Reise in eine andere Welt?

Samstag, 09.10.2004: Iran – Deutschland 0:2

Mein Spiel des Jahres fand eigentlich letzten Mittwoch statt: WM-Qualifikations-Gruppe 3, Luxemburg gegen Liechtenstein. So etwas sieht man wohl nur einmal im Leben, außerdem gut von meinem Wohnort zu erreichen. Leider nur, was die Hinfahrt betrifft, und da ich den darauf folgenden Donnerstag nicht frei bekam, hatte sich das erledigt. Aber für diesen Fall hatte ich ja noch etwas in petto.

Eine Reise in den Iran. Ins alte Persien. In eine andere Welt, möchte man meinen. Was weiß man hier schon großartig vom Iran? Höchstens das, was besonders vor ca. 25 Jahren in der Tagesschau zu sehen war. Das Ende der Monarchie, der Sturz des Schah im Januar 1979. Ayatollah Chomeini, heimgekehrt aus dem Pariser Exil, der den „totalen Islam“ predigte und gegen die westliche Welt hetzte. Aufgeputschte Studenten, die die Botschaft der Amerikaner stürmten, die der Engländer beschossen. Revolutionsgerichte, die ehemalige Regierungsmitglieder zum Tode verurteilten und hinrichten ließen. Tief verschleierte Frauen auf der Straße, Rückkehr des „Steinzeit-Islamismus“. Dann 1980-1988 der Iran-Irak-Krieg, als der irakische Diktator Saddam Hussein, unterstützt von den USA, den Iran angriff. Ein Krieg, an den die Welt sich nur erinnerte, wenn sie gerade Zeit hatte. Eine Million tote Iraner. Und danach: lange nix mehr. Bald war der nette Herr Hussein Gesprächsthema Nummer 1 in der dortigen Region. Der Iran hielt sich bedeckt und aus allem heraus. Stand eigentlich nur in den Schlagzeilen, wenn man wieder mal ein besonders schweres Erdbeben zu überstehen hatte. Wie im Dezember 2003, als die historische Stadt Bam samt ihrer Umgebung im Süden des Iran dem Erdboden gleich gemacht wurde. Schätzungsweise 30.000 Tote, ebenso viele Verletzte, ungezählte Obdachlose. Trotz sofortiger internationaler Hilfe – das Gebiet um Bam herum sieht auch heute noch teilweise aus wie nach einem Bombenangriff. Tausende Menschen leben dort bis zum heutigen Tage in Zelten und Containern, es fehlt praktisch an allem, die Strom- und Wasserversorgung ist auch heute nur zeitweise sicher gestellt.

Aufgrund dieses Erdbebens in Bam spielte die deutsche Nationalmannschaft am 09.10.2004 ein Benefiz-Spiel gegen den Iran in Teheran. Erstmals trat die Nationalmannschaft im ehemaligen Persien an. Eine Chance, sich selbst vor Ort zu überzeugen, wie es in diesem Land wirklich aussieht bzw. zumindest in wenigen Tagen mal einen Eindruck davon zu gewinnen. Inwieweit Reformen greifen oder ob immer noch gelebter steinzeitlicher Fundamentalismus an der Tagesordnung ist. Würde man etwas zu sehen bekommen? Würde man sich frei bewegen können? Und würde man Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung aufnehmen können? Und darüber hinaus: würde die deutsche Nationalmannschaft ein gutes Spiel abliefern?

Diese Gelegenheit (denn ich bin auch geschichtlich durchaus an Persien interessiert) wollte ich mir nicht entgehen lassen, und fuhr daher mit einer recht übersichtlichen Reisegruppe von 25 Mann vom 08.-11.10.2004 in die iranische Hauptstadt, um neue Eindrücke zu sammeln und vielleicht auch guten Fußball zu sehen. Aber vorab kurz einige Worte zur Thematik: Was ist überhaupt der Iran? Nichtinteressierte mögen bitte direkt zum nächsten Absatz schreiten.
Der Iran definiert sich als islamisches Land, der offizielle Name lautet seit 1979 Islamische Republik Iran (Djomhuri-ye Eslami-ye Iran). Seit der Revolution von 1979 ist die islamische Kleiderordnung verbindlich, die vor allem für Frauen eine Reihe von Vorschriften mit sich bringt, die unbedingt einzuhalten sind. Für Touristen bedeutet dies im Klartext: Kopftuch ist bei den Frauen Pflicht, daneben eine Oberbekleidung, die die Hüften nicht betont und die Arme bedeckt. Keinesfalls wird von Frauen erwartet, dass sie den „Chador“ tragen, dieses Gewand mit integrierter Kopfbedeckung, bei der nur noch die Augen der Person zu sehen sind. Dies wird übrigens nicht einmal mehr von den Iranerinnen selbst erwartet. Für die Herren gilt es, keine kurzen Hosen zu tragen, auch Muskelshirts sollten vermieden werden, was mir wenigstens den Anblick des typisch deutschen Mallorca-Urlaubers ersparte. Sehr einverstanden war ich damit, dass im Iran die Krawatte als „westlich“ verpönt gilt und nicht gern gesehen wird. Dafür vollste Zustimmung von mir. Die Vorschriften gelten übrigens, solange man sich in der Öffentlichkeit aufhält. „Öffentlichkeit“ bedeutet auch Restaurants, Hotels und Hotelflure! In keinem Fall wird der Mann eine fremde Frau auf der Straße ansprechen oder anfassen. Für die Frau gilt selbiges, nur umgekehrt.
Ganz besonders bitter für den deutschen Fußball-Fan ist natürlich, dass im Iran die Einfuhr und der Genuss von alkoholischen Getränken strengstens verboten ist. Da weint sogar der Sponsor des DFB, musste er doch an seinen Werbebanden im Stadion extra den Zusatz „Alkoholfrei“ anbringen. Man bekommt alkoholfreies Bier, zum Beispiel Efes oder vereinzelt auch gar Jever Fun, oder wie diese Plörre heißt, aber das ist nun wirklich nicht genießbar.
Das Hochland von Iran liegt im südwestlichen Teil Asiens und bildet die Landbrücke zwischen Eurasien und dem afrikanischen Kontinent. Es erstreckt sich zwischen 25° und 40° nördlicher Breite und 44° und 64° östlicher Länge. Die Hauptstadt Teheran liegt auf dem Breitengrad von Gibraltar. Die angrenzenden Länder sind: im Norden Armenien, Aserbeidschan und Turkmenistan; im Osten Afghanistan und Pakistan; im Westen Irak und die Türkei. Wie man schon bei den Namen der Nachbarländer hört: nette Gegend, in der eigentlich immer was los ist. Allein diese Lage wirkt schon abschreckend.
Das Staatsgebiet umfasst eine Fläche von ca.1.600.000 km², damit ist das Land mehr als viermal so groß wie Deutschland. Nach neuesten Zählungen beträgt die Bevölkerungszahl annähernd 70 Mio. Menschen, fast ebenso viel wie in Deutschland. Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nach der Revolution stark erhöht, seitdem wird eine staatliche Geburtenkontrolle durchgeführt. Von dieser Bevölkerungsexplosion wird später noch kurz die Rede sein, sie ist mit ein Grund für die derzeitige gesellschaftliche Situation im Iran.
Klingt eigentlich nicht schlecht, ein Land viermal so groß wie Deutschland, aber mit annähernd derselben Bevölkerungszahl, oder? Das Ganze relativiert sich allerdings dadurch, dass 75% des Staatsgebiets des Iran Wüste sind. Da bleibt wirklich nicht mehr viel Platz.
Offizielle Staats- und Verwaltungssprache ist Persisch (Farsi). Da der Iran jedoch ein Vielvölkerstaat ist, gibt es jedoch auch eine Reihe weiterer Sprachen: Turksprachen, Kurdisch, Lurisch, Baluchi, ein wenig Arabisch und andere. Mir egal, ich spreche und verstehe keine davon.
Die iranische Währung ist der Rial. Den bringt man recht großzügig unter das Volk: ein Euro entspricht derzeit ca. 10.330 Rial. Die Preise im Iran sind zumeist niedrig, enthalten aber eine „Touristenfalle“, an die man sich erst gewöhnen muss: die Preisauszeichnung erfolgt meist in „Tuman“, ein Tuman sind 10 Rial, genau wie einst bei uns zehn Pfennig ein Groschen waren. Steht also auf einem Preisschild die Angaben „3000“, so bedeutet dies zumeist 3.000 Tuman, also 30.000 Rial (also knapp 3 Euro). Beim Bezahlen darf man somit meistens eine Null mit drauf rechnen. Preise, die von Anfang an in Rial ausgezeichnet sind, sind zumeist mit einem großen „R“ gekennzeichnet, aber auch nicht immer. Nachfragen lohnt also stets, zumeist sind es zwar Tuman, aber manchmal kann man doch ein noch größeres Schnäppchen machen.
Apropos Geld: Bargeld lacht im Iran. Das liegt nicht an einer irgendwie gearteten Rückständigkeit des Landes, sondern schlicht daran, dass das iranische Bankensystem aufgrund der us-amerikanischen Boykottbestimmungen nicht an die internationalen Kreditkartensysteme angeschlossen ist. Der Euro wird bei allen Banken und Wechselstuben akzeptiert, manche größeren Hotels verlangen die Begleichung der Zimmerrechnung tatsächlich in US-Dollar, man weiß halt, wie man den Feind am besten schädigen kann.
Die Uhrzeit im Iran ist MEZ plus 2,5 Stunden, diese „Zwischenzone“ wurde extra geschaffen, um im ganzen Iran eine einheitliche Uhrzeit zu haben. Jedoch endet die iranische Sommerzeit am 22.09. eines jeden Jahres. Da dies in Deutschland erst Ende Oktober der Fall ist, gerieten wir mit unserer Reise in diesen Zwischenraum, weshalb der Zeitunterschied nur 1,5 Stunden betrug.
Nun noch kurz etwas zum politischen System im Iran. Die Befugnisse des Staatspräsidenten Chatami, ein Mann, der für den Willen zu umfassenden Reformen steht, sind beschränkt. Schon der Verfassung nach bilden er und seine Regierung nur eines von mehreren Machtzentren. Über ihnen steht Revolutionsführer Ali Chamenei, die oberste politisch-religiöse Autorität. Ihm – nicht dem gewählten Präsidenten – obliegt die Richtlinienkompetenz der Politik, er entscheidet über Krieg und Frieden und ist Oberbefehlshaber der Armee. Als Organe der politischen Willensbildung kommen der Wächterrat, das Parlament, der Schlichtungsrat und der Expertenrat hinzu. Bis auf das Parlament sind sie alle fest in den Händen des Establishments und sträuben sich gegen Veränderungen. Das Parlament wird zwar vom Volk gewählt, aber über die Auswahl der Kandidaten entscheidet der von Konservativen dominierte Wächterrat. Bei den Parlamentswahlen vom Februar 2000 hatte dies zur Folge, dass den führenden Köpfen der iranischen Reformbewegung die Kandidatur verweigert wurde. Dass die Reformer dennoch haushoch siegten, zeigt bereits, aus welcher Richtung der Wind in der Bevölkerung weht. Was aber leider nicht heißt, dass die Reformer ihre Projekte durchsetzen können. Denn jede Gesetzesvorlage muss vom Wächterrat auf seine Vereinbarkeit mit dem islamischen Charakter der Verfassung überprüft werden. Ein mehr als dehnbarer Begriff. Auch der Revolutionsführer selbst greift gerne mal direkt in die Arbeit des Parlaments ein. Weil er seine Autorität von Gott und nicht vom Volk herleitet, kann der Iran durchaus als Theokratie bezeichnet werden.

Genug der Theorie. Immerhin, das klang interessant genug, um sich mal vor Ort umzusehen. Und interessant war die Reise dann auch auf jeden Fall. Hier der Bericht:

Freitag, 08.10.2004

Ich verlasse die heimatliche Stube am späten Vormittag mit dem Wissen, eventuell in ein paar Stunden wieder daheim zu sein. Grund dafür ist das für den Iran erforderliche Visum. Da dieses erst einige Wochen vor der Reise beantragt werden konnte, war die Zeit zu knapp, um den Reiseteilnehmern die Pässe nach Wiedererhalt noch postalisch zustellen zu lassen. Somit versammelt man sich gemeinsam um Punkt 12 Uhr an einem Schalter im Frankfurter Flughafen, um vom Organisator der Reise, der die Tour auch mitfährt, die Reisepässe wieder in Empfang zu nehmen. Hoffentlich mit Visum. Denn unter den Fragen auf dem Visum-Antrag befand sich, wie ich erwartet hatte, auch die Frage nach dem Arbeitgeber (übrigens, wen das schon stört, der sollte sich mal die neuen Anträge auf Visa der USA anschauen – ich hab mir neulich einen angesehen und nur noch gestaunt, was die alles wissen wollen). Und der meinige könnte den Mullahs vielleicht nicht ganz so gut passen. Wer holt sich schon gerne das Militär ins Haus? Und ich glaube auch, dass diese Leute der Unterschied zwischen Soldaten und zivilen Mitarbeitern nicht wirklich interessiert. Aber der Iran ist daran interessiert, Touristen ins Land zu holen, auch wenn es nur für ein paar Tage ist, da muss man ja trotzdem Geld ausgeben. Keine Chance hat man übrigens, wenn sich im Reisepass ein Visum aus Israel befindet. Auch die Iraner haben für dieses Land nicht allzu viel übrig. Aber da ich noch nie in Israel war, bestehen für mich keine Schwierigkeiten. Und was meinen Arbeitgeber anbetrifft, anscheinend auch nicht, denn als ich meinen Reisepass entgegen nehme, prangt darin das Visum für den Iran. Vorsichtshalber schon mal auf 15 Tage ausgestellt, ich will nur hoffen, die dortige Gastfreundschaft nicht so lange in Anspruch zu nehmen. Das muss wirklich nicht sein.

