Fußball im Dorf(f) oder Als Olli mental noch im Bett war

Neues von der Bahn, von Reisen in die Provinz, von einem unglaublichen Sportplatz und von unterklassigem Fußball – und das, obwohl es nicht um Fortuna Düsseldorf geht.

Zunächst mal die in Zeiten neuer schockierender PISA-Meldungen erforderliche Bildungsbürger-Frage: kennt jemand „Kreisklasse – Die Fußballshow“? Falls nicht, einmal schämen, den mangelnden Bildungsstand in diesem Land anprangern und Folgendes dazu lernen: das ist diese nette Sendung, die bereits einige Male donnerstags im DSF lief, moderiert von Ulli Potofski. Es geht um die Niederungen des Fußballs, ab Oberliga abwärts, also um Ligen, die noch nie ein menschliches Auge auf dem Bildschirm beleidigt haben. Eine schöne Idee, wie ich finde, zumal es Stoff für unzählige lustige oder interessante Geschichten gibt, und auch so manch Prominenter in den unteren Ligen mitmischt (z.B. Maurizio Gaudino in Mannheim oder Stefan Kuntz in Neunkirchen). Ergänzt durch von den Zuschauern eingesandte Videos der schönsten, meist doch eher mehr aus Versehen aufgenommenen Tore, Fouls oder technischen Kabinettstückchen der unteren Klassen, verspricht die Sendung ein Dreiviertelstündchen Kurzweil und Ablenkung vom harten Profisport – wenn nicht die relativ häufig auftretende Werbung zwischendrin wäre. Aber man kann ja nicht alles haben.

Also, eine harmlose kleine Sendung, in der man das ein oder andere Interessante aufschnappen kann. So auch in der allerersten Show im Jahr 2004. Da gab es einen Bericht über den kleinsten Fußballplatz Deutschlands in einem Dorf mit dem schönen Namen Dorff. Okay, es wird auch kleinere geben, aber dies ist der kleinste, auf dem mit Ausnahmegenehmigung auch Meisterschaftsspiele ausgetragen werden dürfen. Das Feld, auf dem Fußballerträume wahr werden, misst nämlich nur 87,5 x 56 Meter. Dabei schreibt der DFB allein für die Länge bereits 90 bis 120 Meter vor. Es ist ein Aschenplatz, auf dem, so der interviewte Vereinsangehörige, „natürlich besonders Techniker“ gefragt seien. Klar, wenn es auf solch einem Platz nur Befreiungsschläge geben würde, müssten die ja auch auf Fußball-Tennis umrüsten. Da muss also schon der ein oder andere etwas vom Fußball verstehen. Wenigstens teilweise. Und wenigstens manchmal.

Nun wäre das eine nette Geschichte ohne weiteren Nährwert für mich gewesen, wenn ich nicht bei einem Begriff in diesem Bericht gestutzt hätte. Da war nämlich die Rede von einer „Ausnahmegenehmigung des Fußballverbandes Mittelrhein“. Und Letzteres ließ darauf schließen, dass dieser legendäre Sportplatz zumindest in erreichbarer Nähe meines Wohnortes zu finden sein müsste. Aber der Fußballverband Mittelrhein ist groß. Eine Bekannte aus Aachen fand durch heftiges Googeln am selben Abend noch etwas heraus, das ihr gänzlich neu war – nämlich, dass dieser Platz quasi bei ihr um die Ecke zu finden ist. Dorff ist der kleinste Stadtteil von Stolberg (Rheinland), und das wiederum liegt in nachbarschaftlicher Nähe zu Aachen. Heimatkunde at its best!

Der Rest war ein Kinderspiel. Flugs mal rausgefunden, was dort gespielt wird, nämlich Kreisliga B, und dann mal schauen, wann dort gespielt wird. Am Sonntag, 05.12.2004, war es so weit: die DJK Sportfreunde Dorff empfingen den SC GW Lichtenbusch II zum gnadenlosen Kampf um die Punkte. Und ein Blick auf die entsprechende Tabelle offenbarte nicht nur so interessante Vereinsnamen wie Adler Büsbach, Falke Bergrath oder GW Mausbach, nein, er zeigte uns, dass wir aus purem Zufall nicht nur zur Kreisliga B wollten, sondern auch gleich dahin, wo es richtig weh tut: zum Spiel des Tabellenletzten gegen den Tabellenvorletzten. Dorff hatte nämlich vor diesem Spiel die Rote Laterne inne, sieglos nach 10 Spieltagen mit nur vier Unentschieden, Lichtenbusch II belegte den zweiten und letzten Abstiegsplatz aus dieser 14er-Liga, immerhin mit zwei Siegen, aber ohne Unentschieden und mit 9 Niederlagen und einem Spiel mehr als die Heimmannschaft.
Abstiegskampf pur somit auf Deutschlands kleinstem Sportplatz. Wen das nicht fasziniert, der hat vom Fußball keine Ahnung! Den letzten Satz mühsam drei Stunden lang eingehämmert, glaubten wir schließlich selbst daran und waren live dabei. Und was soll man sagen – es war ein großes Erlebnis!

Nun, womit beginnt so ein Reisebericht? Zumal bei mir? Natürlich, mit meinen guten Freunden von der Deutschen Bahn. Von denen hab ich ja auch lange nichts mehr berichtet. Mittlerweile habe ich den Verdacht, dass die hier heimlich mitlesen und sich irgendwie daran gestört haben, so lange nicht mehr thematisiert worden zu sein. Denn diesmal ziehen sie wirklich alle Register, um wieder die Nummer 1 auf meiner Liste der schönsten Service-Wüsten Deutschlands zu werden.

Es beginnt im Bonner Hauptbahnhof. Es ist Sonntagvormittag, kurz nach 10 Uhr. Eine Schlange von etwa fünf Menschen begehrt Auskunft und Tickets. Es sind zwei Schalter im „Service“-Center geöffnet. An dem einen sucht eine Bedienstete, hektisch mit der Maus klickend, im PC nach einer Verbindung für den Herrn am Schalter. Sie sagt kein Wort, klickt nur immer da und dort und macht gleich darauf ein enttäuschtes Gesicht, während ihr so langsam die Schweißperlen auf die Stirn treten. Ich weiß nicht, wohin der Herr möchte, aber es scheint kompliziert zu sein. In der Tat, von den 20 Minuten, die ich im „Service“-Center verbringe, wird sie 18 Minuten allein mit diesem Herrn beschäftigt sein. Dieser Schalter fällt damit schon mal aus, es bleibt ein weiterer, alle anderen sind geschlossen.

