Rückblick EM 2008

Ja, die Zeit rast wirklich. Gestern noch Sommermärchen, heute ist schon die EM 2008 vorbei. Zeit, eine kleine Rückschau zu halten.

Das Turnier konnte ja nicht so schön werden wie die WM 2006. Erstens fand es nicht in Deutschland statt, zweitens war es viel kürzer, drittens war immer schlechtes Wetter. Das kommt davon, wenn man solch eine Veranstaltung an die europäische Dritte Welt des Fußballs vergibt. Die Schweiz – na ja, immer mal gute Spieler am Start, aber deren größte Leistung war es doch, bei der WM 2006 im Viertelfinale auszuscheiden, ohne im Lauf des Turniers in der regulären Spielzeit ein Gegentor kassiert zu haben; allerdings auch ohne im entscheidenden Elfmeterschießen selbst auch nur einen Ball eingenetzt zu haben. Eine Mannschaft, deren bester Spieler, Alex Frei, bei einem europäischen „Spitzenclub“ wie Borussia Dortmund kickt (in den letzten Jahren bekanntermaßen mit gigantischen Erfolgen in der 1. Liga)… also bitte, was soll man da schon erwarten?

Von den fußballerischen Künsten des zweiten Gastgeberlandes Österreich mal ganz abgesehen, welche einen Teil der dortigen fußballliebenden Bevölkerung dazu animierte, den Rest der Alpenrepublik schon Monate vor den Spielen aufzufordern, die eigene Mannschaft doch vom Spielplan zu nehmen, da „machbare Aufgaben“ wie Liechtenstein oder San Marino definitiv nicht teilnehmen würden. Also bei solchen Gastgebern war doch klar, dass der Fußballgott drei Wochen lang weinen musste.

Aber schauen wir doch mal, was in den Gruppenspielen so gebacken war. In der Gruppe A spielte zum Beispiel eins dieser Gastgeberländer, die man von vorne herein abhaken konnte, die Schweiz. Die verloren auch gleich mal zum Auftakt wie bestellt mit 0:1 gegen Tschechien, und als Ausrede direkt ihren besten Spieler mit schwerer Verletzung. Okay, die Niederlage war absolut unverdient, aber so ist das nun mal mit den Kleinen dieser Fußballwelt: die dürfen mal ein bisschen piesacken, die einen länger, die anderen kürzer, aber mehr auch nicht. Die Schweiz hatte diesmal eben eine kürzere Halbwertzeit. Nach dem zweiten Spiel war schon Sense, eine Regenschlacht vom Feinsten gegen die Türkei. Den Ordner-Veteranen, die 1974 in Frankfurt beim WM-Halbfinale Deutschland-Polen noch barfuß und nur mit einer Walze bewaffnet über das versumpfte Geläuf gestapft waren, werden vor dem Fernseher Tränen der Rührung in die Augen geschossen sein – schön, dass es so was noch gibt. Mich persönlich erinnerte das Spiel sehr an unsere Partie in Emden im Mai, nur der damals vorhandene blaue Himmel und die 28 Grad Außentemperatur fehlten. Die Türkei gewann durch ein Tor kurz vor Schluss, und die Schweizer waren raus. Zum Abschluss gab’s noch was Versöhnliches gegen die Portugiesen und anschließend konnte man sich in der Schweiz den Tätigkeiten widmen, von denen sie wirklich was verstehen: wahlweise Geld oder die Löcher in ihren Käsesorten zählen.

Die Tschechen hingegen spielten meiner Meinung nach dasselbe Turnier wie bei der WM: erstes Spiel gewonnen, dann geht’s schon irgendwie. Und wie bei der WM hieß das natürlich wieder: Aus in der Vorrunde. Vor zwei Jahren unterschätzte man Ghana, diesmal die Türkei. Selbst Schuld. Von einer angeblichen internationalen Klasse-Mannschaft kann ich wohl erwarten, ein 2:0 fünfzehn Minuten lang zu halten. Und wenn nicht, dann gibt’s halt keine Ausreden.

Portugal spielte sich souverän ins Viertelfinale, man schlug die Türkei und Tschechien absolut verdient und ließ gegen die Schweiz mal die B-Elf ran. Diese Pause tat der A-Elf aber nicht gut. So schöne Leute wie Cristiano Ronaldo oder Nuno Gomes sollte man permanent beschäftigen, sonst stehen sie zuviel vor dem Spiegel und bewundern sich. Prompt schied man im Viertelfinale aus, und mir blieb es erspart, deren Trainer Scolari mal wieder dabei zusehen zu müssen, wie er mit seiner Brasilien-Fahne auf Ehrenrunde geht. Da er für Portugals Nationalmannschaft zukünftig wohl eher gar nicht mehr auf Ehrenrunde gehen wird, bleibt uns wohl leider auch die Torwart-Graupe Ricardo erspart, der für mich schon vor vier Jahren der schlechteste Fliegenfänger des Turniers war. Kann mir nicht vorstellen, dass der ohne Scolaris Protektion weiter zwischen den Pfosten dilettieren darf. Es sei denn, in Portugal gibt es wirklich gar keine Torhüter mehr.

Die Türkei hingegen überraschte mit unbändigem Kampfgeist. Wobei das eigentlich kaum überraschend war. Wer auch nur einmal gesehen hat, wie deren Trainer Fatih Terim an der Seitenlinie wütet, der weiß, dass diese Jungs wirklich um ihr Leben laufen müssen, um beim Trainer nicht dumm aufzufallen. Sie hatten immer wieder beeindruckende Leistungssteigerungen zu bieten, wenn die anderen Teams schon mental unter der Dusche waren. Und wenn dann noch ein bisschen Bayern-München-Style dazu kommt, sprich: die Bälle in der letzten Minute auch mal reingehen, dann kommt man halt ins Halbfinale. Besonders schön anzusehen war das gegen Tschechien, das man in der letzten Viertelstunde dermaßen in Grund und Boden spielte, dass deren Keeper Cech, einer der weltbesten Torleute, vor Schreck in der 88. Minute die Kugel fallen ließ, was seine Vorderleute dazu anspornte, in der 89. Minute bei einem gegnerischen Angriff (nicht nach einem Befreiungsschlag!) unbedingt auf Abseits spielen zu wollen. Solche Nervenbündel hab ich lange nicht gesehen, und das Ausscheiden war nur die logische Konsequenz.

