch die Sicherheitskontrolle bekommen? Ach so, war ja gar keine. Ich sollte aufhören, in solch höheren Sphären zu schweben. Also wieder zurück aufs Spielfeld geschaut und ja – es passiert wieder etwas. Allerdings nicht auf dem Rasen, sondern hinter dem Tor der Einheimischen, rechts von mir.

Auf der dortigen Tartanbahn haben sich drei, vier Kinder oder Jugendliche platziert, die als Balljungen fungieren und versuchen, die heran fliegenden Bälle aufzunehmen, bevor sie im Dickicht des Waldes verschwinden. Nur einer demonstriert sehr deutlich, dass er später mal nicht Profifußballer, sondern lieber Trainer werden möchte, er sitzt gemütlich in einem Plastiksessel, den er sich mit hinters Tor genommen hat. Dann schießt Yurdumspor mal wieder am Tor vorbei, die Kugel hoppelt in der Nähe des Sesselhockers vorbei. Der lehnt sich lässig nach links über, um den Ball aufzunehmen, hat jedoch den Abstand zum Leder unterschätzt, beugt sich weiter nach links, bekommt Schlagseite, verliert das Gleichgewicht und purzelt mitsamt Sessel auf den harten Boden der Tatsachen. Nun sitzt er da auf seinem Hintern, halb unter dem Sessel begraben, aber den Ball…den Ball hält er sicher wie in Abrahams Schoß. Eine ganz große Leistung, die auch mit höflichem Beifall gewürdigt wird. Das ist Einsatz!

Der Rest der 1. Halbzeit wird jedoch von einem Phänomen bestimmt, das sich auf die Ersatzbank von Yurdumspor geschlichen hat (nein, stopp, Ersatzbänke gibt es nicht, für beide Teams stehen dieselben Plastiksessel zur Verfügung wie der, aus dem soeben das hoffnungsvolle Torwarttalent stürzte): der Dritte Mann.

Hierzu muss nochmals darauf hingewiesen werden, dass Yurdumspor derzeit von ihrem Torwart und einem ihrer Abwehrspieler gecoacht wird. Dies wurde auch vom Stadionsprecher im Rahmen der Aufstellung nochmals deutlich hervor gehoben. Beide Trainer befinden sich also auf dem Platz und somit nahe am Geschehen. Auf den Ersatzsesseln, wie ich es einmal nennen möchte, haben die Ersatzspieler und einige Funktionsträger Platz genommen. Und einer der Letztgenannten ist der Dritte Mann. Er kann in der Trainer-Hierarchie logischerweise nur der Dritte sein, was ihn aber nicht im Geringsten stört. Wer Chef ist bei Yurdumspor, das soll jeder sehen – und vor allem auch hören! Der Mann brüllt alle zwei Minuten ebenso laute wie sinnlose Anweisungen auf den Platz, für die sich jedoch die eigenen Spieler nur mäßig zu interessieren scheinen. Sein aufmunterndes Schreien: „Tobias, geh doch endlich in die Spitze!“, wird vom Spieler in derselben Lautstärke quer über den ganzen Platz beantwortet: „Was glaubst du denn, wo ich stehe???“ Und so geht es weiter, bis der Coach persönlich eingreifen muss: als der Dritte Mann nach einer Chance für Junkersdorf einmal mehr seinem Unmut in beachtlicher Dezibel-Zahl Ausdruck verleiht, brüllt Torwart Galic mal eben zurück: „Halt’s Maul!“ Und das tut er dann auch. Circa eine Minute lang.

Hochinteressant auch die medizinische Ausrüstung von Yurdumspor. Als einer ihrer Spieler verletzt am Boden liegt, winkt der Schiri den Mannschaftsarzt aufs Feld. Dieser zögert ein wenig, dem Verletzten zu Hilfe zu eilen, und man sieht auch, warum: anstelle eines Medizinkoffers mit dem Notwendigsten für Wiederbelebung und Amputation hält er etwas in der Hand, das verdammt nach einem Herrentäschchen aussieht. Oder, für die Bundspechte unter den Lesern: sich das Ganze in oliv denken und an die Grundi zurück erinnern – weiß noch jemand etwas von der ABC-Schutz-Rolltasche? Aber genau so.

Der Mannschaftsarzt entgeht dem Dilemma übrigens auch im weiteren Spiel konsequent dadurch, dass er einfach an der Seitenlinie verbleibt, bis der entsprechende Spieler wieder aufgestanden ist. Das ist noch Fußball! Da wird nicht verhätschelt, getätschelt und massiert, bis wieder Leben in die teuren Kickerbeine kommt. Da wird wohl so manches Zipperlein einfach telepathisch geheilt, und selbst wenn nicht, es ist viel zu kalt, um freiwillig längere Zeit auf dem Rasen liegen zu bleiben, über kurz oder lang stehen sie alle wieder auf. Ja, Fußball ist nichts für Weicheier!