Dass ich mich hier anstellen muss, hat übrigens folgende Bewandtnis: ich verfüge über ein Job-Ticket für den Verkehrsverbund VRS, das in Richtung Aachen bis Düren gültig ist. Somit muss ich ein Zusatzticket für die Strecke Düren-Aachen lösen. Mache ich dies im Zug, kostet es zwei Euro mehr. Da stell ich mich doch lieber in die Schlange, wenn die Zeit reicht.
Jetzt wird der erfahrene Bahnreisende sich an die Stirn tippen und lauthals rufen: „Der Jung weiß aber auch gar nix! Warum zieht der das Ticket denn nicht am Automaten? Geht doch viel schneller, die nutzt doch kaum jemand!“ Und in der Tat, ich habe das ausprobiert, einige Tage zuvor. Leider rückt der Automat diese Fahrkarten nicht raus, da es sich um Strecken eines Verkehrsverbundes handelt, die muss die Deutsche Bahn an ihren Automaten nicht ausgeben. Dies erfährt man jedoch erst, nachdem man sich an dem Automaten durch die gesamte Bestellung gedrückt hat (TouchScreen) und zur Bezahlung schreiten möchte. In der Zwischenzeit ist die Schlange am „Service“-Center wieder um mindestens fünf Leute angewachsen, und man hat die Zeit für nix und wieder nix verloren. Ein diesbezüglicher Hinweis direkt zu Anfang der Bestellung oder eine entsprechende Aufschrift auf dem Automaten hätte vielleicht was, aber das wäre kundenfreundlich, und dafür bezahlt man ja nicht, sondern nur für die Beförderung. Also direkt ab in die Schlange.

Obwohl, hier muss ich auch mal eine kleine Lanze für die Bahn brechen. Bei so manchem Kunden würde ich auch in die Knie gehen. Frei nach dem Motto: „Wenn ich schon mal dran bin, dann will ich auch bis zum Letzten bedient werden“, belagern sie quasi stundenlang den Schalter. Dieser Herr am einen Tresen ist keine Ausnahme, mit einer Engelsgeduld fordert er die Dame auf, doch noch mal hier und da nachzusehen, er habe ja Zeit. Die Leute, die in der Schlange stehen, leider nicht, aber das juckt ihn nicht die Bohne. Auch nicht, dass es auch so etwas wie eine telefonische Auskunft gibt, die er nutzen könnte, denn er will, im Gegensatz zur restlichen Schlange, erkennbar nicht gleich auf die Piste, sondern eine Fahrt im neuen Jahr reservieren.

Aber egal, ein Schalter bleibt ja noch, und nur noch zwei Damen vor mir. Das muss doch zu schaffen zu sein. Die eine tritt nunmehr an den freien Schalter und hat auch schon das Portemonnaie in der Hand. Ha, weiß sie etwa, was sie will, so dass es zügig weiter gehen kann? Mitnichten, denn jetzt ordert sie gut hörbar eine BahnCard. Na super. Daraufhin erhält sie ein sechsseitiges Formular zum Ausfüllen, was sie auch in aller Ruhe macht, von einigen Zwischenfragen abgesehen. Die Minuten verrinnen, so langsam wird es eng. Nun hält sie ihre vorläufige BahnCard in den Händen. Wurde aber auch Zeit. Die Dame vor mir macht sich bereit zum Sprung, jetzt bloß keine überflüssige Sekunde verlieren. Aber was ist das? Neeeein, der freundliche Mann hinter dem Schalter hat den bösen Satz gesagt: „Möchten Sie vielleicht auch gleich eine Fahrkarte kaufen?“ Das lässt die Kundin zunächst die Stirn runzeln, sodann angestrengt nachdenken. Schließlich zeichnet sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht ab. Na, und ob sie möchte! Sie weiß nur noch nicht, wann und wie und wohin. Aber wozu steht man denn am Schalter? Eine erregte Diskussion beginnt, ich schnappe immer nur die Wortfetzen „Nürnberg“ und „Erfurt“ auf. Der Schalterbeamte beginnt, ihr die einzelnen Verbindungen auseinander zu klamüsern. Es gibt anscheinend mehrere Hundert (sie will ja auch nicht sofort fahren, sondern irgendwann im neuen Jahr), und keine einzige davon passt ihr. Die Dame vor mir in der Reihe schaut mich sprachlos an. Ich schaue sprachlos zurück. In mir steigen die ersten Bilder auf, in denen Teer und ein paar Federn vorkommen…

Aber dann! Der Schalter mit dem Herrn, der anscheinend per Bahn nach Timbuktu reisen will, wird frei. Er ist tatsächlich nach 18 Minuten zu seiner Zufriedenheit bedient worden. So sieht die Kundenberaterin auch aus, sie ist völlig geschafft. Die Dame vor mir stürmt an diesen Schalter vor, aber sie war nicht schnell genug – die Service-Tante hat blitzschnell das Schild „Schalter geschlossen“ auf den Tresen geknallt. Die braucht wohl erst mal ne Kaffeepause nach diesem Kunden. So langsam glaube ich es nicht mehr.

Nun, natürlich gibt es noch ein Happy End, denn fast zeitgleich entschließt sich die Kundenberaterin, nicht doch in Streik zu treten und macht den Schalter nach kurzer Pause wieder auf, und die junge Dame am anderen Schalter beschließt, dass die Fahrt nach Nürnberg am 29.01.2005 vielleicht doch das Richtige für sie wäre, inklusive drei Reservierungen. Ich bekomme meine Fahrkarte binnen 30 Sekunden und habe dafür 20 Minuten angestanden. Die Schlange hinter mir ist in der Zwischenzeit von fünf auf 15 Leute angewachsen, deren Mienen nach zu urteilen alle mit blanker Mordlust im Herzen. Wenn man schon so quängelige Kunden hat, dann könnte man wirklich noch einen zusätzlichen Schalter öffnen, es gibt deren 12 im Bonner Hauptbahnhof. Aber warum auch? Die Leute bleiben ja trotzdem stehen, weil sie die Fahrkarten brauchen. Und wenn es so lange dauert, bis ihre Züge kommen und sie nicht länger warten können, verringert sich die Schlange von ganz alleine. Natürliche Selektion. Ja, die Bahn ist pfiffig.

Übrigens war tatsächlich während meines gesamten Aufenthaltes ein weiterer Schalter geöffnet: und zwar derjenige für Bahn Comfort (Vielfahrer) und 1.Klasse-Reisen. Die Dame dort blockte aber hemmungslos sämtliche Anfragen der kleinen 2.-Klasse-Passagiere ab. Dafür war sie nicht zuständig, ihr oblag lediglich die Betreuung der zahlungskräftigeren Kundschaft. Sollte ich in meinem Beruf jemals wieder daran erinnert werden, dass ich „flexibel“ zu sein habe, hätte ich da einen wirklich guten Gegenbeweis, dass es auch anders geht. Hier die 15-Meter-Schlange, dort, zwei Meter weiter, die gelangweilte Dame hinter dem Tresen, die sich die Fingernägel feilt, weil sie grad keine Kundschaft hat. Und die Kunden kaufen trotzdem Fahrkarten. Funktioniert also.