In Gruppe B hat mich eine Mannschaft überrascht: Österreich. In der Weltrangliste irgendwo zwischen Armenien und Aserbaidschan angesiedelt, war man weit mehr als nur ein Sparringspartner für Deutschland, Kroatien und Polen. Da wurden die Gegner mit flottem Spiel teilweise überrannt, aber es war wie beim anderen Co-Gastgeber Schweiz: wer das Tor nicht trifft, der darf sich halt nicht wundern. Was die Österreicher allein in der ersten halben Stunde gegen Polen an glasklaren Möglichkeiten versiebten, hätte Winfried Molitor die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Wer das ist? Mein E-Jugend-Trainer aus den 1970ern. Selbst im zarten Alter von 6 Jahren hätten wir nicht alle solcher Chancen verballert, da bin ich mir sicher. Das geht eigentlich auch gar nicht. Österreich zeigte hingegen, dass man selbst der sichersten Wahrscheinlichkeitsrechnung noch ein Schnippchen schlagen kann und vergab alles. Ein einziges Tor sprang heraus, und dies wurde auch noch durch einen doch eher zweifelhaften Elfmeter erzielt. Verdient war es, keine Frage, und wer weiß, wie weit es hätte gehen können, wenn sie ihre Chancen reingemacht hätten. Denn die eigentliche Überraschung war doch, dass sie hinten drin recht sicher standen. In den letzten 20 Jahren brillierten die Österreicher ja eher durch so skurrile Abwehrleistungen wie ein 0:1 gegen Färöer oder ein 0:9 gegen Spanien, zeitlich eng gefolgt von einem 0:5 gegen Israel. Auch in der Vorbereitung zur EM ließ man sich gegen die Niederlande nach 3:0-Führung noch kurz vier Stück einschenken, selbst gegen eine ultraschwache deutsche Mannschaft gab es drei Gegentreffer, nachdem man zuvor wieder einmal haufenweise beste Torchancen versiebt hatte. Davon war bei der EM rein gar nichts mehr zu sehen. Ganze drei Gegentore musste man hinnehmen, in jedem Spiel eins. Und das waren ein Elfmeter, ein Freistoß und ein glasklares Abseitstor, sprich: aus dem regulären Spiel heraus war die Abwehr nicht zu knacken. Darauf kann man aufbauen. Wenn man jetzt noch dem Sturm das Tore schießen beibringt…wer weiß, vielleicht hört man ja demnächst mal andere Töne aus der Alpenrepublik, wenn es darum geht, das Spiel der eigenen Mannschaft zu bewerten. Rückzugsforderungen sind dann sicherlich nicht mehr angebracht.

Nix Neues hingegen aus Polen. Jedesmal heißt es, wunders wie stark die wären, und dann fahren sie nach der Gruppenphase wieder nach Hause. Also entweder leiden die alle an Selbstüberschätzung (wird ja oft als „gesunder Optimismus“ getarnt), oder es stimmt grundsätzlich etwas nicht. Selbst wenn man beim großen Bruder Russland abguckt, nutzt es nix, dann holt man eben den falschen Niederländer als Trainer. Keine Ahnung, warum die sich bei den Turnieren immer einen solchen Murks zusammen spielen, schlecht ist die Mannschaft nämlich mit Sicherheit nicht.

Kroatien fand ich jetzt auch nicht grad überragend, die können es eigentlich viel besser. Bezeichnend, dass sie trotzdem dreimal gewannen. Gegen die Fußball-Weltmacht Österreich mauerte man sich zum Sieg, den man bereits in der 4. Minute per Elfer klar gemacht hatte, man konnte glauben, da spielen die Italiener. Gegen Deutschland waren sie klar besser, was über das deutsche Spiel eigentlich alles aussagt. Aber zum Glück passierte nichts Weltbewegendes, weshalb ich auch in der neuen Saison Ivica Olic bei meinem heimlichen Zweitverein, dem HSV, sehen kann. Nicht auszudenken, wenn sein Tor zum 2:0 gegen uns dafür verantwortlich gewesen wäre, dass wir vorzeitig die Heimreise hätten antreten müssen! Beim HSV kennen sie die Thematik ja noch ganz gut, Yordan Letchkov lässt grüßen. Aber so blieb es nur ein Prestigeerfolg, den man verzeihen kann. Auffälligster Mann bei den Kroaten war für mich Trainer Slaven Bilic, der ehemalige Haudrauf aus Karlsruhe sieht in Anzug und Krawatte in etwa so vertrauenserweckend aus wie ein Gebrauchtwagenhändler. Und der Einsatz, den er an der Seitenlinie zeigte, und der zum Teil den seiner Spieler auf dem Feld deutlich übertraf, hätte schon mindestens den Trainingsanzug verdient. Aber ich wette, das ist von der UEFA auch schon verboten worden.

Gruppe C, die „Todesgruppe“. Tödlich langweilig war in der Tat, was sich Italien und Frankreich so zusammen spielten. Oder waren die Niederlande so gut? Keine Ahnung. Auf jeden Fall nahmen die den amtierenden Weltmeister und den amtierenden Vizeweltmeister dermaßen auseinander, dass die eigentlich aus Gründen des sportlichen Fairplays diese beiden Platzierungen bis auf weiteres aus ihren Briefköpfen streichen sollten. Wobei beide Teams durchaus ihre Chancen hatten, aber bei den Niederländern passte halt alles, dann steht auch die Abwehr und der Torwart hält einige Unmögliche bis Unhaltbare. Und Trainer Marco van Basten, sonst eigentlich eher uneins mit seinen Stars, verdiente sich Bestnoten, indem er in der zweiten Halbzeit gegen Frankreich bei eigener Führung (!) mit Robben und van Persie zwei Offensivleute einwechselte. Für so eine Nummer wäre ein deutscher Trainer vom Boulevard gekreuzigt worden, da bin ich mir sicher. Aber wie gesagt, es klappte alles, selbst, im letzten Gruppenspiel gegen Rumänien gleich mit 9 Spielern der „B-Elf“ aufzulaufen. Die waren so gut drauf, die konnten sich mal wieder nur selbst schlagen. Und genau dies taten sie dann auch im Viertelfinale. Zuverlässig wie der Tod und die Steuern.

