Relegation interrupted

Letzte Aus(wärts)fahrt Berlin

Old school Anreise

Der Alptraum: Stürmer im eigenen Strafraum

Traum: Nur fünfzehn Jahr`, schon sind wir wieder da!

Die Blutnacht von Düsseldorf

Einspruch

Entscheidung die Erste

Tach,

dies sollte eigentlich mein „letztes Kapitel“ werden, ein schönes, versöhnliches Ende nach zehn Jahren Irrflug mit Fortuna, die alles in allem eigentlich fast immer Spaß gemacht haben. Entweder Aufstieg in die 1. Liga oder Verbleib in der 2. Liga, auf jeden Fall nach einer erfolgreichen Saison, das wäre doch ein netter Abschluss gewesen. Wird es aber nicht. Weder nett, noch Abschluss. Ein paar Hundert Platzsturmidioten sowie ein ganzer Verein, der eigentlich stündlich tiefer sinkt, aber noch tonnenweise Dreck schleudern kann, hindern mich daran. Ich hab für`s Erste die Nase voll. Hier also der Bericht über die Relegationsspiele und einiges, was danach kam, aber eben immer noch nicht zu Ende ist.

Letzte Aus(wärts)fahrt Berlin

Am Donnerstag, den 10.05.2012, stieg nun das erste von zwei Relegationsspielen gegen Hertha BSC Berlin, wir mussten ins Olympiastadion der Bundeshauptstadt. Eigentlich sollte das Spiel am Freitag stattfinden, dies scheiterte aber am glorreichen Desinteresse bei der Terminplanung von DFB und DFL. Die Termine der Relegation werden „bewusst direkt vor und nach dem Finale des DFB-Pokals…angesetzt, um den Spannungsbogen zu verlängern“, so Holger Hieronymus zur Neu-Einführung der Relegation im Jahr 2009. Deshalb ist der Hinspieltermin auch stets der Freitag vor dem Pokalfinale am Samstag. Und hier kollidierte nun der Spannungsbogen der hippen DFL mit dem preußischen Beamtenfußball des DFB, wobei ich auch hier gerne wieder daran erinnere, dass beide Institutionen personell zum größten Teil identisch sind. Denn der DFB hat nunmal die eiserne Regel, dass den Pokalfinalisten vor dem großen Tag ein Abschlusstraining auf dem jeweiligen Heiligen Rasen ermöglicht werden muss, für die Herren somit im Olympiastadion in Berlin, für die Damen im Rhein-Energie-Stadion in Köln. Dies sind also die beiden einzigen Stadien in Deutschland, in denen der Freitag als Veranstaltungstag tabu ist. Und bitte – exakt welche beiden Mannschaften konnten in der 1. Liga am letzten Spieltag noch Platz 16 erreichen und würden somit beim ersten Relegationsspiel Heimrecht haben? Genau – Hertha BSC Berlin und der 1.FC Köln. Das nenn ich mal einen Volltreffer, damit konnte ja bei der DFL vor Beginn der Saison auch niemand rechnen. Folglich brachen sie sich auch lange Zeit einen ab, bis sie das Hinspiel recht kurzfristig auf den Donnerstag vorverlegten und mit der Relegationspartie 3.Liga-2. Liga, Jahn Regensburg gegen Karlsruher SC, tauschten. Ein wenig Terminstress für die vier beteiligten Vereine, aber das kümmert bei der DFL ja niemanden. Hauptsache, der Spannungsbogen des Produkts bleibt erhalten. Nun ja, uns wunderte dies natürlich nicht, wir haben in den letzten drei, vier Jahren wirklich schon an jedem Tag der Woche gespielt. Insoweit vielleicht sogar ein kleiner Vorteil für Fortuna.

Natürlich war es auch für die Fans nicht leicht, man konnte erst am Montag vor dem Spiel konkrete Urlaubswünsche einreichen. Erst am Samstag stand der Erstligist fest, und wäre es Köln gewesen, hätte man für das Spiel natürlich keinen Urlaub benötigt. Bei Berlin hingegen war es unvermeidlich. Und erst am Sonntag stand auch fest, dass die Fortuna den 3. Platz in der 2. Liga erfolgreich bis zum Schluss verteidigt hatte, sodass man tatsächlich am kommenden Donnerstag in Berlin anzutreten hatte. War alles etwas kurzfristig.

Ich selbst hatte vorsichtshalber in der Woche zuvor schon angemeldet, dass ich eventuell Donnerstag und Freitag nicht im Büro anzutreffen sein würde. Nun war noch die Frage der An- und Abfahrt sowie der Unterkunft zu klären. Die beste Fahrerin der Welt fiel zunächst aus, sodass auf den Flieger zurückgegriffen werden musste. Billigangebote für diesen kurzfristigen Buchungs-Zeitraum konnte man natürlich vergessen. Erstaunlicherweise war das Billigste, das ich noch abgreifen konnte, nicht airberlin oder germanwings, sondern Lufthansa. Dies war mir völlig neu, aber bitte. Also zum großen Spiel bei der großen alten Damen Hertha mit der großen alten Dame Lufthansa. Quasi eine symbolische Buchung.

Und die Unterkunft? Nun, das wurde auf dem kleinen Dienstweg gelöst. Ein guter Bekannter von mir, Ostholländer von Geburt, aber aufgrund früherer Tätigkeit durchaus auch der Fortuna gegenüber nicht abgeneigt, wirkt seit einiger Zeit in der Bundeshauptstadt. Klar, dass ich sofort bei ihm anfragte. Klar, dass er sofort zusagte. Das war eigentlich überhaupt nicht klar, denn der gute Mann würde an jenem Donnerstag gar nicht zuhause sein. Und das heißt nicht, dass er sich nicht in seiner Wohnung befinden würde – nein, er befand sich gleich mal ganz woanders, knapp 600 km von Berlin entfernt. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, mir den Schlüssel zu geben und damit die Nutzung der Wohnung zu ermöglichen. Sein Kommentar: „Für Fortuna tue ich fast alles!“ Ganz groß!

Da somit alles aufs Wunderbarste geklärt war, konnte sie losgehen – die letzte Auswärtsfahrt dieser Saison, und auch die letzte auf dieser Seite. Bei diesen Voraussetzungen war eigentlich schon klar, dass sie nur legendär werden konnte.

Old school Anreise

Legendär wurde sie allein schon deswegen, weil ich mir rechtzeitig zum großen Tag noch einen grippalen Infekt eingefangen hatte. Schniefend und hustend und mit ordentlich dröhnendem Schädel stieg ich in den Flieger, mit einer exquisiten Verschlimmerung der Symptome stieg ich wieder aus. Klar, Klimaanlage und ordentlich Druck auf den Ohren bei der Landung sind jetzt nicht gerade nützliche Faktoren zur Grippebekämpfung. Zwischenzeitlich hatte ich mich dann auch noch stark gewundert, wie sehr es scheinbar bei der Lufthansa bergab geht. Zum ersten Mal seit Jahren sah ich die Sicherheitshinweise vor dem Abheben nicht per Animation auf diesen schicken Monitoren über dem Sitz, sondern noch livehaftig vorgeführt von den Stewardessen und über Lautsprecher erläutert von der Chef-Stewardess, die auch alles ins Englische übersetzte und hierbei auf eine an die Bordwand angeheftete Übersetzung zurückgreifen musste, sodass die immergleichen Sätze streckenweise etwas holprig rüberkamen. Das war wohl eine Veranstaltung für Nostalgiker, oder wollen die wirklich Strom und Verschleißkosten für ihre Bildschirme einsparen? Es gab mir zu denken. Rätselhaft auch, dass die Maschine bei der Nummerierung der Sitzreihen keine „13“ und auch keine „17“ abbekommen hatte. Also wenn derjenige, der die Dinger zusammenbaut, gleich doppelt abergläubisch ist, dann gibt mir das irgendwie kein so gutes Gefühl, was die Betriebssicherheit angeht, ich weiß auch nicht, warum. Und auch die weitere Abfertigung hatte irgendwie einen gewissen 70er-Charme, es gab nicht, wie bei der Konkurrenz, wenigstens eine Auswahl zwischen zwei Snacks, die vom Personal höflich erfragt wurde, nein, hier wurde dem Passagier der Müsli-Riegel einfach im Vorbeigehen in die Hand gedrückt. Großartig, ich liebe Retro-Style. Und solange sich das nicht auf die technische Qualität des Flugzeugs selbst bezieht, soll mir das auch völlig wumpe sein. Zumal es ja in die Bundeshauptstadt ging, the very finest town of the very finest people, die das sympathischerweise auch immer offen zugeben und den Zugereisten gerne spüren lassen, dass er eigentlich dankbarer sein sollte, auf dem heiligen Grund der Stadt schreiten zu dürfen – die berühmte Berliner Schnauze mit ohne Herz, die ich schon dutzendfach genießen durfte. Da konnte eine kleine diesbezügliche Einstimmung im Flieger nicht schaden, quasi zur Akklimatisierung.

In Berlin angekommen (in Tegel und nicht auf dem neuen Großflughafen, der mal richtig am Arsch der Welt liegt, wo es allerdings anscheinend nie brennen kann, weshalb man das mit dem Brandschutz ja etwas lockerer gesehen und damit eine pünktliche Öffnung um einige Monate nach hinten verschoben hatte), fuhr ich mit dem Bus zum Hauptbahnhof, da es von dort nur ein kurzer Fußmarsch zur Unterkunft war. Zunächst traf ich dort einen Kollegen aus Bonn, der sich zu Beginn der Woche eine Eintrittskarte nach Hause hatte schicken lassen, obwohl er sich die ganze Woche über dienstlich in und um Berlin aufhielt. Auch clever gemacht! Dank mir als Boten konnte er das Spiel dann doch noch sehen. Wobei ich erst überlegt hatte, ihm bei meiner Ankunft mitzuteilen, dass ich die Karte für einen ordentlichen Preis bei eBay losgeworden war und mir jetzt einen schönen Tag machen würde. Da der Kollege allerdings schon etwas lebensälter ist, unterließ ich diesen makabren Scherz im Hinblick auf eventuelle gesundheitliche Verschlechterungen seinerseits, die diese lustige Nachricht hervorrufen könnte. Aus Dankbarkeit wurde ich dann tatsächlich die paar Meter zur Unterkunft mit dem Wagen kutschiert, also wieder mal alles richtig gemacht! Ich stieg in die Wohnung meines Bekannten ein, ohne dass seine misstrauischen Nachbarn vorsichtshalber die Polizei riefen, und entspannte noch ein wenig, ohne dass sich mein Gesundheitszustand wiederum massiv positiv geändert hätte. Aber da musste ich jetzt durch.