Aber genug von Bonn. Ich erreiche so gerade eben noch meine Regionalbahn nach Köln, und die Fahrt verläuft störungsfrei. Jetzt bin ich also in Köln. Köln. KÖLN! Die Stadt, die für den gemeinen Reisenden immer etwas bereit hält, egal, ob auf der Autobahn oder am Hauptbahnhof. Nicht nur als Fortuna-Fan, sondern auch als ganz normaler Reisender bin ich dieser Stadt gegenüber zutiefst misstrauisch. Ist noch nicht mal angeborene Abneigung, sondern pure Erfahrung. Ich wette, in dieser Stadt sind schon Ehen am Bahnhof in die Brüche gegangen, weil „der Zug aufgrund eines Signalfehlers 60 Minuten Verspätung hat, aber für alle Abholer: unsere Altstadt ist ja nicht weit, machen Sie sich dort doch ein gemütliches Stündchen“, hier sind schon wichtige Geschäftsabschlüsse nicht zustande gekommen, weil „der Anschlusszug aufgrund unserer Verspätung nicht warten konnte, wir bitten um Ihr Verständnis“ und hier sind Fußball-Fans zu spät zu den Spielen ihrer Mannschaft gekommen, weil am Heumarer Dreieck auf der A3 mal eben von sechs Spuren vier gesperrt sind, ohne dass es irgendjemand für nötig hält, dies der Verkehrswacht mitzuteilen, so dass natürlich keinerlei Durchsage im Radio zu hören ist.

Im geliebten Kölner Hauptbahnhof also geht der Regionalexpress nach Aachen um 11.41 Uhr. Um 11.36 Uhr stehe ich auf dem Gleis, und der Zug ist bereits auf der Anschlagtafel ausgewiesen! Ohne Verspätung, nicht zu fassen. Obwohl, ich bin nach der Episode im Bonner „Service“-Center noch so glücklich, überhaupt bis hierher vorgedrungen zu sein, da würden mich 5 Minuten Verspätung auch nicht jucken. Ich hab ja Zeit.

Warum habe ich das gedacht? Wie kann man nur so naiv sein und denken, die Bahn belässt es bei so einer läppischen Kleinigkeit wie zwanzigminütigen Anstehen für den 30-Sekunden-Genuss? Schließlich hat das was mit der Kundenberatung zu tun und nicht mit den Zugverbindungen! Da hat die Bahn an diesem Tag doch noch keinen Trumpf ausgespielt! Ich hätte es wissen müssen. Ich erfahre es sofort anhand einer netten kleinen Durchsage. Und die lautet wie folgt: „Aufgrund einer Stellwerkstörung hier im Hauptbahnhof Köln verspäten sich alle Züge auf unbestimmte Zeit. Bitte achten Sie auf weitere Lautsprecherdurchsagen.“

Jetzt haben sie es geschafft. Das ist der Hammer. Selbst ich habe eine solche Durchsage noch nie gehört. Sie ist aber auch kein Scherz, die Züge, die auf den Gleisen stehen, bleiben auch stehen, sie dürfen nicht ausfahren, diejenigen, die vor der Einfahrt auf der berühmten Eisenbahnbrücke stehen (die die meisten Verspätungen in Köln produziert, weil für die 11 Gleise nur 5 Einfahrtsgleise zur Verfügung stehen, was die Bahn jedoch nicht davon abhält, regelmäßig zehn Züge gleichzeitig ankommen zu lassen), dürfen nicht einfahren, darunter auch mein Regionalexpress nach Aachen.

Binnen Minuten bricht nun das große Chaos aus, das die Bahn souverän bewältigt, nämlich gar nicht. Bei ICE-Reisenden geht es noch. Die S-Bahnen auf Gleis 10 und 11 sind nämlich nicht von der Stellwerkstörung betroffen, die fahren weiter. Also werden die ICE-Fahrer einfach in die S-Bahnen nach Köln-Deutz umgeleitet, wo auch der ein oder andere ICE hält. Für uns simple Nahverkehrsfahrer gibt es nix, wir haben erst mal keine Priorität. Aber halt, da, eine Durchsage: „Reisende Richtung Aachen nehmen bitte die S-Bahn auf Gleis 11 nach Düren um 12 Uhr.“ Na ja, wenigstens etwas, ist ja der halbe Weg. Düren liegt jetzt nicht wirklich in der Nähe von Aachen, aber auch nicht so weit entfernt, dass die Strecke mit dem Auto nicht in einer halben Stunde zu schaffen wäre. Also eile ich auf das angegebene Gleis und rufe meine Begleiterin an. Das arme Mädel kommt grad aus der Dusche, ist wahrscheinlich frisch wie ein Frühlingsmorgen und darf sich jetzt erst mal eine fünfminütige Hasstirade meinerseits gegen Köln im allgemeinen und dem Kölner Hauptbahnhof im besonderen anhören. Sorry dafür, aber irgendjemand muss ja bluten. Und ein Bahnangestellter lässt sich in weiser Voraussicht auf dem Bahnsteig nicht blicken.
Wir vereinbaren, dass ich die Bahn nach Düren nehme, und sie mich dort abholt. Gleichzeitig freue ich mich darauf, dort am Schalter mein Zusatzticket für die Strecke Düren-Aachen wieder umzutauschen, weil ich es dann ja nicht mehr benötige; und ich schwöre, wenn die es wagen, darauf hinzuweisen, dass das Ticket ja weniger wert sei als die 15 Euro Bearbeitungspauschale, die sie leider bei jedem Umtausch erheben müssen, dann wird der Dürener Bahnhof einige Minuten später nur noch eine verschwommene Erinnerung in den Köpfen der Anwohner sein. Auch meine Geduld hat Grenzen.

Und letztere lotet die Bahn jetzt dermaßen aus, dass man meinen könnte, die bieten auch Selbstfindungsseminare an. Um Punkt 12 erscheint die angegebene S-Bahn am angegebenen Gleis. Leider steht als Ziel „Sindorf“ auf dem Zugschild. Ich habe keine Ahnung, wo das liegt, dem erregten Gemurmel der Umstehenden entnehme ich jedoch, dass es nicht mal bis nach Düren gehen würde. Also wird von einer, hm, sagen wir mal, etwas empörten Menge jetzt der Fahrer der S-Bahn durchs offene Fenster befragt. Ob er nach Düren fahre? Aber im Leben nicht. Das sei soeben durchgesagt worden? Nein, davon weiß er nichts. In der Zentrale anrufen und nachfragen? Nöööö. Er muss nach Sindorf, und nur nach Sindorf soll die Reise gehen, er fährt doch nicht weiter bis nach Düren. Flugs schließt er das Fenster, was auch besser ist, denn ich meine, bei dem ein oder anderen Fahrgast auf dem Bahnsteig jetzt doch langsam die Vorfreude auf Lynchjustiz in deren Augen zu erkennen. Eilig bringt er sich und seine S-Bahn in Sicherheit und lässt ein knappes Hundert Fahrgäste wutschnaubend und ratlos zurück.
Übrigens, des Rätsels Lösung ergibt sich beim Blick auf den Fahrplan: heute ist Sonntag. Diese S-Bahn um 12 Uhr fährt nur samstags und sonntags. Samstags bis Düren, sonntags bis Sindorf. Jeder, der des Lesens kundig ist, kann das erkennen, die im Kölner Hauptbahnhof Verantwortlichen für den Fahrplan konnten es leider nicht.