Der Flug wird mit der staatlichen iranischen Fluglinie Iran Air durchgeführt. Der Flieger ist proppenvoll. Zum einen, weil es ein Linienflug ist, zum anderen gibt es noch eine zweite, sehr viel größere Reisegruppe als die unsere, organisiert von einem Reisebüro in Ludwigshafen. Die Truppe fliegt zwar mit uns mit, aber schon Samstag Nacht nach dem Spiel wieder zurück. Schlussendlich haben wir noch eine Gruppe eines bayerischen Reiseveranstalters an Bord, die nach drei Tagen Aufenthalt in Teheran noch zwei Wochen mit dem Reisebus durch die Landschaft gondeln wird.

Zunächst fallen die Stewardessen auf, die natürlich gemäß muslimischer Kleiderordnung gekleidet sind. Dies wäre eigentlich auch schon für die Passagiere Pflicht, denn der Flieger gilt ja als iranisches Hoheitsgebiet, aber es macht niemand, und niemanden regt es auf.
Etwas mulmig wird mir allerdings, als die Videoschirme ausgefahren werden, um die Sicherheitsinstruktionen auszustrahlen. Bevor diese nämlich beginnen, erscheint ein Satellitenbild der Erde auf dem Bildschirm, von rechts nach links laufen riesige persische Buchstaben durchs Bild und eine unheilschwangere, tiefe Stimme spricht aus dem Off beschwörende Worte. Es ist wohl so, dass vor Beginn des Fluges Allahs Segen für gutes Gelingen erbeten wird. Na, wenn die das schon nötig haben…

Unter den Passagieren sind auch einige, die sich noch mal schnell den Rest vor der unglaublich schwierigen dreitägigen Alkoholabstinenz geben. Auf jeden Fall kreisen hier und da Multivitamin- und Powerrade-Flaschen. Aber vielleicht täusche ich mich da auch. Auf jeden Fall hätte ich nie gedacht, dass Glatzen aus Halle und Cottbus während eines Fluges so viele Vitamine in sich hinein schütten müssen. Aber anscheinend macht es sie wirklich munter, denn der Geräuschpegel steigt während des Fluges beträchtlich an. Das Bordpersonal ignoriert alles tapfer und serviert noch ein schmackhaftes Essen, was jeden, der die Bordverpflegung kennt, doch in Erstaunen versetzt. Der Flug dauert viereinhalb Stunden, und die Maschine landet pünktlich in Teheran auf dem Flughafen Mehrabad gegen 21.30 Uhr Ortszeit.

Nun wird es lustig. Nach der Ankunft geht es in eine große Halle, an deren Ende vier kleine Schalter stehen, an denen jeweils zwei Leute Dienst tun könnten. Diese Schalter sind zur Halle hin mit kleinen, Gartentor-ähnlichen Toren abgetrennt, anstelle der acht möglichen tun nur vier Leute Dienst. Das Zauberwort heißt Passkontrolle.
Sofort bilden sich ellenlange Schlangen vor den Gartentoren. Jeweils nach Aufforderung darf eine Person „eintreten“ und artig seinen Pass vorzeigen, der dann einer oft minutenlangen Kontrolle unterzogen wird. Auch wir stehen tapfer in der Reihe, bis uns plötzlich auffällt, dass die Mitreisenden Papier in der Hand haben, das wie kleine Notizzettel aussieht. Nanu, was ist denn das? Einmal einen Blick riskiert, auf den Zetteln werden die wichtigsten persönlichen Daten nochmals abgefragt, eine Durchschrift klemmt darunter. Im Flugzeug haben wir die nicht bekommen, in Frankfurt auf dem Flughafen auch nicht. Was nun?

Des Rätsels Lösung ist ein kleiner uniformierter Mensch, der ziemlich abseits des Geschehens steht und gar nichts tut. Er hat diese Zettel, aber er verteilt sie nicht, er bewegt sich ziemlich wenig. Man muss zu ihm hin und sich so einen Zettel abholen, auf den natürlich auch mit keinem Wort oder Schild hingewiesen wird. Ohne diesen Zettel braucht man sich allerdings an der Passkontrolle erst gar nicht blicken zu lassen. Clever gemacht, so bleibt die Schlange in Bewegung, denn natürlich müssen wir uns nach dem Ausfüllen wieder hinten anstellen. Apropos Ausfüllen: lustig, wenn dreißig Leute gleichzeitig einen Kugelschreiber suchen. Zum Glück verbietet mir mein Beruf, mich ohne dieses Utensil in der Öffentlichkeit zu bewegen. Also schnell ausgefüllt das Ganze und wieder hinten angestellt. Nach weiteren knapp zwanzig Minuten bin ich dann auch endlich dran. Pass und Zettel werden einkassiert, der Computer wird befragt und meldet mich augenscheinlich als unverdächtig. Der Pass bekommt einen Einreisestempel und ich kassiere auch die rosa Durchschrift des Zettels, die man gut aufheben sollte. Sie ist nämlich für die Ausreise bestimmt und auch für sie gilt das, was für das weiße Original zu beachten ist: ohne das Ding braucht man sich auch beim Rückflug gar nicht erst an der Passkontrolle blicken zu lassen.

Immerhin hat das Ganze jetzt so lange gedauert, dass unser Gepäck längst angekommen ist und sogar das Förderband bereits still steht. Nachdem wir alle unser Gepäck ohne Verluste wieder erlangt haben, versammelt sich unsere Gruppe um den Organisator und den hinzu geeilten iranischen Fremdenführer, der uns in den nächsten drei Tagen begleiten wird. Es bleibt Zeit für einen ersten Rundblick in der Gruppe, es sind, wie gesagt, 25 Personen insgesamt, darunter zwei Frauen, eine etwas ältere Dame, die mit ihrem Sohn reist und ein jüngere, die umgekehrt ihren Vater begleitet. Beide tragen bereits Kopftuch und Mantel, wie es Vorschrift ist, und auch von uns Herren ist keiner auf die Idee gekommen, in kurzen Hosen aufzulaufen. Was allerdings, nebenbei bemerkt, noch nicht einmal eine schlechte Idee wäre, denn in der Halle ist es sehr stickig und bestimmt über 30 Grad warm. Wir schreiten zum Ausgang und werden neugierig von Iranern begutachtet, die hier sind, um ihre Familienangehörigen abzuholen. Draußen empfängt uns Teheran mit stockfinsterer Dunkelheit, um diese Jahreszeit ist es gegen 18 Uhr bereits dunkel, und mit stickiger Luft bei immerhin noch 25 Grad. Auch der Bus zum Hotel ist bereits vorgefahren. Nachdem das Gepäck eingeladen ist, geht es in relativ flotter Fahrt zum Hotel Enghelab in der Innenstadt. Dass das mit der „relativ flotten Fahrt“ geradezu sensationell ist und durchaus bereits als erstes Highlight der Reise bezeichnet werden darf, werden wir am nächsten Tag feststellen.

Da der Busfahrer anscheinend der Meinung ist, Europäer sind eh Weicheier, was das Wetter angeht, verbringen wir die Fahrt zum Hotel schlotternd bei 11 Grad Innentemperatur, denn die Klimaanlage gibt alles, was sie hat. Aber das kenne ich schon, ich wäre in Ägypten auch schon mal fast bei einer Wüstendurchquerung im Bus erfroren – mittags um 12.

Bei der Fahrt durch die Straßen fällt schon auf, wie gewaltig, wie groß die Stadt sein muss. Dicht gedrängt steht Haus neben Haus, alle in nicht gerade neuem Zustand, und überall begleitet von den charakteristischen Stahlwürfeln auf den Balkonen oder Dächern – Klimaanlage ist Pflicht hier. Erstaunt sehe ich die ersten Leuchtreklamen von Siemens oder Braun, auch von anderen ausländischen Firmen. Nicht gerade Haus an Haus, aber ziemlich regelmäßig sind sie zu sehen, und auf den größeren Geschäften steht neben Persisch auch durchaus in Englisch, was es dort gibt.

Es ist nur wenig Betrieb auf den Straßen, dies erklärt sich allerdings dadurch, dass der Freitag dort unserem Sonntag entspricht. Der Samstag und der Sonntag sind ganz normale Werktage. An diesen Werktagen haben die Geschäfte bis 22 Uhr geöffnet, teilweise bis 23 Uhr, die Bars, Cafés und Restaurants maximal bis 24 Uhr. Danach ist Teheran wie ausgestorben, denn ein „offizielles“ Nachtleben gibt es nicht. Und freitags dann halt ein wenig früher.

Wir erreichen unser Hotel, ein 16stöckiges Gebäude, das vier Sterne sein Eigen nennt. Bzw. eigentlich nur 15 Etagen, aber es gibt keinen 13. Stock, auch im Aufzug springt das Lämpchen, das die Stockwerke anzeigt, direkt von 12 auf 14. Soweit ich weiß, ist dies in allen persischen oder arabischen Gebäuden der Fall, weil die Zahl 13 als Unglück bringend angesehen wird. Das Hotel beinhaltet im Erdgeschoss neben der Lobby außerdem noch ein Restaurant, eine Bar und den Speiseraum.

Wir checken ein, und ich bekomme ein Zimmer im 14. Stock. Na, wenigstens eine Steigerung zu meiner Arbeitsstelle, da residiere ich nämlich im 10. Stock. Drei große Aufzüge bringen uns nach oben, groß, aber wacklig. Ich bin eh schon kein Freund von Aufzügen, hier allerdings erwische ich den äußeren Aufzug, der nach dem 4. Stock an der verglasten Außenmauer des Hotels entlang fährt. Da darf ich nicht zu lange nach unten schauen. Aber solange ich geradeaus schaue, geht es und ich werde mit einem tollen Ausblick über das nächtliche, beleuchtete Teheran belohnt.

In meinem Zimmer bin ich angenehm überrascht. Teppichboden, großes Bett, Fernseher, Kühlschrank, Bademantel, kleiner Balkon, ja sogar ein Koran und ein Gebetsteppich in der Nachttischschublade – man hat an alles gedacht. Sieht zwar schon etwas älter aus, ist aber sehr akzeptabel, das Ganze. Was leider weniger für das anschließende Badezimmer gilt. Waschbecken und Toilette sind doch eindeutig in die Jahre gekommen und ziemlich wacklig, der Boden sieht auch nicht wirklich sauber aus, außerdem sind die Toiletten mit Vorsicht zu benutzen, sie verstopfen wohl ziemlich schnell. In der Dusche sind etliche Risse in den Kacheln und ohne Badeschlappen würde ich sie auch nur ungern betreten. Dreht man die Dusche auf, erklingt zunächst ein gurgelndes Geräusch, der Duschkopf spuckt zwei Tropfen Wasser aus und bleibt dann stumm. Genau in dem Moment, in dem man fragend den Kopf zur Dusche hebt, schießt das Wasser mit gefühlt 10 atü aus dem Duschkopf und versetzt einem den Knockout. Großartiges Erlebnis nach der stressigen Anreise.

Ich fahre noch einmal in die Lobby hinunter und treffe einen Bekannten aus Düsseldorf. Er hat die Tour auf eigene Faust gemacht, ist über Dubai eingereist, wohnt in einem benachbarten Hotel und ist noch bei uns, um etwas zu trinken. Ursprünglich waren sie zu zweit, aber seit heute Mittag ist das anders: sein Reisegefährte, ebenfalls aus Düsseldorf, ist nämlich in der Stadt verhaftet worden. Er hatte ein Ministerium fotografiert, welches wohl an der Außenmauer deutlich mit „No Photo“ gekennzeichnet war. Man mag über dieses Verbot den Kopf schütteln, aber wenn man es dann fotografiert, sollte man es zumindest aus sicherer Deckung tun. Dies ist anscheinend nicht geschehen. Doppelt dumm, dass der Kollege dann versuchte, sich der Löschung des Bildes durch Flucht zu entziehen. Jetzt sitzt er erst mal und ist verschwunden.