Gegen 16.30 Uhr machte ich mich dann auf den Weg. Zunächst wieder zum Hauptbahnhof, anschließend in die S 5 zum Stadion. Dort sah ich auch schon die ersten Hertha-Fans, die sich auf den Weg gemacht hatten. Vom Anblick der Schals und Trikots animiert, fragte mich das ältere einheimische Mütterchen auf dem Sitz neben mir, wann denn das Spiel beginnen würde. Als höflicher Mensch gab ich natürlich die gewünschte Auskunft, 20.30 Uhr. Ich hätte es lieber unterlassen, denn nun bekam ich einen Einblick in die vorabendliche Gestaltung der Dame, also was sie noch alles zu erledigen hätte, damit sie pünktlich vor dem Fernseher sitzen könne. Das war ja noch unterhaltsam, mündete aber in die Feststellung: „Die müssen aber heute Abend gewinnen! Köln ist doch meine zweite Lieblings-Mannschaft, und die sind ja schon abgestiegen, da muss wenigstens die Hertha drin bleiben!“ Stumm lächelte ich zurück und dachte nur verzweifelt: Warum? Und warum immer ich? Hab ich irgendwie ein mir völlig unbekanntes Piktogramm für „kölscher Seelsorger“ auf die Stirn tätowiert? Trotzig beschloss ich, auch dieses ansonsten äußerst nette Berliner Mütterchen für ein gutes Omen zu halten. Und die Dame war ja nun schon seit einer knappen Woche an einen Abstieg gewöhnt, da würde ein zweiter auch nicht mehr so sehr ins Gewicht fallen.

Am Olympiastadion angekommen, machte ich mich zunächst auf die Reise, um meine Karte abzuholen. Die war nämlich in der Geschäftsstelle der Hertha hinterlegt. Und das ist mal ein knackiger Fußmarsch von der S-Bahn. Einmal ums Stadion rum, bergab zur U-Bahn-Haltestelle, dann wieder bergauf um die Kurve, nochmal bergauf in den Olympiapark…warum sie die Karten nicht beispielsweise im Besucherzentrum deponieren, das sich direkt am Stadion befindet, ist eines der Rätsel der Menschheit, das ich schon im Januar 2011 nicht hatte lösen können, als die Fortuna dort ihr Zweitliga-Spiel absolviert hatte. Von daher kannte ich allerdings zumindest den Weg. Damals waren es minus zwei Grad gewesen plus gelegentliches Schneetreiben. Diesmal kratzte die Temperatur hart an 30 Grad, aber es war furchtbar schwül, Gewitter waren angekündigt, die Luftfeuchtigkeit lag bei gefühlt 100 Prozent, oder vielleicht war das auch nur meine Grippe? Wahrscheinlich etwas von beidem.

Nachdem ich die Karte erhalten und schweißgebadet den Rückweg zum Südtor wieder hinter mich gebracht hatte, wich ich gekonnt dem hübschen Mädel der Deutschen Bahn aus, das mich partout mit einem Hertha-Fähnchen beglücken wollte. Dabei traf ich dann auch die beste Fahrerin von allen wieder, mit der ich die unfassbaren Touren der Rückrunde nach Rostock, Dresden und Fürth hingelegt hatte. Sie hatte es nun doch nicht zuhause ausgehalten, hatte sich kurzfristig organisatorisch Luft verschafft und war auf den zweiten Sonderzug aufgesprungen, der am Morgen die Landeshauptstadt verlassen hatte. Respekt, um mir das anzutun, bin ich wohl definitiv zu alt. Noch mehr, nachdem sie berichtet hatte, wer denn so in ihrem Abteil mitreiste. Wir haben in dieser Saison jede Partie zusammen gesehen, mit Ausnahme der Spiele bei Union Berlin und in Cottbus, da war ich alleine. Es ist einfach nur ein gutes Gefühl, wenn sich zum letzten Auswärtsspiel wieder alle einfinden, mit denen man die gesamte Saison verbracht hat. Zuhause sind ja eh alle da.

Natürlich beguckte ich mir auch, was sich sonst so im Stadionrund tummelte, und da fiel mir gleich dutzendfach etwas auf: viele Berliner trugen solche Saison-Abschluss-Shirts, wie sie wohl bei jedem Verein durch einen Sponsor auf den Markt geworfen werden, wenn man meint, man habe etwas Besonderes erreicht. Dementsprechend fehlten auch hier nicht die für mich völlig ausgelutschten Begriffe und Assoziationen, die engen Zusammenhalt suggerieren sollen wie „Eine Stadt. Ein Verein. Ein Ziel“ oder Artverwandtes, mittlerweile abgedroschene Phrasen, weil wirklich schon von jedem Verein verwendet, und da schließe ich den Meinigen selbstverständlich nicht aus (Soll es in München angeblich auch in der Version „Unsere Stadt, unser Stadion, unser Pokal“ geben – ich hoffe nur, sie hatten noch keine Jahreszahl darunter gesetzt…) . Ich hab halt für sowas nicht viel übrig. Was ich allerdings viel interessanter fand, war der „Hauptaufdruck“ auf den Shirts, unter dem Stadt-Verein-Ziel-Gelaber. Unübersehbar stand da in fetten Lettern: „Mission erfüllt!“ Hunderte Anhänger feierten also vor dem ersten Relegationsspiel schon den Klassenerhalt. Oder hatte der Sponsor – der mit den pünktlichen Zügen und dem überragenden Service – etwa ernsthaft T-Shirts drucken lassen, weil man am Wochenende zuvor die „Mission Platz 16“ erfolgreich erfüllt hatte? Wohl kaum. Hierzu passte auch die Berichterstattung der „Berliner Zeitung“ im Vorfeld, die groß getitelt hatte: „Vor dieser Fortuna braucht die Hertha keine Angst zu haben!“ Find ich immer gut, wenn im Vorfeld schon alles klar gemacht wird, denn irgendwas bleibt immer hängen, dagegen kann kein Trainer der Welt anmahnen.

Da somit die Erfolgsfrage von unseren Bundeshauptstädtern sympathisch offen bereits vor dem Spiel geklärt war, konnte man sich ja jetzt ganz darauf konzentrieren, denen wenigstens noch ein bisschen in die Suppe zu spucken. Verdient hätten sie es ja, nach dieser Ankündigung.

Der Alptraum: Stürmer im eigenen Strafraum

Und wir spuckten, wenn auch wieder mit Verzögerung. Denn was Fortuna an jenem Abend vor 68.000 Zuschauern (nicht ausverkauft!) an jenem schwülen Abend hinlegte, war zunächst einmal eine Wiederholung – allen Fans bestens bekannt aus jedem Auswärtsspiel in der Rückrunde. Eine gute Viertelstunde mit zwei dicken Chancen, dann Leerlauf. Die exerzierten tatsächlich in diesem entscheidenden Spiel stur die Rückrunde nochmal vor! Zunächst scheiterte Lambertz am herausstürmenden Berliner Keeper Michael Kraft, der seinen Schuss aus zwölf Metern abwehren konnte, nachdem Lambertz schön von Ken Ilsø ins Szene gesetzt worden war. Anschließend hechtete Adam Bodzek, noch vor dem kurzen Pfosten platziert, in einen Freistoß von Ilsø und setzte den Ball aus der Drehung wunderbar Richtung langes Eck. Kraft konnte nur bewundernd hinterher schauen, aber die Kugel hoppelte knapp am Tor vorbei. Zwei schöne Chancen, direkt zu Beginn des Spiels, das wäre es doch gewesen, dem Favoriten mal sofort einen mitzugeben. Stattdessen zog man sich wie gehabt nach der Anfangsviertelstunde wieder zurück und überließ dem Gegner das Spiel. Und natürlich passierte genau das, was in der Rückrunde meistens auch passierte – 0:1-Rückstand. In der 19. Minute Eckball für Hertha von rechts, in der Mitte springt Roman Hubnik in den Ball und befördert ihn als Aufsetzer per Kopf über die Linie. Sein Gegenspieler Thomas Bröker stand daneben, war aber leider nicht mittendrin, Torwart Michael Ratajczak klebte auf der Linie und auch Ken Ilsø konnte nicht retten, zumal er wohl versehentlich schon hinter der Linie stand, als er per Kopf noch klären wollte. Nutzte aber auch nix, der Ball lag im Netz und Fortuna wieder mal zurück.

Das Stadion tobte, und der Stadionsprecher gleich mit, eine unglaubliche Nervensäge, die tatsächlich auch mitten im Spiel reinquatscht, um die Massen zu pushen. Möchte gern mal wissen, welches Event Management sich das ausgedacht hat. Wenn man noch dazu nimmt, dass wir vor dem Spiel mit solch einer Granate wie Frank Zander beschallt wurden, dann weiß man, was Gästefans dort zu ertragen haben. Gut ist natürlich, wenn dann die eigene Mannschaft wenigstens gut spielt, aber davon war in den Folgeminuten nichts zu sehen. Fortuna verlor kurz den Faden, Hertha spielte allerdings auch nicht wirklich zwingend nach vorn, war aber klar überlegen. Kobiaschwili, nach schöner Grätsche von hinten gegen Ilsø nach drei Minuten unbegreiflicherweise nicht mit seiner fünften Gelben Karte bedacht, hatte noch eine gute Chance für Hertha, nach einem groben Schnitzer in der Fortuna-Abwehr, aber sein harmloser Flachschuss war eine leichte Beute für Ratajczak, ebenso wie ein guter Fernschuss von Perdedaj. Und dann gab es erstmal nichts mehr zu sehen. Fortuna hatte das einzig Richtige getan und den Langeweiler ausgepackt. Man beruhigte das Spiel, ließ die Berliner leer laufen, spielte auch bei eigenen Freistößen in der gegnerischen Hälfte in aller Gemütsruhe hintenrum, auch gerne mit 30-Meter-Rückpässen auf den eigenen Torwart. So beruhigte man sich selbst, fand die Sicherheit wieder und holte sich das Selbstvertrauen aus der ersten Viertelstunde zurück. Für die Zuschauer eher langweilig anzusehen, aber der Zweck heiligt die Mittel. Zur Pause konnte man sagen: Wenn man als Underdog ins Rennen geht, ist es eine gute Idee, dem Gegner die Luft raus zu lassen. Blöd nur, wenn man bis dahin schon einen kassiert hatte. Aber mit einem 0:1 konnte man noch leben.