Ich habe zum Glück meine Handy-Verbindung nicht gekappt, so können wir den ganzen Plan direkt wieder umwerfen. Es kommt eine weitere Lautsprecherdurchsage. Der Regionalexpress soll nun auf das S-Bahn-Gleis umgeleitet werden und um 12.16 Uhr abfahren. Na also, das ist doch ein Wort. Leider bleibt es auch nur ein Wort, es kommt eine S-Bahn, es kommt die nächste, die übernächste, aber kein Regionalexpress. Da, eine neue Lautsprecherdurchsage! Nein, deren zwei. In der Tat, es sind zwei Durchsagen, so übereinander gelegt, dass man keine von beiden verstehen kann. Ich beobachte aufmerksam die Umgebung, denn ich suche den besten Standort für den Molotow-Cocktail, den ich mir gleich zu besorgen gedenke. Und während der ganzen Zeit bleibt die Handy-Verbindung aufrecht, damit wir alle zwei Minuten umplanen können.

Ich möchte hier abkürzen, irgendwann soll es auch noch mal um Fußball gehen. Um 12.32 Uhr, nach nur 51 Minuten, kommt der Regionalexpress. Er ist es jedoch nicht, wie eine Durchsage im Zug später aufklärt. Es ist ein Ersatzzug, der direkt nach der Stellwerkstörung auf die Schiene geschickt wurde und um 12.16 Uhr los fahren sollte. Leider hatte man bei der Bahn vergessen, dass das Depot, aus dem er kam, auch der Störung unterworfen war und somit durfte auch er nicht einfahren. Ganz schlechtes Kino. Mein Mitgefühl gilt übrigens den Passagieren im regulären Regionalexpress, der am Sonntag, 05.12.2004, um 11.39 Uhr in den Kölner Hauptbahnhof einfahren sollte. Die stehen wahrscheinlich immer noch auf irgendeinem Abstellgleis und dürfen nicht einfahren.

Langer Rede kurzer Sinn: mit einer lockeren Stunde Verspätung erreiche ich Aachen und die beste und vor allem geduldigste Fahrerin von allen. Was die sich in der halben Stunde Handy-Verbindung auf dem Bahnsteig alles anhören musste…ich darf gar nicht darüber nachdenken. Und das alles für Kreisliga B…

Aber gut, nun sind wir also in Aachen. Es wäre natürlich von Vorteil gewesen, in Stolberg Hbf auszusteigen, einer unglaublichen Bruchbude mit penetrantem Schwefelgestank, direkt nebenan fault eine Abraumhalde sowohl über- als auch unterirdisch vor sich hin, denn Dorff ist ja ein Stadtteil von Stolberg. Aber von Aachen Hbf ist es auch nicht schwer, und wer die Tour mal machen möchte – bittschön: vom Aachener Hbf rechts in die Römerstraße, dann an der 2. Ampel links in die Wilhelm-Straße. Dort wird an der 4. Ampel auf den Adalbertsteinweg abgebogen, der in den Aachener Ortsteil Brand führt. Dort auf die Freunder Landstraße (L 220) und hinter Freund (also Gegenden, in denen es Ortsteile wie „Freund“ oder „Dorff“ gibt, müssen einem doch irgendwie sympathisch sein, oder?) rechts auf die Obersteinstraße Richtung Büsbach (K 22). Sodann in Stolberg-Büsbach rechts abbiegen auf die Straße „Tiefental“ (K 13), die direkt ins Gelobte Land führt, und in Dorff an der zweiten Straße „Im Dorfweiher“ links abbiegen und auf den Parkplatz fahren, der ca. 5 Autos Platz bietet. Fertig. Es wird im übrigen schon ziemlich bald ländliche Idylle geboten, die an meine Heimat erinnert, immer bergauf, bergab, Wiesen und Felder, zwischendurch mal ein Dorf oder ein einsamer Bauernhof. Doch, an solchen Tagen besänftigt dies ein wenig.

Übrigens stellen wir bei der Ankunft fest, dass der gewiefte Groundhopper, der sich für keine Tour zu schade ist, die Strecke auch komplett mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen könnte. Direkt vor der Einfahrt zum Dorfweiher liegt nämlich eine Bushaltestelle („Am Hahnenkreuz“), an der die Buslinie 42 hält, die als Endstation tatsächlich Stolberg Hbf ausweist. Falls jemand die Strecke mal fahren möchte, empfehle ich zwei Dinge: zum einen ein Taschentuch, um den Schwefelgeruch am Stolberger Hbf ein wenig zu mildern. Zum andern die Service-Hotline der Bahn, um sich vor Fahrtbeginn nach dem Zustand der Stellwerke im Kölner Hauptbahnhof zu erkundigen. Viel Spaß.

Somit erreichen wir eine Viertelstunde vor dem Spiel das Stadion der Herzen, völlig unbedrängt von irgendwelchen Blechlawinen, die nicht vorhandene Parkplätze umkurven, oder von Menschenschlangen, die an einem natürlich viel zu kleinen Tor Einlass begehren. Man könnte auch sagen: es tut sich nichts. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die Gästemannschaft aus Lichtenbusch (das ist übrigens ein Stadtteil von Aachen in unmittelbarer Nähe zu Belgien; ja, ich weiß, ganz Aachen ist in unmittelbarer Nähe zu Belgien, aber Lichtenbusch halt am „nächsten“) ist nämlich bereits auf der Asche und schießt sich warm. So sieht auch deren Torwart aus, der schon so manche Parade in diverse Pfützen vor seinem Tor hingelegt hat. Gut so, da gewöhnt sich der Körper schneller an dieses klamme Gefühl der durchweichten Klamotten.

Wir entsteigen dem Auto und begeben uns auf einen Rundgang um den Platz zwecks Erforschung der Stadionatmosphäre. Doch, sehr nettes Ambiente. Hinter dem einen Tor, an dessen Seite wir geparkt haben, befindet sich ein Kinderspielplatz. Hinter dem anderen Tor schnauben fünf Pferde auf ihrer Koppel, ebenfalls in Kernschussweite. Hinter der einen Gerade, die auf einem gewalzten Feldweg hinter der Umzäunung des Sportplatzes begangen werden kann, glänzt der Gemüsegarten des Bauern, dessen Haus sich ein Stück weiter vorn zur Straße hin befindet. Ganz erstaunlich die andere Gerade: direkt an der Seitenlinie beginnt ein Grashügel, der sich in sanfter Steigung etwa fünf Meter nach oben zieht. Am oberen Ende hat man einen betonierten Platz geschaffen, an dem sich der Verkaufsstand befindet, davor Tische mit Aschenbechern – alles überdacht mit Holz und Wellblech! Das scheint die VIP-Lounge zu sein, da zieht es uns hin. Von diesem betonierten Vorplatz, der sich in Höhe der rechten Seite des Spielfeldes befindet, führt ein Matschweg schräg nach links hinunter zum Spielfeld, wo zwei wacklige Ersatzbänke aufgestellt sind. An diesem Matschweg glänzen noch drei oder vier gezimmerte Holzbänke – aha, Sitzplatztribüne! Dort wird sich also der einheimische Mob versammeln. Nix wie hin!
Für irgendwelche Anhänger von Lichtenbusch II bleibt da nicht mehr viel Platz, es sei denn, sie möchten das Spiel von der Gegengerade oder hinter einem der Tore verfolgen, aber dann natürlich auch hinter dem Zaun. Aber dies ist gar nicht nötig, die paar, die mitgekommen sind, finden nämlich problemlos bei den Ersatzspielern auf der Bank Platz. Fußball – wirklich hautnah!

