Das Europa vereinigte durch füßball

Deutschland-Lettland 0:0. Über Bahnreisen, Flugreisen, Busreisen, ein Fußball-Spiel, eine Altstadt im EM-Fieber, die Dringlichkeit, einen guten Dolmetscher nach Portugal zu exportieren sowie die Lüge vom Lettenplätten. Und das alles in 24 Stunden.

Es hätte so ein schönes Spiel werden können. Ein begeisternder Schlagabtausch mit vielen Toren. Einem deutschen Kantersieg. Sogar die deutschen Stürmer hätten treffen können. Und alle, alle hätten sich freuen können.

Leider hatte das ZDF etwas dagegen. Der Sender veranstaltete nämlich vor einigen Wochen einen Wettbewerb, bei dem man unter anderem Fan-Fotos einsenden konnte. Die Gewinner erhielten eine Tagescharter zu einem der Vorrunden-Spiele, somit dasselbe Programm, welches meine Wenigkeit bereits vor Monaten eingefädelt hatte. Und natürlich gewannen die beiden Mädels von www.fussball-und-titten.de (im Nachfolgenden nur noch schamhaft mit F & T bezeichnet, um diesen Beitrag jugendfrei zu kriegen). Es hätte mich auch gewundert, wenn nicht, schließlich ist die eine der beiden Damen studierte Fotografin und die andere weiß auch sehr gut mit der Kamera umzugehen, wahrscheinlich Erbanlagen. Aber mussten sie denn beide ausgerechnet die Tagescharter zum Lettland-Spiel gewinnen? Denn damit war das Spiel entschieden. Wir drei sind bisher bei zwei Gelegenheiten gemeinsam im Stadion gewesen: beim Spiel der deutschen Nationalmannschaft auf Island am 06.09.2003 und beim Spiel Fortuna Düsseldorf-Bayer Leverkusen (A) am 28.04.2004, mit dem Fortuna den Aufstieg in die Regionalliga Nord klar machte. Beide Spiele endeten 0:0. Es ist somit nach menschlichem Ermessen unmöglich, einen Treffer live im Stadion zu bewundern, wenn wir drei gemeinsam auf Achse sind. Hätte das ZDF dies gewusst, hätte es die beiden Mädels wohl besser zum Spiel gegen die Niederlande verfrachtet. Aber das ZDF kannte wiederum meinen Namen nicht, denn ich stand ja nicht auf der Gewinnerliste, sondern gehörte zum normalen Pöbel, der für diese Reise auch noch bezahlt hatte. Somit ist die mangelnde Koordination der großen deutschen Reisebüros ZDF und DFB verantwortlich für dieses Unentschieden. Ich wasche meine Hände in Unschuld.

Da hierdurch das Ergebnis des Spiels bereits seit Wochen feststand, konnte mehr Wert auf das Drumherum dieses Tagesausflugs gelegt werden. Und das lohnte sich auch mal wieder.

Da ein guter alter DFB-Flug natürlich vom guten alten Frankfurter Flughafen startet, gilt es zunächst, den Weg nach Mainhattan zu finden. Damit ich nicht ganz so früh aufstehen muss, entscheide ich mich für diesen Sprinter-ICE, der mich in 38 Minuten von Siegburg nach Frankfurt bringt. Dazu muss man natürlich erst einmal nach Siegburg. Das ist von Bonn aus kein Problem, die Straßenbahnlinie 66, der sogenannte „Telekom-Express“ (ein Widerspruch in sich!) bringt einen sicher in 22 Minuten vom Bonner Hauptbahnhof zur Siegburger Großbaustelle. Problematisch ist da schon eher der Fahrplan, denn die dem Zug „nächste“ Straßenbahn ist um 8.10 Uhr in Siegburg. Der Zug fährt um 8.12 Uhr. Das könnte etwas knapp werden, da man ja noch zum Bahnsteig wetzen muss. Übrigens fährt dieser ICE stündlich immer um 12 nach vom Siegburger Bahnhof ab, den ganzen Tag über. Trotzdem hat sich noch niemand um den Fahrplan dieser Zubringerbahn Gedanken gemacht, insbesondere, wenn man Koffer dabei hat (und das darf man ja wohl bei einem ICE, der am Frankfurter Flughafen hält, ab und zu mal annehmen) wird es verdammt eng. Also nimmt man vorsichtshalber die vorherige Bahn. Und da wir Samstag Morgen haben, fahren die Bahnen auch mit schöner Regelmäßigkeit, so dass ich in Siegburg 30 Minuten Aufenthalt habe. Die kann man leider nicht nutzen, da am Siegburger Bahnhof zwar die Gleise, nicht aber das Bahnhofsgebäude fertig gestellt sind. Einem Schild zufolge werkeln sie hier seit 2001, und es sieht nicht wirklich so aus, als ob sie in nächster Zeit fertig werden würden. Rund um diese Baustelle befindet sich allerdings auch nix, was an diesem Samstag Morgen schon geöffnet haben könnte. Somit heißt es, eine halbe Stunde am Bahnsteig ausharren und frieren. Ein erster Misston.

Aber jetzt bin ich gespannt: wird die große deutsche Bahn dies auf sich sitzen lassen? Für die doch etwas knapp kalkulierte Zubringerbahn kann sie nämlich gar nix, deren Fahrplanausgestaltung obliegt den Stadtwerken Bonn. Kontrolliertes Chaos, an dem die Bahn unschuldig ist? Darf das denn sein? Ich weiß, sie werden alles geben, diese Scharte auszuwetzen, auch wenn es etwas schwierig wird, samstags morgens um 8, bei nur wenig Betrieb.

Aber sie enttäuschen mich nicht. Nein, nein, nicht so etwas Albernes wie eine Verspätung. Ich hab ja keinen dringenden Termin und umsteigen muss ich auch nicht. Also würde eine Verspätung erst ab 60 Minuten relevant werden, und das ist ein wenig viel verlangt für einen Samstagmorgen. Deshalb wird die Bahn jetzt kreativ.

Dazu muss man wissen, dass dieser Sprinter-ICE nach seinem Triebkopf über die nummerierten Wagen 21 bis 29 verfügt, danach folgt ein weiterer Triebkopf, dann die Wagen mit den Nummern 31 bis 39, so dass der Zug also auch zur Not auseinander gepflückt und in zwei unabhängige ICEs verwandelt werden kann. Und genau hier findet die Bahn den Ansatzpunkt, um den Samstagmorgen doch noch einigermaßen aufregend zu gestalten.