Apropos Rumänien: die spielten durchaus im Rahmen ihrer Möglichkeiten und trotzten Frankreich und Italien je ein hochverdientes Unentschieden ab. Gegen Italien hatten sie kurz vor Schluss sogar die Gelegenheit, den Weltmeister vorzeitig in den wohlverdienten Urlaub zu schicken, aber Mutu verschoss den Elfer zum Sieg. Mutu spielt in Italien, und vielleicht hatte er vor dem entscheidenden Schuss zuviel Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie es dem letzten Torschützen ergangen war, der sich diesen Frevel erlaubt hatte: Herrn Ahn aus Südkorea, der sich als Spieler des AC Perugia erdreistet hatte, Italien bei der WM 2002 aus dem Rennen zu köpfen, und der anschließend in der Zeitung lesen konnte, dass der Präsident seines Vereins ihn nicht mehr sehen wollte, weil er keine Leute bezahlen wolle, die Italien aus einem Turnier werfen. Okay, man könnte einwenden, dass Mutu zuvor in diesem Spiel ja schon das 1:0 erzielt hatte, aber da hatte er ja noch mit aller Macht versucht, den Ball auf die Tribüne zu ballern, leider stand er schon so nah am Tor, dass die Kugel nur noch unter die Latte knallte. Beim Elfmeter konzentrierte er sich besser und hielt Italien damit im Rennen. Die wiederum meldeten vorsichtshalber nach diesem Spiel Protest gegen den Turniermodus an, weil man im letzten Spiel gegen Frankreich vom Ergebnis der anderen Partie Niederlande – Rumänien abhängig war, und es für die Niederlande als feststehender Gruppensieger um nichts mehr ging. Man könnte der Meinung sein, solch eine Konstellation sei halt Fußball, zumal die Italiener auch gar keinen Gegenvorschlag machten. Es war halt nur mal wieder reine Vorsorge gewesen, jemand anderem die Schuld für ein Ausscheiden in die Schuhe schieben zu können. Und dass dies zwar bei denen öfter auftritt, aber beileibe keine ausschließlich italienische Spezialität ist, werden wir noch sehen. Nötig hatten sie dieses Gejammer indes nicht, durch ein souveränes 2:0 über ganz schwache Franzosen zog man locker ins Viertelfinale ein, weil selbst die niederländische B-Elf, gespickt mit einigen Spielern aus einem imaginären „C-Kader“ zu diesem Zeitpunkt für Rumänien eine Nummer zu groß war.

In der Gruppe D waren die Langweiler zuhause. Dachte man. Spanien scheidet wie immer vorzeitig aus, von den Russen weiß man wie immer überhaupt nix, die Griechen spielen wie immer Folter-Fußball der Marke Rehhagel und mogeln sich durch, die Schweden spielen wie immer völlig uninspiriert, weil das in der Heimat sowieso keinen interessiert, es sei denn, die Jungs würden sich mal Skier unterschnallen. Aber hoppla, da kam alles anders! Die Spanier mit einer jungen Mannschaft, dynamisch und schwungvoll wie selten in den letzten Jahrzehnten, doch eher erstaunlich, wenn man sieht, welcher Greis die trainiert, die Russen mit einer noch jüngeren Mannschaft, das war eine bessere U23, die da am Start war, aber mit herrlich anzusehendem Kombinationsfußball, die Griechen spielten so wie vorausgesagt, bekamen aber endlich mal die Quittung und fuhren als Titelverteidiger mit lockeren null Punkten wieder nach Hause, selbst die Schweden zeigten gegen Griechenland ein bisschen Eigeninitiative und hielten gegen Spanien gut mit, leider nur bis zur 92. anstatt bis zur 93. Minute, weshalb sie ihr letztes Spiel gegen die Russen gleich mal ganz abschenkten und wieder in ihren gewohnten Trott zurückfielen. Tja, wer nur einen guten Stürmer hat, der hat natürlich kaum Chancen, wenn dieser auch noch verletzt an den Start gehen muss. Aber wie gesagt, ich glaube, in der Heimat hat es eh keiner gemerkt.

Und was spielte sich die deutsche Mannschaft in ihren Gruppenspielen so zurecht?

Nun, für mich lohnt es sich eigentlich nur, das dritte Spiel zu betrachten. Vom Auftakt gegen Polen sah ich immer nur zwischendurch kleine Ausschnitte, wenn ich mal einen Blick auf den einzigen Fernseher (in Normalgröße) erhaschen konnte, den man unter Deck der Fähre in einem Raum aufgestellt hatte, in dem ca. 300 Leute hockten. Immerhin, das, was ich sehen konnte, sah nach einem relativ problemlosen Sieg aus, ohne sonderlich zu glänzen. Ausgerechnet Lukas Podolski schoss seine Verwandten auf der Tribüne schon mal wieder Richtung Heimat, und Mario Gomez glänzte bereits in diesem Spiel dadurch, dass er das leere Tor verfehlte. Ein harmloser Auftakt also. Vom Spiel gegen Kroatien verpasste ich die ersten zwanzig Minuten, weil ich im Feierabendstau stand. Hierbei walzte ich drei Deutschlandfähnchen platt, die von unachtsamen Besitzern nicht sicher genug an ihren Autos festgemacht worden war und sich auf die Straße verabschiedet hatten. Durchaus ein Bild mit Symbolcharakter, denn kaum war ich zuhause und schaltete den Fernseher ein, fiel das 1:0 für Kroatien, und das wohl auch noch verdient. Was sich im Laufe des Spiels auch bestätigte, die Kroaten immer einen Schritt schneller, nicht nur beim 2:0 durch Olic deutlich zu sehen. Die deutsche Mannschaft irrte größtenteils planlos hinterher. Und während es früher die Kroaten waren, die durch eine eher rustikale Spielweise auffielen, so war es diesmal Bastian Schweinsteiger, der sich kurz vor Schluss noch Rot abholte, als er einfach mal seinen Gegenspieler umstieß. Schön blöd, aber vielleicht alles Taktik? Denn so bekam man das „Endspiel“ gegen den „kleinen Bruder“, die Neuauflage von Cordoba 1978, eine Story, die zwar niemand mehr hören oder sehen kann, die aber durchaus zuschauersteigernder gewirkt

haben dürfte, als wenn’s für uns um nix mehr gegangen wäre (nämlich bei einem deutschen Sieg gegen Kroatien). Auf jeden Fall eine verdiente Niederlage.