Nun, darauf gönne ich mir noch eine Cola, und zwar eine iranische der Marke Zam Zam, schmeckt etwas merkwürdig, aber nicht mal schlecht, und verabschiede mich dann aufs
Zimmer. Der Tag war anstrengend genug und am nächsten Tag geht es schon um 9 Uhr los. Außerdem will ich noch schnell zuhause anrufen. Mit dem Handy klappt das nicht, die zwei Funknetze, die der Iran anbietet, sind nicht kompatibel mit denen unserer Handys. Aber gut, dass ich es mitgenommen habe, denn es wird mir als Wecker treue Dienste leisten.

Telefonieren ist interessant, man muss die „9“ wählen und bekommt den Operator des Hotels an die Strippe. Man diktiert ihm auf Englisch langsam die Nummer und legt den Hörer auf. Fünf Minuten später ruft er zurück, stellt direkt durch und ich begrüße freudestrahlend — einen mir unbekannten Herrn Ruppert aus Bonn, der etwas angesäuert und ängstlich zugleich klingt. Kein Wunder, ist es doch in Deutschland halb elf abends an einem Freitag, man geht ans Telefon und hört eine Stimme in gebrochenem Englisch sagen: „Enghelab Hotel Teheran, I connect you!“ Da würde ich auch etwas nervös werden. Der Operator hat nämlich leider in die Rufnummer einen kleinen Zahlendreher eingebaut, sodass ich zwar in Bonn lande, allerdings bei jemandem, mit dem ich noch nie in meinem Leben gesprochen habe. Dies wird wohl auch in Zukunft so bleiben, denn er denkt an einen dummen Scherz und ist nicht geneigt, mir Glauben zu schenken. Grußlos legt er auf. Herzlos so was! Wo mich das Gespräch doch lockere 30.000 Rial für drei Minuten gekostet hat! Naja, versuche ich es halt morgen Abend noch einmal. Schnell noch durchs Fernsehprogramm gezappt, ich finde fünf Sender, alle iranisch, überall wird persisch gesprochen, ich verstehe kein Wort. Aber auf einem Sender läuft eine iranische Quizsendung, das sieht lustig aus, und man kann prima dabei einschlafen, was ich dann in Nullkommanichts auch tue. Am nächsten Tag soll ja schließlich Teheran entdeckt werden.

Samstag, 09.10.2004 – Spieltag –

Geweckt werde ich um 6.30 Uhr. Und zwar von einer Stimme im Radio. Da hat mein Vorgänger wohl vergessen, den automatischen Alarm auszustellen. Der Mann im Radio singt zwar ganz nett, auch wenn ich nix verstehe, aber er stört eindeutig. Mit gezieltem Hieb auf das in der Kommode eingebaute Radio wird er zum Schweigen gebracht. Lieber noch ein bisschen pennen.
Neuer Versuch um 8 Uhr dank des mitgebrachten Handys. Diesmal klappt es, als erstes riskiere ich einen Blick aus dem Fenster: vor mir liegt ein Teil Teherans, Beton so weit das Auge reicht, aus der Vogelperspektive. Aber am Horizont, hinter dem letzten Hochhaus ragen kahlen südlichen Abhänge des Alborz in den Morgenhimmel. Die Luft ist trocken und etwas drückend, es sind schon locker über 20 Grad draußen. Dann wollen wir mal!

Vor der Abfahrt spreche ich noch am „Cashier“ vor, einem Teil der Rezeption, an dem man seine Rechnungen bezahlen oder Geld tauschen kann. Letzteres tu ich nun und wechsle 50 € in Rial um. Sagen wir es mal so: ein griffiges Häufchen, das ich da zurück bekomme. Aber man ist generös, der Mann am Schalter spendiert auch zwei Gummis, mit denen man die Scheine zusammen halten kann. Dann werden sie lose in der Hosentasche transportiert, ins Portemonnaie passen sie eh nicht, dafür ist der Haufen viel zu dick, es sind insgesamt 515.000 Rial. Wenn man etwas bezahlen muss, wird einfach das Bündel herausgezogen, die entsprechenden Scheine abgezählt und aus dem Gummiband gezogen. Wie in diesen schlechten amerikanischen Filmen. Übrigens, wessen Kopf auf jedem der Scheine prangt, dürfte unschwer zu erraten sein, oder?

Nachdem der Umtausch erfolgreich ausgehandelt wurde, geht es auf die Straße. Und hier gibt es ein Problem: man muss die Straße überqueren, um zum Bus zu kommen.

Dazu ist Folgendes zu sagen: ich habe noch niemals einen solchen Straßenverkehr gesehen wie in Teheran. Man muss das wirklich mit eigenen Augen erblicken, um es zu glauben. London, Paris? Jeder iranische Fahranfänger würde sich totlachen. New York? Da fährt der Teheran-Kenner mit verbundenen Augen durch, ohne einmal anzuecken. Kairo? Ja, vielleicht würden Teheraner in Kairo auf der Straße mal ins Schwitzen kommen. Aber nur im Hochsommer.

„Chaotisch“ ist noch human ausgedrückt für das, was da vor sich geht. Da der Samstag normaler Werktag im Iran ist, sind die Straßen bereits um 9 Uhr morgens dicht. Eine Dunstglocke hängt über der Stadt, obwohl der Himmel wolkenlos ist. Auch riecht es permanent so, als ob man direkt hinter der Tankstelle wohnen würde. Das hat seinen Grund: zum einen ist der Teheraner ebenso gern Alleinfahrer wie wir Deutsche auch. Ein findiger Kopf hat mal ausgerechnet, dass im Durchschnitt in einem Teheraner Auto 1,3 Personen sitzen. Von Fahrgemeinschaften wird also nicht viel gehalten, entsprechend hoch ist die Anzahl der Fahrzeuge. Zum anderen kostet Benzin zwar nur circa 10 Cent pro Liter, aber neue Autos sind für die Normalbevölkerung ziemlich teuer. Also werden die alten Karren, für die man das Benzin nachgeschmissen bekommt, wirklich bis zum Exzess ausgefahren. Dass man dort beim Durchschnittsalter der Wagen noch nie etwas von einem „Katalysator“ gehört hat, dürfte klar sein. Derselbe findige Kopf von vorhin hat übrigens ausgerechnet, dass in der Teheraner Innenstadt pro Tag circa 8 Mio. Liter Benzin in die Luft geblasen werden. Ohne Katalysator natürlich. Dies erklärt auch, warum man das Alborz-Gebirge an „guten“ Tagen nur verschwommen im Hintergrund erkennen kann, obwohl es eigentlich nur knapp 8 km hinter Teheran liegt.

Außerdem liebt der Iraner das Hupen. Gehupt wird eigentlich immer, ob es nötig ist, oder nicht, alle paar Sekunden ist das Geblöke zu hören, oft noch drei- oder vierstimmig zur gleichen Zeit. Ich habe den Eindruck, manche hupen einfach mal so, um zu demonstrieren, dass sie noch eine Hupe haben. Als Gefahrensignal taugt das Horn nicht im Geringsten.

Okay, es gibt Fußgängerampeln und sogar Zebrastreifen. Gesehen hab ich sie. Die Auto- und Mopedfahrer – die gerne mal mit dem Helm am Lenker zu dritt auf so einem Maschinchen daher brausen – bestimmt auch, aber niemand scheint ihnen erklärt zu haben, wofür das gut sein soll. Als Fußgänger in Teheran ist man akut gefährdet, beim Überqueren einer Straße wahlweise angefahren zu werden oder vor lauter Stress einen Herzinfarkt zu erleiden. Es ist wirklich unfassbar, was sich auf der Straße abspielt. Nur rote Ampeln stoppen manchmal für wenige Sekunden den Verkehrsfluss, ansonsten wird einfach gefahren, bis es nicht mehr weiter geht, und dann die nächste Lücke gesucht. Dies gilt auch für die Stadtautobahnen. Hier erlebe ich am Samstag für genau dreißig Sekunden ungeahnte Glücksgefühle: der Bus fährt mal mit 80 km/h. Ansonsten ist bei 50 Schicht, weil einfach zu viele Fahrzeuge vor einem rumlungern. Wie gesagt: auf der Autobahn. Die sind im übrigen meist dreispurig, aber das nimmt der Teheraner nur als groben Anhaltspunkt. Vier-, fünf-, sechsspurig ist die Regel, auch in der Innenstadt, wer keinen Platz hat, der schafft sich welchen, und wer auf der Autobahn eine Ausfahrt verpasst, ist noch lange nicht aus dem Rennen. Ich erlebe es allein mit unserem Busfahrer zweimal: da wird einfach auf der äußersten rechten Spur abgebremst und „Warnblink ausgefahren“, bis das Gefährt steht. Hinter uns wird circa 14mal wild gehupt, aber schon schlängeln sich die Wagen links am Bus vorbei. „Schritt für Schritt“ wird nun rückwärts zurück gerollt, bis die gewünschte Ausfahrt erreicht ist. Stoppen, Blinker rechts setzen, sich in den Verkehrsstrom hineindrängeln (denn freiwillig reinlassen tut einen keiner) – fertig. So einfach geht das.

An jeder großen Kreuzung ergießen sich Automassen aus den Seitenstraßen, dass man sich die Augen reibt. Die fahren alle gemeinsam bis zur Mitte der Kreuzung, dann stockt es. Zwei- bis dreihundert Mal wird gehupt, wüste Beschimpfungen werden ausgetauscht, und nach einer Minute hat sich das Knäuel entwirrt und das nächste kann kommen. Unfassbar.

Interessant auch einige wenige Ampeln an den richtig großen Kreuzungen. Hier ist zwischen den Ampeln eine Digitalanzeige aufgehängt, die die Sekunden herunter zählt, bis die Ampel wieder umschaltet. Bei „grün“ wird schon mal ein Kniff probiert: ich sehe eine, die zählt runter: 20, 19, 18, dann spontan 4, 3, 2, 1, Ampel rot. Zurecht nimmt der Teheraner an, dies sei Beschiss und fährt einfach weiter. Auf manchen Kreuzungen stehen auch Podeste mit Verkehrspolizisten, die sich einen schönen Tag machen. Dieses Chaos zu lenken, haben sie längst aufgegeben, sie greifen nur noch bei Unfällen ein, oder wenn Fahrzeuge liegen bleiben. Dies passiert jedoch erstaunlich selten. Die Unfallstatistik des Iran ist wesentlich besser als die Deutschlands. Okay, so viel kann ja nicht passieren, Hochgeschwindigkeitsunfälle ab 100 km/h sind hier unbekannt. Aber trotzdem erstaunlich, denn diese Statistik bietet eine Schlussfolgerung an, die ich nach dem Gesehenen eigentlich nicht bereit bin, zu akzeptieren: dass die Leute in den Autos Überblick über das Chaos haben.

Hier über die Straße zu kommen, ist schon eine große Herausforderung. Wenn der Wagen, der auf der Spur direkt neben Bürgersteig fährt, ein Stück hinter seinem Vordermann fährt, nutzt man die Chance, tritt auf die Fahrbahn und hebt gebieterisch die Hand. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder er verlangsamt die Fahrt, dann muss man schnell weitergehen, denn anhalten wird er nicht, oder er hupt, dann muss man noch schneller weiter gehen, denn anhalten wird er nicht. So steht man dann mitten auf der Straße und rechts und links brausen die Autos auf Armeslänge vorbei. Man muss schnell die nächste Lücke finden, sie fahren zwar nicht mit Absicht über einen drüber, aber darauf verlassen würde ich mich nicht. Besonders adrenalinfördernd ist das bei den Mopeds, deren meist jugendliche Fahrer sich dann ein Spaß daraus machen, kurz vor dem Vorderreifen/Körperkontakt galant um einen herumzukurven, und zwar so nah, dass man die Augenfarbe seines Gegenüber erkennen kann.

Straße überqueren in Teheran ist wie Schwimmen lernen: man muss sich einmal trauen, dann schnell lernen, und dann geht’s oder man säuft ab. Ich rätsele seitdem, ob Fußgänger in Teheran, die eine fünfjährige Straßenüberquerung ohne nennenswerte Blessuren nachweisen können, eine Medaille verliehen bekommen. Ich würde es begrüßen.

Übrigens gilt dies alles nur für den Tag. Wie schon erwähnt, nachts tut sich kaum etwas auf Teherans Straßen. Da kann man auf der Autobahn zelten, es dauert ziemlich lange, bis man überfahren wird. Der Unterschied ist schon ziemlich beeindruckend.

Auf der anschließen Fahrt zum Golestan-Palast bekommt man einen ersten Eindruck von Teheran am Tage: neben Auto- und Menschenmassen besticht die Stadt, die schlappe 13 Mio. Einwohner hat, größtenteils durch ziemlich herunter gekommene Betonbauten. Unvermeidlich sind die Plakate oder Graffiti an den Hauswänden, auch wenn es schon wesentlich weniger geworden sein sollen. Sehr oft sind „Märtyrer“ abgebildet, vom Staat dazu gemachte „Helden des Krieges“, oft zusammen mit Chomeini. Auch ein Großteil der Straßennamen (die übrigens in Persisch und Englisch auf den Schildern stehen) wurde nach der Revolution geändert, viele tragen die Namen von sogenannten schahid, von im Krieg Gefallenen. Die Teheraner kennen sich mit beiden Namen aus, dem alten und dem neuen. Will man eine Adresse angeben, so sagt man meist: Frühere soundso, heutige xy. Oder aber, die etwas zynischere Variante: Frühere soundso, vorläufige xy. Auch ein Stückchen Widerstand.