Dass die zweite Hälfte unvergesslich für alle Fortuna-Fans werden würde, sowohl für die 7.000 Mitgereisten im Stadion als auch die ungezählten, die zuhause mitfieberten, lag an Thomas Bröker und Adrian Ramos. Der kolumbianische Stürmer der Hertha setzte zunächst den ersten Aufreger, als er nach einem Eckball völlig freistehend per Kopf das 2:0 verpasste, es wäre sicherlich eine Vorentscheidung gewesen. Bröker, der das 0:1 durch mangelndes Zweikampfverhalten mitverschuldet hatte und der bis dahin seine Kilometer relativ uneffektiv abgespult hatte, holte dann in der 64. Minute die Brechstange raus, sprich: seinen Körper. Er erhält auf der rechten Seite in Strafraumhöhe den Ball, fast an der Seitenauslinie. Und dann läuft der Brecher einfach durch drei Gegenspieler durch, als seien die gar nicht da, Kobiaschwili wird noch getunnelt, und schon steht Bröker im Strafraum. Er kurvt aus spitzem Winkel aufs Tor zu, und man kann gut erkennen, dass er eigentlich nur auf die Gelegenheit wartet, den Ball an den Fünfmeterraum zu legen, wo sich der eingewechselte Ranisav Jovanovic postiert hat. Bei dem steht allerdings Verteidiger Peter Niemeyer, der auch genau sieht, was Bröker plant, und der deshalb nicht angreift, sondern den Raum zwischen Bröker und Jovanovic dicht macht. Bröker wird somit gezwungen, auf Torwart Kraft zuzulaufen, spitzer Winkel, die Entfernung wird immer kürzer, Kraft bleibt auch stehen – und dann schlenzt der Wahnsinnige die Kugel links an Kraft vorbei auf den kurzen Pfosten. Trifft diesen, und von dort rollt der Ball ins Netz – 1:1.

Es gibt ein schönes Standfoto dieses Moments, aufgenommen aus der Fortuna-Fan-Kurve, schräg rechts hinter dem Tor. Man sieht den Ball hinter der Linie, Bröker dreht jubelnd ab, an der Strafraumgrenze reißt auch Ilsø jubelnd die Arme hoch – nur am Fünfmeterraum, da steht Jovanovic und gestikuliert immer noch wütend, dass er den Ball jetzt endlich haben wolle. Herrlich. Es konnten also nicht alle Anwesenden realisieren, was in diesem Moment geschehen war. Mir ging es ähnlich, ich dachte erst, wo schießt der denn den Ball hin? Ich schaute nochmal, und die Kugel lag immer noch im Netz. Wahnsinn. Eine Einzelleistung, gewiss, nicht wirklich herausgespielt, aber wen kümmert das in diesem Moment? Entscheidend war nur, dass wir das Auswärtstor hatten, und die Berliner offenkundig mit vielem gerechnet hatten, nur nicht damit. Schwerfällig tappten sie in Folge über den Platz, oder vielleicht war Fortuna auch jetzt leichtfüßiger? Keine Ahnung, auf jeden Fall kamen wir besser ins Spiel und setzten nur sieben Minuten später noch einen drauf. Wobei wir hierzu nur den Scorer-Punkt leisteten. Denn es war ausgerechnet Hertha-Stürmer Adrian Ramos, der in 71. Minute einen Freistoß von links durch Ken Ilsø sehr präzise per Kopf ins eigene Tor versenkte – 2:1 für Fortuna. Und wer immer noch glaubt, die alte Fußball-Weisheit mit den Stürmern, die tunlichst nicht im eigenen Strafraum operieren sollten, sei nur ein Klischee, der sollte sich dieses Spiel gut merken. Stürmer Bröker verschuldet das Gegentor, weil er nicht mit seinem Gegenspieler mitspringt, Stürmer Ramos macht das Ding auf der Gegenseite gleich selbst rein. Natürlich glücklich für Fortuna, aber auch nicht zwingend unverdient, denn der Hertha fiel im zweiten Abschnitt wirklich nicht viel ein. Zu erwähnen ist noch ein Freistoß des eingewechselten Ronny, der leicht abgefälscht am Außenpfosten landete, ansonsten ließ die Abwehr um den wieder genesenen Chef Jens Langeneke nichts mehr zu. Auf der Gegenseite verhinderte Michael Kraft mit einer tollen Parade in der 89. Minute noch das 1:3, als wiederum Bröker ihn mit einem Schlenzer von der Strafraumgrenze Richtung rechter oberer Winkel überlisten wollte. Und dann war es vorbei, und auch Frank Zander fiel nichts mehr zur Lage ein – Fortuna gewinnt sensationell 2:1 bei Hertha BSC.

Nichts war damit entschieden. Bei unserer Vorliebe für 0:1-Rückstände in dieser Saison sollte jedem klar sein, wie schnell im Rückspiel das Zittern wieder losgehen könnte. Trainer Norbert Meier und alle Spieler waren nach dem Spiel bei irgendwelchen Lobeshymnen sofort auf der Hut und betonten, dass noch nichts erreicht sei. Als Beispiel sei Kapitän Lambertz zitiert: „Wer hier abhebt, den grätsche ich ins Knie!“ Nur die Ausgangsposition vor dem Rückspiel, die hatte sich natürlich sehr verbessert. Das war völlig richtig so. Und dennoch, für alle diejenigen, die mit vor Ort waren, war dies ein magischer Abend, einer für die Historie, die eigene wie die des Clubs. Niemand hatte im Vorfeld ernsthaft damit gerechnet, in Berlin zu gewinnen, als „gute Ausgangsposition“ wäre auch sicherlich das 0:1 zur Pause genommen worden, wenn es dabei geblieben wäre. Umso schöner, dass die Mannschaft in der zweiten Hälfte dermaßen zurückkommen konnte. Alle Trümpfe in der Hand, und trotzdem weiter zittern – eine typische Fortuna-Gemütslage, auch für die kommenden Tage.

Der Rest war unspektakulär. Ich fand die Wohnung des Bekannten problemlos wieder und musste eventuell leider ein paar Nachbarn gegen ihn aufbringen, indem ich gegen Mitternacht noch unter die Dusche sprang, aber es war nötig, ich war nass geschwitzt, teils Gesundheitszustand, teils Aufregung. Darauf führe ich auch einen besonderen Fauxpas am nächsten Morgen zurück, der dem ganzen Ausflug die Krone aufsetzte: ich verließ die Wohnung Richtung Hauptbahnhof und deponierte den Schlüssel in einem Briefumschlag im Briefkasten. Ich war genau drei Meter weiter gekommen, als mir einfiel, dass ich meine Jacke in der Wohnung hatte hängen lassen. Die hatte ich zwar dabei, aber bei der schwülen Hitze nicht benötigt und deshalb auch nicht mehr daran gedacht. Das wäre auch völlig egal gewesen, schließlich gibt es ja die Post, aber dann fiel mir noch etwas auf – mein Flugticket befand sich in der Jacke. Und so fummelte ich am helllichten Tag mitten in Berlin minutenlang am Briefkasten herum, um den Umschlag wieder in die Finger zu bekommen. Und es gelang, und auch bei dieser Aktion fiel ich den Nachbarn anscheinend nicht besonders auf. Somit konnte ich die Rückreise dann doch ohne weitere Verzögerung antreten. Die Lufthansa verteilte ihre Müsli-Riegel diesmal direkt beim Einstieg, wahrscheinlich um die Getränkewagen zu schonen, und alles war gut. Nun gab es nur noch eine Sache zu tun: warten auf Dienstag.

Der Traum: Nur fünfzehn Jahr`, schon sind wir wieder da!

Tja, was soll man zum Rückspiel am 15.05.2012 noch sagen? Es war das wichtigste Spiel der Fortuna seit 15 Jahren, es war das spannendste, es war das erfolgreichste – bis 90 Sekunden vor dem Abpfiff. Damit könnte ich die Berichterstattung beenden, denn es hat doch eh jeder gesehen. Achteinhalb Millionen Kunden am Fernsehen, die das Einschalten sicher nicht bereut haben. Und ein beträchtlicher Teil dürfte sich auch köstlich amüsiert haben, als es zum Schluss richtig rund ging. Spartakus in deutschen Stadien, live in die Wohnzimmer serviert. Und in unzähligen Einblendungen in den Tagen danach.

Bevor es los geht, kurz etwas zur Erinnerung: am Tag zuvor war der Karlsruher SC durch ein 2:2 im Relegations-Rückspiel gegen den SSV Jahn Regensburg nach einem 1:1-Hinspiel in die 3. Liga abgestiegen. Darauf kam es zu zweistündigen schweren Ausschreitungen rund um das Karlsruher Wildparkstadion. 76 Verletzte, über 100 Festnahmen. Weiß das noch jemand? Wollte nur mal daran erinnern.

