3.-6. Spieltag

So, nun haben wir uns ein wenig eingespielt in die neue Saison. Sechs Spieltage sind rum, und Fortuna hat immer noch nicht verloren. Auswärts gewonnen allerdings auch noch nicht. Aber es geht aufwärts, mittlerweile müssen die Heimvereine schon Schiris abstellen, um wenigstens einen Punkt zu behalten. Okay, das ist natürlich übertrieben, aber diesmal hatten wir wirklich Pech, und das gleich bei beiden Auswärtsspielen dieser Zusammenfassung. Zum Ausgleich gibt es aber glücklicherweise auch noch zwei Heimspiele. Und los geht`s.

Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!

Am Freitag, 05.08.2011, kam der FC Ingolstadt in die ESPRIT-Arena, vor der Saison wahlweise als erster Abstiegskandidat oder als Geheimfavorit eingestuft, es ist schon manchmal erstaunlich, wie uneinig sich so genannte „Experten“ sein können. Der FCI kam also, und alle, alle kamen mit: hier mal die Angabe des Fan-Beauftragten der Fortuna, der einen genauen Überblick gewinnen konnte: „Im Block befanden sich: Zwei Rentner, die sich an der Kasse verlaufen hatten, ein Kölner plus zwei Fortuna Fans (in Begleitung mit dem aus der anderen Stadt, weil der nicht in die Fortuna-Kurve wollte), insgesamt vier szenekundige Beamte (Betriebsausflug anscheinend), 23 Ingolstädter Fans.“ Bei diesen handgezählten 23 Fans konnte man noch darüber spekulieren, ob sich in der Ingolstädter Fan-Szene ein tiefes Zerwürfnis anbahnt, ähnlich wie bei Preußen Münster. Die Gästefans machten das Auswärtsspiel nämlich demonstrativ zu einer Art fan-technischen 17 und 4, will heißen: 17 Fans standen auf einen Haufen in einer Ecke des Gästeblocks, vier weitere sehr auffällig weitab genau in der entgegen gesetzten Ecke, die anderen zwei sonstwo. Wer weiß, worum es da geht. Um die Berechtigung zur Zuteilung von Auswärtstickets ja offenkundig nicht. Der FCI verkaufte genau sensationelle null Tickets auf seiner Geschäftsstelle vor diesem Spiel. Naja, Düsseldorf zieht bei den Audi-Städtern wohl nicht so sehr. Meinen Respekt haben diese 23 Unentwegten, aber auf den Verein bezogen muss man doch mal sagen, dass dies mit Verlaub ein wenig lächerlich ist. Vielleicht hatte Audi ja auch Spätschicht und verhinderte damit die Anreise von 1.000 weiteren begeisterten Auswärtsfahrern. Oder es interessiert dort wirklich keine Sau, grob gesagt.

Fortuna besiegte den FC Ingolstadt mit 4:1 und erklomm an jenem Freitagabend die Tabellenspitze der 2. Bundesliga. Viel erstaunlicher als diese Tatsache war jedoch jene, dass die Tabellenführung auch noch bestand, nachdem der komplette Spieltag rum war. Zum ersten Mal seit dem 18. Juni 1989 grüßten wir als Spitzenreiter der 2. Liga. Damals gab’s die DDR noch, meine Herren, ist das lange her. Und Statistiker, die mit gefährlichem Halbwissen und unserem Bundesligaaufstieg 1995 argumentieren, sind raus: in der Saison 1994/95 waren wir zu keinem Zeitpunkt Tabellenführer, sondern hielten uns geschickt im Hintergrund verborgen, um ganz zum Schluss auf Tabellenplatz 3 vorzuhuschen.

Also, zum ersten Mal seit über 22 Jahren Tabellenführer in der 2. Liga, das ist doch hübsch. Macht Spaß, sich die Tabelle anzuschauen. Mehr aber auch nicht. Um zu wissen, dass nach drei Spieltagen noch 31 weitere folgen, dafür brauch ich den Trainer eigentlich nicht, aber die Medien anscheinend schon. Gut also, dass er es denen nach dem Spiel auch sofort erzählte. Ist besonders für Konsorten wie sport1 wichtig, die nach den ersten zwei (zwei) Spieltagen schon eine Umfrage starteten, ob Eintracht Braunschweig in die 1. Liga durchmarschieren könne. Manchmal kann man noch nicht einmal mehr lachen, besonders wenn man bedenkt, dass diese Strategen für solchen Unfug auch noch Geld bekommen.