Neben den Plakaten oder Wandmalereien mit bekannten Revolutionsführern oder „Märtyrern“, die immer eine natürlich unverständliche Botschaft auf Persisch enthalten, gibt es auch einige völlig unzweideutige Graffiti. Besonders krass wird dies an der ehemaligen amerikanischen Botschaft deutlich, die nicht weit von unserem Hotel entfernt liegt, und die man tunlichst nicht fotografieren sollte. Auf der Außenmauer prangt, so frisch als ob es gestern nachgepinselt worden wäre, der Schriftsatz: „Chomeini says, The Americans will face a severe defeat“, anscheinend liebevoll gepflegtes Schriftgut aus der Zeit der Botschaftsbesetzung 1980. Daneben ist die Freiheitsstatue aufgemalt, ihr Kopf ist ein Totenkopf. Wiederum daneben befindet sich ein Colt in den amerikanischen Nationalfarben. Und noch so einiges mehr. Aber wie gesagt: solche Graffiti sind selten geworden in der Stadt.

Sie werden mehr und mehr abgelöst durch großflächige Werbeplakate. Völlig baff bin ich, als ich eine Werbetafel der Firma Braun entdecke. Nun gut, ein Rasierer oder Barttrimmer in einem Land, in dem 99% der Männer Bart tragen, das ist durchaus zu verstehen. Geworben wird aber unübersehbar für „Braun silk épil“, das erstaunt dann doch etwas.

Nachdem es tatsächlich allen Teilnehmern gelungen ist, ohne Verletzungen die Straße zu überqueren, wird der Bus an der Vorderfront noch mit der Deutschland-Fahne geschmückt, die ein Teilnehmer spendiert hat. Dies verschafft uns einen anstrengenden Tag, denn wann immer Passanten oder Autofahrer den Bus mit der Fahne sehen, winken sie wie wild und natürlich muss zurück gewunken werden. Man könnte meinen, wir wären die Nationalmannschaft.

Wir besichtigen den Golestan-Palast. Schon im 17. Jahrhundert war hier ein Park mit einem Palastgebäude errichtet worden. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Anlage zum Stadtpalast der Qadjaren (Herrschergeschlecht bis 1925) ausgebaut. Heute umfasst der Komplex mehrere Museen. Die Außenfassaden sind mit farbigen Fliesen bedeckt, ein offener Saal mit Holzsäulen birgt einen kunstvoll gestalten Marmorthron. Das Innere dieses Saales ist vollständig mit Spiegelelementen und verzierten farbigen Gläsern ausgestattet. Und noch so einiges mehr, eine beeindruckende Anlage.

Anschließend geht es zum Glas- und Keramikmuseum. Die Exponate sind für mich eigentlich weniger interessant, wohl aber das Gebäude. Es handelt es sich um eine schicke Villa mit reichhaltigen Verzierungen an der Außenwand, schön inmitten eines kleinen Parks mit Springbrunnen gelegen, ein ungewöhnlicher Anblick, so mitten in der Stadt. Im Inneren auf beiden Stockwerken gepflegtes Parkett, hohe Räume, eine breite Wendeltreppe, die nach oben führt, auf dem Treppengeländer und an den Wänden reichlich schönes Schnitzwerk. Da hat man dem Museum eine nette Hütte gebaut. Hat man aber gar nicht, denn unser Reiseführer klärt uns auf, dass das Gebäude einst (1920 erbaut) das schlichte Wohnhaus eines persischen Politikers gewesen ist. Für ein „stinknormales“ Wohnhaus ist es sehr imposant. Auch früher muss man also wohl schon die ein oder andere Münze mit politischer Tätigkeit verdient haben.

Bevor es mit dem Bus weitergeht, versuche ich mich erstmals in alleiniger Straßenüberquerung, und es gelingt. Stolz wie Oskar entere ich sodann einen kleinen Laden mit Lebensmitteln und allem möglichen Krimskrams, der mit Waren dermaßen voll gestopft ist, dass im Mittelgang wirklich nur Platz für zwei Personen bleibt. Dort werden Getränke nachgekauft, und hier findet ein Mitreisender auch tatsächlich die bereits erwähnte Flasche Jever Fun. Deutschland ist wirklich überall. Das müsste allerdings nicht sein, denn es soll grauenvoll geschmeckt haben. Tja, made in Germany steht halt nicht immer für Qualität.

Nun fahren wir zum Essen. Das Restaurant liegt in einem Kellergewölbe, kein Spaß für Leute über 1,80, denn die Decken sind ziemlich niedrig. Am oberirdischen Eingang wird man
zunächst auf eine Opiumhöhle vorbereitet, denn der „Türsteher“, ein schon ziemlich alter Mann, verbrennt in einer Keramikschale andauernd rätselhafte Kräuter, die ziemlich penetrant riechen. Sie scheinen ihre Wirkung allerdings nicht zu verfehlen, denn er lächelt die ganze Zeit über selig.
Das Essen selbst ist sehr schmackhaft, aber vor allem reichhaltig, ich glaube, niemand aus der Gruppe hat es geschafft, alles wegzuputzen, was da auf den Tisch kam. Man beginnt mit der Vorspeise, es wird Fladenbrot gereicht, welches in unzähligen Varianten im Iran verbreitet ist und als Vorspeise sehr geschätzt wird. Dazu gibt es eine Joghurtsauce, die eigentlich auch immer auf dem Tisch steht, und Grünzeug, das in einer kleinen Schale gereicht wird und mit den Finger gegessen wird. Außerdem kommt noch ein Teller mit Gurken, Tomaten, Zwiebeln und Ziegenkäse auf den Tisch. Wenn irgend eine dieser Speisen vom Tisch verschwunden ist, wird sie kommentarlos ersetzt, was uns zu dem Schluss gelangen lässt, es handele sich bereits um das Hauptgericht. Weit gefehlt, das kommt eine halbe Stunde später, als man schon eine erhebliche Lücke im Magen gestopft hat: große ovale Teller mit Kebab. Iraner lieben Kebab, wenn man beispielsweise in ein Restaurant geht und ohne Blick auf die Karte fragt: „Was haben Sie denn?“, dann lautet die Antwort meistens: „Alles!“ Damit sind nicht obskure Speisenkreationen gemeint, sondern alle Kebabs! Außer dem Schwein natürlich, wird fast jede essbare Tierart verhackstückt und am Spieß gegrillt. Dies geschieht übrigens über dem offenen Feuer und nicht an einem Drehspieß, wie man es in Deutschland in der ein oder anderen Imbissbude besichtigen kann.
Heute gibt es ein Kebab aus Hackfleisch (bzw. es werden immer zwei Kebabs serviert), dazu gedünstetes Gemüse (Broccoli, Zucchini, Pilze) und natürlich Reis. Reis ist Grundnahrungsmittel im Iran, es gibt über 150 verschiedene Sorten und Arten, ihn zu servieren. In diesem Falle handelt es sich um eine Portion normalen Reis, eine Portion, in die Butter eingemengt wird und eine Portion, die dem sogenannten Basmati-Reis ähnelt.
Warum ich das so ausführlich beschreibe? Nun, zum einen sitzen an den Nachbartischen auch ganz normale Iraner, die dasselbe bekommen, auch was die Größe der Portionen angeht. Nicht, dass es heißt, wir würden bevorzugt behandelt. Zum anderen wollte ich mal verdeutlichen, was man im Iran für umgerechnet knapp 5 € als Mittagessen bekommt. Mehr kostet es nämlich nicht.

Von jetzt an beginnt die aktive Spielvorbereitung. In den Bus zurück gekehrt, zeigt das digitale Thermometer draußen 32°, drinnen 38°. Letzteres wird aber mit vollem Einsatz der Klimaanlage schon bald nur noch Geschichte sein, die entsprechende Erkältung gibts kostenlos oben drauf. Es geht nunmehr zum Azadi Grand Hotel, in dem auch die deutsche Nationalmannschaft logiert. Die Idee ist, am Nachmittag hinter dem Mannschaftsbus zum Stadion zu fahren, weil dieser sicherlich eine Eskorte bekommen wird, um zügig durch den Stau zu gelangen. Das Azadi liegt im Norden Teherans, da, wo es am Fuße der Berge etwas kühler ist und wo die Bessergestellten wohnen, unter anderem übrigens auch Rainer Zobel, der derzeit eine der 15 Mannschaften trainiert, die aus Teheran kommen. Der Weg dorthin führt über die Autobahn immer schön bergauf. Die Verkehrsdichte ist die bereits oben beschriebene. Und um wieder mit einem gängigen Vorurteil aufzuräumen: natürlich dürfen Frauen im Iran auch Auto fahren. Die erste sehe ich auch gleich hinter dem Steuer eines Unfallwagens, vier Autos sind ineinander gefahren, es ist allerdings nur wenig Blechschaden zu sehen, dafür halten sie ungerührt die komplette linke Spur besetzt.

Und während man noch darüber staunt, dass dies tatsächlich der allererste Unfall ist, den man zu Gesicht bekommt, kracht es an unserer rechten Seite. Da ist uns tatsächlich einer reingefahren. Das hat gerade noch gefehlt. Natürlich halten wir auf der Mittelspur an, der Unfallverursacher parkt direkt daneben, sodass es uns gelingt, anderthalb Spuren zu blockieren. Der Fahrer wird zunächst einmal bleich, als er die Deutschlandfahne am Bus sieht, und er entschuldigt sich wortreich. Plötzlich eilt ein Polizist im Laufschritt den Berg hinab, an der Leitplanke entlang, wo eigentlich ein Seitenstreifen sein sollte, der aber gerne mal als vierte Spur genutzt wird. Der Mann ist zu Fuß unterwegs und verdächtig schnell da. Natürlich beginnt dann das übliche große Palaver, wie man es nach jedem Verkehrsunfall kennt, aber es geht erstaunlich fix, nach 10 Minuten sind wir wieder unterwegs. Gerade noch rechtzeitig, um großes Kino zu erleben.
Denn neben uns fährt ein Wagen heran, in dem fünf ziemlich jugendliche Insassen sitzen. Sie sehen die Deutschland-Fahne, woraufhin sich ein kleiner Stöpsel auf dem Beifahrersitz, vielleicht 12 Jahre alt, mit Kopf und komplettem Oberkörper aus dem Seitenfenster hängt und die iranische Flagge präsentiert. Bald geht uns auf, was sie vorhaben, sie wollen die Fahne tauschen, was natürlich überhaupt nicht in Betracht kommt. Aber sie lassen nicht locker und verleiten ihren Fahrer zu tollkühnen Aktionen, um auf sich aufmerksam zu machen. Mal kreuzt er hinter unserem Heck von der linken auf die rechte Seite und umgekehrt, mal setzt er sich einfach vor uns, bremst ab, schaltet die Warnblinkanlage an und sorgt für eine ellenlange Schlange auf unsere Spur, und sein Meisterstück liefert er ab, als wir die Autobahn an der Ausfahrt verlassen, die uns zum Hotel bringt: er befindet sich in diesem Moment unglücklicherweise vor uns, was ihn aber nicht im mindestens stört. Halsbrecherisch dreht er mitten auf der Autobahn einen U-Turn, schlängelt sich durch die Reihen bremsender und wütend hupender anderer Fahrzeuge hindurch, hupt fröhlich zurück und kriegt tatsächlich noch die Ausfahrt, auch wenn er dabei ein Stück über den Rasen fahren muss. Und während der ganzen Zeit hängt der Beifahrer aus dem Fenster und wedelt mit der Fahne. Ich glaub, in Deutschland müsste der Fahrer danach noch nicht einmal anfragen, ob er jemals seinen Führerschein wieder bekommt.
Am Hotel angekommen (ebenfalls ein Riesenbau mit circa 20 Stockwerken), begeben wir uns in die Lobby. Hier ist der Teufel los, die Lobby ist überfüllt mit Journalisten, Security-Leuten, Hotelgästen und jugendlichen Fans, die hoffen, dass die Mannschaft sich blicken lassen wird. Erstaunlich vor allem eine stattliche Anzahl junger Mädchen, die sich mit Michael-Ballack-Postern am Eingang versammeln. In dieser Lobby sitzen wir nun anderthalb Stunden ab, nur um dann zu erfahren, dass wir doch nicht dem Mannschaftsbus hinterher fahren können und uns unseren Weg selbst suchen müssen. Diese anderthalb Stunden sind aber keineswegs langweilig, man kommt mit den Einheimischen ins Gespräch und muss Unmengen von Fotos von sich machen lassen. Langsam überlege ich, ob ich nicht doch zur Mannschaft gehöre und es nur vergessen habe. Diese Begeisterung ist schon erstaunlich.