Obwohl, das Spiel selbst zwischen Fortuna und der Hertha war ja eigentlich nur einmal zu sehen, denn das interessierte schlussendlich niemanden mehr. Dass Maximilian Beister uns nach unfassbaren 25 Sekunden mit einer Granate aus derselben Entfernung in Führung brachte – ja, ganz nett. Änderte aber nichts an der Gesamtlage, Hertha musste weiter zwei Tore schießen und hätte sich zumindest in die Verlängerung gerettet. Also keine großartige Verschlechterung.

Dass Änis Ben-Hatira in der 19. Minute den Ausgleich erzielte, völlig frei am Fünfmeterraum nach einem Freistoß von links, diesmal hatte Tobias Levels geschlafen – geschenkt, im Hinspiel stand`s schließlich auch schon mal 1:1. Außerdem war es die logische Konsequenz in einer ersten Halbzeit, in der sich die Unsrigen an die Wand spielen ließen, sich viel zu früh zurückzogen und von der allgemein geschätzten technischen Finesse des Befreiungsschlages Gebrauch machten. Insoweit keine Überraschung, nicht erinnerungswürdig.

Dass Ben-Hatira nach einem schönen gestreckten Bein gegen Bodzek in der 54. Minute mit Gelb/Rot vom Platz flog, na und? Hätte eh schon im Hinspiel der Fall sein müssen, also auch nicht wirklich überraschend, dass dieser Knochenbrecher vorzeitig duschen durfte und pöbelnd abging.

Dass Jovanovic in der 59. Minute nach einem blitzsauberen Konter auf Traumflanke von Bröker per Kopf und mit Hilfe des Innenpfostens das 2:1 für Fortuna erzielte – pfft, wer will das wissen, so stand es im Hinspiel auch schon. Schön, dass der Haudegen, der zu Saisonbeginn noch abgegeben werden sollte, seinen fünften Saisontreffer als Joker erzielte, aber mehr auch nicht.

Hier kommt allerdings eine Szene des Spiels, die dem Fernsehzuschauer vielleicht bekannt vorkommen wird: unmittelbar nach dem Treffer versuchten die Hertha-Fans im Gästeblock schräg hinter dem Hertha-Tor, einen Spielabbruch herbeizuführen, indem sie brennende Bengalen auf den Rasen vor ihrer Kurve regnen ließen. Das ist übrigens das Bild, das von jeder Nachrichtenagentur, jedem Käseblatt im Land danach, egal, ob gedruckt oder online, sinnbildlich mit der „Schande von Düsseldorf“ gleichgesetzt wird: das Bild von Hertha-Spielern vor einer Wand aus Rauch und Feuer aus dem eigenen Fan-Block, welches nun aber stets nicht mit Hertha, sondern mit Düsseldorf assoziiert wird. Clever gemacht.
Bei zwei Dutzend Bengalen, die aus dem Block herausflogen, hörte ich auf zu zählen, diese Idioten bewarfen auch die eigenen Spieler, die die brennenden Bengalen vom Feld räumten. Auch ein Punkt, der von dieser Situation im Gedächtnis bleiben sollte, ist die erstaunliche Angstfreiheit der Hertha-Spieler in diesem Moment. Vielleicht trugen die feuerfeste Unterwäsche, wer weiß? Leider wird man ja noch darauf zurückkommen müssen.
Nicht verheimlicht werden darf, dass auch bei Fortuna Bengalen auf den Rängen abgebrannt wurden, und ein Trottel warf seine Fackel natürlich auch in den Innenraum. Einer im Vergleich zu 25 bei einer gezielten Aktion auf der anderen Seite.

Wie der eingewechselte Matuschyk auf Vorlage von Jovanovic frei vor Torwart Kraft das entscheidende 3:1 verstolperte, und wie Herthas Raffael nach feiner Kombination mit Ramos und Tiefschlaf unserer Abwehr in der 85. Minute zum 2:2 ausglich, das hat doch unter Garantie niemand der Fernsehzuschauer noch auf der Pfanne, oder? Ist ja auch uninteressant. Interessant ist nur die Nachspielzeit. Sieben Minuten gab es oben drauf, etwa vier davon waren dem versuchten Spielabbruch der Hertha-Fans nach dem 2:1 geschuldet (Aussage des Schiris). Die konnten sich also schon mal auf die Schenkel klopfen vor Freude, ein schöner Erfolg ihrer Aktion. Ein Tor noch, und die Hertha wäre gerettet gewesen.

Sie kamen nicht mehr dazu. Fortuna versiebte 70 Sekunden vor Ende der Nachspielzeit noch ein dickes Ding, als Jovanovic vor Kraft verstolperte, anstatt Fink anzuspielen. Kraft wollte den Abstoß ausführen, aber plötzlich gab es keine 21 Akteure mehr auf dem Spielfeld, sondern geschätzte 521. Einige Fans hatten einen Pfiff des Schiris als Schlusspfiff interpretiert und freudetrunken den Platz gestürmt. Volltrottel. Vollidioten. Egoistische Arschlöcher. Jeder von denen wollte der Erste im Fernsehen und auf youtube sein. Da phantasierte man sich halt schnell den Schlusspfiff zusammen, und eine ganze Masse Lemminge folgte. Ich habe für so etwas kein Verständnis. Ja, wir haben 15 Jahre auf diesen Moment gewartet. Die ersten Platzstürmer waren größtenteils Jugendliche, die die 1. Liga nur aus dem Fernsehen kennen. Natürlich will man ausflippen, wenn es geschafft ist. Und natürlich denkt man nicht eine Sekunde logisch nach, Emotionen, ist ja klar. Die hätten nur nicht ihrem Gehör vertrauen sollen – das durch die wirklich tolle Stimmung im Stadion eh schon strapaziert genug war –, die hätten einfach nur auf unsere Spieler achten müssen. Da riss irgendwie keiner auch nur einen Arm hoch, um zu jubeln. Komisch, oder? Aber das interessierte niemanden, alle wollten halt als Erste auf dem Heiligen Rasen sein. Gleichgültig, was sie damit anrichten würden. Und das war nur einer der größten Fußball- und Medien-Skandale, die ich kenne.

Eines muss festgehalten werden: diese Blitzbirnen randalierten nicht auf dem Platz, sie feierten einfach nur. Kein Hertha-Spieler wurde irgendwie angepackt, es kam auch zu keiner Gewaltanwendung gegen Schiedsrichter, Ordner oder Polizei. Diese Pfeifen jubelten und feierten, einer, der besonders berühmt werden wollte, grub vor laufender Kamera einen Elfmeterpunkt aus und darf sich mittlerweile schon über filmische Auftritte bis hin zu Stefan Raab freuen, sicherlich ein schöner Erfolg für ihn. Aber nochmal: es wurde keinerlei Gewalt angewendet, gegen niemanden. 76 Verletzte, über 100 Festnahmen, das war woanders. Wo gleich nochmal?

Schiedsrichter Stark unterbrach das Spiel nochmals, Polizei und Ordner räumten mit Hilfe der wirklich guten und umsichtigen Stadionsprecher Ilja Ludenberg und André Scheidt den Platz. Auch die Fortuna-Mannschaft mittendrin, redete auf die Leute ein, den Platz zu verlassen. Ganz vorne an der Front: unser „Rotzlöffel“ Sascha Rösler. Der kam weder im Hin- noch im Rückspiel zum Einsatz, aus taktischen Erwägungen. Schon ein trauriges Ende seiner Karriere, ausgerechnet in seiner erfolgreichsten Saison. Aber der muckt nicht auf in einer solchen Situation, der ordnet sich unter. Und hatte hier nochmal einen großen Auftritt, wie wir ihn alle lieben: Lautstark pöbelte er die Fans vom Platz (ohne Gewalt, ganz ehrlich), und sagte hinterher: „Vielleicht muss ich mich jetzt bei einigen Fans entschuldigen, die haben mich heute mal richtig kennen gelernt. Aber es ging nicht anders.“ Welch ein Bild – der unfaire Düsseldorfer Rotzlöffel vertreibt die eigenen Fans vom Rasen, der faire Frankfurter Sportsmann Heribert Bruchhagen flüchtete vor einigen Wochen nach dem Aufstieg noch vor den Seinigen mitten in einem Interview. So sieht schon mal die Wahrheit aus, auch wenn`s manchen Würstchen weh tut. Die Leute gingen auch zum Großteil schnell wieder auf die Tribünen zurück, als ihnen klar wurde, dass das Spiel noch nicht beendet war. Der Rest wurde in den vier Mundlöchern hinter den Ecken des Spielfelds versammelt, von Ordnern und Polizei abgeschirmt. Nach 20 Minuten Unterbrechung pfiff Schiri Stark das Spiel wieder an, beendete es pünktlich nach 97 Minuten, und Fortuna war mit dem 2:2 aufgestiegen. Soweit die Fakten auf dem Spielfeld.

Aber hey, das war Fußball, das interessiert doch die Fernsehzuschauer nicht. Nun, einige Spieler auch nur noch am Rande. Es gibt schließlich noch weitere Fakten, die das Ganze erst richtig interessant machen.

Es beginnt mit dem bekannten Schwiegermutter-Liebling Christian Lell, der Fortuna-Verteidiger Lukimya noch auf dem Platz bei der Unterbrechung zunächst übel beleidigt und anschließend anspuckt. Lukimya muss daraufhin von drei Mitspielern und dem Co-Trainer zurück gehalten werden, um diesen Abschaum nicht dort zu versenken, wo der Elfmeterpunktklauer in der Zwischenzeit das Loch gelassen hat. Aber „Abschaum“ ist für diesen rotzenden Spieler vielleicht zu hart. Nach meiner Erfahrung aus dieser Saison war das wohl eher eine Bewerbung für den FC St. Pauli, dessen Fans bekanntermaßen eigene Spieler, die zu dieser Handlungsweise neigen, schon mal als „geilste Abwehrspieler aller Zeiten“ feiern und dessen Trainer auch ein bestimmtes Verständnis dafür aufbringt. Also insoweit gut in die Zukunft gedacht vom Herrn Lell.