Unterdessen hat die Dame von der Kasse brav die Tageseinnahmen gezählt. Sie entert die Sprecherkabine, gibt Auskunft, und kurz darauf bedankt sich der Sprecher bei 232 Zuschauern. Viel mehr sind es auch nach Kassenschließung nicht geworden.

250 Zuschauer. Obwohl es nicht Kreisliga D, sondern immerhin die 4.Liga ist. Obwohl hier ein Aufsteiger spielt. Obwohl es sich doch immerhin um so etwas wie ein Lokalderby handelt. Obwohl der Gegner einen so schlechten Ruf als Fußballmannschaft mitbringt, dass mit einem Sieg für die heimische Mannschaft gerechnet werden kann. Und obwohl der Eintritt seit der 8. Minute frei ist. Nein, manchmal ist Fußball nicht wirklich schön. Aber lustig

Anerkennend muss jedoch gesagt werden: das, was beide Mannschaften in der ersten Halbzeit auf dem Rasen abliefern, darf durchaus als flott bezeichnet werden. Insbesondere scheint bei Yurdumspor mal eine Gehaltszahlung geklappt zu haben, denn die Jungs legen sich richtig ins Zeug und zeigen, dass sie allesamt feine Techniker sein können, wenn der Kontoauszug stimmt. Allerdings nur bis zum 16er, danach scheitern sie an ihrem eigenen Unvermögen, den Ball ins Tor tragen zu wollen. Junkersdorf hingegen kann nur kontern, das aber richtig gut. Insgesamt wäre ein Unentschieden durchaus verdient, die Führung für die Hausherren zur Pause ist ein wenig glücklich.

Glücklich können auch die Mannschaften sein, nämlich dass sie in der Pause in ihre Kabinen dürfen. Kurz vor dem Abpfiff des Schiris entsteht nämlich auf den Ersatzsesseln des FC Junkersdorf direkt vor uns eine gewisse Unruhe. Ein älteres Ehepaar ist einfach mal so auf die Tartanbahn getreten und sucht nach dem Kabinenschlüssel. Sie suchen nicht alleine, auch Trainer und Co-Trainer wühlen in ihren Taschen, ohne fündig zu werden. Schließlich wird der Betreuer los geschickt. Ohne zu murren trabt er einmal um den halben Platz ins Vereinsheim und kommt fünf Minuten später mit dem Corpus delicti wieder zurück. Unmittelbar danach wird zur Pause gepfiffen, und er darf den Marsch wieder zurück antreten, denn die Umkleiden befinden sich ja im Vereinsheimgebäude. Ja, ein bisschen denken hätte nicht geschadet, zumal es ja nicht gerade hektisch auf dem Platz und im Umfeld ist. Aber vielleicht bewegt er sich auch nur gerne.

Nun suche ich mir den Weg zur Toilette, diese befindet sich direkt neben der Eingangstür. Sie kann durchaus beeindrucken, wenn auch nicht gerade positiv. Sie gehört mit zum ältesten, was ich in dieser Branche je gesehen habe, halbhohe, vom Boden ausgehende Urinale, direkt in die Wand gemauert, die mit Rost bedeckt sind. Da machts doch gleich doppelt Freude. Die „Spülung“ kommt über einen dünnen Schlauch, der über den „Stehplätzen“ verläuft und alle paar Zentimeter leck zu sein scheint, dann läuft das Wasser in winzigen Rinnsalen in die Keramik. Den Geruch kann man sich vorstellen. Fasziniert verfolge ich den Weg des Schlauchs, auf der einen Seite mündet er in einen Wasserhahn, der völlig unmotiviert irgendwo aus der Wand ragt. Von dort führt ein zweiter dickerer Schlauch aus der Örtlichkeit hinaus irgendwohin, wo er Wasser bekommt. Der Schlauch liegt quer über dem Boden, ist aber immerhin alle paar Meter mit gelb-schwarzem Leucht-Klebeband am Boden fixiert. Arbeitssicherheit, ich verstehe. Dieser Schlauch darf nie ein Leck haben, sonst bricht die gesamte Wasserversorgung in der Toilette zusammen. Ganz groß.

Jetzt ist auch der Verpflegungsstand umlagert, denn zusätzlich wird nunmehr auch Kuchen feilgeboten, außerdem noch winzige Frikadellen, die man so bestimmt nicht kaufen kann, die sind noch selbst gemacht. Und um das alles irgendwie unterbringen zu können, dafür wurde der Kassentisch benötigt. Ja, Improvisation ist alles. Obwohl auf dem Gang jetzt wirklich nicht mehr viel Platz verbleibt.