Der Platz selbst ist so eine wandelnde Katastrophe, auf der ich früher in der Jugend immer gerne gespielt habe: Asche, die unter Wasser steht, herrlich, so richtig was für große Kinder. Immerhin hat er Flutlicht, schönen Gruß nach Velbert. Und er ist wirklich verdammt klein. Auf Außen sind es von der Strafraummarkierung bis zur Eckfahne nur wenige kurze Schritte. Das heißt, Moment, Eckfahnen gibt es hier nicht, die Markierungen bestehen lediglich aus diesen Stangen, die man in jedem Verein der Welt zum Dribbel-Training immer aus dem stets abseits liegenden, stets muffig riechenden Schuppen des Platzwarts holen muss. Fahnen zum Aufstecken gibt es nicht. Wozu auch?

Eingespart wird auch bei den übrigen Platzmarkierungen, wohl damit die fehlende Größe des Feldes nicht sofort ins Auge springt. So ist der Strafraum zwar eingezeichnet, der davor liegende Halbkreis fehlt jedoch ebenso wie die Viertelkreise an den Ecken. Auch den Mittelkreis sucht man vergeblich, eine Mittellinie mit einem liebevoll gekalkten Anstoßpunkt in der Mitte tut’s auch. Beide Elfmeterpunkte schwimmen in Pfützen, sind aber mit bloßem Auge bei genauem Hinschauen durchaus noch schemenhaft zu erkennen. Na also, da haben wir doch alles, was man zum Fußball spielen braucht!

Außer Platz. Besonders drastisch wird dies an der Ecke unterhalb des Verpflegungsstandes deutlich. Direkt hinter der Torauslinie ist die Ecke mit einer soliden Holzwand vermauert, von der Linie bis zum Holz verbleibt vielleicht ein Meter. Das heißt, wenn jemand von hier eine Ecke mit dem linken Fuß treten will und daher von rechts „anlaufen“ will, hat er genau diesen Meter Platz. Noch lustiger ist es bei Einwürfen. Auf der Gegengerade verbleibt dem Spieler ebenfalls circa ein Meter Platz, dann bohrt sich ihm der Maschendraht des Zauns in den Rücken. Bei uns auf der Gerade beginnt, wie schon geschildert, direkt hinter der Seitenlinie der Grashügel. Wer also mit Anlauf werfen will, muss zunächst ein Stück den Hügel hinauf und anschließend wieder hinunter laufen. Das garantiert zusätzlichen Schwung und weite Einwürfe, sofern man den Schwung unten halten kann, wenn der schräge Boden urplötzlich ins gerade Spielfeld übergeht. Das ist nicht unpfiffig.

Nun will die Verpflegung begutachtet sein. Wir schreiten also zur fest installierten Holzbude und studieren das Angebot, welches auf einem mit WordArt liebevoll gestalteten Zettel aushängt. Und, liebe Caterer in sämtlichen Stadien der ersten, zweiten und dritten Liga: so hat ein Angebot auszusehen: Cola, Wasser, Fanta, Kaffee, Schnaps: 80 Cent. Eine Zeile tiefer: Bier, Würstchen, Nüsse: 1 €. Aus die Maus. Kurz, klar und prägnant, kein Gedudel mit Pfand oder Wurst für 3 €, für die man eine Viertelstunde anstehen muss, nur um dann festzustellen, dass sie doch noch halb roh aus dem Wasserbad oder vom Grill gefischt wurde. Hier ist der Zuschauer König!
Wie sehr dies zutrifft, kann sogleich bei der Bestellung beobachtet werden. Das Bockwürstchen wird – mein Gott! – auf Porzellan serviert, die 0,3-Cola gibt’s im Glas und der von der weiblichen Begleitung georderte Kaffee kommt in der Tasse, wenn es auch damit etwas länger dauert, denn die Kaffeemaschine streikt ein wenig. Zudem habe ich die Ehre, ein noch jungfräuliches Glas Senf zur hemmungslosen Benutzung zu erhalten, das schafft man zum Beispiel bei mir in Bonn noch nicht mal, wenn man vor dem Spiel am Stand übernachtet. Und für den Gesamtpreis von 2,60 € für diese drei Artikel krieg ich in so manchem Stadion noch nicht mal eine Bratwurst. So soll es sein!

Neben der Preisliste hängt übrigens ein weiterer Zettel, dem zu entnehmen ist, dass der heutige Spielball von Erich Kloubert gespendet wurde. Danke, Erich! Die DJK SF Dorff ist immer an Spielballspenden interessiert, die Bälle werden anschließend im Training der Jugendmannschaften weiter verwendet. Spenden ab 20 Euro sind willkommen. Es darf auch gern reichhaltig gespendet werden, denn wenn ich das anschließend richtig beobachte, stehen während der Partie nur zwei Bälle zur Verfügung. Da muss doch was gehen!

Jetzt kommen die Mannschaften! Sie schreiten den Weg vom Klubheim oberhalb des Verpflegungsstandes hinunter, um dann auf dem Matschweg nach unten zu den Ersatzbänken zu gelangen. Es verblüffen die Trikotsponsoren. Die DJK SF Dorff läuft für einen Gourmettempel auf, das ist nicht zu übersehen: „Athen-Grill Breinig“ prangt samt Telefonnummer stolz auf ihrer Brust. Ehrlich verblüfft bin ich allerdings, bei den Lichtenbuschern das Logo von Müller-Milch zu entdecken. Ich drücke den Jungs ernsthaft die Daumen, dass nicht eines Tages Dieter Bohlen für gemeinsame Werbeaufnahmen auf der Matte steht.

Mittendrin der Schiri. Auch etwas in die Jahre gekommen, vom Körperbau her gemütliche Tropfenform, erinnert er mich an so manchen Oberliga-Linienrichter aus den letzten zwei Jahren. Auch ansonsten sieht er etwas merkwürdig aus, er trägt nämlich zu seinem schwarzen Dress wahrhaftig ein neongelbes Leibchen. Dies rührt daher, dass die Trikots der Gyros-Buden-Repräsentanten auch schwarz sind. Um nicht mit einem der Spieler verwechselt zu werden, ordnet der Schiri nicht den kollektiven Umstieg auf Ausweichtrikots an, nein, er weicht selbst aus! Ja, hier geht’s noch flexibel zu.
Wie flexibel es hier zugeht, erlebe ich einige Augenblicke später. Der Schiri trägt nämlich auch zwei Fähnchen in seinen Händen. Richtige Linienrichterfahnen sind das nicht, sondern diese roten Baustellenfahnen, die irgendwelche Arbeiter auf der Autobahn schon mal hektisch schwenken, bevor sie sich mit einem Hechtsprung in Sicherheit bringen müssen, weil eh niemand so wirklich darauf achtet. Der Schiri schaut sich kurz um und bestimmt seine Assistenten: der Betreuer von Dorff (bei dem ich anschließend herausfinde, dass es sich um Ballspender Erich handelt) erhält ein Fähnchen und trollt sich missmutig Richtung Gegengerade, gefolgt vom Trainer der Heimmannschaft, der die gesamte erste Halbzeit drüben verbringen wird, wahrscheinlich, weil der Überblick von dort besser ist.
Das Fähnchen auf unserer Seite erhält der einzig Offizielle von Lichtenbusch II, der anwesend ist, nämlich deren Trainer. Und dieser Mann, dessen Namen ich leider nicht kenne, steht für ganz großes Kino, soviel mal vorab.