Auch noch interessant: Christian Lell gibt nach dem Spiel wahrhaftig noch ein kurzes Interview, bei dem er sich zunächst erkundigt, ob er live drauf ist. Als dies bejaht wird, sagt er unter anderem „Aber wir suchen jetzt keine Sündenböcke. Wir waren in der Saison zu selten erstklassig.“ Und dann sagt er nichts mehr, weil der Pressesprecher der Hertha ihn wegzerrt. Auch von Peter Niemeyer gibt es noch ein kurzes Statement beim rbb, in dem er der Fortuna zum Aufstieg gratuliert. Auch das ist schnell beendet, und danach gibt es keine Interviews mehr. Komisch, komisch.

Nach endgültigem Spielschluss kommt es dann zu Szenen, die ich bei einem angeblichen Bundesliga-Verein immer für unmöglich gehalten habe. Berichtet hat darüber Schiedsrichter Stark als Zeuge bei der Verhandlung um den Einspruch der Hertha gegen die Spielwertung. Demnach wird er beim Abgang zu den Kabinen von Herthas Kapitän Kobiaschwili geschlagen. Lell hat zwar keinen Speichel mehr im Mund, dafür wieder Kraft in den Armen, er habe den Schiri „auf Schärfste attackiert und am Arm gepackt…“, sagt Stark aus. Außerdem habe er ihn mit „feiges Schwein“ tituliert. Mijatovic zeigt, wie gut er Deutsch kann und nennt Stark einen „Wichser“. Noch unglaublicher: Mijatovic und Kraft wollen anschließend die Schiedsrichter-Kabine stürmen, die Schiris müssen immer wieder die Tür von innen zudrücken. Dabei fällt die weitere Bezeichnung „Arschloch“. Jagdszenen wie in Kreuzberg am 1. Mai. Aufgeregt hat die Herren übrigens, auch das ist bewiesen, dass Stark angeblich die Nachspielzeit zu kurz angesetzt und zu früh abgepfiffen habe. Stark lässt sich in der Kabine sowohl vom Hertha- als auch vom Fortuna-Arzt erstversorgen und stellt bei einem herbei gerufenen Polizisten Strafanzeige gegen Kobiaschwili. Nebenbei, Änis Ben-Hatira ist auch wieder da, keine Ahnung, ob schon geduscht oder nicht. Der versucht sich ein wenig in Sachbeschädigung, tritt immer wieder auf die Glastür ein, die zum Fortuna-Kabinentrakt führt. Ist das zu glauben? Eigentlich nicht, so war es aber, gibt ja genug Zeugen. Die Ghetto-Gören aus der Reichshauptstadt zeigen mal, was sie unter einem „Spielschluss mit negativem Ausgang“ verstehen.

Und noch etwas an dieser Szenerie ist wichtig: Stark berichtet, von Seiten der Hertha-Offiziellen habe er keinerlei Hilfeleistung erfahren. Hat ja auch keiner erwartet, dass die ihre tobenden Spieler aufhalten. Im Gegenteil, Hertha-Präsident Dr. Gegenbauer – Achtung, bitte nicht mir ankreiden, dies ist die offizielle Aussage des Schiedsrichters -, der die Attacke von Kobiaschwili gesehen hat, erscheint hinterher in der Schiri-Kabine und behauptet, der Spieler sei ausgerutscht. Gegenbauer bestreitet dies übrigens, sagt, von der Attacke habe Stark ihm erst später erzählt. Also auch ein Präsident im Zwielicht. Stark sagt weiter, erst viel später, aber eben tatsächlich noch an diesem Abend, sei Manager Michael Preetz zu ihm gekommen und habe sich im Namen der Hertha für die Vorkommnisse entschuldigt. Dies wird von Preetz auch nicht bestritten. Trainer Otto Rehhahgel entschuldigt sich übrigens auch, aber der spielt im weiteren Verfahren erstmal keine Rolle. Wichtig ist nur: Michael Preetz weiß also an jenem Abend schon haargenau, was seine fröhliche Gang da angerichtet hat: Faustschlag, am Arm zerren, beleidigen, versuchter Kabinensturm, Sachbeschädigung. Man kann also festhalten: die halbe Berliner Mannschaft benimmt sich wesentlich aggressiver und randaliert wesentlich heftiger als das ganze Volk, das zuvor versehentlich zu früh auf den Rasen gelaufen ist.

Fazit des Abends: Fortuna-Fans (in der Minderheit): unglaublich dämlich und selbstverliebt. Hertha-Fans (ich hoffe, auch in der Minderheit, das war durch den ganzen Rauch aber nicht mehr zu erkennen): unglaublich asozial. Die halbe Hertha-Mannschaft: unfassbar unsportlich, aggressiv und gewalttätig. Fortuna aufgestiegen, Hertha abgestiegen.

Oder?

Die Blutnacht von Düsseldorf

Die letzten beiden Worte vor dem „Oder?“ rufen nun die Medien auf den Plan. ARD, ZDF und Springer-Presse machen mobil. In der ARD kommentierte Tom Bartels beide Partien. Durchaus neutral, meistens – wenn er nicht grad verzweifelt darüber sinnierte, dass es doch nicht sein könne, dass Deutschland als einzige Nation unter europäischer Sonne keinen Hauptstadtclub in der Ersten Liga habe. Dieses Schicksal erschütterte ihn so sehr, dass er es gleich mehrfach pro Übertragung anmahnte. Da hätten sie auch gleich einen beliebigen Hertha-Fan ans Mikrofon setzen können, der hätte sich wahrscheinlich darüber gefreut und nicht von meinen Gebühren bezahlt werden müssen. Ebenso ein Mehmet Scholl, dessen Urteil schon vor dem ersten Spiel feststand, und der auch dementsprechend kommentierte, er habe nichts von Fortuna gesehen, selbst nicht, nachdem die grad 2:1 bei einem Erstligisten gewonnen hatte. Beim ZDF berichtet Poschi Poschmann in einem „spezial“ am Mittwoch sofort von der „Gewalt“ und den „Ausschreitungen“ – zu sehen sind selbstverständlich nur die verfrühten Platzstürmer. Besonders armselig ist dies, weil es einen schönen youtube-Ausschnitt aus dem Jahr 1991 gibt – Platzsturm beim Spiel MSV Duisburg gegen Hertha BSC (!!), als Duisburg in der 87. Minute das 1:0 schießt. Anschließend Bildumschnitt und Kommentar des ZDF-Reporters: „Zehn Minute Pause, noch zwei Minuten spielen.“ Damit war die Sache damals für das ZDF erledigt. Später mitten im Gedränge quietschvergnügt im Interview mit Ewald Lienen: Poschi Poschmann. Man wird halt nicht jünger, aber in punkto Heucheln geht immer was. Die Springer-Presse hat von Anfang an ein Wiederholungsspiel im Sinn, kommt auch auf die Idee, die Bundesliga auf 19 Vereine aufzustocken, weil man die Hertha mit solch einem „irregulären Spiel“ doch nicht absteigen lassen könne. Überall die Schande von Düsseldorf, auf allen Kanälen, und stets tauchen diese schönen Bilder vom Gästeblock auf, ohne Erklärung, dass es eben schöne Bilder vom Gästeblock sind. Das wird erst Stück für Stück zugegeben. Auch dass der DFB direkt am Mittwoch Morgen ein Verfahren gegen die benannten Hertha-Spieler Kobiaschwili, Lell, Mijatovic und Kraft einleitet (und gegen Fortuna-Kapitän Andreas Lambertz, den ein Fotograf abschießt, wie er bei der Siegesfeier für einige Sekunden eine brennende Bengale in der Hand hält), wird komplett unterschlagen, obwohl längst bekannt ist, was die Herrschaften denn so mit dem Schiedsrichter veranstaltet haben.

Die Krönung ist der Anwalt der Hertha. Den hat man telefonisch kontaktiert, während man in der Kabine saß (!) und auf die Fortsetzung des Spiels wartete. Beziehungsweise eben nicht, denn eigentlich wollten sie die Fortsetzung boykottieren und holten sich dazu erst einmal juristischen Rat. Anwalt Schickhardt sitzt in einem Hamburger Hotel, und wenn der Mann nur 5 Cent seines Stundenlohns wert ist, wird er ihnen erklärt haben, dass der Schiri dann abbrechen müsse. Und sie dann die Schuldigen seien, weil sie nicht weiter gespielt hätten, obwohl der Schiedsrichter und der Einsatzleiter der Polizei gesagt haben, es könne weiter gespielt werden. Und nur deshalb kommen sie nochmal rauf und spielen es zu Ende.

Dies klingt am nächsten Morgen im ARD/ZDF-Morgenmagazin aus dem Munde des Anwalts dann aber ganz anders. Herr Schickhardt führt mal eben Weltkriegsvokabular ein, wahrscheinlich weil man so etwas in Berlin im Laufe der Geschichte gewohnt ist und am besten versteht. Nur auf Bitten der Polizei sei das Team von Hertha BSC nach der Unterbrechung auf das Spielfeld zurückgekehrt. „Der Schiedsrichter hat die Mannschaft nicht wegen des Fußballs auf den Platz zurückgeführt, sondern nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation – man hat von einem Blutbad gesprochen – zu verhindern.“ Hertha habe seinen Beitrag dazu geleistet. „Gestern ging es nur darum, Schlimmeres für den deutschen Fußball zu verhindern.“ „Leichenblass“ hätten die Spieler in der Kabine gesessen, „Todesangst“ hätten sie während der Nachspielzeit ausgestanden, dass auf dem Feld noch etwas passieren könne.