In unserem Fall hätte sich der Trainer die Euphoriebremse auch sparen können, falls irgendjemand dieser „Fußball-Berichterstatter“ das Spiel gesehen hätte. Hatte aber wohl keiner; ich würde gerne direkt nach dem Spiel mal eine Umfrage unter der anwesenden Medienschar von ARD/ZDF, sport1/sky starten, wer von denen „zufällig“ weiß, was es im VIP-Raum zu essen gab. Würde so manche Spieleinschätzung erklären. Denn wer das Spiel gesehen hatte, der musste ganz klar feststellen: bis kurz vor Ende der 1. Halbzeit war Ingolstadt das bessere zweier harmloser Teams, die sich größtenteils gegenseitig neutralisierten. Von „Spitzenleistung“ seitens der Fortuna keine Spur. Ingolstadt ließ den Ball schön laufen, störte früh und kam auch wiederholt mit flüssigen Kombinationen in Strafraumnähe. Dort war dann allerdings Feierabend, mehr als ein Kopfball von Bambara neben das Tor sprang nicht dabei heraus. Wir hatten allerdings auch nicht viel mehr zu bieten, vielleicht noch einen Schuss von Kapitän Lambertz übers Gehäuse. Ingolstadt stand recht kompakt und ließ wenig zu. Ein zähes Ringen.

In der 42. Minute dann allerdings ein Geniestreich unseres Youngsters Maximilian Beister: der wechselte einfach frech die Seite und tauchte, nachdem ihm auf rechts bis dato so gut wie nix gelungen war, plötzlich links am Strafraum auf. Dort legte er den Ball an zwei Gegenspielern vorbei und wollte dann wie üblich mit dem Kopf durch die Wand. Da der eine Gegenspieler gar nicht erst hinterher lief und der zweite zu zögerlich agierte, gelang es Beister sogar, sich durchzusetzen, Flanke von der Torauslinie in die Mitte, Sascha Rösler wurde am Fünfmeterraum quasi angeschossen, auf jeden Fall wirkte er reichlich überrascht, konnte die Kugel aber mit der Stirn noch drücken – 1:0 für Fortuna, ein bisschen aus dem Nichts. So schnell kann das also gehen, wenn einer endlich eine gute Idee hat.

Zwei Minuten später hingegen ging es wohl zu schnell. Nach einer Ecke für Ingolstadt hatte Fortuna den Ball geklärt, schließlich spielte van den Bergh ein 30-Meter-Pässchen an die Mittellinie auf Bröker. Und als dessen Gegenspieler plötzlich wegrutschte, war der Weg für unseren Sturmtank mit dem breiten Gesäß frei. Ball und Bröker stürmten allein auf Ingolstadts Keeper Kirschstein zu, hinterher hechelte noch Abwehrspieler Matip. Und als Bröker dann am Strafraum anlangte, da war das Ganze für ihn wohl zu schnell gegangen, auf jeden Fall verstolperte er den Ball irgendwie, bekam seine Füße wieder einmal nicht sortiert und zögerte dann so lange, bis Matip den Ball völlig regelkonform abgrätschen konnte. Und das allein vor dem Torwart! Eine so genannte Tausendprozentige, freiwillig selbst verstolpert, bevor ein Gegenspieler eingreifen konnte. Das konnte kaum jemand glauben. Bei solch einem Ding muss doch mindestens ein Torschuss folgen, wenn der Keeper den dann hält, ist es eben so, aber ich muss doch zumindest den Versuch eines Abschlusses hinbekommen. Unfassbar. Und bei einem weniger geduldigen Trainer als Meier hätte Bröker Sekunden später – als nämlich der Pausenpfiff ertönte – wahrscheinlich duschen gehen können, zumal ihm in ersten Durchgang auch ansonsten nicht überragend viel gelungen war. Aber unser Trainer ist ja bekannt dafür, dass er sich mit seinen Wechseln gerne mal Zeit lässt. Glück für Bröker, Glück für uns Meckerköppe.