Eine Viertelstunde vor Eintreffen des Zuges ertönt nämlich die Durchsage vom Band, dass bei dem gleich einfahrenden ICE heute (ausnahmsweise?) die Wagennummern (auf die es bei der Reservierung der Sitzplätze ankommt) vertauscht sind. Und zwar…und in diesem Moment rauscht auf dem Nachbargleis ein ICE ohne Halt durch, der Rest der Ansage ist nicht zu verstehen, so dass nun kein Mensch mehr weiß, wo sich der von ihm reservierte Sitzplatz befindet. Muss ich vom Abschnitt A des Bahnsteigs nur einen Meter nach links treten und kann in Abschnitt B einsteigen? Oder muss sich die gesamte Reisegruppe, die mit ca. 50 Koffern neben mir in A steht, vielleicht nach G begeben, weit draußen, am anderen Ende des Bahnsteigs, wo sich in der Ferne das Sonnenlicht auf dem schnöden Beton bricht? Großes Rätselraten auch bei zwei Japanern neben mir, die soeben unfallfrei den Wagenstandsanzeiger auf dem Bahnhof richtig entziffert und mit ihren Reservierungen verglichen haben. Das können sie nun in die Tonne kloppen, aber sie wissen es noch nicht, ihrem Geschnatter nach zu urteilen, sind sie sich über den tieferen Sinn der Ansage noch nicht im Klaren. Da geht es ihnen genau wie uns Deutschen, ein großer Schub für die Völkerverständigung, ich bin begeistert. Danke, Bahn!

Die lässt sich jetzt nicht lumpen. Mit deutscher Gründlichkeit wird diese Durchsage exakt alle fünf Minuten wiederholt. Bei der ersten Wiederholung tatsächlich dasselbe Spiel – als die liebliche Stimme erläutern will, wie sich die Wagennummern denn jetzt verteilen, rauscht wieder auf dem Nebengleis ein ICE durch und lässt ihre Worte untergehen. Die Stimmung auf dem Bahnsteig wird zunehmend gereizter, und ich möchte in den Staub sinken vor Demut. Da zeigen die Profis von der Bahn mal den kleinen Lichtern der Bonner Stadtwerke, wie so etwas auszusehen hat!

Kurz vor dem Eintreffen des Zuges schafft die Bahn dann noch das, was beispielsweise einem Thomas Brdaric bei dieser EM nicht mehr gelingen wird: einen Hattrick. Nochmals kommt die Durchsage, pfiffig wurde in der Einsatzzentrale wohl der Fahrplan studiert und festgestellt, dass nunmehr nicht mit störenden ICEs zu rechnen ist.

Es folgt also die dritte Durchsage, die endlich Licht ins Dunkel bringen wird. Und genau in dem Moment, als es ans Eingemachte gehen soll und auch kein ICE mit voller Fahrt heran braust, nehmen drüben am unfertigen Bahnhofsgebäude eine Kreissäge und ein Presslufthammer den Betrieb auf und die Durchsage ist wieder futsch. Das muss Absicht sein, anders ist es nicht mehr zu erklären. Ich möchte ein Jubeltänzchen aufführen. Meine Bahn kann alles! Klarer Punktsieger gegen die schlappen Stadtwerke! Ich bin jetzt schon gespannt, womit die beim nächsten Mal nachlegen werden.

Die anschließende Zugfahrt verläuft ohne weitere Probleme, wenn man mal davon absieht, dass des Rätsels Lösung einige Leute doch noch verwirrt. Es war nämlich schlicht so, dass die Wagennummern vor und nach dem zweiten Triebkopf vertauscht waren, also rückwärts zählten von 29 auf 21 vor dem Triebkopf, und von 39 auf 31 danach. Ein bisschen trug zur Verwirrung allerdings bei, dass sich am Zug kein zweiter Triebkopf befand, obwohl er auf dem Wagenstandsanzeiger deutlich angegeben war. Es wird ein magischer Tag, ich fühle es. Wenn nur dieses bereits feststehende 0:0 nicht wäre.

Am Frankfurter Flughafen angekommen, begebe ich mich zum im Begleitschreiben angegeben Check-in Schalter. Dort checkt gerade Öger Tours nach Antalya ein. Hm, irgendwie die falsche Richtung. Aber wozu stand auf dem Schreiben denn, dass sich die Check-in-Schalter noch ändern können! Nur wohin, das steht leider nirgendwo. Aber egal, man ist ja Fuchs. Also laufe ich einfach einigen Deutschland-Trikots hinterher und habe somit auch bald die richtigen Schalter gefunden. Es sind drei nebeneinander, am dritten stehen ZDF-Hostessen und verteilen Gimmicks für die Gewinner. Die beiden anderen sind zum Einchecken gedacht.

Hier sehe ich auch gleich die erste etwas skurrile Gestalt, einen mittelalten Herren mit Glatze, der sich selbige bemalt hat: auf der Stirn und dem vorderen Teil des Schädels ist ein großer Fußball gemalt, der Hinterkopf wird verziert durch das nette Logo der EM, das ich bereits fünftausend Mal bei irgendwelchen Zeitlupen im Fernsehen gesehen habe, und das wohl rein zufällig so überhaupt nicht an das Logo eines großen Eiskreme-Herstellers erinnert, mit dessen Werbespots man immer im Kino belästigt wird. Schön, wenn man als lebende Litfasssäule durch die Gegend rennen darf. Eine Jacke trägt der einfallsreiche Fan nicht, dafür hat er einfach in die Mitte einer Deutschland-Fahne ein großes Loch hinein geschnitten und verwendet sie als Umhang. Genial, aber durchaus unpatriotisch, bei den Amis wäre er damit gar nicht erst in den Flieger gekommen. Zusätzlich ist vorn auf der Fahne noch groß das Vereinsemblem des FSV Mainz 05 aufgemalt. Ja, dem Mutigen gehört die Welt!

Letzterer Satz trifft dann auch auf die erste Spielszene zu, die ich beobachten darf. Am ersten Check-in-Schalter hat sich eine lange Schlange gebildet, die bis in die Halle hinein reicht. Am zweiten ist sie wesentlich kürzer, was damit zusammenhängt, dass zehn Meter hinter dem zweiten ein Stützpfeiler steht, neben dem alles abgesperrt ist, so dass dort keine Leute mehr anstehen können und diese sich tatsächlich in der ersten Schlange einreihen müssen. Dennoch darf man sich natürlich am zweiten Schalter auch anstellen, es merkt nur keiner.