Damit kann man doch etwas anfangen. Herr Schickhardt arbeitet gut vor, getreu seinem eigenen Motto, das in den Medien niemand irgendwie merkwürdig findet: “Viele meiner Prozesse werden im Grunde in den Medien entschieden. Der Erstschlag muss sitzen, und der muss auch medienmäßig professionell begleitet werden.” Der Erstschlag mit Todesangst und Blutbad hat nun wirklich gesessen. Im Morgenmagazin kommt selbstverständlich niemand auf die Idee, den Rechtsverdreher mal zu fragen, wieso er die leichenblassen Spieler in der Kabine gesehen habe, und woran er die Todesangst festmache. Denn der Mann war bekanntermaßen während des Spiels in Hamburg und saß vor dem Fernseher. Somit kann er eigentlich nur – wenn überhaupt – vom Hörensagen argumentieren. Da er dies nicht kund tut, sondern so spricht, als ob es sich um Fakten handele und er selbst dabei gewesen sei, dürfen zumindest Zweifel und Nachfragen an seiner Darstellung erlaubt sein. Im Morgenmagazin natürlich nicht, es hat ja auch niemand davon gesprochen, dass die objektiv sein sollen. Man ist begeistert. Die Worte „Todesangst“ und „Blutbad“ machen geschwind die Runde. Es gibt einige Kommentatoren, die dagegen anschreiben, die die Fakten sprechen lassen und bei denen auch schon durchsickert, dass die Hertha-Spieler noch ein bisschen mehr als Todesangst gehabt zu haben scheinen. Aber die Hauptstadtmedien stehen treu an der Seite der Hertha.

Ich habe immer gesagt, dass ich Relegation scheiße finde (auch wenn Fortuna mal 16. werden sollte!). Es kann nicht angehen, dass eine Mannschaft eine komplett verkorkste Saison in albernen zwei Spielen wieder wett machen kann, habe ich schon oft geschrieben. Aber jetzt wird es doch rekordverdächtig: Die Hertha reduziert es noch weiter und versucht mit Hilfe der wohl gesonnenen Medien, eine verkorkste Saison und zwei verkorkste Relegationsspiele in 90 Sekunden wieder wett zu machen. Egal, wie eklig es dabei zugeht.

Denn natürlich reicht die Hertha am folgenden Tag beim DFB einen Einspruch gegen die Spielwertung ein und verlangt ein Wiederholungsspiel. Mit der Begründung, das Spiel sei irregulär zu Ende geführt worden. Die Spieler hätten nur unter großer Angst die Nachspielzeit absolvieren können, weil man sich ja habe vorstellen können, was passiere, wenn sie noch ein drittes Tor schießen würden. Da habe man gar nicht mehr an Fußball denken können.

In der Zwischenzeit gibt es aber ein bisschen Gegenwind. Zum Beispiel durch einen gewissen Jürgen Klopp, der sich gegen ein Wiederholungsspiel ausspricht, weil man den Düsseldorfer Platzsturm nicht mit ähnlichen, aber nicht gewaltlosen Geschehnissen in Frankfurt im letzten oder in Berlin (!) im vorletzten Jahr vergleich will. Auch die Polizei will das Gesabbel des Anwalts nicht auf sich sitzen lassen. Und so meldet sich ein Polizeisprecher und sagt mal, was Sache ist: Die Polizei habe beim „Tumultspiel von Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC Grünes Licht für die Fortsetzung der Partie gegeben.“ Schiedsrichter Wolfgang Stark habe für seine Entscheidung, das für 20 Minuten unterbrochene Bundesliga-Relegationsspiel wieder anzupfeifen, die Einschätzung der Polizei eingeholt. Der Polizeipräsident – im Gegensatz zu gewissen Anwälten übrigens an jenem Abend im Stadion – stößt ins selbe Horn. Sein Einsatzleiter habe dem Schiedsrichter versichert, er könne die Partie wieder anpfeifen. Der Schiedsrichter selbst habe auch keine Bedenken mehr gehabt. Nur die Berliner, die wollten einfach nicht wieder rauskommen, waren wahrscheinlich noch zu leichenblass.

Nein, niemand will irgendetwas verharmlosen. Aber über einen Spielabbruch oder eine Fortsetzung entscheidet nunmal laut den Regeln der Schiedsrichter, und nur er allein. Hier hat der Schiri auch besonders umsichtig agiert und noch die Stellungnahme der Polizei eingeholt, die ihm auch gesagt hat, es könne weitergespielt werden. Wenn das einer Mannschaft nicht passt, oder der Verein meint, seine Angestellten schützen zu müssen, dann müssen sie halt in der Kabine bleiben. Tun sie aber nicht, weil sie wissen, dass dies der K.O. wäre. Also kommen sie raus und spielen unter „Todesangst“ die Partie zu Ende – und lassen sich anschließend von ihrem Anwalt zu Helden hochstilisieren, sie hätten geholfen, ein Blutbad zu verhindern.

Aber halt, zwischen Todesangst und Heldentum, da war doch noch etwas? Ja richtig, Schläge für den Schiedsrichter, Beleidigung, versuchter Kabinensturm, Sachbeschädigung. In welch merkwürdigen Handlungen sich doch die Todesangst manifestieren kann. Am merkwürdigsten in diesem Zusammenhang ist aber noch nicht mal der Faustschlag von Kobiaschwili – nein, sondern die übereinstimmende Wut der Herren Lell, Kraft und Mijatovic, dass Stark zu früh abgepfiffen und sie aus ihrer Todesangst befreit habe. Wer bitte soll das denn jetzt noch glauben? Diese Bande von Rüpeln hat sich selbst ad absurdum geführt. Und der Manager, der all dies bereits weiß und sich beim Schiedsrichter dafür entschuldigt hat – der reicht am nächsten Tag trotzdem noch einen Protest ein, der auf irregulären Bedingungen und der Angst der Spieler fußt. Zuvor hat der Anwalt, der dies alles auch wissen dürfte – ansonsten wäre er ja noch nicht mal die oben erwähnten 5 Cent wert –, mit diesem Wissen erst noch Weltkriegsvokabular eingeführt und die Hertha-Spieler als Helden hingestellt. Hallo?

Und hier geht es bei mir nicht weiter. Man kann sagen, Manager und Anwalt werden schließlich dafür bezahlt, auch den letzten Strohhalm zu ergreifen, den Verein vor dem Abstieg zu bewahren. Und man kann mich auch gerne einen Träumer schimpfen. Beides zusammen ergibt, dass ich mir so etwas von meinem Verein niemals wünsche. Kämpfen, ja. Aber mit dem eigenen Wissen dermaßen den Sachverhalt verdrehen und einen anderen Verein diskreditieren – nein, da steige ich lieber ehrlich ab. Okay, ich habe den Vorteil, dass ich das schon des Öfteren in den letzten 20 Jahren üben konnte.

Einspruch

Am Freitag, den 18.05.2012, wird der Einspruch der Hertha beim DFB in Frankfurt verhandelt. Im ZDF-Morgenmagazin wetten die beiden Moderatoren sieben Stunden vor Beginn des Verfahrens, dass es mit einem Wiederholungsspiel enden wird. Einer der beiden, Sportmoderator Thomas Skulski, bislang auch sonst nicht durch irgendeine Fachkompetenz aufgefallen, eher schon für eine gewisse Betroffenheits-Grabesstimme und Bernhardiner-Blick, wann immer die Rede auf Hertha kommt, gibt anschließend nochmal schön die Richtung vor. Im Sportblock der Sendung werden das Wichtigste zum Termin zusammengefasst und die verschiedenen Möglichkeiten des Verfahrensausgangs dargelegt. Hierbei blendet Skulski in Schriftform zwei Zitate von zwei Sportrechtlern ein, die eine von einem Herrn Fröhlich, der der Ansicht ist, das Spiel sei regulär zu Ende gegangen, die andere von einem Herrn Lehner, der das Gegenteil behauptet. Und auf diese Frage werde man in circa einer Stunde nochmals etwas ausführlicher eingehen, lockt Skulski den verschlafenen Zuschauer am Bildschirm. Denn dann werde man ein persönliches Gespräch abhalten mit „einem der renommiertesten Sportrechtler“ – and the winner is??? Natürlich der Herr Lehner, Teufel, Teufel, welch ein Zufall. Der Andere hatte wohl grad keine Zeit bzw. die falsche Meinung. So macht man das, und keiner merkt`s.

Zur Verhandlung haben Manager und Anwalt der Hertha gleich mal die halbe Truppe mitgebracht. Natürlich nicht den Schläger und den Rotzer, das könnte einen ungünstigen Eindruck machen, man weiß ja nicht, was Stark genau aussagen wird. Man erfährt es sofort. Der haut die Hertha mal so richtig in die Pfanne, schilderte die Übergriffe so genannter Profis auf ihn. Für Hertha sind dies anscheinend olle Kamellen, denn niemand aus dem ganzen Tross entschuldigt sich öffentlich bei Stark. Hat er sich wahrscheinlich selbst zuzuschreiben. Er erklärt eindeutig, dass das Spiel unter regulären Umständen zu Ende geführt worden sei. Außerdem sagt er klipp und klar, dass er von niemandem, auch nicht von der Polizei, unter Druck gesetzt worden sei, das Spiel fortzusetzen. Von wegen „Blutbad“. Wieder ein Argument des Anwalts in Luft aufgelöst. Auch interessant: aus allen Schilderungen geht klar hervor, dass der Platzsturm 70 Sekunden vor dem regulären Abpfiff erfolgte, Stark aber 90 Sekunden hat nachspielen lassen. Somit steht auch der Ausraster der Hertha-Spieler mit der Begründung, Stark habe zu kurz nachspielen lassen, völlig ohne Motiv da. Stark führt weiter aus, dass sich für ihn die Frage nach einer „Todesangst“ bei den Hertha-Spielern nicht stelle, nachdem er Sekunden nach dem Abpfiff derart von der halben Mannschaft angegangen worden sei. Auch sei ihm zuvor kein Hertha-Spieler verängstigt erschienen, und es habe auch niemand etwas Derartiges zu ihm gesagt. Das ist wohl jetzt auch jedem Laien verständlich.