Die zweite Hälfte war dann auch wesentlich munterer, sie brachte nämlich gleich einen Dreierpack. Drei Tore binnen fünf Minuten ließen Erinnerungen an den 10. Mai 2009 aufkommen (das 5:5 in Braunschweig, unter anderem mit vier Treffern binnen fünf Minuten). 50. Minute: langer Abschlag Ratajczak, Fink kommt mit dem Kopf dran, in den Lauf von Bröker, der zieht aus zwölf Metern ab, 2:0. Bröker hatte fünf Minuten gebraucht, um uns Meckerköppen zu zeigen, dass eine Auswechslung nicht das richtige Mittel gewesen wäre, ihn daran zu erinnern wie man Großchancen reinmacht. Allerdings unter gütiger Mithilfe von FCI-Keeper Kirschstein, der anstatt der Fäuste bei der Abwehr des hohen Balles lieber die flachen Hände nehmen wollte. Schon beim ersten Treffer der Fortuna hatte er nicht zwingend souverän ausgesehen, diesmal war es ähnlich: Die Kugel wischte zwischen den Armen hindurch und kullerte ins Netz. Das wäre wohl auch der Moment gewesen, in dem sich Kirschstein am besten hätte auswechseln lassen sollen. Es gibt halt gebrauchte Tage, da solltest du lieber deinen 5-jährigen Sohn ins Tor stellen, macht keinen Unterschied. Leider hat Kirschstein meines Wissens keinen 5-jährigen Sohn, deshalb musste er im Tor bleiben. Dumm gelaufen, wie noch zu zeigen sein wird.

Drei Minuten später Ecke für Ingolstadt von links, die Torwart Ratajczak genau auf Eckentreter Stefan Leitl zurück faustete. Könnte zur Not noch als „präzises Passspiel“ bezeichnet werden, mehr aber auch nicht. Leitl freute sich über die geschenkte zweite Chance, brachte die Kugel aus der Luft sofort nochmals in die Mitte und dort nickte Torjäger Moritz Hartmann per Aufsetzer zum 1:2-Anschlusstreffer ein. Kollektivschlaf der gesamten Abwehr bis hin zum Keeper, der nicht nur diese Vorlage zum Vorlagengeber zu verantworten hatte, sondern auch beim Kopfball erst äußerst spät reagierte, wahrscheinlich war er verblüfft, dass Abwehrhüne Lukimya (gewonnene Zweikampfquote bis dahin: 100 %) mal nicht als erster an den Ball gekommen war. Ingolstadt wieder dran.

Aber dann: Anstoß Fortuna Rückpass auf Lambertz, der schaut einmal und spielt dann den Ball über 40 Meter in den Lauf von Fink, dessen Gegenspieler sich wohl leicht verschätzt hat. Fink wiederum sieht, dass Kirschstein irgendwo in Höhe des Elfmeterpunkts herumgondelt, kleiner Heber über den Keeper ins leere Tor, erledigt – 3:1, 54. Minute. Alter Abstand wieder hergestellt, 45 Sekunden nach dem Gegentreffer. Das ging so schnell, dass sich bei Gästetrainer Benno Möhlmann noch nicht einmal die Mimik änderte. Bevor er zu dem Entschluss kommen konnte, aufgrund des Anschlusstreffers vielleicht doch einmal während des Spiels zu lächeln, war der Ball auf der anderen Seite schon wieder drin.

Das alles ging übrigens dermaßen schnell, dass mir persönlich Leute bekannt sind, die alle drei Treffer verpassten, weil sie noch am Getränkestand in der Schlange standen. Tscha, wohl die falschen Prioritäten gesetzt, irgendwie hält sich mein Mitleid in Grenzen.