Aber dann das Spiel gegen Österreich! Was da alles zusammen kam – wer könnte dieses Spiel je vergessen! Ein Graupenkick erster Klasse von der deutschen Mannschaft, gewonnen durch ein Freistoßtor des Monats, sprich: einen Sonntagsschuss. Es gab verschiedene Spieler, die dem Spiel ihren Stempel aufdrückten. Zum Beispiel Mario Gomez. Weltklasse, wie er bereits in der 4. Minute erneut aus zwei Metern (maximal) das leere Tor nicht traf, diesmal aber viel spektakulärer als gegen Polen, aus dem sicheren Stand heraus und ohne einen lästigen Gegenspieler in der Nähe. Sensationell. Und ich muss unumwunden zugeben – so ein Kunststück ist mir noch nicht einmal in der D-Jugend gelungen! Dafür musst du Nationalspieler sein, um so etwas hinzukriegen, ansonsten hast du gar nicht die entsprechende Technik! Natürlich hatte er Pech, dass der Ball unmittelbar vor ihm auf einer Rasendelle hochsprang. Ebenso natürlich hätte er die Kugel allerdings stoppen und Torwart Macho noch höflich fragen können, wohin der ihn denn haben wolle, soviel Platz und Zeit war da. Wirklich beeindruckend.

Ebenso Michael Ballack. Ein wirklich klasse Freistoßtor, mit 121 km/h prügelte er den Ball rechts oben in den Winkel, mit solcher Wucht, dass die Pille beim Rückflug erst irgendwo hinter der 5-m-Markierung im Strafraum wieder zum Liegen kam. Ein Traumtor. Und noch viel wichtiger: in der Superzeitlupe der Hintertor-Kamera konnte man sehen, wie er all seine Kraft in diesen Schuss legte – trotzdem blieb das gegelte Haupt des Kapitäns locker in der Form. 121 km/h und das Haar sitzt – bei l’Oréal werden sie aufgrund dieser Szene wohl schleunigst Olli Bierhoff aus ihrer Model-Kartei entsorgt haben…

Mir persönlich gefiel am besten dieses unbekannte Talent auf Linksaußen, ein gewisser Jogi Löw. Ging in der ersten Halbzeit mehrfach schön steil auf der Außenbahn und lieferte sich dort starke Duelle mit seinem Gegenspieler Peppi Hickersberger, bis dato bei diesem Turnier auf dem Platz eigentlich auch eher selten in Erscheinung getreten. Das waren rassige Zweikämpfe voller Engagement, die Lust auf mehr machten. Leider wurden beide schon in der ersten Halbzeit ausgewechselt, das habe ich nicht verstanden. Zwei Tage später war ich dann schlauer: es war natürlich ein Teil der gigantischen Verschwörung des internationalen Fußballs gegen Deutschland! War ja nun wirklich nicht zu überlesen bzw. überhören.

2006 hatte die FIFA es ja vorgemacht. Ich sag nur: Unschuldfrings. Den hatte man damals wenigstens für’s Halbfinale aus dem Verkehr gezogen, um die Chancen für Italien zu steigern. Der hatte ja mal genau gar nichts verbrochen und durfte daher sogar noch Anfang diesen Jahres in einem Interview öffentlich behaupten, die FIFA habe ihm damals das Halbfinale gestohlen. Und da hat sich die UEFA gedacht, was der Weltverband kann, können wir schon lange! Deshalb wurde Jogi Löw für das Viertelfinale gegen Portugal von der Bank verbannt.

Okay, mal die Fakten: unbestreitbar zu sehen auf unzähligen Fernsehbildern ist, dass sich Löw und Hickersberger während der ersten Halbzeit außerhalb ihrer Coachingzonen anbrüllen und auffällig die Nähe zueinander suchen. Der vierte Offizielle unternimmt vergeblich mehrere Versuche, die beiden zu trennen. Das nennt man übrigens nicht „ungefragtes Einmischen“ sondern „offizielle Aufgabe“. Dies ist genau einer der Gründe, warum die Funktion des vierten Offiziellen überhaupt eingeführt worden ist. Das mag man ja blöd finden, ist aber so. Mir ist auch nicht bekannt, dass Deutschland deshalb irgendwann mal Protest eingelegt hätte. Man fängt halt immer erst an zu jammern, wenn es einen selbst trifft. Die Jungs lassen sich von dem Kasper aber nicht aufhalten, im Gegenteil, er wird mehrfach kurzerhand beiseite geschoben, um den Blick auf den Kontrahenten nicht zu trüben. Irgendwann hat er die Nase voll und meldet das dem Schiri. Der wiederum beschließt, dass die Hektik an der Seitenlinie größer ist als auf dem Platz, und nimmt mal ein bisschen Zündstoff aus der Partie, indem er beide Trainer auf die Tribüne schickt.