Das mit der nicht erkennbaren Todesangst lässt der Anwalt der Hertha natürlich nicht auf sich sitzen, diese schöne Vokabel hat er ja nicht umsonst in den Ring geworfen. Und so wirft er Stark allen Ernstes vor, der habe ja auch niemanden danach befragt, sondern sich nur um sich selbst gekümmert. Könnte also sein, dass zukünftig der Schiri voraussehen muss, welche Situation welchen Spieler belasten könne und er ihn nach seinem Befinden zu fragen hat. Die Aussagen der Hertha-Spieler sind Herz zerreißend und klingen außerdem alle ziemlich gleich. Ob dies ein äußerst seltener Gleichklang der Gefühle ist, der auf eine besondere Harmonie innerhalb des Mannschaftsgefüges zurückzuführen ist, oder ob man sich eventuell vorher abgesprochen hat, darf jeder für sich selbst überlegen, ich unterstelle selbstverständlich nichts. Sehr schön besonders Torwart Michael Kraft, der erklärt, er habe sich während dieser letzten Sekunden gar nicht mehr auf Fußball konzentrieren können und habe nur gedacht, was mit ihm in diesem Stadion noch geschehen könne. Keine zwei Minuten nach dem Abpfiff hat er seine Fassung wieder gefunden und will die Kabine des Schiris stürmen, weil dieser zu kurz habe nachspielen lassen! Auch keine Unterstellung von mir, nur Fakten. Und plötzlich haben sie sich alle Gedanken über die unschuldigen Kinder auf der Tribüne gemacht, besonders wohl die beiden Brasilianer Ronny und Raffael, denen die Tränen in den Augen standen. Und sowohl Kraft als auch Abwehrspieler Janker wussten genau, dass dies nicht Abstiegstränen waren, sondern Tränen wegen des ungewissen Schicksals der Kinder auf der Tribüne. Die beiden südamerikanischen Herren sind zur Aussage nicht erschienen, weil sie eh keiner verstehen würde, sie sprechen nämlich nur Portugiesisch. Janker und Kraft auf Nachfrage zwar nicht, aber sie wissen es trotzdem ganz genau. Soso. Sehr schön auch die Aussage von Andre Mijatovic: „Ich konnte nicht mehr an Fußball denken und habe überlegt, was passiert, wenn das 3:2 fällt.“ An welche Sportart hat er denn da gedacht, wenn`s nicht Fußball war?

Im Zusammenhang mit den unschuldigen Kindern gibt es übrigens noch einen Sidekick, der nicht Gegenstand der Beweisaufnahme ist. Der Schweizer Dino Lamberti ist der Spielerberater der südamerikanischen Spieler bei der Hertha. Und eine Schweizer Zeitung veröffentlicht nun in wörtlicher Rede seine Abenteuer, die er auf der Tribüne erlebt haben will. Unter anderem sollen die „Hooligans“ (auf der Haupttribüne!) einfach über die Sitze nach vorne gesprungen sein, sodass er sich schützend über die beiden kleinen Kinder von Raffael habe werfen müssen. Ist technisch eigentlich schon unmöglich, in einem Satz über die Sitze zu springen, dafür stehen die viel zu eng beieinander. Aber bitte. Im Blutrausch ließen die sich von nichts aufhalten, sie – Achtung! – überwanden auch einen sechs Meter tiefen Graben, der sich zwischen Tribüne und Spielfeld befunden habe! Hierzu teile ich Herrn Lamberti gerne mit, dass wir noch nicht einmal einen sechs Zentimeter tiefen Graben zwischen Tribüne und Spielfeld besitzen. Bevor ich allerdings über diese Aussage lachen konnte, wurde ich doch etwas nachdenklich – schließlich war ich erst vor kurzem in einem Stadion, welches teilweise einen solchen Graben zwischen Tribüne und Spielfeld aufweist. Und zwar beim Hinspiel in Berlin, der Heimstatt seiner südamerikanischen Schützlinge, und von ihm dann sicherlich auch öfter frequentiert als die Arena in Düsseldorf. Doch, ich glaube, ich würde den Herrn Spielervermittler gerne mal unter Eid in einem Gerichtssaal sehen…

Die Plädoyers der Anwälte können wir uns schenken, die Argumente sind bekannt. Der DFB-Chefankläger Dr. Anton Nachrainer seinerseits fordert, dass der Antrag abgelehnt wird: „Der Schiedsrichter hat vom Ermessensspielraum gebrauch gemacht und das Spiel, nachdem seine Bedingungen erfüllt waren, ordnungsgemäß beendet. Von der Schwächung habe ich nichts entnommen. Es handelt sich um Frust über den Ausgang des Spiels. Hinzu kommt, dass Hertha BSC weiterspielen wollte. Sie haben sich ja massiv beim Schiedsrichter beschwert, dass das Spiel noch nicht zu Ende ist. Stellt sich die Frage, ob ein Verein, deren eigenen Zuschauer zuvor an Verfehlungen beteiligt sind, Einspruch erheben darf. “

Richtig: eine Mannschaft bekommt durch das Fehlverhalten der eigenen Fans ein paar Minuten Nachspielzeit geschenkt. Die Mannschaft spielt weiter, obwohl sie von den eigenen Leuten mit bengalischen Fackeln beworfen wird, keine Spur von Angst. Dann kommt das Fehlverhalten der anderen Fans in der Nachspielzeit, bei dem allerdings keine Gewalt ausgeübt wird. Plötzlich Todesangst bei der Mannschaft. Mühsam spielt man die 90 Sekunden zu Ende, denkt dabei nicht mehr an Fußball, sondern nur daran, was ihnen noch passieren könne, und an anderer Leute Kinder. Und kaum ist das Spiel zu Ende, laufen sie zu Hochform auf und rasten richtig aus. Um auf deren Begründung aufzubauen: Eigentlich musste man ja als Fortuna-Profi Todesangst gehabt haben, dass die Herthaner in den 90 Sekunden Spielzeit noch alles zusammengetreten hätten, so wie die zwei Minuten später drauf waren. Die halbe Hertha-Mannschaft aggressiver als sämtliche Platzstürmer zusammen, und das in „Todesangst“. Ist auch eine Leistung. Für die sie gern ein Wiederholungsspiel hätten.

Natürlich sollen Fußballspiele nicht so enden, natürlich erwarten auch Fortuna saftige Strafen, das bestreitet ja auch niemand. Und die präejakulativen Platzstürmer haben auch kein Mitleid und kein Verständnis verdient, sie haben den Verein massiv geschädigt. Aber es war keine Gewalt im Spiel, und der Schiedsrichter hat die Partie ordnungsgemäß zu Ende gebracht. Es gab kein Blutbad zu verhindern, und Todesangst sieht irgendwie ganz anders aus. Hier ist ein Spiel aus dem Ruder gelaufen, aber rechtzeitig wieder eingefangen worden. Und anschließend von den Hauptstadtmedien, einem Anwalt und einem Manager zum 3. Weltkrieg aufgeblasen worden, damit Berlin noch eine Chance mehr bekommt, seinen Erstligisten zu behalten. Haben wir wirklich solche Probleme im Fußball?

76 Verletzte, über 100 Festnahmen. Gab`s das mal in Deutschland? Erinnert sich jemand? Man muss Prioritäten setzen, nicht wahr?

Entscheidung die Erste

Aufgrund des fortgeschrittenen Abends musste die Entscheidung auf Montag, den 21.05.2012, vertagt werden. Ausgang völlig offen. Wieder ein schönes Wochenende für Fortuna-Fans, eine nahtlose Fortsetzung der Zitterpartien in den letzten Wochen. Hört das denn nie auf?
Vorher gab es natürlich noch etwas von Hertha-Seite. Nämlich die von Schiri Stark in der Verhandlung beklagte offizielle Entschuldigung. Am Samstag, 19.05.2012, war es dann soweit. „Einzelheiten und Verantwortlichkeiten sind sicher noch aufzuklären, es bleibt jedoch schon jetzt beim Eindruck eines nicht ordnungsgemäßen und sportlich einwandfreien Verhaltens. Trotz der enormen Anspannung und Belastung für unsere Spieler kann Hertha BSC solche Verfehlungen nicht akzeptieren“, teilte der Klub auf seiner Website mit.
Derlei Unsportlichkeiten seien „nicht mit den Grundsätzen und Werten“ von Hertha BSC in Einklang zu bringen und würden von Vereinsseite verurteilt. „Wir entschuldigen uns deshalb offiziell und ausdrücklich für alle Verfehlungen unserer Spieler bei allen Beteiligten, insbesondere auch bei den Schiedsrichtern.“

Brav, brav. Nicht ordnungsgemäßes und sportlich einwandfreies Verhalten der Spieler, so kann man es auch nennen. Das Verhalten des Vereins gleich mit. Denn es darf höflichst daran erinnert werden – schon am Dienstag Abend im Stadion wussten der Manager und der Präsident, was ihre fröhlichen Jungs so angerichtet hatten. Bereits am Mittwoch leitete der DFB Ermittlungen gegen die benannten Spieler ein und forderte Hertha BSC zur Stellungnahme auf. Man ließ kein Wort nach außen dringen und wollte offenkundig erst auf Starks öffentliche Aussage warten. Und nachdem der dann auch für die Öffentlichkeit alles brühwarm wiederholt hatte, was er so in den Spielbericht gepinselt hatte, und als selbst die Springerpresse mit ihren Schlagzeilen nicht mehr darum herum kam – dann erst, vier Tage nach den skandalösen Vorfällen, ergriff der Klub die Flucht nach vorn und entschuldigte sich. Also das qualifiziert sie jetzt auch nicht unbedingt für den Fair Play-Preis. Aber den wollen sie ja auch gar nicht, sondern nur ein Wiederholungsspiel.

Außerdem enthielt das Entschuldigungsschreiben gleich den nächsten Hammer: „Anlässlich dieser Verhandlung sind allerdings erstmals auch Umstände zur Sprache gekommen, die sich nach Spielschluss im Kabinentrakt des Stadions ereignet haben sollen. Auch Hertha BSC wurde gestern (= Freitag, 18.05.2012, Anmerkung des Verfassers) erstmals mit diesen Umständen konfrontiert.“ Ich verweise auf die obigen Ausführungen zu Manager Preetz und Präsident Gegenbauer und die Einleitung der DFB-Ermittlungen. Die lügen weiter wie gedruckt, und keinem fällt es auf.