Anschließend war die Ingolstädter Abwehr nur noch ein besserer Sparringspartner mit unglaublichen Fehlern und Blackouts. Und da an solchen Abenden so gut wie alles läuft, machte Bröker auch noch seine zweite Bude, und es wäre schon fast tragisch gewesen, wenn Kirschstein nicht wieder beteiligt gewesen wäre. Nach flacher Hereingabe von links, wiederum durch Lambertz, rasselten Bröker und Kirschstein am Fünfmeterraum zusammen und spielten Billard mit dem Ball, von Brökers Fuß an Kirschsteins Körper, an Brökers Fuß, dann irgendwie an Kirschstein vorbei ins Loch, äh, Netz gerollt. Kirschstein bekam am Boden liegend noch was vor den Kopf, aber es war kein Foul von Bröker, und der Torwart hatte zu keiner Zeit die Hand kontrolliert an der Kugel, somit ein einwandfreies Tor, zu dem es auch keinerlei Proteste gab. Anschließend vergab man noch einige Hochkaräter, allen voran Beister aus Nahdistanz, aber vielleicht war es auch Mitleid, dass Kirschstein endlich mal einen halten durfte. Schließlich musste er noch zwei Bälle aus dem Netz holen, einen vom eingewechselten Ilsø, einen von Rösler, aber es waren beides ganz knapp Abseitstore, schade. Umgekehrt erzielten auch die Ingolstädter, die sich nach vorne hin keineswegs aufgaben, noch einen Treffer, der wurde aber wegen vorherigem Foul an Torwart Ratajczak ebenfalls zu Recht nicht gegeben. Man sieht, es wäre noch einiges drin gewesen in dieser zweiten Halbzeit. Ingolstadt spielte nicht schlecht, konnte sich aber dafür nichts kaufen, aufgrund der haarsträubenden Abwehrfehler, die dann konsequent ausgenutzt wurden. Und so konnte deren Abwehrrecke Marinko Biliskov nach dem Spiel nur resignierend feststellen: „Wir haben eine gute Leistung gezeigt, aber vier Gegentreffer gefangen. Wir haben halt auch gegen einen sehr guten Gegner gespielt.“ So ist es, und deshalb waren wir plötzlich Tabellenführer und blieben es das gesamte Wochenende über. Und ich war einer der 22.000 Zuschauer, die bei diesem historischen Ereignis dabei waren. Was will man mehr?

Zumal die 1. Bundesliga an jenem Wochenende auch wieder ihre Pforten öffnete und direkt einiges zum Lachen offerierte. Okay, dass der HSV in Dortmund verlor, war für mich nicht schön, aber vorhersehbar, von daher nix Dolles. Viel mehr auf den Zeiger ging mir, wie die Dortmunder nach einem einzigen Spiel schon wieder dermaßen hoch gelobt wurden, dass einem nur schlecht werden konnte. Diesbezüglicher Höhepunkt war für mich die „Berichterstattung“ in der ARD-Sportschau am Samstag, die wohl ein gewisser Marc Schlömer (?) zu verantworten hatte. Was da an Lobeshymen und kniefälligen Attributen verzapft wurde, was diese Truppe zu dramatischer klassischer Musik im Hintergrund in den Himmel, ach was, in den Olymp gehoben wurde, das lässt sich eigentlich auch nur damit erklären, dass der Kollege eindeutig zuviel Norbert Dickel auf ex genossen hatte. Mit einer irgendwie seriös gearteten journalistischen Berichterstattung jedenfalls nicht. Und ich hatte immer gehofft, wenigstens bei der ARD hätten sie ab und zu jemanden dabei, der das gelernt hat. Ein Trugschluss.

Denn anderswo zog man natürlich sofort nach, wie nicht anders zu erwarten. Auf sport1, dem Sender, bei dem ich immer darauf warte, dass er endlich auch im FC Bayern-Fanshop verkauft wird, hatte man sich natürlich schon dafür gerüstet, am Sonntag zurückzuschlagen, und dann das: da verlieren die Bayern ihr Heimspiel gegen Mönchengladbach mit 0:1. Dazu hätte ich vielleicht einen Tipp für den FC Telekom: man munkelt, ihr hättet in der Sommerpause so einen Nationalspieler für das Tor geholt, für ein bisschen Kohle vom Festgeldkonto, nix Besorgnis Erregendes, nur um die 22 Mio. Euro. Lasst den doch einfach auch mal spielen! Und nicht diesen armen Gymnasiasten, der den Gladbachern das Siegtor schenkte…