Schließlich machen wir uns auf den Weg zum Stadion. Die Autobahn ist knüppelvoll, was aber nicht daran liegt, dass die alle zum Spiel wollen. Im Gegenteil, das sind die Wagen, die nicht zum Stadion fahren. Wir schleichen uns durch und gelangen schließlich zum Azadi Sports Complex, einer riesigen Anlage mit weitläufigen Parkflächen und noch der ein oder anderen Halle auf dem Gelände, was sich dadurch erklärt, dass dieser Sprto-Komplex als Olympia-Stützpunkt dient, in dem sich die Teilnehmer von so einigen Sportarten gemeinsam auf die Wettkämpfe vorbereiten.

Nachdem plötzlich ein gutes Hundert jugendlicher Fans auf uns zugestürmt kommen, wohl weil sie denken, dies sei der Mannschaftsbus, werden wir durch einen separaten Eingang auf einen Parkplatz gelotst, der sehr nah am Stadion liegt. Der Eingang ist nach noch nicht einmal zwei Minuten erreicht. Über ihm prangt ein Schild, das verkündet, dass es sich hierbei um den Eingang für geladene Gäste und die Presse handelt. Passend dazu steht auf unseren Eintrittskarten „VIP“, was man aber nicht überbewerten sollte, es bedeutet nur, dass wir in einem separaten Block untergebracht werden, der von der Lage zum Spielfeld her als Haupttribüne dient. Ansonsten unterscheidet er sich in keinster Weise von den übrigen Blöcken.

Nach dem Einlass geht es kurz durch einen Tunnel und dann rechts einige Stufen hinauf, hier erstreckt sich ein Gang bis zum Tribüneneingang. An diesem Gang liegen links die Toiletten und rechts zwei Sprecherkabinen, in der einen befindet sich das iranische Fernsehen, an der Tür der anderen sagt ein Schild „ZDF“, hier halten die Herren Poschmann und Beckenbauer Hof. Hinter den Kabinen geht es links auf die Tribüne.Ohne die geringste Kontrolle (außer, dass die Eintrittskarte eingerissen wird) kommen wir hindurch und betreten das Stadion um 17.30 Uhr, 2 Stunden vor dem Spiel. Mal sehen, wie es da aussieht.

Das Stadion ist voll. Sehr voll. Mehr als voll. Laut offiziellen Angaben passen 90 – 100.000 Menschen hinein, aber man hat schon gehört, dass man heute „ein paar mehr reinlassen“ werde. Offiziell werden es hinterher 110.000 Zuschauer sein. Mindestens. Circa 105.000 davon sind bereits da, zwei Stunden vor dem Spiel. Unfassbar.

Das hat jedoch seinen guten Grund, wie wir erfahren. Es gab in Teheran nämlich keinen Vorverkauf für das Spiel. Erst am Spieltag um 12.00 Uhr öffneten die Kassen. Hinzu kommt,
dass der Sportkomplex ein wenig außerhalb liegt. Da lohnt es sich gar nicht erst, wieder heimzufahren. Mein Bekannter aus Ratingen, den ich beim Einchecken traf, war am Freitag beim Abschlusstraining der Mannschaft im Stadion und berichtete, dass Tausende von Iranern vor dem Stadion gezeltet haben, um am nächsten Tag auch pünktlich an den Kassen zu sein.

Das Stadion selbst ist natürlich riesig, die Zuschauer auf der Gegentribüne sehen winzigklein aus, aber diese vielen kleinen Punkte da drüben geben einen guten Aufschluss darüber, wie viele Menschen hier schon vor Ort sind. Besonders stolz ist man auf die nagelneue Anzeigetafel, die heute Premiere hat. Die Firma, die sie installiert hat, fertigt normalerweise diese Anzeigetafeln für die Börsenplätze, hat noch nie etwas mit Fußball am Hut gehabt und ist dementsprechend nervös. Aber es klappt alles, die Anzeigetafel funktioniert ohne Probleme. Während des Spiels wird sie übrigens die Bilder der ZDF-Fernsehkamera übernehmen, so dass auch Zuschauer, die weiter weg vom Geschehen sitzen, alles mitbekommen.

Unübersehbar prangen auf dem Abschluss der Gegengerade auch wieder die überdimensionalen Porträts der Revolutionsführer Chomeini und Chamenei, die von eigenen Scheinwerfern angestrahlt werden. Ohne die beiden kommt man hier wirklich nicht aus.

Und während man sich jetzt darauf vorbereitet, zwei Stunden lang nix oder höchstens irgendwelche Suren aus dem Koran zu hören, starten die Iraner eine richtig fette Party. Das Flutlicht wird gedimmt, damit man die Lasershow auf dem Rasen besser erkennen kann. Dorthin zaubert die Lichtmaschine alle paar Sekunden ein neues Bild oder einen Schriftzug. „Herzlich willkommen“ steht dann da, oder auch „Welcome“, die deutsche Flagge wird gezeigt und immer wieder das Motto, unter dem die Veranstaltung läuft: „Bam is alive!“ Man trotzt der Trauer und der Zerstörung, und das ist auch gut so. Untermalt wird das Ganze mit – kaum zu glauben, aber wahr – Techno-Mucke, dass es nur so kracht. Natürlich können sie sich einen Seitenhieb auf die USA nicht verkneifen, das erste Lied ist eine knüppelharte Version von Kim Wildes „In Cambodia“, die anderen Lieder kenne ich nicht. Bei jedem neuen Lied jubeln 100.000 lautstark auf und auch in unserer Umgebung wippen die ein oder anderen sich im Takt. Hierzu muss man wissen, dass westliche Musik in weiten Teilen des Landes immer noch als verpönt gilt, Discotheken gibt es nicht, getanzt wird höchstens mal auf einer Hochzeit, und ich glaube, noch nicht mal da. Es ist fast schon revolutionär, was hier abläuft. Und wer nun sagt, dass das alles schön von oben gesteuert ist, der möge versuchen, sich vorzustellen, dass irgendwelche greisen Ayatollahs eine 100.000-Mann-Techno-Party organisieren. Das wäre so ziemlich dasselbe, als wenn der Papst öffentlich zur Massenorgie aufrufen würde. Nein, natürlich ist das genehmigt, aber die Stimmung, die das Volk macht, wird unter Garantie nicht gerne gesehen. Das Volk kümmert dies jedoch nicht die Bohne.

Nach einem Moment der Ruhe betritt die deutsche Nationalmannschaft den Rasen. Nein, nicht, weil das Spiel in Kürze beginnt. Auch nicht, weil sie zum Warmlaufen kommt, dafür ist es noch viel zu früh. Nein, die Herren betreten in ihren schicken Anzügen den Rasen, um selbigen in Augenschein zu nehmen.

Ein infernalischer Lärm bricht los, Jubel, Gesänge, Tröten, Trompeten, Trommeln, alles auf einmal. Überall tauchen deutsche Fahnen und Fähnchen auf. Da wird auch großzügig übersehen, dass auf einer der Fahnen noch Hammer und Zirkel prangt. Da hat wohl irgend jemand irgend jemanden übers Ohr gehauen. Einige Hundert Fans hängen auf dem Geländer, dass die Blöcke vom Innenraum trennt, sie winken und rufen. Ein nicht ungefährliches Unterfangen, denn hinter dem Geländer kommt erst einmal ein kleiner Betongraben, bevor man auf die Laufbahn kommt, die sich um das Spielfeld zieht. So wie die ausflippen, besteht akute Gefahr, dass jemand in den Graben stürzt, aber es geht alles gut. All das nur, weil die deutsche Mannschaft mal eben kurz auf den Platz kommt. Unglaublich.

Wenn dazu eine Anmerkung erlaubt ist: ich bin beileibe kein Spießer und bevorzuge auch die lässige Umgangsform. Aber wenn man als Mannschaft anderthalb Stunden vor dem Spiel auf den Rasen kommt, dermaßen empfangen wird und vor allem weiß, aus welchem Grund man hier ist, dann könnte man dem Gastgeber eventuell ein wenig Respekt zeigen. Vielleicht könnte man es sogar schaffen, in den fünf Minuten, die man sich draußen aufhält, die Hände aus den Taschen zu nehmen. Die deutsche Mannschaft schafft es leider nicht und macht daher den Eindruck, soeben lässig auf der Strandpromenade entlang zu spazieren und Ausschau nach dem nächsten Eimer Sangria zu halten, anstatt dass sie sich auf ein Spiel vorbereitet, das aufgrund 30.000 Toter ausgetragen wird. Schade. Wie gesagt, nur ein kleiner Randaspekt, ich wollte es aber nicht unerwähnt lassen.

Besonders bejubelt wird Jürgen Klinsmann, eigentlich erstaunlich, waren es doch er und der heutige Teammanager Oliver Bierhoff, die beim bislang einzigen Länderspiel beider Nationen gegen einander, bei der WM 1998 in Frankreich, mit ihren Toren für den 2:0-Sieg der Deutschen und somit für das Ausscheiden der Iraner in der Vorrunde sorgten. Vergessen und vorbei, als die Kamera Klinsmann filmt und diese Aufnahmen auf die Anzeigetafel geworfen werden, wird der Jubel fast noch größer. Er scheint hier nicht nur einige, sondern einige viele Freunde zu haben.

Besonders beliebt ist er bei den weiblichen Fans. Jawohl, es sind Frauen und Mädchen in unserem Block. Eine weitere kleine Revolution, denn Frauen ist das Betreten des Fußballstadions normalerweise untersagt. Da sie Männern in kurzen Hosen in der Öffentlichkeit nicht begegnen dürfen (deshalb ist Männer das Tragen von kurzen Hosen ja auch verboten), dürfen sie sie natürlich erst recht nicht in selbigen spielen sehen. Aber für heute wird eine Ausnahme gemacht und die meisten Frauen, die sich bei uns im Block befinden, sind zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Fußballstadion. Und auch wenn im Fernsehen davon die Rede ist, dass es sich nur um „ausgewähltes Publikum“ handelt, nämlich um weibliche Botschaftsangehörige, die in den verschiedenen Ländervertretungen arbeiten, so habe ich bei den knapp 12-15jährigen Mädels vor mir da doch so meine Zweifel. Aber natürlich sind auch einige zugegen, die z.B. in Deutschland studieren oder gar wohnen und nur zu Besuch in der Heimat sind. Eine z.B. schwenkt immer wieder ein kleines Transparent, auf dem steht: „Teheran grüßt Kölle & D’dorf“. Da wird sogar noch ein Beitrag zur Völkerverständigung unter Deutschen geleistet!

Weiter geht es mit Live-Musik, einigen Einspielungen auf der Anzeigetafel sowie irgendwelchen Erklärungen, die der Stadionsprecher verliest und die kein Mensch versteht. Dann kommen bereits die iranischen Spieler zum Warmlaufen auf den Rasen und werden genauso frenetisch begrüßt. So langsam wird es Ernst. Es könnte also nicht schaden, vorher nochmal aufs Klo zu gehen.

Die Schlange ist entsprechend lang, da nur vier Toiletten zur Verfügung stehen. Wie die aussehen, nachdem sie schon seit Stunden von Hunderten von Menschen benutzt worden sind, kann sich jeder lebhaft vorstellen, zumal öffentlichen Toiletten im Iran auch in halbwegs sauberem Zustand nicht gerade vertrauenserweckend wirken. Wer jemals an einer französischen Landstraße auf einer Raststätten-Toilette war, der weiß, wie er sich öffentliche Toiletten im Iran vorzustellen hat. Aber mich schockt das nicht, schließlich sieht es in jedem Oberliga-Stadion nahezu gleich aus. Inklusive Schlange.

Instinktiv habe ich aber die falsche Zeit gewählt, denn mit einem Ohr höre ich, wie draußen über Lautsprecher die Stimme des Imams erklingt. Abendgebet, ich meine sogar, vorverlegt, weil es ansonsten in die Spielzeit fallen würde. Kurz darauf drängen sich etliche Iraner an uns vorbei in den Raum. Nicht, weil die Inbesitznahme von Toiletten irgend etwas mit dem Abendgebet zu tun hätte, sondern weil sie für ihre rituellen Waschungen eben an die Waschbecken müssen. Der letzte Satz ist extra für diejenigen typisch deutschen Urlauber bestimmt, die sofort wieder eine Verschwörung wittern und mit den Worten: „Ey, hinten anstellen!“ gegen den Strom drängen. Mal wieder clever gemacht. An einem deutschen Bollwerk führt halt selbst auf dem Klo kein Weg vorbei.

Wobei die Iraner bei diesem Gebet sowieso schon ihre Probleme haben. Denn normalerweise können sie ja auch die Waschbecken auf der Frauen-Toilette problemlos mitbenutzen, es sind ja nie weibliche Zuschauer da. Da dies diesmal anders ist, ergibt sich für kurze Zeit eine gewisse Konfusion, die sich aber genauso schnell wieder legt wie ich es tagsüber schon auf der Autobahn bewundert habe. So, nachdem dies alles geklärt ist, können wir vielleicht langsam zum Fußball übergehen.