Jetzt kann man natürlich geteilter Meinung sein, ob das die richtige Entscheidung war. Ich denke ja auch, dass der Schiri hier etwas überzogen reagiert hat, um ein wenig die Luft aus dem Spiel rauszulassen. Aber das darf er nun mal. Das ist sein Recht, auch wenn es noch so überzogen erscheinen mag. Und da nutzt es auch nichts, wenn man bei ARD und ZDF natürlich ganz schnell die Bilder über das Verhalten anderer Trainer aus der Mottenkiste zieht. Ausgerechnet die beiden Sender, die es 2006 beeindruckende zwei Tage lang nicht schafften, die Bilder von Unschuldsfrings zu senden (die sie auch noch selbst aufgenommen hatten), die beglückten uns nun abseits des Spiels mit Aufnahmen, die zeigten, wie Guus Hiddink einen vierten Offiziellen recht eindrucksvoll quasi über die Rückhand aus dem Weg räumt, oder wie Fatih Terim selbigen mit einem netten Monolog beglückt, den der wohl zu seinem eigenen Wohlbefinden nicht verstanden haben dürfte. Wie peinlich ist das denn? Ja, unterschiedliche Bewertung, mit Sicherheit. Aber so etwas nennt man „Tatsachenentscheidung“, sogar in Deutschland. Der eine Schiri fühlt sich durch so etwas provoziert, den anderen juckt es nicht. Das muss man auch schon mal hinnehmen. Es ist auch nicht jede Rote Karte auf dem Spielfeld berechtigt. Und genau so ist ein Verweis der Trainer auf die Tribüne sportjuristisch einzuordnen: als Platzverweis. Logische Strafe demnach: ein Spiel Sperre. Auch bei ungerechtfertigten Roten Karten für Spieler übrigens, falls das noch nicht bekannt sein sollte. Ach ja: und Peppi Hickersberger greift ebenfalls diese Sperre ab, auch wenn dies anderntags in den Zeitungen höchstens noch in einem kleinen Nebensatz erwähnt wird, weil es eben nicht so ganz ins Bild der Verschwörung gegen Deutschland passt. Höchstens, dass noch ein NPD-Stammtisch darüber räsonieren könnte, dass die gleichzeitige Sperre des Österreichers ja eigentlich ein Schlag gegen Großdeutschland wäre…

Das Fazit ist dasselbe wie 2006 bei Unschuldsfrings: Regeln, schön und gut – aber doch bitte nicht, wenn Deutschland spielt! Man wird ja wohl noch seinen Gegenüber ungestraft anbrüllen und den vierten Offiziellen antatschen dürfen! Schließlich ist das Motto der Spiele doch „Expect Emotions“. Kaum zeigt man mal Emotions, wird man schon gesperrt. Dass mit Emotions nicht hysterisches Rumgezicke an der Seitenlinie gemeint ist, hat uns schließlich niemand gesagt.

Dieselben Leute, die sich darüber aufregen, rügen anschließend übrigens, dass der Jogi beim Viertelfinale, welches er hinter Glas in einer der Logen verbringt, beim Rauchen erwischt wird. Wegen Vorbildfunktion und so. Das sind Emotions, die nicht erwünscht sind in diesem Land. Dann doch lieber den vierten Offiziellen anbrüllen. Tststs.

Wie gesagt: ein unvergessenes Spiel, auch wenn auf dem grünen Rasen herzlich wenig passiert und sich die deutsche Mannschaft eher ins Viertelfinale würgt als spielt.

Da darf man auch direkt als Erstes ran, Spiel gegen den Gruppensieger Portugal. Auf der Trainerbank ist Löws Assistent Hansi Flick Chef im Ring. Trainererfahrung hat der bei der TSG Hoffenheim sammeln können. Allerdings nicht als aktueller Erstliga-Aufsteiger, sondern damals noch in der Regionalliga. Für Portugal reicht das, weil die deutsche Mannschaft einen Sahnetag erwischt, besonders Bastian Schweinsteiger ist nach seiner Sperre heiß wie Frittenfett und nimmt die Portugiesen ganz alleine auseinander. Wie im Spiel um Platz 3 bei der WM 2006, als er alle drei Buden gegen die Ballzauberer von der Atlantikküste machte. Diesmal schießt er ein Tor selbst und bereit zwei weitere vor. Einreiseverbot nach Portugal demnächst wahrscheinlich inklusive. Aber auch der Rest der Mannschaft liefert eine tolle Partie ab und gewinnt völlig verdient mit 3:2. Najaaaa, etwas trübt dann doch den Erfolg – das vorentscheidende 3:1 durch Ballack ist, wie es im ARD-Rückblick so wunderschön formuliert wird, „nicht ganz regulär“, womit das unbestechliche Erste Deutsche Fernsehen mal eben die Regeln erweitert, zumindest dachte ich immer, dass es nur „reguläre“ oder „irreguläre“ Tore gibt, dazwischen nichts. Aber man lernt ja gerne dazu, wenn’s hilft. Außerdem wollen wir uns doch nicht über den Schiri beschweren, wir doch nicht. Das sind halt auch nur Menschen, denen vielleicht mal Fehler unterlaufen. Zwei Tage vorher noch von der Verschwörung gejammert, jetzt schon wieder nachsichtig. Ist doch schön, wie schnell wir milde zu stimmen sind.

Zweites Achtelfinale, Kroatien – Türkei. Ein Langweiler vor dem Herrn Man kann 118 Minuten lang nebenbei ein gutes Buch lesen, man verpasst nichts. Von den lustigen Ausflügen des türkischen Keepers Rüstü im eigenen Strafraum mal abgesehen. Der ist der Ersatz für Volkan, der im Spiel gegen Tschechien Rot sah, weil er Jan Koller umgestoßen hatte. Dafür bekam er zwei Spiele Sperre, Mindeststrafe bei Tätlichkeiten (wie viel hatte der Schweinsteiger für ein absolut identisches Vergehen noch mal bekommen? Ach ja, Verschwörung…). Rüstü ist der große alte Mann des türkischen Fußballs, gibt hier quasi unverhofft nochmals eine Abschiedstournee. Auf der Linie ist der immer noch klasse, prima Reflexe. Sein Trainer hätte ihm nur verbieten sollen, bei Flanken und Ecken aus dem Tor zu kommen. Und so passiert, was passieren muss, in der 119. Minute irrt Rüstü mal wieder orientierungslos durch seinen Strafraum, und Ivan Klasnic köpft das 1:0. Ausgerechnet Klasnic von Werder Bremen (noch), der Mann mit der schier unendlichen Leidensgeschichte, der Spieler, der mit einer fremden Niere spielt, ausgerechnet er köpft die Kroaten ins Halbfinale. Märchen können so schön sein!