Bis auf einen etwas älteren Herren, der entschlossen zum Angriff übergeht und sich mit weiten, raumgreifenden Schritten durch die Abwehrphalanx der Anstehenden dribbelt, um dann frohgemut an der wesentlich kürzeren Schlange abzuschließen. Ein starker Angriff!

Dort trifft er jedoch auf ein bayrisches Abwehrbollwerk, komplett mit Bierbauch, Vollbart, Dreiviertelshorts, Sandalen, weißen Socken und schaurigstem Bazi-Dialekt. Der mannhafte Recke steht in der ersten Schlange in Höhe des Endes der zweiten. Als der gegnerische Stürmer so plötzlich in seinem Bereich auftaucht, wähnt er ihn im Abseits, wird zum Terrier und versucht, die gefährliche Situation mittels verbaler Blutgrätsche zu bereinigen. Lauthals pöbelt er seinen Gegenüber an, sich gefälligst in der ersten Schlange hinten anzustellen. Unser Stürmer macht jedoch das, was man in solchen Situationen und in seinem Alter am besten kann: Recht haben. Das will der Bayer schon gar nicht auf sich sitzen lassen, schließlich ist so ein prächtiger Naturbursche nicht zum Diskutieren gemacht. Es erfolgt der erste unsanfte Rempler mit anschließender Rudelbildung, da er noch Unterstützung von seinem ebenso bayerischen Zwillingsbruder erhält, zumindest ist die Ähnlichkeit ziemlich verblüffend.

Als der Schiri in Gestalt eines Männleins vom Schalter eingreift und erklärt, das Tor zähle, weil der Stürmer zufällig tatsächlich im Recht ist, tritt der Bazi verbal noch ein bisschen nach – und reiht sich mitsamt Freund in die Schlange hinter dem Torschützen ein, weil auch er dadurch zwei Meter spart! Erste umstrittene Situation des Spiels, sauber gelöst, wir applaudieren zwar nicht, schütteln aber wenigstens den Kopf. Ich weiß, es wird ein magischer Tag werden. Wenn nur dieses bereits feststehende 0:0 nicht wäre.

Nach dem Einchecken werde ich vom Bodenpersonal noch zum ZDF-Schalter gebeten und empfange eine ZDF-Tasche mit einigen Kleinigkeiten darin. Ich bin zwar keiner der Gewinner, dazu wurde ich allerdings auch nicht befragt. Und wenn die schon für ein 0:0 gegen Lettland verantwortlich sind, dürfen sie gerne auch ein wenig bluten. Das Beste an den Gimmicks ist übrigens ein kleines Taschenbüchlein, der offizielle UEFA-EM-Guide…in englischer Sprache, dann kann man sich auf dem Flug länger damit beschäftigen. Clever gedacht!

Danach wandere ich mit den beiden F & T-Damen und ihren beiden männlichen Begleitern zum Gate. Etwas Irritation gibt es noch an der Sicherheitsschleuse, als aus unserer Schlange einige Leute ausbrechen und durch einen Neben-Durchgang gehen, der deutlich mit zwei Schildern gekennzeichnet ist, wonach dort nur die Crews und Behinderte Einlass finden. Dies hindert zwei weitere Fans nicht daran, es auch dort zu versuchen, wobei sie ihrem Unmut Ausdruck geben, als man sie nicht einlässt. Eine meiner beiden Begleiterinnen sagt noch freundlich zu einem der beiden, dass sie es auch nicht verstehe, warum er nicht eingelassen wurde, da er doch dadurch, dass er die Schilder nicht habe lesen können, seine Behinderung zweifelsfrei nachgewiesen habe. Irgendwie versteht er das jedoch auch nicht.

Vor das Boarden hat der liebe Gott jedoch noch die Flugangst gestellt. Eine der beiden F & T-Damen leidet nämlich unter selbiger und greift nun zum härtesten Mittel, um ihrer aufkommenden Panik Herr zu werden: schnell in den Duty-Free-Shop, Sixpack Underberg gekauft und weg damit. Zwar bin ich auch nicht grad ein Fliegerfreund, aber so weit ist es dann doch noch nicht. Immerhin machen sie damit reichhaltig Eindruck auf die restlichen Fluggäste, vier Menschen in F & T-T-Shirts, die sich erst mal einen Underberg reinkloppen, wobei der eine männliche Begleiter dann noch höchste Noten erzielt, indem er anschließend zur Sonnencreme-Tube greift und sich prophylaktisch einschmiert. Ein schöner Auftritt! Der letzte Underberg wird zur Freude unserer Panikerin an einen neben uns sitzenden Fan im Eintracht-Frankfurt-Trikot verschenkt, ihrer zweiten großen Liebe neben Fortuna Düsseldorf. Der gemeine Eintrachtler nimmt aber auch wirklich alles.

Kaum sitzen wir im Flieger, staune ich schon wieder. Ich habe den Sitz 23C, somit am Gang. Auf 23D, auf der anderen Seite des Ganges, sitzt ein Fortuna-Trikot. Denjenigen, der darin steckt, habe ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen, beim Anblick der restlichen Fluggäste stelle ich fest, dass nur wir beide an Bord dieses Trikot tragen, wir standen auch beim Check-in nicht hintereinander oder auch nur in der Nähe voneinander – trotzdem hat man beide Fortuna-Trikots auf die Sitze 23C und 23D gebucht. Das freut mich nicht nur, das gibt mir auch für den Rest des Fluges etwas zu tun: nämlich mal wieder die Wahrscheinlichkeit auszurechnen, dass so etwas nicht auf Zufall beruht. Wenn nur die vielen Nullen nicht wären…

Wir starten übrigens mit 30 Minuten Verspätung. Grund hierfür ist ein verspätet erscheinender Fluggast. Der hat allerdings nicht zuhause verschlafen und ist auch nicht nach dem dritten Frühstücksbier selig auf dem Flughafen-Klo eingeschlummert, nein, sein Kugelschreiber hat bei der Sicherheitskontrolle Aufsehen erregt und musste erst fachmännisch untersucht werden! Es hat dann doch etwas länger gedauert, bis man sich davon überzeugt hatte, dass er den Flieger damit nicht kapern konnte.