Beide Teams betreten das Feld, die Nationalhymnen sollen gespielt werden. Zuvor trägt jedoch ein Sprecher über Mikro noch eine Sure aus dem Koran vor. Ich habe keine Ahnung,
worum es dabei geht. Dies gilt für den Rest des Stadions ebenfalls, denn er liest auf arabisch vor, und das hat nunmal mit Persisch nicht ganz so viel zu tun. Danach erklingt die deutsche Nationalhymne.

Und hier muss ich mal kurz auf die Fernsehbilder eingehen, die ich nach der Reise gesehen habe. Unübersehbar wird in einem Fan-Block der Iraner nämlich während des Liedes der linke Arm ausgestreckt in den Himmel gehalten. Diese Geste ist natürlich für jedermann verständlich, selbst ZDF-Reporter Rethy, ansonsten nicht gerade mit dem Spitznamen „Blitzmerker“ gesegnet, merkt sofort, was los ist und spricht von „Perversen Auswüchsen“. Wie wahr. Aber war das wirklich der Hitler-Gruß? Ich bin da etwas unentschieden.

Zum einen: ja. Es ist ja nicht das erste Land in Nahost oder Nordafrika, in dem das auffällt. Wer schon mal in Ägypten, Tunesien oder Marokko war, der weiß, was ich meine. Und je näher man nach Israel gelangt, desto schlimmer wird es. Das kann man diesen Leuten auch absolut nicht ausreden, schon gar nicht binnen weniger Tage, sie reagieren da wirklich mit Unverständnis. Deshalb kann es durchaus sein, dass mit dieser Geste der Hitler-Gruß gemeint war. Ich möchte aber ganz klar darauf hinweisen, dass wir während unseres gesamten Aufenthaltes und zahlreichen Gesprächen mit Einheimischen jeden Alters nicht einmal darauf angesprochen wurden. Ganz im Gegensatz zu den bereits genannten Ländern.

Aber ich weiß nicht so recht. Die äußerst zahlreiche vertretene Polizei und Security, die tatsächlich im Trainingsanzug Dienst schieben, juckt das Ganze nicht die Bohne. Und die müssten eigentlich einschreiten, denn auch die Führung weiß natürlich, in wieviele Länder dieses Spiel übertragen wird, und man will eigentlich immer um jeden Preis vermeiden, im Ausland dumm aufzufallen. Wenn diese Geste also nicht noch irgend etwas anderes bedeuten könnte, von dem wir wiederum nichts wissen, wäre es eine höchst riskante Aktion für die Leute im Block gewesen, denn die Polizeikräfte im Stadion sind nicht gerade zimperlich. Ich bekomme selbst mit, wie während des Spiels vereinzelt Leute aus dem Nachbarblock gezogen und abgeführt werden, Vergehen unbekannt, und ich sehe auch einen Zuschauer, der nicht weit entfernt von mir einem Security-Mann die Fotos zeigen muss, die er mit dem Handy gemacht hat, und auf Geheiß des Trainingsanzug-Trägers einige davon wieder löschen muss.

Auch bietet sich der Gedanke an, dass diese Leute vielleicht tatsächlich meinen, dies wäre der normale offizielle Gruß in Deutschland. Das klingt jetzt natürlich richtig behämmert und hinterwäldlerisch, ich komme aber darauf, weil mir diese Frage tatsächlich schon einmal ernsthaft gestellt worden ist, auch wenn es schon etwas länger her ist. Das Jahr: 1987. Der Ort: Eine High-School in Ames/Iowa, in den Vereinigten Staaten. Nur mal so zum Nachdenken.

Also, da uns niemand in den drei Tagen unseres Aufenthaltes auf diese Art und Weise nahe getreten ist, dürfen letzte Zweifel erlaubt sein, auch wenn ich geneigt bin, der Sichtweise des Herrn Rethy zuzustimmen.

Die nächste Demütigung für Deutschland gibt es dann beim Spielbeginn. Pünktlich mit dem Anpfiff trollen sich die bestimmt einhundert Journalisten, die die Mannschaften während der Hymnen fotografiert haben – und wandern geschlossen hinter das deutsche Tor! Das tut weh, zumal der Iran dann auch schon nach elf Sekunden die erste Ecke herausholt. Da muss sich Klinsis Truppe wohl erst einmal wieder eine Menge Vertrauen erspielen, bevor die Journaille freiwillig wieder hinter das gegnerische Tor wechselt, weil sie vermuten, dort bei einem Treffer hautnah dabei zu sein.

Die deutsche Nationalmannschaft erkennt auch sofort den Ernst der Lage und schießt in bester Eigenwerbung nach vier Minuten das 1:0 durch Fabian Ernst. Da ist es auf den Rängen erst mal still. Für circa 20 Sekunden. Dann geht es wieder von vorne los. Die interessiert das anscheinend überhaupt nicht. Ebenso wenig wie die iranischen Spieler, die jetzt loslegen wie die Feuerwehr. Da Deutschland munter dagegen hält, wird es eine abwechslungsreiche erste Halbzeit. Mein Mann des Spiels: Karimi. Den kannte ich vorher nicht, wie auch, der spielt bei Al Ahli Dubai, und da komme ich eher selten vorbei. Außerdem ist dieses Emirat auch trotz des wiederholten unsinnigen Kanal-Killens meines Kabelbetreibers ish während meines Urlaubs noch immer nicht auf meinem Fernseher präsent. Vielleicht ein Fehler, wie sich schnell heraus stellt. Vor dem Spiel wurde noch mitleidig gelächelt, als der Mann als „Asiens Maradona“ betitelt wurde. Nach der ersten Halbzeit könnte man glatt sagen, es wurde ein wenig untertrieben. Was der mit dem Ball und seinen Gegenspielern zeitweise macht, treibt dem deutschen Fan abwechselnd Freuden- oder Wuttränen in die Augen. Mehrere Male lässt er seine jungen Gegenspieler so richtig alt aussehen, und wir haben Glück, dass auch er das große Manko aller Fummelkünstler hat: zumeist spielt der sich mit voller Absicht noch selbst drei Knoten in die Beine, nachdem er drei Gegenspieler ausgetanzt hat, bevor er freiwillig den Ball abgibt oder einen finalen Pass schlägt. Aber trotzdem ganz großer Sport, den der Mann da zeitweise zelebriert.

Hüben wie drüben gibt es gute Chancen, beide Abwehrreihen sind manchmal nicht allzu sattelfest, die Torhüter müssen eingreifen. Und insbesondere Jens Lehmann zeigt eine Parade nach der anderen und ist auch als mitspielender Torwart hinter der Abwehr stets im Bilde. Eine tadellose Leistung, die den Kampf um die Nr. 1 im deutschen Tor wieder spannend macht. Der gute Sepp Maier lehnt übrigens Luftlinie zwanzig Meter von mir entfernt an der Seite der Trainerbank und verfolgt das Ganze regungslos. Er ahnt wohl schon, dass dies sein letzter Auftritt als Bundestorwarttrainer sein wird. Und das ist auch gut so. Selbiges würde ich auch schreiben, wenn Maier Liga-Torwarttrainer bei Arsenal wäre und Olli Kahn regelmäßig verbal bescheinigen würde, eh keine Chance zu haben. So einer geht gar nicht. Und dass Uli Hoeneß sich beeilen wird, nach Sepps Demission und der Installierung von Andy Köpke dem Klinsmann „Vetternwirtschaft“ vorzuwerfen, zeigt nur, welch schlechte Verlierer die Bayern sind, wenn jemand anders ihre Methoden kopiert.

Während der ersten Halbzeit gibt es übrigens ein wenig Unruhe in unserem und im Nachbarblock. Es fliegen Gegenstände hin und her. Nanu, bin ich hier doch in der Oberliga? Aber nachdem so ein Teil in meiner Nähe gelandet ist, klärt sich das: es sind Tüten mit Bonbons, die jeweils von den Blockseiten mittels ungezielten Wurfs unters Volk gebracht werden. Na, da brauch ich wenigstens das Snack-Paket nicht anzugreifen, das wir vor dem Spiel noch bekommen haben. Es besteht aus einem Beutel Pistazien, einer kleinen Tüte O-Saft sowie einem Gebäckstück. Mutet alles etwas nach Kino-Vergnügen an, ist allerdings gut gedacht, denn ich habe auf und vor der Tribüne nicht einen einzigen Verpflegungsstand gesehen. Da muss man sich anscheinend selbst etwas mitbringen. Leider gilt dies auch für diverse Fan-Devotionalien, es gibt keine Freundschaftsschals oder Ähnliches zu kaufen. Schade.

In der zweiten Halbzeit ist das Spiel schnell entschieden, prima Angriff über rechts, Görlitz setzt sich durch und flankt in die Mitte und dort steht völlig frei Thomas Brdaric. Der bekommt den Ball so maßgerecht auf den Kopf serviert, dass er ausnahmsweise darauf verzichtet, sich erst fallen zu lassen und einen Elfer zu schinden, sondern die Kugel direkt versenkt. Ja, der Mann ist lernfähig, das muss Hoffnung machen!

Jetzt wird es merklich ruhiger im Stadion, zumal beide Trainer, wie angekündigt, durch zahlreiche Auswechslungen den Spielfluss mal so richtig zerstören. Aber alle sollen an diesem Erlebnis teilhaben, und das ist auch gut so.
Mit diesen Einwechslungen beginnt auch die ungewollte Demütigung des Stadionsprechers. Der hat sich bisher geschickt und auch gut durch die Nennung der deutschen Spielernamen laviert, selbst „Brdaric“ hat er verständlich hinbekommen. Jetzt gibt Klinsi ihm den Rest. „Asamoah“ schafft er noch, „Hitzlsperger“ ist schon nur noch zu erkennen, wenn man den Spieler selbst kennt und weiß, was kommt. Bei „Podolski“ und „Borowski“ bricht seine Stimme, bei „Mertesacker“ und „Schweinsteiger“ gibt er dann auf. Ein Glück, dass die WM 2006 im eigenen Land statt findet!

Da sich nach dem 2:0 nicht mehr allzu viel auf dem Rasen tut, wird die einheimische Fan-Szene begutachtet. Und das lohnt sich. Sie haben auch einen Einpeitscher, allerdings ohne Megaphon. Der Herr ist kein Jahr jünger als 50 und wechselt ständig zwischen unserem und dem Nachbarblock. Er stellt sich jeweils auf das Geländer ganz unten am Block und zieht die Stimmungskanone, sprich eine kleine Karnevalströte. Damit gibt er kurz die Melodie vor und der ganze Block antwortet vielstimmig (dem Schalker Fan vielleicht vergleichbar mit ihrem bekannten „Attacke!“-Trompeter). Der Mann zeigt vollen Einsatz, und er hat auch jemanden mitgebracht, der die große Trommel beschlägt, die neben ihm auf dem Geländer auftaucht. Damit das auch klappt, hat der sich ebenfalls jemanden mitgebracht, nämlich so einen armen Zwangsverpflichteten, der die Trommel halten muss. Der hat nix zu lachen, schwankt er doch bei den Hammerschlägen seines Kollegen verzweifelt hin und her, um die Trommel trotz der Wucht des Anpralls weiter hoch zu halten, was ihm des öfteren nicht gelingt und ihm regelmäßig einen Anpfiff des Trommlers einbringt. Der wiederum liegt sich ebenso regelmäßig mit dem Kapo in den Haaren, welcher Anfeuerungsruf als nächstes eingeläutet werden soll, was immer in wilde Diskussionen zwischen den beiden ausartet. Aber natürlich werden auch sie sich stets einig, und so ist der Support aus diesen beiden Blöcken vielleicht nicht als „durchgängig“, nichtsdestotrotz aber als „gut“ zu bezeichnen.

Auch der Iraner ist ja ein ganz normaler Fußball-Fan. Deshalb beginnen die Ränge, sich kurz vor Schluss in atemberaubenden Tempo zu leeren. Den Schlusspfiff erlebt vielleicht noch die Hälfte des Publikums im Stadion. Aber bezogen auf dieses Stadion, heißt dies, dass immer noch 55.000 Zuschauer dabei sind und Stimmung machen.

Abschließend kann man sagen: ein gutes Spiel von beiden Seiten, insbesondere in der ersten Halbzeit, ein verdienter Sieg für Deutschland, eine fantastische Stimmung im Stadion. Doch, ich glaube, ich hätte ihnen ein Törchen gegönnt. Aber mehr nicht. Denn wenn der Iran dieses Spiel gewonnen hätte, ich weiß nicht, was dann passiert wäre. Massenhysterie mit anschließender Panik lässt sich sehr leicht auslösen, und es war auf den Zuschauerrängen dermaßen eng, dass man sich lieber nicht vorstellt, wie es dann ausgesehen hätte. Aber so sind eigentlich alle zufrieden, denn auch die Iraner können stolz auf die Leistung ihrer Mannschaft sein, die richtig gut dagegen gehalten hat.