Und so schnell wieder vorbei. Denn während die Kroaten mental schon auf der Ehrenrunde sind, erinnern sich die Türken wieder mal daran, dass ein Spiel erst zu Ende ist, wenn der Schiri abpfeift. Kurzerhand gleicht man im Gegenzug aus, natürlich mit Glück und Brechstange, Rüstü kickt einen Freistoß aus der eigenen Hälfte in den gegnerischen Strafraum, die Kroaten kriegen den Ball nicht weg, und Semih haut die Kugel per Kunstschuss in den Winkel, Ausgleich in der Nachspielzeit. Zum dritten Mal drehen die Türken ein Spiel noch kurz vor Schluss. Beeindruckend. Das anschließende 11-m-Schießen gewinnen sie dann relativ locker, weil die Kroaten völlig entnervt sind.

Drittes Achtelfinale, Niederlande – Russland. Hier geht der Stern der russischen Bubitruppe erst richtig auf. Völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass sämtliche „Experten“, die der Meinung sind, etwas von der Sportart zu verstehen, die Niederländer jetzt als Top-Favorit auf den Titel nennen. Wohlgemerkt – jetzt, vor dem Turnier hatten auch diese „Experten“ die Niederlande eigentlich nicht auf dem Zettel, aber vielleicht waren sie da ja auch noch keine Experten, man lernt ja so schnell. Die Niederländer auch, nämlich dass sich nicht jeder Gegner von ihren wirklich fantastischen Spielen gegen Italien und Frankreich beeindrucken lässt. Außerdem scheinen sie durchaus verwirrt zu sein, plötzlich auch mal in Rückstand zu geraten, das ist im Programm irgendwie nicht vorgesehen, damit können sie nicht umgehen. Die Russen lassen nicht viel zu und spielen umso eindrucksvoller selbst nach vorne. Dass die Niederländer sich durch ein spätes Tor von van Nistelrooy noch in die Verlängerung retten können, ist eher Zufall und wird von den Russen auch genau so zur Kenntnis genommen bzw. eben einfach ignoriert. Man spielt in der Verlängerung denselben flotten Ball weiter wie zuvor und schießt den Plötzlich-von-Experten-ernannten-Top-Favoriten locker mit 3:1 aus dem Turnier. Und das Einzige, worüber sich Trainer Guus Hiddink Sorgen machen muss, ist die Unversehrtheit seines Stürmers Torbinskiy, der nach seinem Treffer zum 2:1 meterhoch unter einer Pyramide jubelnder Mitspieler begraben wird, und der selbst ja auch nicht gerade ein Riese von Gestalt ist. Aber es geht alles gut, Russlands Star Arshawin setzt noch das 3:1 obendrauf, und Russland steht völlig verdient im Halbfinale.

Wo kann man sich eigentlich für einen Job als „Experte“ bewerben? Ich glaube, das hätte ich auch noch drauf…

Viertes Achtelfinale, Spanien – Italien. Kann man mit zwei Worten abhaken: wie erwartet. Von mir zumindest. Italienische Torverhinderung gegen spanische Vorsicht, war doch klar. Aber diesmal traf es die Italiener, die das 11-m-Schießen verloren. Wer sich über 120 Minuten genau eine Torchance heraus spielt, in einem Viertelfinale, der scheidet nicht ganz unverdient aus. Immerhin, nach dem 2:0 gegen Frankreich im letzten Gruppenspiel beschwerten sich auch die Italiener nicht weiter über den Modus. Die waren, was das Gejammer anging, also genau so lernfähig wie wir. Auch hier gilt: schön, wenn man so schnell milde gestimmt werden kann. Auch wenn’s dann anschließend direkt nach Hause geht.

Es folgte das Halbfinale Deutschland – Türkei. Für viele in diesem Land ein Alptraum, das war unterschwellig deutlich zu merken, auch wenn es keiner offen aussprach. Nun, das ein oder andere konnte man schon lesen, vornehmlich allerdings in Internet-Foren, wo man ja kein Blatt vor den Mund nehmen muss. Da war mehrfach davon die Rede, dass man eh nicht verstehe, warum diese „Asiaten“ überhaupt an einer EM teilnehmen dürfen. Den größten asiatischen Landesanteil aller Teilnehmer der EM hat übrigens Russland, aber darüber wurde nichts gesagt. Die stören ja auch die deutsche Nachtruhe nicht mit irgendwelchen Autokorsi, die waren um diese Uhrzeiten eh schon immer zu besoffen zum Autofahren, haha. Nach dem sensationellen Spiel der Türkei gegen Tschechien gab es Bilder eines proppevollen Ku’damms in Berlin mit feiernden Menschen, hupenden Autos, sogar Feuerwerk bzw. Bengalen konnten gesichtet werden. Da klagte der ein oder andere schon über die nächtliche Ruhestörung. Vier Tage später wurden exakt dieselben Bilder gesendet, auch mit Feuerwerk. Ich dachte erst, warum holen die vier Tage alte Bilder raus, bis ich den einzigen Unterschied erkannte: es waren keine türkischen, sondern deutsche Fahnen, das war nämlich nach dem Sieg gegen Portugal. Und das ist ja wieder etwas völlig anderes. Zusammenfassend könnte man sagen: Gäste in Deutschland haben noch lange nicht so zu feiern wie Deutsche selbst. Darin scheint ein fundamentaler Unterschied zu bestehen. Leider ist es mir noch nicht gelungen, ihn herauszufinden, aber ich arbeite dran.

Die dürfen übrigens auch lange nicht so spielen wie wir. Die Türken hatten nicht gerade spielerischen Glanz verbreitet, sich aber mit drei Last-Minute-Siegen ins Halbfinale durchgekämpft. Da hieß es dann, die hätten sich ins Halbfinale gemogelt. Die Deutschen hatten ein richtig gutes Spiel abgeliefert, ein durchschnittlich gutes und zwei, die für deutsche Verhältnisse Grottenfußball waren. Da hieß es dann mal wieder, wir seien eine „Turniermannschaft“. Man muss halt auch die feinen Unterschiede sehen.