Der Flug selbst gestaltet sich problemlos, auch das Essen ist genießbar. Nach knapp zweieinhalb Stunden landen wir auf dem Flughafen von Porto und werden mit Bussen von der Landebahn zum Terminal gebracht. Beziehungsweise die erste Hälfte wird mit dem Bus zum Terminal gebracht, die zweite Hälfte, zu der auch ich gehöre, darf erst einmal zehn Minuten warten, bis ein zweiter Bus organisiert worden ist. Die hatten wohl mit nicht so vielen Passagieren gerechnet…

Beim Betreten des Terminals sehe ich dann das Schild, das mich zu der Überzeugung bringt, dass dieses Land zuallererst mal Dolmetscher benötigt. Ist ja bestimmt nett gemeint, aber von diesem Übersetzer würde ich nachträglich noch Geld zurück fordern, wenn ich im Organisationskomitee etwas zu sagen hätte:

Nach der Passkontrolle werden wir auf die bereit stehenden Busse verteilt: drei für die „normalen“ Tagescharter-Passagiere, einer für die ZDF-Gewinner und einer für die kleine Delegation der DFL, die auch an Bord war. Michael Meier von Pleite-Klub Borussia Dortmund ist übrigens auch mit dabei, aber es spricht ihn niemand an, aus Angst, er könnte betteln.
Ich entere Bus Nr. 3 und bin damit, ohne es zu wissen, im Bus der Geknechteten gelandet, der Verzweifelten, des Aufschreis im GULAG. Der Tag wird es bringen…

Sodann Transfer vom Stadion in den Stadtteil Boavista, in dem sich das Estàdio do Bessa befindet. Das Stadion steht wirklich mitten in einem Wohngebiet, umgeben von diversen Wohnsilos, die alle etwas abgerissen wirken. Kein schöner Anblick, obwohl „Boavista“ übersetzt nichts anderes als „Schöne Aussicht“ bedeutet. Ich suche sie vergebens.

Geparkt wird etwas entfernt vom Stadion, auf einem zu groß geratenen Hinterhof, der nur aus Sand und Kieselsteinen besteht. Und somit trifft uns beim Aussteigen direkt eine ordentliche Windböe, die netten, überhaupt nicht störenden Sand mit sich führt. Willkommen in Portugal!

Sodann geht es über die Hauptstraße zum Stadion, es ist schon ordentlich was los. Deutsche Fans sind natürlich in der Überzahl, aber auch einige rotweiße Letten können gesichtet und deren Schlachtrufe „Latvija, Latvija“ gehört werden. An den umliegenden Häusern hängt an jedem zweiten Fenster oder Balkon eine portugiesischen Fahne, die Anwohner selbst bestaunen unseren Anmarsch und einige rufen ab und zu mal „Deutschland über alles!“ Na klar, was denn sonst? Es wird ein magischer Tag, auch mit einem bereits feststehenden 0:0.

Das Stadion selbst ist von außen ein großer viereckiger Betonklotz, mitten in das Wohngebiet hinein gesetzt. Hier trägt die zweite Kraft in Porto nach dem FC Porto, der Boavista Futebol Clube, seine Heimspiele aus. Allzu heimelig sieht es nicht gerade aus, das mag aber auch an der Umgebung liegen. Jetzt allerdings naht das größte Abenteuer: das Stadion zu betreten.

Dabei haben sich die Organisatoren etwas einfallen lassen. Jede Eintrittskarte für jedes Stadion ist nämlich in vier farblich gekennzeichnete Sektoren für die einzelnen Tribünen aufgeteilt. Auf der Rückseite der Eintrittskarte ist dann eine Skizze des jeweiligen Stadions abgedruckt, nach der man sich grob richten kann. Und zwar ganz grob. Ich entnehme meiner Eintrittskarte, dass ich auf der „blauen“ Tribüne sitze (Hintertortribüne) und den Eingang 16 zu benutzen habe. So weit, so gut – aber der Eingang 16 ist von der Straße aus nicht zu erreichen! Das Stadiongelände ist nämlich nur durch die „roten“ und einige „gelbe“ Eingänge zu betreten, auf der anderen Seite steht man vor einer Mauer, hinter der das Wohngebiet wieder anfängt. Eingang 16 muss somit innerhalb des Stadiongeländes liegen. Also wieder zurück zu den „roten“ Eingängen, um das Stadion eigentlich von der falschen Seite aus zu betreten. Warum nur passiert mir immer so etwas?

An einem der „roten“ Eingänge werde ich auch tatsächlich eingelassen. Nun gilt es, den Weg zur „blauen“ Tribüne zu finden. Ausgeschildert ist nichts, dies führt zu ausführlichen Dialogen mit den Ordnern, die allerdings in reichlicher Anzahl vorhanden sind, gut Englisch sprechen und wirklich wissen, wo es lang geht. Das ist auch gut so, ansonsten würde ich jetzt immer noch umherirren. Der Weg zur Tribüne ist nämlich nur von innen möglich, da es nach dem Eingang keinen Vorplatz mehr gibt, auf dem man etwa um das Stadion herum zur richtigen Tribüne laufen könnte. Ich werde in einen langen Tunnel geschickt, der dermaßen einem Parkhaus ähnelt, dass ich, wäre ich ein Grüner, hier erst mal pauschal einen Frauenparkplatz fordern würde. Beton, so weit das Auge reicht, ein paar funzelige Lampen, die etwas Licht spenden, und, da wir noch anderthalb Stunden bis zum Spiel haben, nur wenig Leute, die sich bereits darin tummeln…nur ab und zu leuchtet ein grelles neongrüngelbes Leibchen eines Ordners heraus. Hier befinden sich diverse Abzweigungen und Treppenaufgänge, die dann auch mit weiteren Eingangsnummern bezeichnet sind. Hier die Nummer 16 finden, und ich bin durch.