Zu Beginn der 2. Halbzeit tut sich dann noch etwas: ein circa zehnjähriger Junge erscheint und fragt mich sehr höflich, ob er neben mir sitzen dürfe. Ich habe nichts dagegen. Ich hätte es mal lieber haben sollen, denn damit habe ich mir eine echte Labertasche an Land gezogen, die munter drauflos plappert. Zunächst fragt er mich, welche Mannschaft wohl welche sei, dann für welche Mannschaft ich sei. Dann sagt er mit strahlendem Lächeln noch einen bösen Satz: „Ist cool, wenn man hier ohne Eintritt reinkommt!“ Das Gesicht des Kollegen verfinstert sich, ich sehe vor meinem geistigen Auge schon einen zehnjährigen Hosenboden qualmen. Aber dazu kommt es dann doch nicht, denn der Vater des kleinen Klugscheißers hat hinter uns Aufstellung genommen. Ich sehe zwei Fahrradhelme an seinem Arm baumeln, die beiden sind zufällig hier vorbei gekommen und dachten, sie schauen mal rein.

Vom Spiel gibt es nicht mehr viel zu berichten, Junkersdorf gewinnt schließlich durch das Eigentor mit 1:0, nicht unverdient, denn was die in der zweiten Halbzeit an Konterchancen versemmeln, passt schon nicht mehr auf die berühmte Kuhhaut und treibt den Einheimischen Tränen der Wut in die Augen, insbesondere der Ex-Bonner Glaser kurvt fünfmal völlig frei vor Torwart Galic herum und setzt den Ball fünfmal neben das Tor, immer links. Zum Schluss schaue ich schon gar nicht mehr hin, wenn der in Strafraumnähe den Ball hat, sondern sage einfach nur: „Links vorbei!“, behalte Recht und ernte unterwürfige Blicke der Bewunderung des kleinen Schwätzers neben mir. Ja, die Erfahrung machts halt.
Trotzdem ist Yurdumspor das bessere Team, aber wer die Bälle nur von der Torlinie aus reinschießen darf, der muss sich nicht wundern, wenn man dann verliert. Auch der Dritte Mann gibt noch mal alles, aber auch er kann die Wende nicht mehr herbei brüllen. Immerhin, von einer Wettbewerbsverzerrung, die dem Verein in den letzten Wochen massiv vorgeworfen wurde, ist diesmal wirklich nichts zu bemerken. Mal sehen, ob es dort nach der Winterpause weiter geht.

Aber ein Highlight wird noch gesetzt: hierfür verantwortlich ist der Schiri-Assistent am anderen Ende des Platzes, vor der Anzeigetafel. Fünf Minuten vor Schluss eilt der Schiri zu ihm an die Linie. Drei, vier Spieler folgen gemächlichen Schrittes. Da der Schiri während des Spiels so ziemlich alle Spieler auf dem Feld verwarnt hat (aber so richtig unfair war es eigentlich nicht), denke ich mir, der Assi hat etwas gesehen oder gehört, das jetzt doch noch einen Platzverweis zur Folge haben wird. Dazu würde ja auch die Spielertraube passen.

Aber der Hase läuft anders, wie ich kurz darauf feststelle: dem Assi ist das Fähnchen kaputt gegangen. Verschiedene Reparaturversuche schlagen fehl, auch diverse Spieler versuchen sich umsonst. Nun, normalerweise ist dies kein Beinbruch, das Reservegerät ist ja stets mitzuführen. Aber wo mag es sich befinden? Die Antwort gibt ein Junkersdorfer Spieler der wild gestikulierend quer über den ganzen Platz zu den Ersatzsesseln brüllt: „Der Schiri braucht den Kabinenschlüssel!“ Das ist das Startzeichen für unseren fleißigen Betreuer. Der wetzt wieder los, um den halben Platz herum ins Vereinsheim, um vom Wirt den Schlüssel zu organisieren. Zum Glück holt er die Ersatzfahne gleich selbst und überreicht dem Schiri nicht mit gönnerhaftem Blick den Schlüssel. Ich hätte es glatt vermutet.

Fazit der Fahnenorgie: es dauert geschlagene sieben Minuten, bis das Spiel fortgesetzt werden kann. Wer denkt da nicht direkt an Real Madrid? Ich finds nur noch klasse hier.

Das Spiel ist aus. Selten habe ich ein skurrileres gesehen, aufgrund der Begleitumstände, mit denen ein Verein versucht, ein wenig professionell zu wirken, was aber im Ansatz bereits erstickt wird, und sei es nur, weil plötzlich der Kabinenschlüssel fehlt. Und noch eine Erkenntnis habe ich gewonnen: selbst wenn Junkersdorf die Klasse hält (und bis jetzt sieht es gut aus) und selbst wenn Fortuna mal wieder aus der Regionalliga absteigen sollte (und bis jetzt sieht es gut aus) – hier wird man kaum zum Punktspiel gegen den FC Junkersdorf 1946 antreten. Ich glaube, bei mehr als 1.000 Besuchern bricht die Tribüne ganz einfach auseinander und das, was dann noch übrig ist, schwemmen die Toiletten weg. Da könnte man auch besser nebenan spielen. Auf dem Flohmarkt.

1:0 gewonnen an diesem trüben Sonntag Nachmittag. Junkersdorf kann zufrieden sein. Auch in anderer Hinsicht. Denn auch die VIPs, die werden wiederkommen.

Es wurde kein einziger in den 90 Minuten versehentlich abgeschossen.

Football’s coming home: janus

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