Nun trudelt auch der Ersatzspieler der Heimmannschaft ein. Olli, so wird er gerufen, stellt sich neben uns und ordert am Verpflegungsstand erst mal einen Kaffee. Dann fragt er: „Wo ist der Trainer?“ und stellt mit zufriedenem Seitenblick fest, dass der Übungsleiter auf der anderen Seite an der Ecke unter einem Baum steht und ihn nicht sehen kann. Zack, steckt sich Olli erst mal ne Kippe an und raucht genüsslich. So richtig wach sieht er auch nach Zigarette und Kaffee nicht aus, gibt es aber schonungslos zu. Von einem der umstehenden Zuschauer befragt, ob er denn fit sei, antwortet Olli kurz und knackig: „Mental bin ich noch im Bett!“ Aber das soll ihn nicht davon abhalten, bereit zu sein, wenn es darauf ankommt! Daher ruft er den Mannschaftskameraden auf dem Platz noch aufbauend zu: „Sacht Bescheid, wenn ihr mich braucht!“ und widmet sich wieder seinem Kaffee. Er scheint also wirklich der Joker zu sein…das klingt vielversprechend.

Da Olli der einzige Ersatzspieler der Heimmannschaft zu sein scheint, der Betreuer zum Fahnenschwenken abkommandiert ist und der Trainer ebenfalls auf der Gegengerade herumgeistert, bleibt die Ersatzbank der Dorffer völlig leer. Beim Gegner tummeln sich alle 8 Mitgereisten – Ersatzspieler und Zuschauer. Gute Auslastung also.

Aber was soll’s? Der Platz ist bespielbar, die wichtigsten Linien und Punkte kann man sehen, das Wetter ist diesig und kühl, aber trocken – beste Voraussetzungen für Fußball! Now let the game begin!

Der Schiri pfeift das Spiel dann auch an. Es hat alles, was ein Fußballspiel braucht. Damit meine ich nicht Rasse, Klasse und Dynamik, sondern 22 Spieler, 1 Schiri sowie einen güldenen Spielball, der so verblüffend schlecht in die gesamte Umgebung passt, dass es fast schon wieder kultig ist. Das Spiel selbst ist in den ersten 10 Minuten von zögerlichem Abtasten geprägt, was hier bedeutet, dass uns die Befreiungsschläge nur so um die Ohren fliegen. Klar, überragende Technik darf nicht erwartet werden, und der Platz ist mit Pfützen übersät – jeder gelungene Flachpass bleibt nach spätestens zehn Metern im Wasser liegen.
10 Minuten lang passiert also nichts, abgesehen davon, dass der zweite Einwechselspieler der Heimmannschaft erscheint. Wer weiß, wo der noch gewesen ist. Olli macht sich noch eine Kippe an und kippt noch einen Kaffee. Ich glaube, das ist seine spezielle Art des Aufwärmens.

Eine spezielle Art der Spielleitung hat auch der Schiri. Er bewegt sich bevorzugt im und um den gedachten Mittelkreis herum und trägt dadurch zur Regelkunde bei den Zuschauern bei. Als auf Außen zum Beispiel mal kurz geschoben wird, pfeift er ab und brüllt quer über den ganzen Platz: „Hände weg!“ Die Zuschauer nicken verstehend und anerkennend. Der Mann ist lässig und hat alles im Griff.
Dann tritt der Lichtenbuscher Trainer-Linienrichter auf den Plan. Als einer seiner Spieler gefoult wird, betritt er samt Fähnchen das Spielfeld und brüllt: „Der Zehner tritt dem zweimal in die Hacken, Schiri!“ Und was für eine Stimme der hat! Ich glaube, der hat schon einen Vorvertrag bei einer x-beliebigen Death Metal-Band in der Tasche und muss sich nur noch die Haare wachsen lassen, ehe er den Job antritt, denn er sieht eigentlich aus wie Schwiegermutters Liebling. Aber die Stimme rockt. Sie würde wohl auch Tote aufwecken. Nur der Schiri winkt lässig ab, und der Trainer mutiert gutwillig wieder zum Fahnenschwenker.

In der Zwischenzeit hat sich ein älterer Mann mit Herren-Täschchen zu uns vorgeschoben und fordert den Obolus. Ich bin mit 2 Euro dabei, leider gibt es keine Eintrittskarten, schade. Meine weibliche Begleitung hingegen guckt umsonst! Jawohl, so geht das, so wirbt man Fans. Eine schöne Einrichtung, das muss man neidlos anerkennen.

Auf dem Spielfeld kann man jetzt erste Unterschiede erkennen, Spieler, die dem Spiel ihren Stempel aufdrücken werden, kristallisieren sich heraus. Zum Beispiel die Nummer 9 der Dorffer, ein Schwergewicht, das gleichzeitig Mannschaftskapitän ist. Er wirkt keinen Tag unter 35, von der Statur her möchte ich mal den Vergleich mit Günther Delzepich wagen, falls den noch jemand kennt. Falls nicht, das war einst in den 1980ern ein Spieler in Diensten von Alemannia Aachen und des Wuppertaler SV, dessen rohe Kräfte sich am besten so umschreiben lassen: er wettete einst im Training, dass er einen Medizinball von der 16-Meter-Linie aus ins leere Tor würde schießen können, ohne dass der Ball vor dem Überschreiten der Torlinie den Boden berühren würde. Er verlor die Wette – aber nur, weil er nicht ins Tor traf, sondern den Medizinball drüber schoss. Nur mal so, damit man eine Vorstellung bekommt.

Die Nummer 9 der Dorffer ist ein ähnlicher Brecher, der sich in jede Flanke wuchtet, aber bislang noch keine trifft. Außerdem sieht man an ihm den erfahrenen alten Hasen, der schon alles gesehen hat. Also in der Kreisliga B, meine ich. Er ist nämlich der einzige Spieler seiner Mannschaft, der mit Handschuhen aufläuft. Ebenso wie auf der anderen Seite der Fels in der Brandung, die Lichtenbuscher Nr. 6, auch schon etwas älter. Die beiden wollen natürlich erst langsam auf Betriebstemperatur kommen, um hinterher den Jungspunden ein Schnippchen zu schlagen.