Leider werde ich nicht fündig, ich muss das gesamte Parkhaus bis zum Ende durchschreiten, werde dort von einem Ordner ins nächste gewiesen, muss auch dieses komplett durchqueren, dann geht es eine Treppe hinauf – und zack, bin ich wieder an der Oberfläche, außerhalb der Tribüne! Das ist Eingang 16. Im Wendeltreppen-Prinzip geht es jetzt wieder nach innen, noch ein Stück höher und noch ein eins und noch eins, dann tut sich ein Treppenaufgang mit der Bezeichnung „Sector 02“ auf, der auch auf meiner Karte verzeichnet ist. Ich habe allerdings keine Ahnung, ob ich noch im Bereich der „blauen“ Tribüne bin, bei all den Richtungs- und Stockwerkwechseln habe ich die Orientierung verloren. Doch die jugendliche Ordnerin am Aufgang strahlt mich an, ich bin tatsächlich richtig, ich entere auf und habe meinen Platz gefunden – unterste Reihe im Oberrang der Hintertortribüne! Für Luftlinie vielleicht fünfzig Meter habe ich nahezu eine halbe Stunde gebraucht. Jetzt weiß ich auch, warum auf der Eintrittskarte die Empfehlung steht, möglichst frühzeitig im Stadion zu sein – wohlgemerkt, im, nicht am Stadion. Wer dieses System ausgeklügelt hat, muss mit Herrn Dädalus verwandt sein, der einst das Labyrinth des Minotaurus schuf.

Aber jetzt sitze ich ja. Die steilen Tribünen erzeugen zunächst doch eine gewisse Beklemmung. Bei den Ecktürmen des Stadions handelt es sich um diese Treppenaufgänge, die die Tribünen miteinander verbinden und die ich soeben durchlaufen habe. Sie springen in diesem Betonkasten ein wenig vor, so dass man aus der Ecke der einen Tribüne nicht in die nächstgelegene Ecke der benachbarten blicken kann. Die Sitzplätze sind farbig gehalten, sodass sich auf den Oberrängen beider Hintertor-Tribünen der Schriftzug „Boavista“ ergibt, auf den Unterrängen der Geraden der Schriftzug „B.F.C.“ Die anderen Sitzplätze stellen jeweils ein kleines Regenbogenmuster oder das klassische Boavista-Schachbrettmuster dar. Hübsch gemacht. Und dank der steilen Rängen ist man auch hier oben sehr nah am Spielfeld, es gibt auch keine Laufbahn oder ähnliches, am Spielfeldrand folgen die Werbebanden und dahinter direkt die Zuschauerränge, ein „englisches“ Stadion also.

Nachdem der Innenraum somit begutachtet wurde, mache ich mich auf die Suche nach etwas Ess- und Trinkbarem. Leider nehme ich den falschen (oberen) Ausgang der Tribüne, bin durch eine Wand von der Verpflegungsstation abgetrennt und muss erst zwei Treppen wieder runter und auf der anderen Seite wieder hoch. Dafür stelle ich dann fest, dass ich den Aufgang zur Tribüne neben dem Imbissstand auch benutzen kann, um auf meinen Platz zurückzukommen. Und sogar ohne Kompass.

Zu essen gibt es belegte Baguettes, zu trinken Cola. Der Preis verblüfft – 2 Euro für 0,5 Liter, das ist fair. Nachdem ich einen Schluck genommen habe, weiß ich auch, warum. Hier wurde mal wieder fröhlich nach EU-Richtlinien gepanscht, schmeckt etwas merkwürdig, ist aber ansatzweise noch als Cola zu erkennen und wird daher ausgetrunken.

Hier habe ich auch die unheimliche Begegnung der dritten Art. Neben mir taucht plötzlich ein Geißbock mit Chipstüte auf, also jemand mit dem offiziellen Trikot des 1.FC Köln. Unfassbar, aber wahr: der Mann gratuliert mir zum Aufstieg und fordert ultimativ den Durchmarsch, damit man endlich mal wieder gegen einander spielen könne. Dass ich das noch erleben darf: ein netter Kölner! Ja, im Zeichen der großen Europameisterschaft sind wir alle gleich. Schön.

Wieder am Platz, wird die restliche Zeit vor Spielbeginn damit verbracht, sämtliche Transparente und Banner zu bewundern, die kreative Fans sich haben einfallen lassen. Ganz Deutschland scheint vertreten. Mir fällt vor allem der VfB Lübeck auf, der direkt mehrfach in einer Kurve vertreten ist. Scheint so, als hätten dort einige Fan-Clubs ihre Portokasse geplündert, die eigentlich für Auswärtsfahrten nach Burghausen oder Unterhaching in der nächsten Saison bestimmt war, durch den überraschenden Abstieg der Lübecker in die Regionalliga jetzt jedoch brach liegendes Kapital darstellt.

Dann staune ich bei einem Transparent, auf dem die Raute des SV Waldhof Mannheim zu sehen ist, nebst altdeutschem Schriftzug „Süd-Eifel“. In der Süd-Eifel wohnt doch kaum jemand. Und diese zwei Leute sollen jetzt auch noch Fans von Waldhof Mannheim sein? Was es nicht alles gibt!

Direkt daneben hängt übrigens ein kleines Transparent in schwarz-rot-gold, auf welchem „Felazio“ steht. Naja, auch beim Fußball kommt man sich ja zugegebenermaßen etwas näher, aber ich hoffe doch mal, dass die Schreibweise irgendein Insider und damit Absicht ist. Denn wenn die deutsche Jugend schon solch entscheidende Worte nicht mehr korrekt schreiben kann, dann haben RTL2 und VOX ja wohl irgendetwas falsch gemacht.

Neben all den Deutschland- und Vereins-Transparenten fällt mir auf der Haupttribüne noch ein kleines, weißes Bettlaken auf, auf dem mit schwarzer Farbe ganz schlicht geschrieben steht: „Struppi aus Versmold grüßt die deutsche Nationalelf“. Das hat teilweise mehr Stil als irgendwelche protzigen Banner mit fünf Quadratmeter großer, altdeutscher Schrift.

Dafür dass es vor dem Spiel in keinster Weise langweilig wird, sorgen zwei Maskottchen. Das eine hört auf den Namen Kinas und ist das offizielle Maskottchen der EM. Es turnt vor Spielbeginn die ganze Zeit am Spielfeldrand herum und benimmt sich ziemlich albern, das ist bei dieser Figur allerdings anscheinend auch so gewollt. Nett ist immerhin, dass es sich auch an die Zuschauerränge heran traut und sich bereitwillig Arm in Arm mit den dort sitzenden Fans fotografieren lässt. Ein schönes Souvenir.
Dann setzt es sich zum Verschnaufen jedoch auf eine der Journalisten-Bänke, die hinter den Werbebanden stehen. Gutmütig klopft es dem neben ihm sitzenden Journalisten auf den Kopf. Der revanchiert sich mit einem kleinen Hieb seiner Tageszeitung. Kinas packt daraufhin die rechte Klebe aus und unterschätzt wohl seine übergroßen Stoffhände, auf jeden Fall haut es den Journalisten fast von der Bank. Großes Kino, und mir ist klar, wer an diesem Samstag Nachmittag in dem Kostüm stecken muss: es kann nur derjenige sein, der einst in Krefeld den Grotifanten dermaßen realistisch darzustellen wusste, dass dieser nach einer Attacke auf den Linienrichter aus dem Stadion gewiesen werden musste. Das ist Unterhaltung pur!