Deutschland war vor dem Spiel natürlich Favorit. Zum einen sowieso, zum anderen, weil den Türken allmählich die Spieler ausgingen. Vier Mann gesperrt (Volkan wie erwähnt wegen Platzverweis, die anderen drei wegen der jeweils zweiten Gelben Karte), vier Mann verletzt. Trainer Terim hatte nur noch 14 gesunde und nicht gesperrte Spieler und nominierte kurzerhand den dritten Torwart als Feldspieler. Geniale Begründung: „Die Zeiten sind vorbei, in denen sich ein Spieler aussuchen konnte, wo er spielen will.“ Und was machen diese Türken, die kaum noch Spieler und sich ja sowieso nur ins Halbfinale gemogelt hatten, zu Beginn des Spiels? Die spielen einfach nach vorne! Ziemlich dreist eigentlich. In den ersten zwanzig Minuten nahm man die Deutschen mal gepflegt auseinander, erst rettete die Latte, dann noch mal, aber wenigstens der Nachschuss war drin. Führung für die Türkei, und was besonders peinlich für den klaren Favoriten sein dürfte – auch noch verdient. Ein Glück, dass wir schnell zurückschlagen und durch Schweinsteiger ausgleichen konnten. In der zweiten Halbzeit legte Rüstü dann seinen obligatorischen unsinnigen Ausflug in den Strafraum hin und Klose köpfte das 2:1. Zwar schafften die Türken es auch zum vierten Mal in Folge, wieder ein spätes Tor zu erzielen, zum Ausgleich in der 86. Minute, aber ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnt immer Deutschland, deshalb machte Lahm nach einer tollen Kombination mit Hitzlsperger in eben dieser Minute noch den 3:2-Siegtreffer in diesem Nervenspiel. Einerseits ausgleichende Gerechtigkeit, dass die Türken, die drei Gegner auf diese Weise abgestraft hatten, jetzt selbst mal zu spüren bekamen, wie es ist, das Spiel in der letzten Minute noch aus der Hand zu geben; andererseits ein ziemlich glücklicher Sieg einer deutschen Mannschaft, die spielerisch klar schwächer war als ihr Gegner. Aber zum Glück wird ja bei uns niemand von „durchmogeln“ reden. Oder?

Im zweiten Halbfinale machten die Spanier mit den Russen das, was sie mit ihnen in der Gruppenphase schon gemacht hatten, sie knipsten sie humorlos aus, wobei die Russen doch Erstaunliches offenbarten: nach dem 0:1 schenkten sie das Spiel nämlich relativ leidenschaftslos ab. Vielleicht waren sie auch nur platt. Trotz allem ein beeindruckender Auftritt dieser jungen Mannschaft. Wenn Trainer Hiddink diese Bubi-Truppe zusammenhalten kann, werden die bei der WM 2010 ein ernsthaftes Wörtchen mitreden. Wirklich erfrischend, was da aus dem Osten kommt.

Die Spanier hingegen hatten den Ausfall ihres besten Stürmers Villa zu verkraften, der verletzt ausgewechselt werden musste. Aber das machte nur wenig. Zum Beispiel erzielte das 2:0 ein eingewechselter Spieler namens Güiza, sein zweites Tor in diesem Turnier. Wer das ist? Nur ein Spieler von RCD Mallorca und aktueller Torschützenkönig in der spanischen Liga mit 27 (!) Treffern. So einen können die in diesem Turnier mal locker zu Spielbeginn auf die Bank setzen, fällt gar nicht auf. Die Spanier haben in diesem Jahr ihr stärkstes Team seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Das würde eine harte Nuss für Deutschland werden…

Aber zuvor gab’s natürlich Wichtigeres. Wenn uns keine Schlagzeilen einfallen, dann bestellen wir uns halt welche. Wie vor Turnierbeginn, als in verschiedenen polnischen Boulevardblättern reichlich geschmacklos auf das bevorstehende Duell mit Deutschland aufmerksam gemacht wurde. Das war schon hart am Rande der Volksverhetzung. Aber: zumindest eines dieser Schmierblätter, die polnische „Fakt“, kommt aus dem Hause Springer. Teufel, Teufel, so ein Zufall. Da hatten sie bei der BLÖD also direkt mal im eigenen Hause die Schlagzeilen bestellt, um dann sagen zu können: ab jetzt wird zurück geschrieben! Clever gedacht, und wieder waren die anderen Schuld. Ich wette, in der Chefredaktion werden sie sich die Bäuche vor Lachen gehalten haben.

So etwas gab es vor dem Finale nicht. Damit es aber irgend etwas zu berichten gab, griff man auf das Allheilmittel zurück, das schon vor der WM 2006 funktioniert hatte: die Wade der Nation.

Müscha Ballack hatte also wieder mal aua an seiner Wade. Letzten Endes alles nur heiße Luft, denn natürlich lief er zum Finale auf. Aber was wurde zwei Tage lang ein Gezeter darum gemacht! Die Presse überbot sich mit aktuellen News-Flashs auf ihren Online-Seiten, im Fernsehen wurde nicht nur jeder Offizielle befragt, der nicht bei Drei auf dem Baum war, nein, es wurde auch ernsthaft darüber diskutiert, und als Gipfel der Peinlichkeit fand die Wade auch Erwähnung in der „Tagesschau“. Man konnte meinen, die Welt ginge unter, wenn Ballack nicht würde spielen können.

Ich darf hier noch mal ganz kurz auf das Halbfinale zurückblenden: den Türken fehlten acht Spieler, darunter ihr Stammtorwart und ihr Sturmführer. Da wurde meines Wissens allerdings nicht so intensiv gejammert. Jogi Löw reagierte auch genau richtig, als er sagte, man hoffe, dass es mit einem Einsatz noch klappe, wenn nicht, könnten Borowski oder Schweinsteiger die Position spielen, aber damit beschäftige er sich erst, wenn der Ausfall von Ballack definitiv feststehe. Ende der Durchsage. So soll es sein. Aber was die Medien wieder daraus machten…anscheinend muss das heutzutage so sein, wenn man weiß, dass man zu 80% Party-Publikum hat, die fröhlichen Leute von den Fan-Meilen, die in zwei Monaten wieder das Gesicht verziehen, wenn sie Fußball-Fans im Zug oder auf der Autobahn sehen, weil sie sich gar nicht vorstellen können, wie man samstags morgens um 6 Uhr aufstehen kann, um zu einem Auswärtsspiel zu fahren…solche Event-Fans wollen natürlich unterhalten werden, also macht man aus jeder Mücke einen Elefanten oder aus einer Wade einen nationalen Notstand, nur um ja irgendetwas zu berichten zu haben. Furchtbar.