Etwas gallig bin ich hingegen auf die deutsche Mannschaft, die sich direkt nach dem Abpfiff grußlos zurück zieht. Nicht, dass es mir normalerweise sonderlich wichtig wäre, wenn die Herren mal in den Block winken würden, aber wer insgesamt fast 8.000 km zurück legt, um die Truppe in einem Freundschaftsspiel zu unterstützen, dem könnte man schon wenigstens ein Lächeln gönnen, zumal sich der Kabinengang direkt unterhalb der Haupttribüne befindet. Aber wahrscheinlich mussten die alle ihren Flieger kriegen. Dann halt nicht. Würde mich interessieren, ob die überhaupt gewusst haben, dass Leute aus Deutschland mitgereist sind.

So, nun zurück zum Bus. Dies ist leichter gesagt als getan. Als wir aus dem Stadion auf den großen Vorplatz treten, hat die Polizei eine Art Spalier gebildet, durch das wir hindurch müssen. Man kommt sich vor wie bei den Film-Festspielen in Cannes. Hinter der Polizei eine ganze Menge Jugendliche, die krakeelen, was das Zeug hält. Nanu, sollten die das doch nicht so leicht genommen haben?

Aber der Grund ist ein anderer, wie ich kurz darauf feststelle. Nachdem wir das Ende der Polizeisperre erreicht haben, müssen wir ein Stück über den Rasen zum Parkplatz marschieren und dort stehen circa 50 Jugendliche vor unserem Bus und warten auf uns. Die wollen uns aber nicht umhauen, sondern sind ganz scharf auf Deutschland-Fahnen, Trikots etc. Alles wollen sie tauschen, das war schon vorher der Fall, ich hätte an diesem Abend ungefähr zehn iranischen Fahnen mein Eigen nennen können. Ich ziehe erst mal schnell mein Hemd wieder an, weil ich das Trikot sonst unter Garantie los bin. Es kommt zu einigen tumultartigen Szenen vor dem Bus. Aber: niemand hindert uns am Einsteigen, und auch die Deutschland-Fahne, die immer noch vorn an der Kühlerhaube hängt und leichte Beute wäre, wird nicht angefasst. Als alle im Bus sitzen und man eigentlich abfahren könnte, stehen die Jugendlichen noch immer davor und feiern. Der Platz muss erst von der Polizei frei geräumt werden, damit wir abfahren können. Man kommt sich vor wie im Film. Kein Wunder, dass der Mannschaftsbus nur unter Eskorte das Stadion verlassen kann.

Wir benötigen sodann gepflegte zwei Stunden bis zum Hotel, weil auf der Autobahn nix mehr geht. Verkehrskollaps wäre der treffende Ausdruck. Überall singende und winkende Menschen, Fahnen werden geschwenkt, Tröten erklingen. Ich beschließe, mich im Hotel davon zu vergewissern, dass der Iran nicht zufällig in einer anderen Sportart heute Weltmeister geworden ist, anders ist das kaum zu erklären. Die Leute laufen auf der Autobahn herum, kurven um die dahin schleichenden Autos und feiern, was das Zeug hält. Klar, dass da auf der Straße nix mehr geht.

Demzufolge sind wir auch erst um Mitternacht im Hotel. Die beste Zeit, um Herrn Ruppert aus Bonn meine Eindrücke vom Spiel mitzuteilen, aber der Operator ist diesmal fit und verbindet mich mit der richtigen Nummer. Ich telefoniere 10 Minuten, Kostenpunkt: 140.000 Rial, knapp dreizehn Euro. Billiger als von Färöer oder Island. Und nachdem man sich noch ein wenig im anscheinend stets geöffneten Speisesaal des Hotels aufgehalten hat, in dem auch um diese Uhrzeit noch Speisen und Getränke serviert werden, geht’s dann auch in die Koje. Ich verzichte darauf, den Fernseher anzuschalten. Es läuft sowieso auf jedem Sender Fußball.

Sonntag, 10.10.2004

Heute soll noch einmal Teheran erkundet werden. Zunächst aber eine aufregende Nummer im Programm: der Rückflug muss bestätigt werden. Dies muss man persönlich bei einer Agentur der Iran Air in der Stadt machen, unter Vorlage aller Pässe und aller Flugtickets. Schön, dass unserem Reiseleiter das noch rechtzeitig einfällt. Weniger schön, dass es ihm erst einfällt, als wir bereits heil die Straße überquert haben und im Bus sitzen. Also alle Mann wieder raus, wieder über die Straße ins Hotel, Tickets holen und noch mal über die Straße. Es gelingt tatsächlich ohne Verluste, dauert aber natürlich ein bisschen.

Nachdem wir in der Agentur den Rückflug bestätigt haben, geht es weiter in den Norden Teherans ins Alborz-Gebirge. Tapfer quält sich der Bus über Serpentinen hinauf zum Parkplatz, von dort aus soll uns eine Seilbahn zur Aussichtstation auf über 3.500 Meter Höhe tragen, von wo aus ein überwältigender Blick über Teheran möglich sein soll.
Allerdings nicht für uns. Kaum angekommen, teilt man uns mit, die Seilbahn sei gesperrt, da es in der Woche zuvor ein kleines Problem gegeben habe. Dies mutet merkwürdig an, da das Programm doch schon einige Zeit vorher feststand und man uns darüber hätte informieren können. Andererseits, bei der Informationspolitik, die der Staat hier zuweilen an den Tag legt, kann es natürlich auch sein, dass der „kleine Zwischenfall“ in der Vorwoche 25 Tote waren. Mir persönlich macht die Absage nicht viel aus, bin eh kein begeisterter Seilbahn-Fahrer und die Aussicht über Teheran ist auch vom Parkplatz aus beeindruckend, inklusive Dunstglocke. Im Winter kommen die Teheraner übrigens hier hinauf, um mit der Seilbahn zum Skilaufen nach oben zu fahren. Merkwürdiges Klima.

Aber jetzt kommen uns doch langsam Zweifel, ob das Ganze nicht vielleicht doch von „höchster Stelle“ befohlen wurde. Denn die Fahrt geht weiter zum Niavaran-Park. Dieser wurde von Nasreddin Shah im 19. Jhd. Errichtet und enthält neben dessen Palast „Sahebqaraniye“ mit einem kleinen Museum auch einen Pavillon des letzten Qadjarenherrschers Ahmad Shah (1911-1925). Beide sollen ebenfalls besichtigt werden, bei beiden ist es ebenfalls nicht möglich, angeblich aufgrund von Bauarbeiten. Was heißt „angeblich“, die Bauarbeiten sind durch die geöffneten Türen gut zu erkennen. Ebenfalls gut zu erkennen ist allerdings auch, dass sie nicht erst seit gestern durchgeführt werden. Wieder keine Information vorab. Merkwürdig. Immerhin, den neuen Palast, den die Pahlavis dort errichten ließen, dürfen wir besichtigen, und auch dies lohnt sich, ein Raum neben dem anderen, sehr viele Zimmer, komplett mit Küche, Bar, Badezimmer, Schlafzimmer und, man glaubt es kaum. Zahnarzt-Zimmer, direkt neben dem Konferenzsaal. Da gabs früher für die Minister wirklich keine Ausreden mehr. Auch sehr interessant das Wartezimmer der Botschafter, ein Raum mit schweren samtüberzogenen Möbeln, in denen die Diplomaten warten mussten, bis der jeweilige Schah sie nebenan empfing. Auf den Tischen stehen noch Bilder einiger Herren, die einst in diesem Zimmer gewartet haben. Ja, auch Hitler und Stalin mussten sich hier schon den Arsch platt sitzen, ebenso ein Herr Mao tse-tung und vielleicht hat der Chruschtschow, der etwas grimmig auf dem Foto guckt, hier auch schon vor lauter Langeweile seinen Schuh ausgezogen und damit auf den Tisch gehauen wie einst in der UNO.

Da wir zeitlich etwas in Verzug sind, wird das Programm nun kurzerhand geändert. Wenn man uns nirgendwo reinlassen will, dann gucken wir uns halt selbst was an. So wird nach dem wieder äußerst üppigen und wohl schmeckenden Mittagessen in einem Restaurant, welches von außen sehr schön aufgemacht ist, innen aber mit den schmucklosen, aneinander gestellten Tischen einen gewissen Kantinen-Charme verbreitet, einfach der Süden Teherans angesteuert. Der Teheraner Bazar, einer der größten, des Nahen und Mittleren Ostens, bildete im 19. Jhd. das Zentrum der Stadt. Noch heute ist er einer der wirtschaftlichen Schwerpunkte der Stadt, wenn er auch nicht mehr zur Versorgung der 13 Mio. Einwohner ausreicht. Die überwiegend konservativen Bazaris, die an der Organisierung der Islamischen Revolution entscheidenden Anteil hatten, bilden noch heute eine wichtige Stütze der Herrschaft und verfügen über maßgeblichen politischen Einfluss. Dementsprechend werden hier besonders viele tief verschleierte Frauen gesichtet und Ausländer werden zumeist erst einmal argwöhnisch angeschaut, zumal es sich nicht um einen Touristenbazar handelt. In den ausgedehnten Haupt- und Nebengassen des (überdachten) Bazars findet man alles, was im Iran hergestellt oder importiert wird. Einmal die Treppe hinunter in die erste Gasse, zweimal links, einmal rechts abgebogen, und schon habe ich mich verlaufen. Zu verwirrend sind die ganzen Läden und Handwerksbetriebe rechts und links, die irgendwie alle gleich aussehen, zu groß ist der Lärm der Menschen. Da bin ich fast froh, dass eine Gasse am Eingangsportal der heutigen Masdjed-e Imam Chomeini endet, ursprünglich im 19. Jhd. Von Fath Ali Shah als „Königsmoschee“ erbaut. Über das mit Fliesen geschmückte Portal erreicht man den im Freien liegenden Innenhof mit dem Wasserbecken im Zentrum. Vor dem überkuppelten Gebetssaal baut sich unser Fremdenführer auf und erklärt, was Sache ist. Der ein oder andere macht ein Foto. Sofort sind zwei junge Männer in Zivil da und erklären, dass hier nicht fotografiert werden darf. Da wird es mir doch ein wenig anders, zumal die Menge der Leute um uns herum in den nächsten Minuten doch anwächst, was unseren Fremdenführer allerdings nicht aus der Ruhe bringt. Vielleicht merkt er auch gar nicht, dass sich mittlerweile zehn bis zwölf Leute um uns versammelt haben, einige Neugierige, aber auch einige, die nun gar nicht fröhlich schauen. Zum Glück können wir nach knapp fünfzehn Minuten unbehelligt abziehen. Ob das auch als einzelner Tourist der Fall gewesen wäre, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls sollte man als Tourist diesen Bazar, so faszinierend er auch ist, möglichst nicht ganz alleine aufsuchen.

Am Ausgang des Bazars stellen wir übrigens noch fest, dass es im Iran wohl einen geheimen Markt für Stempel geben muss, gleich drei Stände nebeneinander bieten sie in allen Größen und mit allen Aufschriften feil. Da wiederum fühle ich mich fast wie zuhause. Am Stand nebenan gibt es dann unfassbarerweise noch Tresore in ebenso allen Größen und für alle Lebenslagen zu kaufen. Es gibt hier wirklich nichts, was es nicht gibt. Würde mich nur interessieren, ob im Preis auch eine Frei-Haus-Lieferung inbegriffen ist, ich wüsste nämlich nicht, wie man die größten Exemplare von hier überhaupt hinauf auf die Straße, geschweige denn nach Hause schaffen sollte.

Weiter geht die Fahrt zum Azadi Monument, dem wohl beeindruckendsten Bau der Stadt. Inmitten eines großen, begrünten Platzes erhebt sich dieses 45 Meter hohe Wahrzeichen der Stadt. Erbaut im Jahre 1971 anlässlich der 2.500-Jahr-Feier der iranischen Monarchie vereint es die Elemente der altpersischen Architektur mit moderner Stahlbauweise. Das Zentrum des Turms durchbricht ein mehr als 20 Meter hoher Bogen nach sasanidischem Muster, ausgelegt mit 25.000 farbig glasierten Steinen nach dem Vorbild der islamischen Moscheen. Im oberen Teil des Monuments befinden sich ein Restaurant und eine Aussichtsplattform, beides natürlich nicht zu besichtigen, es wird gerade renoviert. Na klar. Aber das Monument ist auch von außen bereits beeindruckend genug. Insbesondere, was den Hin- und Rückweg anbetrifft.

Dazu muss man wissen, dass das Monument praktisch eine riesige Verkehrsinsel darstellt, um die ein Kreisverkehr läuft, dem Kenner von Paris durchaus vom Standort des Arc de Triomphe vertraut. Auch dieser Kreisverkehr rund ums Monument verfügt über keinerlei Fahrstreifen, sodass die Fahrspuren je nach Lust und Laune sowie Verkehrsaufkommen zwischen vier und neun variiert. Da muss man rüber, es führt kein Weg daran vorbei, allerdings auch keine Fußgänger-Ampel zum Monument. Der Hinweg kann noch dahin gehend gemeistert werden, dass die einzige vorhandene Unterführung genutzt wird. Als wir jedoch den Rückweg antreten wollen, stellen wir fest, dass der Bus auf der gegenüber liegenden Seite der Anlage (und natürlich mitten im Kreisverkehr) parkt. Dort muss man über die Straße, es gibt keine andere Möglichkeit.