Das zweite Maskottchen kommt aus Deutschland und hört auf den Namen Waldemar Hartmann. Der Waldi taucht nämlich eine halbe Stunde vor Spielbeginn mit Kameramann vor unserer Tribüne auf, um eine Anmoderation zu drehen. Dazu kommt er jedoch zunächst nicht. Als die Kurve ihn erblickt, hallt es in lautem Gedenken an das Island-Spiel im letzten September aus Hunderten von Kehlen: „Weißbier, Weißbier-Waldemar!“ Und sie geben nicht eher Ruhe, bis der Waldi mit ihnen eine La Olà zelebriert hat. Ja, hierzulande kann man noch mit einem einzigen Satz zum Superstar werden! Beste Unterhaltung vor Spielbeginn.

Ach ja, das Spiel. Das wird ja wohl jeder gesehen haben, daher erübrigen sich große Kommentare. Nur eins: ich hatte im Flieger mangels weiterer Auswahl das Blatt mit den vier großen Buchstaben in die Hand genommen. War ja klar, was da vor dem Spiel drin stand. Irgendein Billig-Redakteur hat den großen Kalauer vom „die Letten plätten“ erfunden und dafür wahrscheinlich als Prämie eine Einladung zum nächsten CDU-Parteitag gewonnen. Das wird nun bis ins Letzte ausgeschlachtet, unter anderem fordert die Zeitung einen Sieg mit mindestens zwei Toren Abstand, da kann der Rudi Völler noch so sehr gegen anstinken, das interessiert da keinen, schließlich sind wir das große Deutschland, da das kleine Lettland, die haben noch nie irgend etwas gewonnen, und wir sind dreimaliger Welt- und Europameister! Was das mit dem Spiel heute zu tun hat, weiß ich zwar nicht, aber diese Zeitung hat ja immer Recht. Und man kann mir erzählen, was man will, wenn das Umfeld tagelang nur noch über die Höhe des Sieges schwadroniert, dann färbt das irgendwann auf die Mannschaft ab, da kann der Trainer noch so sehr warnen. Jaja, Lettenplätten, kein Problem. Eher ärgerlich für die Zeitung, dass dafür auch noch Fußball gespielt werden muss. Und wie sieht es nun aus mit den platten Letten? So: nicht nur die erste Gelbe Karte nach rekordverdächtigen 40 Sekunden heimsen sie ein, nein, sie haben auch die erste Ecke, den ersten Freistoß in Strafraumnähe und wenn man ehrlich ist, auch die beste Chance des gesamten Spiels, als Verpakovskis an der Mittellinie abgeht, mal eben fünf große deutsche Lettenplätter stehen lässt, im Abschluss aber an Kahn scheitert. Wäre man neutral, müsste man sagen, diese Einzelleistung hätte ein Tor verdient gehabt. So sage ich, Glück und einen guten Olli Kahn gehabt. Der muss noch mehrfach eingreifen und seine Mannschaft vor Schlimmerem bewahren. Unserer Mannschaft fällt nicht viel ein, obwohl sie überlegen sind, aber es sind zumeist Fernschüsse, die die Gefahr herauf beschwören, nur ab und zu mal eine schöne Kombination. Außerdem kommt fast jede Flanke auf den kurzen Pfosten, und da steht immer die Nr. 4 der Letten und pöhlt die Kugel wieder raus. Nun ist natürlich nichts gegen Flanken auf den kurzen Pfosten zu sagen, aber es verirrt sich während des gesamten Spiels kein einziger Deutscher mal dorthin. Die haben wohl alle verdrängt, aus welcher Position der van Nistelrooy im ersten Spiel das Tor gegen sie gemacht hat. So wird die lettische Nr. 4 zum Matchwinner, auch weil von den deutschen Stürmern mal wieder Gewohntes kommt: Kuranyi gut, aber glücklos, Bobic fällt mir erst bei seiner Auswechselung auf, Klose kriegt keinen Ball und rächt sich in der 93. Minute dafür, indem er völlig frei stehend den Ball per Kopf an Tor und Sieg vorbei semmelt, Brdaric fällt zweimal im Strafraum hin und unterbietet damit immerhin meine Prognose von mindestens vier Stürzen nach seiner Einwechselung, fällt aber ansonsten auch nicht weiter auf. Das war’s, 0:0, und sogar noch ein bisschen glücklich, denn bei beiden Szenen, bei denen Verpakovskis im deutschen Strafraum direkt vor meiner Nase zu Boden geht, habe ich ein sehr mulmiges Gefühl, allerdings fällt er viel zu schnell und zu gut, das kauft ihm der Schiri nicht ab, obwohl man in beiden Fällen durchaus Elfmeter pfeifen könnte.

Das Spiel ist aus, die Fans enttäuscht, ich natürlich nicht, denn ich wusste ja von Anfang an, wie es ausgeht, aber um den anderen nicht die Spannung zu nehmen, habe ich es keinem erzählt.

Apropos Fans: hinter mir wieder ein beeindruckendes Exemplar deutscher Gattung, mit Freundin, der sich vor Spielbeginn fürchterlich darüber aufregt, dass im Stadion so viele Transparente mit Vereinsemblemen hängen. „Sind wir hier, um Deutschland zu unterstützen, oder die Vereine?“ Mich mag er auch nicht, schließlich zerstöre ich die Choreographie der ersten drei Reihen, bin ich doch der einzige mit schwarzem Fortuna-Trikot, während alles andere Deutschland-Trikots oder wenigstens weiße T-Shirts trägt. Tja, schade, Bübchen, aber aus dem Alter, in dem ich Uniform getragen habe, bin ich schon etwas länger raus. Aber schön, wenn man sich über so was noch aufregen kann. Übrigens bleiben die beiden Sitzplätze dieses DeutschDeutschen und seiner Freundin nach der Pause tatsächlich leer. Er konnte den Anblick wohl nicht mehr ertragen.