Auf jeden Fall war man bei sport1 geschockt, weil das Undenkbare eingetreten war und rief sofort nach dem Spiel den Notstand aus. Die Partie war gegen 19.20 Uhr beendet, um 19.21 Uhr sprach die tapfere Moderatorin mitten in der Zweitliga(!)-Sendung vom „Fehlstart“ der Bayern und kündigte an, dass es die Stimmen zu diesem Spiel „natürlich“ direkt im Anschluss an die Zweitliga-Sendung zu sehen geben würde (ergo 20.30 Uhr), und nicht erst um 22.30 Uhr zusammen mit den Bildern. Das Ganze wurde während der Sendung dann noch dreimal wiederholt, damit es auch jeder mitbekam, wie brandaktuell sport1 sich des Schicksals der allerbesten Mannschaft der Welt annahm. Muss man doch Verständnis für haben! Die sollen sich endlich mal öffentlich zu „ihrem“ FC Bayern bekennen, dann überrascht einen als Zuschauer auch nix mehr, und man erwartet nicht das Geringste. Schon gar keinen Zweitliga-Fußball in einer Zweitliga-Sendung, wenn der große FC Bayern das erste Saisonspiel verloren hat. Mein Gott, peinlicher geht’s echt immer.

Und nachdem ich mich zuvor zunächst geärgert hatte, dass der Helmes beim Spiel Köln gegen Wolfsburg zweimal getroffen haben sollte, bis mir einfiel, dass der ja mittlerweile für Wolfsburg spielt, gab es also durchaus ein Fußball-Wochenende, bei dem ich jede Menge Anlass hatte, das Gesicht vor Freude zu verziehen. Wer weiß, wie lange noch. Ich koste solche Momente gerne aus.

Und nicht vergessen: Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!

Tor des Monats

Vor dem nächsten Spiel gab es noch etwas Erfreuliches und historisch Wertvolles: der Treffer von Sascha Rösler zum 1:0 gegen den VfL Bochum am ersten Spieltag wurde in der ARD-Sportschau zum „Tor des Monats“ gekürt. Rösler erhielt über 40% der Stimmen für seinen Fallrückzieher – man munkelt, über 90% „seiner“ Stimmen waren der Erleichterung der Fans geschuldet, dass der alte Mann sich bei dem Treffer nichts gebrochen hatte. Aber im Ernst, ein schöner Lohn für ein tolles Tor. Rösler löste damit Klaus Allofs als letzten Torschützen des Monats in Reihen der Fortuna ab. Klausi-Mausi hatte die Plakette im Jahr 1981 als Spieler der Fortuna in Empfang nehmen können, für seinen Treffer damals im DFB-Pokal gegen – ausgerechnet – Werder Bremen. Nach 30 Jahren wieder ein Fortune als Torschütze des Monats, eine schöne Sache für den Verein und für den Spieler. Und wenn der Rösler so weitermacht wie bisher in der Saison, kann er auch in 30 Jahren nochmal in die Auswahl kommen. Alter schützt halt vor Traumtoren nicht.

Zu Gast beim FC Bayern

Am Montag, den 15. 08.2011, gab es ein wenig Erstliga-Flair rund um Fortuna zu bestaunen. Schließlich trat man beim FC Bayern an. Beim selbsternannten. Genau, beim selbsternannten „FC Bayern der 2. Liga“, Erstliga-Absteiger Eintracht Frankfurt, der natürlich mit der Maßgabe des direkten Wiederaufstiegs in die Saison gegangen ist und sich aufgrund dieser Vorgabe und eines Lizenzspieler-Etats von 19 Millionen Euro gleich mal vollmundig zum Seriensieger gekürt hatte. Das ist natürlich genau das, was solche Qualitätsmedien wie sport1 hören wollen. In punkto PR macht einem Profi wie Heribert Bruchhagen eh niemand mehr etwas vor. Unvergessen, wie er zur Winterpause der letzten Saison noch mit Weitblick davon sprach, dass man nunmehr, nachdem der Abstieg ja kein Thema mehr sei, auch mal den Blick nach oben richten müsse. Die Eintracht hatte die Hinrunde als Tabellensiebter sensationell gut abgeschlossen. Dann kam Herr Bruchhagen mit seinem flotten Sprüchlein, die Eintracht holte in der Rückrunde noch genau acht Pünktchen, schoss noch genau sieben Tore und stieg sang- und klanglos ab. Ich mag es ja, wenn die Lautsprecher unserer Zeit ab und zu mal richtig auf die Glocke bekommen, geschieht leider nur allzu selten, in allen Bereichen.