Das Problem wird atemberaubend gelöst, indem 25 Mann eine Kette von rechts nach links bilden, ganz rechts außen, und somit erster Mann an der Front, der Reiseführer. Ganz links außen die Feiglinge, die hoffen, dass sich die Druckwelle des rechts zu erwartenden Anpralls nicht bis nach hinten fortpflanzt, sondern das entsprechende Auto bis dahin zum Stillstand gekommen ist. Sodann hebt der Reiseführer rechts majestätisch die Hand und die ganze Gruppe läuft gleichzeitig in einer langen Linie los. Und es gelingt! Wir überqueren die Fahrspuren (zu diesem Zeitpunkt sind es sieben, glaube ich) mit 25 Mann gleichzeitig und unverletzt. Sie wissen also doch, wo die Bremse ist. Und vielleicht war das ja auch ein neuer Rekord für’s Guinness-Buch.

Und wenn der Bazar das alte, „traditionelle“ Teheran war, dann nehmen wir zum Abschluss als Kontrast doch gleich das neue, „moderne“ mit: ein letzter Ritt quer durch die Stadt zum Golestan Shopping-Center. Mittlerweile ist es dunkel geworden, was aber die Reize des hell erleuchteten Shopping-Centers so richtig zu Geltung bringt. Hier ist unter einem Dach auf zwei Stockwerken so ziemlich alles untergebracht, was auch wir in einem Shopping-Center vermuten: Parfümerien, Modegeschäfte, Elektronik, Juweliere, Teppichhändler, Schuhgeschäfte, teilweise mit sehr moderaten Preisen. Die zumeist jungen Besucher des Shopping-Centers kriegen dann auch gleich etwas geboten, denn kaum sind wir angekommen, sagt unser Reiseführer: „Wer mal aufs Klo muss, folgt mir“, unter der komplette Tross setzt sich in Bewegung, da die Fahrt quer durch die Stadt doch wieder etwas länger gedauert hat. Ein schöner Anblick, möchte ich wetten, eine Glucke, die ihre 25 Küken aufs Klo führt.

Nachdem anschließend ein wenig der Kauflust gefrönt wurde, entdecken ein Mitfahrer und ich neben dem Shopping-Center noch etwas Ungeheuerliches: neben einigen anderen Imbissen steht hier auch eine Bude, die verdächtig nach einer McDonald’s-Kopie aussieht, wenn auch mit deutlich geringerem Angebot, dafür aber variabler, es gibt zum Beispiel auch Pizza. Das will natürlich sofort getestet werden. Die Verständigung ist zwar etwas schwierig, weil die Bedienung selbst die englische „Speisekarte“ nicht versteht, aber es gelingt dann doch, einen Hamburger zu bestellen. Und da es in diesem Land anscheinend immer etwas zu überwachen gibt, tippt der eine die Bestellung in die Kasse ein und nimmt das Geld, reicht den Kassenbon dann aber an jemand anderen weiter, der die gewünschten Speisen abholt und an einem anderen Tresen ausgibt. Dies dauert ein wenig, und damit man sich nicht langweilt, bekommt man zwei Aufpasser in Latzhosen an die Seite gestellt, die darauf achten, dass man sich nicht vorzeitig entfernt. Könnte denen doch egal sein, schließlich haben wir ja schon bezahlt. Merkwürdig.
Die Hamburger sind schließlich da und äußerst genießbar, sie sind größer als in Deutschland und auch mit mehr Belag. Vom Preis für umgerechnet einen knappen Euro wollen wir da gar nicht erst sprechen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist allerdings die Krautauflage, die, wie nahezu jedes Kraut im Iran, zuvor in Essig sauer eingelegt war, aber das gibt dem Ganzen sogar einen gewissen Pfiff. Hätten wir also auch das erledigt.

Zurück am Bus erfahren wir dann noch, dass einer unserer Mitstreiter tatsächlich von einem Iraner nach dem Weg befragt wurde. Das nenn ich Integration! Anschließend geht es zurück zum Hotel, Sachen packen. Schließlich ist am nächsten Morgen um 4.45 Uhr Abfahrt zum Flughafen. So setzt man sich nur noch ein wenig in den wieder mal geöffneten Speisesaal, um den Tag Revue passieren zu lassen.
Aber es ist noch nicht zu spät für ein abschließendes Highlight! Als ich nämlich später auf dem Zimmer noch einmal den Fernseher einschalte, sehe ich – „Küstenwache“! Diese ZDF-Serie läuft dort, auf Persisch synchronisiert. Köstlicher Spaß, im Iran anscheinend ein Quotenfänger. Die Welt ist ein Dorf.

Montag – 11.10.2004 –

Nachdem wir mitten in der Nacht zum Flughafen gekarrt werden, stellen wir fest, dass wir nicht die Ersten sind. Ein Flug nach Istanbul checkt bereits ein. Aber da ist man flexibel, auch wir dürfen uns in die Schlange stellen und einchecken. Wenn das mal gut geht…wir sorgen dann noch für ein wenig Verwirrung, als drei Leute, die nach der Landung in Frankfurt ebenfalls mit dem Flieger nach Berlin weiter reisen wollen, ihr Gepäck sofort bis zur Bundeshauptstadt durchchecken wollen. Minutenlange Diskussionen sind die Folge. Beim ersten klappt es noch, allerdings erscheint ein Aufkleber mit einer falschen Flugnummer von Frankfurt nach Berlin auf dem Koffer. Bei den beiden anderen streikt dann der Computer. Vielleicht hat auch der Angestellte hinterm Tresen keine Lust mehr, er wirkt nämlich etwas angespannt. Leute, die nach Frankfurt fliegen, aber für Istanbul einchecken und dann noch weiter nach Berlin wollen! Das ist des Guten dann doch zuviel.

Eine weitere müßige Dreiviertelstunde verbringen wir vor der Passkontrolle, die genauso schleppend abläuft wie bei der Einreise. Andererseits wird das Gepäck nur durchleuchtet, nicht kontrolliert. Ja, hätte man das gewusst…

Im Wartesaal vor den Abflug-Gates (mit Teppich und Sofa!) befindet sich auch der Duty-free Shop. Und auch hier wieder dasselbe Spiel: wenn man sich etwas ausgesucht hat, geht man zur entsprechende Kasse. Dort wird es entgegen genommen, nach dem Namen gefragt und die Bestellung in den Computer getippt. Dann darf man circa fünf Meter weiter an den nächsten Schalter. Dort sind die Daten inzwischen angekommen. Der Verkäufer druckt eine DIN-A4-große Quittung aus, man bezahlt bei ihm, und geht mit der Quittung wieder zurück zur Kasse, wo die Verkäuferin den Beleg abzeichnet und die Ware aushändigt. Jaja, warum so einfach, wenn’s auch kompliziert geht…Immerhin erstehe ich dadurch noch eine Stange original-amerikanischer Camel-Zigaretten für umgerechnet sechs Euro. Also die Stange, nicht die Packung, meine ich.

Der anschließende Flug verläuft dann reibungslos, kein Wunder, wurde doch vor den Sicherheitshinweisen auf den Monitoren wieder die beschwörende Stimme eingesetzt, die um einen guten Flug bittet. In diesem Fall sogar zu gut, denn um 11.30 Uhr deutscher Zeit erscheint die Skyline von Frankfurt unter uns, obwohl die Ankunft erst für Punkt 12 Uhr angekündigt ist. Und was dann passiert, das kennt jeder, der in unserem Land wohnt: der Flieger muss bis zur pünktlichen Ankunftszeit zwischen Frankfurt und Nürnberg große Kreise ziehen, landet dann fast pünktlich, leider mit sechs anderen Maschinen gleichzeitig. Daraufhin stehen wir noch einige Zeit auf dem Rollfeld, bis man uns endlich eine Parkposition zuweisen kann. Die ist allerdings lustigerweise an einem Abflug-Gate, sodass wir endlos zur Gepäck-Ausgabe laufen müssen. Die dauert dann noch einmal so lange, es kommt und kommt nix, wir fragen uns schon, wie lange es dauert, das Gepäck aus Istanbul wieder zu bekommen. Dann erscheint das Gepäck doch noch. Des Rätsels Lösung: wir waren natürlich dummerweise in der Mittagspause gelandet, es standen nur zwei Leute und ein Gepäckwagen zur Verfügung, der Weg vom Flieger zur Gepäckanlieferung war entsprechend weit und musste mehrfach bewältigt werden, und da wir die ersten waren, die in Teheran eingecheckt haben, waren unsere Koffer auch die letzten, die wieder rauskamen. So kann man dann noch ein launiges Stündchen auf dem Frankfurter Flughafen verbringen.
Sieben Leute hatten die anschließende Weiterfahrt mit einem Zug vom Frankfurter Fernbahnhof unter dem Flughafen gebucht. Einer bekommt ihn auch. Der eine bin ich. Vorausschauend und mit der gewissen Erfahrung, was deutsche Verkehrsmittel angeht, habe ich nämlich erst für den Zug um 13.58 Uhr reserviert. Alle anderen wollten wegen der planmäßigen Landung um 12.00 Uhr frühere Züge nehmen und verpassten diese aufgrund der Lande- und Gepäckposse. Das ist wie auf dem Platz: manchmal entscheidet die Routine.

Und somit endet diese Reise. Sie war sehr beeindruckend, auch wenn man natürlich in knappen drei Tagen keinen vollständigen Eindruck gewinnt. Es ist dort bei weitem nicht alles Gold, was glänzt. Aber meiner Meinung nach läuft dem theokratischen Staatsmodell im Iran die Zeit davon: ihm ist die Gesellschaft abhanden gekommen. 70 % der Bevölkerung des Iran sind unter 25 Jahre, und diese Leute wollen eine Veränderung. Innerhalb zweier Jahrzehnte waren die Iraner einer wohl einzigartigen Massierung historischer Ereignisse und Veränderungen ausgesetzt: einer Revolution, die zur vollkommenen Umkehr der politischen, sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse und Wertvorstellungen führte; einem Krieg, der länger dauerte als der Zweite Weltkrieg, mit beinahe einer Million Toten auf iranischer Seite; Naturkatastrophen nahezu apokalyptischen Ausmaßes wie die Erdbeben von 1990 und 2003; einer Wirtschaftskrise, die weite Teile der Bevölkerung in ihrer Existenz bedroht; einem Flüchtlingsstrom ins Ausland, der den Iran intellektuell beinahe ruinierte und nicht zu vergessen der umgekehrte Flüchtlingsstrom von Afghanen nach dem Iran, der das Land zu einem der Staaten mit den meisten Flüchtlingen der Welt gemacht hat. Irgendwann ist es mal gut. Praktisch jede Familie hat Märtyrer zu beklagen, Märtyrer des Krieges, Märtyrer des Widerstands gegen das revolutionäre Regime, Märtyrer des Kampfes gegen die Konterrevolution. Und wofür das alles? Die wenigsten können es heute noch beantworten. Aber wer sich die geschminkten Mädels im Shopping-Center anschaut, bei denen das Kopftuch ziemlich weit hinten sitzt, und ihre Freunde mit den Trendfrisuren, die die neueste Mode spazieren tragen, der weiß, wohin die Reise geht. Auch wenn es noch einige Zeit dauern wird, und auf dem Land sicherlich noch länger als in der Großstadt, die Veränderungen werden kommen. Man kann einem Volk nicht auf Dauer etwas aufzwingen, wenn es wirklich nicht mehr will (im Gegensatz zu den 80er Jahren, als Chomeini und „sein“ Staat einen sehr großen Rückhalt in der Bevölkerung genossen).

Abschließend möchte ich noch Bela Rethy zitieren. Das mache ich normalerweise nicht, denn der Mann sagt wirklich viel, wenn der Tag lang ist, und es ist selten etwas Erinnerungswürdiges dabei. Aber dass er so viel erzählen kann, liegt natürlich auch darin begründet, dass er für das ZDF wirklich überall dabei ist. Und der sagte über sein Gastspiel im Iran: „In den 24 Jahren meiner Tätigkeit habe ich noch niemals eine solche Gastfreundschaft erlebt.“ Dem möchte ich mich anschließen, auch wenn der Staats-Apparat doch manchmal noch dazwischen funkt.

Apropos: dazu hätte ich natürlich noch die gute Nachricht, dass der eingangs des Artikels erwähnte festgenommene Fan nach vierzig Stunden Haft wieder entlassen und nach Hause geflogen wurde. Seiner Aussage nach wurde er sehr gut behandelt. Seine Geschichte erschien sodann im örtlichen Boulevardblättchen. Und auch, wenn er bei der Darstellung seiner Erlebnisse ein winziges, aber nicht uninteressantes Detail „vergaß“ – nämlich die Flucht vor der Polizei, als sie wegen des Fotos angesprochen wurden –, darüber kann man wohl hinweg sehen. Jeder möchte schließlich in der Öffentlichkeit gut dastehen. Deutsche wie Iraner.

Hat jetzt auch lang genug dauert: janus

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