Ich will es mal so sagen: natürlich ist Ballack einer der wichtigsten Spieler in der Nationalelf. Aber wenn ein einziger Spieler für ein einziges Spiel auszufallen droht, und daraus wird sofort solch ein Trauerspiel gemacht, dann sollte man sich mal überlegen, die Mannschaft beim nächsten Turnier erst gar nicht anzumelden. Weil der Rest der Truppe ja dann eigentlich zu gar nix in der Lage sein muss. Oder wollte man sich damit schon mal vorsorglich eine Ausrede zurecht legen? Wenn ein Spieler nicht spielen kann, spielt halt ein anderer, fertig, aus. Gerade in einer Nationalmannschaft sollte sich der Ersatz qualitativ nicht sonderlich von der ersten Wahl unterscheiden. Ein Bisschen vielleicht schon, aber doch nicht derart gravierend, dass sofort Krisenstäbe einberufen werden müssen, nur weil es in einer Wade mal zwickt. Wie gesagt, im Endeffekt war alles nur heiße Luft. Ballack konnte spielen, die Medien hatten ihre Schlagzeilen, die Fans hatten auch zwischendurch etwas zu zittern, obwohl gar kein Spiel stattfand – ja, solche kleinen Episoden können durchaus allen nutzen, auch wenn sie für mich persönlich an Peinlichkeit kaum zu überbieten sind. Aber das kümmert ja schon lange niemanden mehr.

Und die spanische Nuss war nicht nur hart, sie war auch nicht zu knacken. Muss man ganz objektiv so sehen. Man verlor das Finale nur mit 0:1, weil die Spanier in der zweiten Halbzeit den Sack nicht zumachten, ansonsten hätte es richtig bitter werden können. Spanien, der ewigen Loser bei solchen Turnieren, wurde völlig verdient Europameister. Deutschland schaffte es in der zweiten Halbzeit noch nicht mal, eine richtig gute Torchance herauszuspielen, dann darf man sich auch nicht wundern. Andererseits – ist der zweite Platz nichts? 2006 war man Dritter, jetzt Zweiter, das lässt doch für 2010 und Südafrika hoffen. Auch wenn das Spiel der Deutschen nur phasenweise an die Auftritte von 2006 erinnern konnte. Aber darauf kann man weiter aufbauen und sich nunmehr der WM-Qualifikation widmen. Die wird schon haarig genug, schließlich spielt man auch gegen Russland. Und wenn ich daran denke, was diese kleinen quirligen Jungs wie Arshawin oder Torbinskiy mit unseren deutschen Hünen Mertesacker oder Metzelder machen könnten…da ist doch für Spannung gesorgt, denke ich.

Was bleibt sonst noch von der EM? Also außer dass Michael Ballack bald einen schwunghaften Handel mit einem bestimmten Edelmetall aufmachen kann, so viele Silbermedaillen wie der mittlerweile abkassiert hat. Nun, zumindest die Tatsache, dass nunmehr jeder weiß, dass Brasilien ein Einwanderungsland ist. Geradezu unglaublich, bei welchen Ländern plötzlich gebürtige Brasilianer auflaufen, weil man einen entsprechenden Vorfahren ausgegraben hat, der zur Einbürgerung berechtigt. Bei den Türken zum Beispiel Mehmet Aurelio. Bei den Portugiesen Pepe. Sogar bei den Polen netzte ein gewisser Herr Roger Guerreiro ein. Das hat irgendwie schon was von Winnetou Koslowski. Auch vor einer echten Skurrilität macht man nicht halt: selbst in Brasilien, dem einzigen Land in ganz Südamerika, in dem nicht Spanisch, sondern Portugiesisch gesprochen wird, machte man einen Spieler mit spanischen Vorfahren ausfindig: Marcos Senna da Silva. Man darf somit gespannt sein, wann der erste Brasilianer für die Färöer auflaufen wird. Ich freu mich drauf.

Aber auch wir brauchen uns um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Der Posten des Bundestrainers ist natürlich eine nationale Herzensangelegenheit. Da wissen Millionen „Experten“, wer am besten geeignet ist. Das wird für die Zeit nach Knuddel-Jogi nicht anders werden. Aber ich glaube, seit dem Viertelfinale sind wir da auf einem guten Weg. Interims-Coach Hansi Flick, der sich jetzt für seine nächsten Assistenz-Jahre schon mal „als Bundestrainer unbesiegt“ in den Briefkopf schreiben kann, brauchte in seinem ersten Interview als Bundestrainer nach dem Spiel handgestoppt nur 38 Sekunden, bis auch er den legendären Phrasendrescher von der „Turniermannschaft“ über die Lippen bekam. Na also, geht doch, damit hat er seine Qualifikation für das Amt des Bundestrainers ja wohl nachhaltig unter Beweis gestellt! Ich glaube, mit solchen Trainern wird die deutsche Mannschaft auf Jahre unbesiegbar bleiben. Das tut mir Leid für den Rest der Welt, aber es ist so.

Oder so ähnlich.

Ich wünsche nunmehr noch eine schöne Sommerpause. Ich freue mich auf den Saisonstart in der 3. Liga am 26.07.08, der für mich um einiges wichtiger ist als eine Europameisterschaft, mag sie noch so unterhaltsam sein. Bis dahin werde ich mir die Zeit vertreiben und mal nachzählen, wie oft deutsche „Experten“ die im August anstehenden Olympischen Spiele in Peking als „Olympiade“ bezeichnen werden. Denn der Begriff „Olympiade“ bezeichnet eigentlich den olympiafreien Zeitraum von vier Jahren zwischen den Spielen.

Aber ich bin sicher, echte deutsche „Experten“ wird auch das nicht jucken.

Turnier ist sogar dann, wenn die Turniermannschaft nicht gewinnt, weiß: janus

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