Positiv überrascht hat mich, dass kein einziger Deutscher bei der lettischen Hymne gepfiffen hat, im Gegenteil, nach Verklingen der Hymne wird sogar geklatscht. Das nenn ich fair play, das hab ich auch schon ganz anders erlebt. Noch überraschter bin ich allerdings, als der Unterrang zu Beginn der zweiten Halbzeit mal eben die deutsche Nationalhymne anstimmt. Die Nationalhymne als Anfeuerungsruf? Na ja, wer’s mag…immerhin kommt die dritte Strophe, und auch textlich sind alle sehr sicher, das kann man ja heutzutage auch nicht mehr von jedem Jugendlichen erwarten.

Nach dem Spiel soll es noch in die Altstadt von Porto gehen, Freigang bis 22.30 Uhr. Bus 1 und 2 fahren auch los, die ZDF-Gewinner sind ebenfalls schon unterwegs – nur Bus 3 steht einsam auf dem Parkplatz. Es wird noch auf einen Insassen gewartet. Der kommt allerdings nicht mehr, er ist wohl in einen der anderen Busse eingestiegen. Eine halbe Stunde warten wir, dann starten wir, während die anderen wohl schon ihr erstes Bier in der Altstadt hinter sich haben. Das Rangieren vom Parkplatz ist schon nicht schlecht, es ist eine Millimeter-Sache, dem angrenzenden Wohnhaus nicht die Farbe von der Eingangstür zu kratzen, aber es gelingt. In dieser Tür stehen übrigens drei alte Mütterlein und beobachten das Geschehen ungerührt. Sie weichen keinen Millimeter, selbst dann nicht, als sie schon höflich an unseren Außenspiegel klopfen könnten. Das ist portugiesische Art!

Was sonst noch so portugiesische Art ist, lernen wir jetzt bei der Fahrt in die Altstadt kennen. Die Straßen werden immer enger, die Gassen immer verwinkelter, der Verkehr immer dichter – den Fahrer unseres Ungetüms interessiert das überhaupt nicht, gleichmütig nimmt er Kurve um Kurve, es geht ständig bergauf und bergab, am Ende über Kopfsteinpflaster. Dann wird die Fahrt gestoppt von einem Wagen, der auf dem Bürgersteig vor einer Taverne parkt, mangels Platz jedoch halb auf der Straße steht. Da kommt beim besten Willen kein Bus mehr durch. Ein wildes Hupkonzert hebt an, hinter uns wird die Schlange länger und länger, dann kommt so ein Jüngling aus der Taverne, zuckt mit den Achseln und parkt den Wagen so um, dass er nun fast in der Taverne steht. Das Ganze hat bestimmt zehn Minuten gedauert. Niemand hat es hier besonders eilig.

Kurze Zeit später, bei einer besonders kniffligen Kurve, knackt es mal kurz auf der rechten Seite, und das neben uns geparkte Auto erzittert. Aha, da ist ein Außenspiegel auf der Strecke geblieben. Juckt aber keinen, der Busfahrer fährt einfach weiter. Dasselbe Schauspiel wiederholt sich eine Minute später auf der linken Seite. Wieder verliert ein Wagen seinen Außenspiegel, weil man der Meinung war, mit großen Reisebussen hier schon irgendwie durchzukommen. Aber die Gelassenheit von Busfahrer und Reiseleiterin ist schon erstaunlich. Wahrscheinlich haben hier parkende Autobesitzer eh schon einen ganzen Karton Ersatzspiegel im Keller, so deute ich ihre Reaktion.

Der Bus entlässt uns an der Börse von Porto, ein schöner alter Bau, der auch für den Rückweg als Treffpunkt ausgemacht wird. „Oder hier in der Nähe“, wie die Reiseleiterin vorsichtshalber mal hinzufügt. Sie verpflichtet uns noch zur Pünktlichkeit für die Abfahrt, dann geht’s los.

Die Altstadt von Porto liegt direkt am Fluss Duoro und ist, ihrem Namen entsprechend, ziemlich alt. Verwinkelte Gässchen, teilweise kaum drei Meter breit, alte Bauten, Kopfsteinpflaster und überall, wo ein Raum größer als ein handelsübliches Wohnzimmer ist, hat man Tavernen eingerichtet. Natürlich stehen auch draußen Tische und Stühle, was das Vorwärtskommen teilweise doch ein wenig erschwert. Mit dem F & T-Team durchwandere ich dieses Labyrinth, um zur Promenade am Flussufer zu gelangen. Dabei läuft uns Alexander Schur über den Weg, seines Zeichens Aufstiegsheld der Frankfurter Eintracht 2003, und als solcher natürlich very special darling unserer Frankfurt-Fanin, die ihn sofort erkennt. Ich hätte da etwas mehr Schwierigkeiten gehabt, er trägt eine Baseball-Mütze verkehrt herum, Brille und ein Trikot seines alten Weggefährten Bernd Schneider. Außerdem labt er sich gerade an einem Becher Bier. Schnell ein Foto gemacht und weiter. Leider zu schnell, denn wie wir hinterher erfahren, verpassen wir dadurch Andy Köpke, der wohl als Nachhut folgte. Tja, man kann nicht alles haben.

An der Uferpromenade ist mächtig was los, überall Tavernen und Restaurants, überall Fernseher, auf denen das im nur 70 km entfernt gelegenen Aveiro laufende Spiel zwischen den Niederlanden und Tschechien übertragen wird. Als wir endlich ein Plätzchen ergattert haben, führen die Niederlande 2:0. Neben uns sitzen Kroaten mit ihren Schachbrett-Trikots, einige glückliche Letten, Dänen und Schweden, in der Überzahl Deutsche.

Es wird ein schöner Abend. Zunächst versuchen wir, etwas zu essen zu bestellen, aber da war wohl teilweise derselbe „Dolmetscher“ am Werk wie am Flughafen. So weiß ich nicht so recht, was ich mir unter einem „Rippen Speer Schwein“ vorzustellen habe, und bei der Ankündigung „Gebraten Steak von Schwein mit Stücke kleine Blutklümpchen“ flehe ich insgeheim, nicht dem Koch bei der Zubereitung zusehen zu müssen. Wir finden dann aber doch noch Fisch, der nicht nur korrekt übersetzt, sondern auch sehr lecker ist. Während wir essen, gewinnt Tschechien noch mit 3:2, das hebt die Laune doch schlagartig. Von überall aus der Altstadt sind „Schade, Holland, alles ist vorbei“-Gesänge zu hören, auch die Letten freuen sich, wir bekommen eine Rechnung für das Essen, die mit 83,20 Euro für fünf Personen eigentlich nur noch als „günstig“ bezeichnet werden kann. Jetzt geht die Party richtig los, fünf Italiener stehen auf dem Marktplatz und singen „Europameister werden wir“, ja, meinetwegen auch das, heute Abend ist man gnädig gestimmt. Die ARD möchte noch einen Stimmungsbericht filmen, kaum schnurrt die Kamera los, grölen Dutzende von Leuten „Schade, Holland, alles ist vorbei“, die Reporterin kommt irgendwie nicht zu Wort. Viel zu früh müssen wir uns verabschieden, eigentlich schade, eine wunderschöne Altstadt und so viel gelöste Stimmung, obwohl Deutschland nur 0:0 gespielt hat. Das hat richtig Spaß gemacht.