Da man in Frankfurt aber lieber die die beleidigte Erstliga-Wurst gibt, deren Abstieg nur ein Betriebsunfall war, verpasste man sich direkt das FC Bayern-Gütesiegel. Und Neu-Trainer Armin Veh, der der Bundesliga eigentlich versprochen hatte, dass er es sich ernsthaft überlegen würde, als Trainer weiterzumachen, wenn er beim HSV scheitern würde, was punktgenau einige Wochen nach dieser Aussage der Fall war, der Veh also sagte sich Beckenbauer-like „Was geht mich mein Geschwätz vom letzten Satz an?“ und hängte sich flugs ebenfalls das FC Bayern-Mäntelchen um.

Dass er sich damit in Frankfurt bester Gesellschaft befindet, konnte man auch vor dem Spiel gegen Fortuna beobachten. Aufsichtsrat Axel Hellmann, der am Spieltag seinen 40. Geburtstag feierte, hatte laut „Frankfurter Rundschau“ nur den Wunsch, dass das Team am Abend einen Sieg einfahren möge. Und da er anscheinend nicht gerade zur Bescheidenheit neigt, wie auch in diesem Umfeld, hatte er einen entsprechenden Ergebnis-Tipp parat: „5:1“. Und im Stadionheft zum Spiel fand sich der Werbeslogan eines Kreditinstitut-Konzerns (doch, so etwas gibt es): „Unser Lied für die Fortuna: Wärst du doch in Düsseldorf geblieben.“ Der zweitlangweiligste Kalauer nach diesen Blitzbirnen von RW Essen, die sich bei unseren Gastspielen dort stets dadurch erniedrigen, dass sie „Viva Colonia“ spielen, weil sie der Meinung sind, das würde Anhänger eines Fußballvereins kurz vor einem Spiel so richtig ärgern.

Also, reichlich Maulhelden überall in Mainhattan, und ein schöner Beweis, wie weit dieser ganze Zirkus 1. Bundesliga schon runtergekommen ist. Andererseits war die große Klappe gar nicht mal fehl am Platze, sie verdeckte nämlich die schöne Tatsache, dass die Eintracht zuletzt im April irgendwann mal ein Heimspiel gewonnen hatte. Auch beim ersten Heimspiel der neuen Saison hatte es nur zu einem 1:1 gegen Mitabsteiger St. Pauli gereicht, in einem schauderhaften Kick. Die beiden Auswärtserfolge, das äußerst glückliche 3:2 in Fürth und das souveräne 3:0 in Braunschweig, bei dem man allerdings vom Gegner auch nicht gefordert wurde, überdeckten die Tatsache, dass die Eintracht derzeit noch um einige Längen ihren eigenen Ansprüchen hinterher hinkt. Bei dieser Eintracht musste man sich nun wirklich nicht verstecken.

Wobei es zunächst so aussah, als wollten beide Teams dies Lügen strafen. Vor der wirklich tollen Kulisse von 42.000 Zuschauern – davon knapp 5.000 Fortunen, an einem Montagabend! – legte die Eintracht nämlich los wie die Feuerwehr, und Fortuna kam kaum hinterher. Vielleicht waren die Gastgeber auch motiviert von der Show vor Spielbeginn. Da die Eintracht ja so etwas Besonderes in der 2. Liga darzustellen scheint, ließ man sich auch nicht lumpen und bot mit Ralf Weber einen erstklassigen Gesprächspartner für ein Interview vor dem Spiel auf. Da stand er also nun auf dem Rasen und sprach mit dem Stadionsprecher ausführlich über den Gegner Fortuna Düsseldorf. Das war schon aller Ehren wert, auch bei uns geht man normalerweise nicht dermaßen ausführlich auf den jeweiligen Gast ein. Gerne hätte ich nun auch gehört, was Ralf Weber über uns zu sagen hatte, leider verstand ich kein Wort, was sicherlich an meinem Alter und dem damit einher gehenden Hörverlust liegt und weniger an dem hessischen Genuschel, welches über die Lautsprecher drang. Einigen wir uns also darauf, dass Weber fachkundig Auskunft gab und vor Fortuna warnte, aber gleichzeitig der Meinung war, seine Mannschaft könne es packen. Ist ja auch logisch, was soll er sonst anderes sagen? Dafür hätte man aber keine zehn Minuten vertrödeln müssen. Man hätte die Zeit gehabt, noch mehr so schöne Liedchen zu spielen wie die Vereinshymne von Eintracht Frankfurt, im Original abgespielt und damals ausgerechnet vom Frankfurter Polizeichor eingesungen: „Im Herzen von Europa liegt mein Frankfurt am Main!“ Im Herzen von Europa! Da liegt meine Heimatstadt Wülfrath auch, trotzdem ist noch nie einer auf die Idee gekommen, Wülfrath irgendwie mit Europa zu assoziieren. Sie hatten also auch damals schon keinerlei Schwierigkeiten mit ihrem Selbstbewusstsein, so möchte ich es mal ausdrücken. Dass ausgerechnet die Frankfurter Fans, die ja einen gewissen Ruf haben, den sie analog zum Selbstbewusstsein ihrer Offiziellen bereits im Mai diesen Jahres ganz bescheiden mittels eines Transparents „Deutscher Randalemeister 2011“ untermauert hatten, dass also ausgerechnet dieses Völkchen anscheinend vor jedem Heimspiel vom Frankfurter Polizeichor beschallt wird, passt mal wieder wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Die blieb übrigens auch während des gesamten Spiels sprichwörtlich, es gab keinerlei Zwischenfälle, und die Frankfurter machten stimmungsmäßig zunächst auch ein ordentliches Fass auf.