Nach 10 Minuten dann die ersten Chancen für Lichtenbusch. Der Dorffer Torwart ist ein gemütlicher Schnauzbart, der keinen Tag jünger als 40 aussieht. Fast teilnahmslos folgt er der Flanke der Gäste und dem schönen Kopfball des Mittelstürmers. Dann aber taucht er blitzschnell ab, liegt mit dem Gesicht im Dreck, aber er hat die Kugel aus dem Eck geholt. Die Katze hat zugeschlagen!
Nur eine Minute später ist er wieder mitten im Geschehen und legt eine weitere Glanzparade bei einem ganz erstaunlichen Hammer eines Gästespielers hin. Der hätte genau unter die Latte gepasst. Es wird interessant, man sieht, die Nummer 7 der Gäste, ein echter Spargeltarzan, allein beim Anblick seiner dürren Beinchen friert es mich schon, hat einen sehr guten Schuss, die Nummer 8 ist technisch erstaunlich beschlagen und holt auch auf diesem Boden das ein oder andere Kabinettstückchen aus der Trickkiste.
Jetzt allerdings hat es die Nummer 7 zu gut gemeint, mit der rechten Klebe abgezogen, der Ball fliegt weit übers Tor und über den Zaun auf die Koppel inmitten der Pferde. Die sind nur mäßig erstaunt. Ich nehme mal an, dass sie dies nicht zum ersten Mal in ihrem Dasein erleben. Genau wie das Nachfolgende, nämlich dass der Torwart ungerührt den Zaun zur Koppel überklettert und die Kugel zwischen ihnen wieder herausfischt. Fußball und Natur – das muss sich nicht ausschließen!

Eine Minute später fliegt die Kugel an der hinteren Ecke ins Aus zum Eckball für Lichtenbusch. Zu deren Pech ist dort in der Ecke der Zaun unterbrochen und das Leder saust zwischen Bäumen ins Nirwana. Die Nummer 8 eilt hinterher, hat jedoch Glück: er bekommt den Ball von einem Spaziergänger zugeworfen, der zufällig mit seinem Hund vorbei kommt. Kein Mensch braucht hier Balljungen.
Denn jetzt ist auch der Erich fällig. Der hat bislang relativ regungslos an dem Mülleimer gelehnt, der sich im Seitenaus auf der Gegengerade in Höhe der Mittellinie befindet, und hat nur ab und zu sein Fähnchen mal nach links oder rechts gehoben. Jetzt pöhlt ein Lichtenbuscher die Kugel mit Schmackes auf Erichs Seite über den Zaun in den angrenzenden Gemüsegarten. Für Erich reine Routine: gelassen taucht er durch die kleine Öffnung, die man dort wohl aus gutem Grund im Zaun gelassen hat, schleicht sich durch ein dahinter liegendes Gartentor auf die Wiese und holt den Ball wieder. Die Schnelligkeit lässt jahrelange Übung vermuten.

Und jetzt fallen auch Tore. Wäre auch verwunderlich gewesen, wenn nicht, denn beide Teams haben ein Katastrophen-Torverhältnis und noch nicht einmal in dieser Saison zu Null oder gar Null zu Null gespielt. Die Gastgeber machen den Anfang, Kopfball zum 1:0, der Lichtenbuscher Torwart sieht ganz schlecht aus, weil der Ball in eine Pfütze titscht und dann unter seinem Körper hinter die Linie trudelt. Postwendend macht Lichtenbusch II den Ausgleich, ein schön heraus gespielter Treffer. Beide Tore passen zur Spielwertung: die Gäste haben technisch ab und zu was drauf, die Gastgeber hingegen bärenstark bei Standards, das scheint Trainer Herzog verstärkt geübt zu haben: hinten dicht machen und vorne auf Freistöße, Ecken und den lieben Gott hoffen. Kein Wunder, denn als der neue Trainer in der Lokalpresse vorgestellt wurde, antwortete er auf die Frage, was er denn erreichen wolle: „Die Anzahl der Gegentore reduzieren.“ Mehr nicht.

Aber dann: nachdem es einige Minuten relativ plan- und sinnlos hin und her gegangen ist, explodieren beide Mannschaften kurz vor der Halbzeit. Oder beide Abwehrreihen sind schon in der Kabine. Auf jeden Fall zähle ich fünf hundertprozentige Chancen in ebenso vielen Minuten. Unfassbar, was die freistehend alles verballern, auch die Katze von Dorff kann nicht alles abgreifen, bleibt aber im Glück. Dann ist Halbzeit, und die Spieler, deren Rückennummern man zum Teil gar nicht mehr erkennen kann, schlurfen ins Vereinsheim. Olli hingegen ist nach drei Kippen und zwei Kaffee endlich wach und geht auf den Platz zum Warmlaufen. Sein verspätet eingetroffener Kompagnon folgt ihm und ist auch tatsächlich der erste, der direkt zu Beginn der zweiten Halbzeit eingewechselt wird, Olli muss sich noch etwas gedulden, er kommt erst in der 55. Minute. Als er einläuft, winkt der Schiri ihm einmal vom Anstoßpunkt aus zu und Olli läuft rückwärts auf, damit der Schiri seine Rückennummer lesen und notieren kann und nicht zu ihm hingehen muss. Die Nummer 9 von Dorff macht Ernst und zieht die Handschuhe aus, die Nummer 6 von Lichtenbusch II trägt schon lange keine mehr. Denn jetzt geht’s rund. Erst verballert Olli die todsichere Chance, frei vor dem am Boden liegenden Torwart, da ist er grad mal zwei Minuten auf dem Platz. War wohl ne Fluppe zu wenig vor dem Einsatz, da mangelt es an Konzentration. Ansonsten beackert er die linke Außenbahn auf einer Strecke von geschätzt zehn Metern hin und zurück und wirkt nach ebenso vielen Minuten bereits relativ müde, was einen Zuschauer dazu veranlasst, anfeuernd „Olli, du bist noch frisch!“ quer über den ganzen Platz zu rufen. Ich bin sicher, ich würde in Olli einen bedingungslosen Fürsprecher finden, denn ich fordere ja auch schon seit längerem, beim Fußball die Zigarettenpause einzuführen, damit auch ich endlich selbst mal wieder spielen kann.

Aber lassen wir Olli ruhig weiterhin auf der linken Außenbahn verhungern, denn jetzt nimmt das Spiel wieder Fahrt auf: Eckball Dorff von der linken Seite, Kopfballverlängerung am kurzen Pfosten, und in der Mitte fliegt die Nummer 9 heran und wuchtet die Kugel zum Günther-Delzepich-Gedächtnis-Treffer in die Maschen. Na also, es geht doch, 2:1, die Zuschauer jubeln. Es sind meiner Schätzung nach übrigens so circa 20 bis 30. Auf der Lichtenbuscher Bank verlässt ein junger Mann mit seiner kleinen Tochter den Spielfeldrand und bestellt eine Waffel. Ja, gibt es heute auch, die beiden netten Damen in dem Büdchen haben Waffelteig mitgebracht, aber kaum jemand möchte eine. Flaschenpils hingegen wird relativ zügig geordert.

Und während der Trainer-Linienrichter der Gastmannschaft noch mit seiner unverwechselbaren Stimme schimpft und dabei gern auch ein wirklich lustiges Zwiegespräch mit den übrigen Zuschauern sucht, kommt der Angriff der Gäste, knackig vorgetragen über links, halbhohe Flanke in die Mitte, abgeblockt, Nachschussversuch, niemand kommt dran, dann ein Pfiff und – Elfmeter. Kein Mensch weiß, warum. Handspiel? Foul? Keine Ahnung, ist auch ziemlich schlecht hier mit der Zeitlupe. Aber der Schiri besteht drauf – Elfer.