Aber es ist ja noch nicht vorbei. Denn als wir um Punkt halb elf an der Börse eintreffen, kommen auch die Busse 1 und 2 sowie der Bus für die ZDF-Schnorrer. Unser Bus 3 bleibt verschwunden. Ja, wieder der Bus 3! Wir malen uns aus, was da geschehen sein könnte. Sitzt der Busfahrer im Knast, weil die beiden außenspiegel-amputierten Fahrer doch hinter uns her gefahren sind? Oder umgekehrt, befindet sich der Fahrer bei seinem Lieblingsschmied, um zwei neue Kerben in seinen Edelstahl-Gürtel ritzen lässt, damit seine Abschussquote wieder auf aktuellem Stand ist? Wir wissen es nicht, wir wissen nur, er kommt nicht, und selbst unsere Reiseleiterin wird langsam nervös, das scheint nicht mehr portugiesische Art zu sein.
Übers Handy treibt sie ihn schließlich doch noch auf, er steht gepflegt im Stau vor der Altstadt, das kann noch etwas dauern, denn es ist wirklich viel los.

Aber Bus 3 bekommt wenigstens noch ein Trostpflaster für die Strapaze, immer und überall an diesem Tag Letzter zu sein: während wir nämlich immer noch warten, schleicht sich in dem Autokorso, der vor unseren Augen vorüber flutet, eine Stretch-Limousine die abschüssige Straße zur Börse hinab. Im offenen Schiebedach des Gefährts stehen zwei hübsche Mädchen, eine blond, eine braungelockt, und verteilen Handzettel. Ein älterer Insasse von Bus 3 wiederum findet das so gelungen, dass er quer über die Straße zu den Mädels läuft und ihnen beiden die Hände küsst. Welch ein Anblick! Ich erhasche schließlich auch einen dieser Handzettel. Darauf abgebildet ist eine ziemlich leicht bekleidete Dame, die ihre drei Bälle, einer davon sogar aus Leder, in die Kamera hält. Es handelt sich um einen Nacht-Club mit Strip-Show, der ultimativ fordert „Come and play this game!“ Beinah schade, dass wir keine Zeit mehr haben. Die Limo biegt nach links ab und ist da genau richtig, denn aus dieser Richtung sind schon seit mehreren Minuten St.Pauli-Sprechchöre zu hören. Diese Fans wiederum sehen die Limousine, denken, sie wären schon wieder zuhause, ohne sich an den Rückflug erinnern zu können und sind begeistert. Wenn ihr also mal nach Porto kommt, besucht doch einfach mal den Cantinho do Forró in der Rua do Comércio do Porto 161, allein schon wegen dieser gelungenen Werbung. Es soll sogar ein Restaurant mit dabei sein. Wundert euch aber nicht, wenn irgendwo im Club eine St.Pauli-Fahne hängt…

Bus 3 erscheint schließlich doch noch und kutschiert uns zum Flughafen, vorbei an zwei Altstadtfesten mit Live-Musik und an einem toten Arm des Rio Duoro, an dem tatsächlich noch gut ein Dutzend Angler sitzen, obwohl der Lärm, der von der benachbarten Bühne dröhnt, selbst tote Fische vertreiben würde. Gleichmut rockt!

Am Flughafen müssen wir noch ein wenig warten, halbe Stunde Verspätung ohne Erklärung, wahrscheinlich portugiesische Pünktlichkeit. Dann geht es jedoch relativ flott in die Busse, die uns zum Flugzeug bringen. Wir sehen auch, warum, als wir an den Nachbar-Gates vorbei fahren, sehen wir ein Gate voll mit Oranje. Das sind wohl die Tages-Charter-Flieger aus Aveiro, frisch eingetroffen von ihrer denkwürdigen Pleite. Da hätte ich jetzt auch keine große Lust mehr, mich noch länger aufzuhalten.

Der Rückflug verläuft ohne Probleme, außer dass an Schlaf nicht zu denken ist, zum einen, weil es für jemanden meiner Körpergröße wirklich nicht einfach ist, in einem Charterflieger eine halbwegs bequeme Schlafhaltung zu finden, zum anderen, weil hinter mir fröhlich weiter getrunken und Unsinn geschwätzt wird, dass es nur so eine Pracht ist. Und wieder sind es fast ausschließlich Bazis und Hessen, die durch teilweise absolute Sinnfreiheit glänzen. Ist wirklich bei jedem Flug so, ich kann es nicht ändern, es wäre vielleicht mal eine wissenschaftliche Studie Wert.

Die Landung in Frankfurt erfolgt Sonntagmorgen, kurz nach vier. Da um diese Uhrzeit auf diesem kleinen Flughafen selbstverständlich niemals jemand landet, fährt der erste Zug Richtung Norden dann doch schon um 5.58 Uhr, der Zug Richtung Süden, den zwei meiner Begleiter nach Nürnberg nehmen müssen, zwar schon um 5.38 Uhr, aber diesen Fehler bügelt die Bahn undiplomatisch aus, indem sie diesen Zug am so belebten Sonntagmorgen zehn Minuten Verspätung haben lässt. Na also, geht doch. Wir schlagen noch anderthalb Stunden an den Tischen eines nicht geöffneten Cafés im Flughafen tot, dann kommen endlich die Züge. Nach 26 Stunden am Stück bin ich dann auch wieder zuhause.

Alles in allem ein prima Tag, ein magischer Tag, wenn da auch mal wieder ein 0:0 war. Die nächsten Reisen mit der Nationalmannschaft sollte ich wirklich mit F & T abstimmen, denn nur zu gern würde ich mal wieder ein Tor sehen. Oder sollte es doch an der Nationalmannschaft liegen? Mittlerweile bezweifle ich es.

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