Ein anderer spielte vor der Urteilsverkündung noch ein ganz übles Spiel: Thomas Herrmann, seines Zeichens Fußballmoderations-Dilettant beim Montagsspielsender sport1. Der geeignete Ort für puren Populismus auf diesem Sender ist natürlich der sonntägliche „Doppelpass“. Und nachdem die illustre Runde eine Stunde lang den FC Bayern beweint hatte, der tags zuvor doch nur mit soooo viel Pech sein Heimspiel gegen Chelsea London verloren hatte – blöd nur, dass es gleichzeitig das Champions League-Finale war –, konnte man sich ja mal der Relegation zuwenden. Natürlich nur Experten in der Runde, unter anderem Ede Stoiber und Guido Cantz, mein Gott. Da kam sich der Herrmann wohl wie ein Vollprofi vor und wollte mal ein Zeichen setzen. Er war natürlich, ganz klar, für ein Wiederholungsspiel. Das ist eigentlich überhaupt nicht klar, denn auch den Herrmann kann man auf youtube bei einem vorzeitigen Platzsturm bewundern, ausgerechnet beim Spiel Bayern München gegen Borussia Dortmund im Jahr 1990, man glaubt es nicht! In der damaligen 25-minütigen Unterbrechung zwei Minuten vor Spielende (in der übrigens nur der Rasen des Olympiastadions, aber nicht der Innenraum geräumt wurde) steht Herrmann als jugendlich-forscher ZDF-Reporter an der Seitenlinie und interviewt einen damaligen DFB-Granden, Herrn Straub. Herrmann besitzt sogar noch die Stirn, den Straub zu fragen, warum denn jetzt diese zwei Minuten noch gespielt werden müssten und ob der Schiedsrichter nicht einfach abpfeifen solle! 20 Jahre und einen Privatsender weiter hat auch er den Poschmann gemacht, will natürlich ein Wiederholungsspiel und wird wahrscheinlich fluchend abstreiten, jemals im Münchner Olympiastadion gewesen zu sein.

Was der jetzt allerdings im „Doppelpass“ abzieht, ist schon eine Hausnummer, wie ich sie noch nie gesehen habe, und die mir auch Angst macht. Mit Hundeblick und Grabesstimme möchte er dem Publikum nur mal kurz den Herrn Kobiaschwili „vorstellen“, ein „so netter Kerl“, immer fair, immer lieb. Wie der vorher provoziert worden sein muss, um gegenüber dem Schiedsrichter so auszurasten, also…sprachlos schüttelt Herrmann sein Haupt in echtem Mitleid. Und ich in fassungslosem Staunen: ein nahezu einmaliger Vorgang in der Bundesliga, dass ein Spieler einen Schiedsrichter schlägt – und ein Sportmoderator will öffentlich vor der Verhandlung schon mildernde Umstände für den Spieler rausholen! Ich gestehe ernsthaft, der macht mir Angst. Er will einen Schläger teilweise schützen, will Verständnis wecken – ob es ihm nun passt oder nicht, damit will er die Attacke auf einen Schiedsrichter verharmlosen. Zur besten Sonntagmittag-Schweinebraten-Zeit. Klar, dass bei diesem Sender kein Widerspruch kommt. Trotzdem erschreckend. Falls irgendjemand demnächst dem Herrmann mal aus Versehen was aufs Maul haut, sagt mir bitte vorher Bescheid, ich werde demjenigen einen astreinen Leumund ausstellen. Muss der doch provoziert worden sein, bis er gar nicht mehr anders konnte…Wie gesagt: dieser unwidersprochene Mensch macht mir gehörig Angst. Demnächst findet er vielleicht noch raus, dass der georgische Sonnenschein nach dem Spiel lattenstramm war, was natürlich Schuldunfähigkeit nach sich zieht, nachdem er vor lauter Todesangst zuvor in der Kabine drei Flachmänner auf einmal gekippt hat.

Bei soviel medialem Dreck ist das Urteil des Sportgerichts am 21.05.2012 natürlich nur eine Randnotiz: Einspruch abgelehnt. Und die Tinte unter dem Urteil ist noch nicht ganz trocken, da hat Hertha schon Berufung beim DFB-Bundesgericht eingelegt. Im Hertha-Forum diskutierten sie derweil, ob man jetzt nicht Schiri Stark für befangen erklären sollte, weil er nach seiner Anzeige gegen Kobiaschwili nicht mehr als objektiv gelten würde. Die machen damit auch keine Witze, die meinen sowas Ernst.

Rechtsanwalt Schickhardt meint auch circa 30 Sekunden nach dem Urteilsspruch, er habe noch „einige Asse im Ärmel“. Die Selbstbeschreibung stimmt – Falschspieler. Nachdem es ihm nicht gelungen ist, den Schiedsrichter und dessen Bewertung der Situation platt zu machen, wird er sich nun wieder der Todesangst widmen. Er wird reichlich Bilder und Videos aus der Tasche ziehen, auf denen zu sehen sein wird, wie Hertha-Spieler von euphorisierten Platzsturmidioten psychisch unter Druck gesetzt werden, sodass sie nur völlig traumatisiert weiter spielen konnten. Damit rührt er nach der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters direkt am nächsten Tabu: wenn er damit durchkommt, werden nämlich pro Jahr circa 500 Spiele (grob geschätzt) der Kreis- und Bezirksligen wiederholt. Auf den Ascheplätzen der Republik, wo auch in entscheidenden Spielen der gegnerische Zuschauer maximal einen Meter neben dem Spielfeld steht. Sogar über die kompletten 90 Minuten plus Aufwärm- und Abgangszeit, auch wenn das dem Herrn Schickhardt geradezu unglaublich vorkommen wird, auf seinem Golfplatz käme das natürlich niemals vor. Im Amateurfußball wird auf Nahdistanz gepöbelt, beleidigt und auch mal der Krückstock geschwungen – mir ist nicht bekannt, dass jemals eine komplette Mannschaft geltend gemacht hätte, dadurch so traumatisiert worden zu sein, dass sie nicht spielen konnte. 90 Minuten wohlgemerkt, nicht 90 Sekunden. Da können sich die regionalen Fußballverbände schon mal auf Einsprüche gegen die Spielwertung freuen, von Teams, bei denen die Spieler selbst grad nicht wissen, ob sie mit ihrer 3. oder 4. Mannschaft gespielt haben. Denn auch diese Spiele unterliegen denselben Regeln und Normen wie ein Relegationsspiel.

Dass DFB-Bundesgericht verhandelt am Freitag, 25.05.2012, ab 12.30 Uhr. Und Schickhardts Medienmaschine rollt schon wieder an. Am Tag nach dem Urteil melden sich schon mal vorab zwei „renommierte Sportrechtler“. Ein Herr Räker aus Hamburg zeigt schon mal Verfahrensfehler auf, weil es der Hertha aus formellen Gründen nicht gestattet wurde, die Videos und Bilder im Laufe der ersten Verhandlung zu zeigen. Dass das ein Fehler sein soll, ist natürlich Unfug, ebenso seine Behauptung, vor einem ordentlichen Gericht würde das Urteil deshalb sofort kassiert werden. Und weil er weiß, dass das Unfug ist, kleidet er den letzten Satz seiner Stellungnahme natürlich schön in einen Konjunktiv und spricht von „könnte“. Aber Hauptsache, gut gebrüllt, Löwe. Der schon sattsam bekannte Herr Lehner mischt sich auch mal wieder ein und spricht davon, dass es natürlich ein Nachteil für eine Mannschaft ist, wenn sie vom Platz gejagt wird. Da könnte er Recht haben, leider wurden die Berliner in keiner Weise vom Platz gejagt, was der Herr Lehner auch weiß. Christian Lell zum Beispiel hatte ja noch Zeit genug, Lukimya zu beleidigen und anzuspucken, weil er genau jene Ausschreitungen provozieren wollte, die man jetzt fieberhaft sucht. Aber der Herr Lehner war ja schon in der Woche zuvor sowas von pro Wiederholungsspiel, der muss jetzt natürlich schnell was finden, damit sich die Wortmeldung auch lohnt. Dürfte ein persönlicher Freund von Herrn Schickhardt sein. Außerdem rechne ich damit, dass besonders beim Berliner Boulevard in den nächsten Tagen noch ein paar Bilder auftauchen, die entsprechend kommentiert werden, um den medialen Druck hoch zu halten. Es behauptet niemand, dass Herr Schickhardt sein Geschäft nicht versteht. Aber ekelhaft bleibt es trotzdem.

Und jetzt habe ich keine Lust mehr. Eigentlich sollte dies mein letzter Bericht für diese Seite sein, jetzt wird es halt der vorletzte. Den fröhlichen Abgang hat man mir eh schon versaut, erst die Vollidioten mit ihrem Platzsturm, aber anschließend einfach alles, was mit Hertha BSC zu tun hat. Die treten alles mit Füßen, was für mich mal Fußball ausgemacht hat. Es reicht. Hallo Erstligisten: wenn ihr unbedingt in der nächsten Saison gegen diese rotzenden, pöbelnden, schlagenden, lügenden, abgestiegenen Spieler mit der 90-Sekunden-Posttraumatischen-Belastungsstörung spielen wollt, gegen diesen abgestiegenen Verein aus der glorreichen Bundeshauptstadt, was sich anscheinend gegenseitig ausschließt, mit den bengalo-werfenden Fans für eine verlängerte Nachspielzeit, mit Totschläger-Anwalt und fetter Medien-Lobby – bitte, ihr könnt ihn haben. Ich habe kein Interesse mehr, nicht an denen, nicht an euch. Und unsere paar Hundert Platzsturmidioten könnt ihr direkt mit dazu haben. Die möchte ich möglichst auch nicht wieder sehen.

Und jetzt schalte ich einfach alles aus, was mit dem Thema zu tun hat und widme mich etwas Sinnvollem. In ein paar Tagen oder Wochen guck ich mal, was dabei rumgekommen ist, und dann geb ich hier nochmal meinen Ausstand. Mit oder ohne Wiederholungsspiel. Im Fußballherzen getroffen, oder wie die Sülze ansonsten heißt. Amen.

Angewidert: janus

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