Und dann kommt das, was ich schon in der Jugend geliebt habe, schön, dass es so was noch gibt: der Schiri stellt sich auf die Torlinie und schreitet die 11 Meter ab, natürlich begleitet von je einem Spieler beider Mannschaften, die je nach Trikotfarbe mosern, dass der Schiri zu große oder zu kleine Schritte macht. Aber er lässt sich wieder nicht beirren. Der Schütze läuft an und schickt die Katze ins falsche Eck – 2:2. Der Trainer-Linienrichter brüllt über den Platz, als sei soeben die Bundesliga-Meisterschaft klar gemacht worden.

Jetzt wogt es hin und her, weil die Kräfte nachlassen, es wird ein munteres Spielchen, und natürlich gibt es auch die obligatorische Kreisliga-Grätsche: Laufduell im Lichtenbuscher Strafraum, der Abwehrspieler ist ganz knapp vor dem Stürmer am Ball, dieser hat allerdings schon die Grätsche angesetzt und katapultiert den Abwehrrecken einen flotten Meter durch die Luft und in den Schlamm. Er entschuldigt sich aber sofort, es gibt Gelb und gut ist.

Der Trainer-Linienrichter mischt derartig an der Außenlinie mit, dass meine Begleitung mutmaßt, er werde kurz vor Schluss, falls ein Dorffer Stürmer frei durchbrechen sollte, auf den Platz rennen und den Spieler weggrätschen. Ich glaube es ihr unbesehen, der sieht wirklich so aus. Aber noch hält er sich zurück und überrascht statt dessen mit präziser Spielanalyse: als einer seiner Abwehrspieler einen Dorffer Stürmer am eigenen Strafraum foult und der Schiri Freistoß pfeift, da motzt der Trainer ausnahmsweise nicht, sondern dreht sich zum Publikum um und sagt: „Dat war’n taktisches Foul!“ Am eigenen Strafraum! Damit hat er die Lacher auf seiner Seite, und der Freistoß bringt auch nichts ein.

In der Zwischenzeit möchte meine fußballkundige Gefährtin wissen, wie es denn bei ihrer Alemannia aus Aachen steht, die haben ein Heimspiel gegen Wacker Burghausen, mittlerweile ist dort auch Halbzeit. Da es hier wohl eher weniger Durchsagen oder Anzeigetafeln gibt, simse ich einen Fortuna-Kollegen in Düsseldorf an und frage nach. Es dauert zwei Minuten, bis er mir antwortet, er ist noch unterwegs und weiß es auch nicht, er meldet sich aber, sobald er zuhause ist. Er fragt, wo wir uns denn aufhalten würden. Ich schreibe es ihm. Als Antwort kommt zurück: „Kreisliga B, jaja, is klar *g*“. Irgendwie fühle ich mich nicht Ernst genommen.

Und dann schlägt es doch noch ein bei Lichtenbusch II, der Treffer, der uns bei einem historischen Spiel dabei sein lässt, nämlich beim ersten Saisonsieg für Dorff, der gleichzeitig die Rote Laterne für Lichtenbusch II bedeutet. Weiter Abschlag der Katze (na ja…was auf diesem Sportplatz eben „weit“ bedeutet), die Kugel fliegt in den gegnerischen Sechzehner, ein Abwehrspieler will klären, trifft aber den Rücken seines eigenen Mitspielers, die Kugel kullert weiter in den Strafraum und wird aus kurzer Distanz versenkt, der Trainer-Linienrichter erleidet einen verbalen Herzkasper, es steht 3:2, ein begeisterter Zuschauer ruft enthusiastisch „Nur noch 7!“ (Das bin ich). Ein Siegtor, passend zum Spiel.

Zum Schluss wird es noch mal eng, Lichtenbusch II wirft alles nach vorne, selbst die Pferde treten interessiert an den Koppelzaun, weil es so laut wird, und Sekunden vor dem Abpfiff haben sie auch den Ausgleich auf dem Schlappen, aber die Katze riskiert Kopf und Kragen und kann retten. Dann ist das Spiel aus, Dorff siegt und steht, was sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen, mit diesem einen Sieg plötzlich auf einem Nichtabstiegsplatz, denn sie haben auch den SV Gressenich überholt, der 0:1 bei GW Mausbach einging. Fußball kann so spannend sein!

Nach dem Spiel müssen die Spieler, die man aufgrund des Drecks und der einbrechenden Dämmerung eh kaum noch voneinander unterscheiden kann, die Ersatzbänke wegräumen, und Olli bekommt noch einen Sonderauftrag: er muss zwei Eckstangen einsammeln. Das klappt auch unfallfrei, als er allerdings damit den Grashügel hochstolpern will, um den Weg abzukürzen, macht er sich lang und beschädigt eine Dribbelstange, der halbrunde Pümpel, an dem die Stange befestigt ist und aufgestellt wird, rollt den Hügel wieder hinab. Vielleicht hätten es doch noch einige Kaffee mehr vor der Einwechslung sein dürfen.

Der zweite Einwechselspieler von Dorff verblüfft mich dann noch, weil er am Büdchen partout eine Flasche Cola haben will. Ja darf das denn sein? Aber das war natürlich nur ein taktisches Manöver, der Rest der Truppe, der sich mit letztem Einsatz an den Tresen schleppt, erhält Pils. Sonst hätte ich auch die Welt nicht mehr verstanden.

Anschließend wollen wir natürlich noch beim Hauptsponsor essen gehen und fahren nach Breinig, zumal dies das Nachbardorf von Dorff ist. Wir finden ohne Mühe die Tzaziki-Stube (in der Corneliastraße), aber der Schuppen hat zu. Klar, sonntags nachmittags um zehn vor fünf muss man mit so etwas rechnen, aber schade ist es doch. Und vielleicht war Vassilli auch auf dem Platz und hat „seine“ Truppe beobachtet. Da muss man schon mal Abstriche machen.

Fazit: ein interessanter, sehr kleiner Sportplatz, ein Spiel mit viel Drumherum. Als Abwechslung wirklich mal ganz nett. Aber Woche für Woche, Jahr für Jahr? Ich glaube nicht. Bei aller Liebe zum Fußball und zu den Verrückten, die sich hier in ihrer Freizeit noch schinden – ein bisschen mehr darf es für mich als Zuschauer dann doch sein. Aber trotzdem, mein Gesamturteil lautet:

Der kleinste Sportplatz Deutschlands – ist eigentlich ganz cool. Und auf jeden Fall eine Reise wert. Wenn auch nicht unbedingt mit der Bahn.

Meine Begleiterin telefonierte übrigens am Abend noch mit einem weiteren gemeinsamen Bekannten. Freimütig schilderte sie, wo und wie wir den Nachmittag verbracht hatten. Seine Reaktion: „Ihr seid bescheuert!“ Ich verstehe es irgendwie nicht…

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