Wozu sie auch allen Grund hatten. Es waren noch keinen drei Minuten gespielt, da klingelte es bereits im Fortuna-Kasten. Köhler hatte von links geflankt, Weber noch leicht abgefälscht, und der Flatterball verwirrte Torwart Ratajczak. Die Kugel steuerte nämlich schnurstracks auf die Tormitte zu, aus der sich der Keeper schon fort begeben hatte, weil er doch eher eine Flanke erwartet hatte. Mit einem Reflex konnte er den Ball mit der rechten Hand noch unkontrolliert nach vorne fausten, dann beging er seinen entscheidenden Fehler: wie so oft sprang er nach der Abwehr des Balles zwei Meter nach vorne, überlegte es sich dann nochmal, blieb stehen und wurde anschließend aus Nahdistanz per Kopf von Sebastian Jung problemlos überlupft, 1:0 für Frankfurt. In meinen Augen ein klarer Torwartfehler, entweder muss er durchlaufen und Jung den Helm abhauen, schließlich war es in „seinem“ Fünfmeterraum, oder aber er bleibt auf der Torlinie, dann kann er auf den Kopfball eine Kappe werfen, war ja absolut kein Druck dahinter. Scorerpunkt für den Treffer somit an Ratajczak, kleiner Anteil noch für van den Bergh, der sich im Kopfballduell von Jung überspringen ließ. Toller Anfang.

Und in diesem Stil ging es weiter, Fortuna bekam kein Bein auf den Boden. Nach knapp acht Minuten wäre die Sache eigentlich schon erledigt gewesen, als Lukimya ausrutschte und die Kugel Eintracht-Stürmer Gekas überlassen musste. Dies wäre jetzt nicht allzu tragisch gewesen, leider war Lukimya letzter Mann und Gekas stürmte somit alleine auf Ratajczak zu. Ob man sich von einem 0:2 zu solch früher Stunde erholt hätte, wage ich mal zu bezweifeln. Zum Glück war Ratajczak nach seiner Tiefschlaf-Phase in der dritten Minute mittlerweile aufgewacht und konnte Gekas im direkten Duell großartig den Ball vom Fuß nehmen.

Nach einer Viertelstunde waren auch die restlichen Fortunen aufgewacht und gedachten, mitzuspielen. Und dies gelang dann richtig gut, weil die Frankfurter Abwehr, alles andere als sattelfest, zu soliden Chancen einlud. Das Unglaubliche war nicht, dass die Fortuna so gut nach vorne spielte, das Unglaubliche daran war, dass es zur Pause immer noch 1:0 für Frankfurt stand. Erst scheiterten Bröker und Lukimya mit Doppelchance an der vielbeinigen Frankfurter Abwehr, dann säbelte Lambertz völlig frei stehend über den Ball, den van den Bergh im Strafraum von links herrlich zurückgelegt hatte. Kurz darauf machte der Fortuna-Kapitän es besser, als er einfach mal von der Grundlinie aufs kurze Ecke drauf hielt, aber der ewige Oka, Frankfurts Keeper Oka Nikolov, seit 100 Jahren im Eintracht-Dress, hatte aufgepasst und konnte mit gutem Reflex klären. Der Mann hat schon Uli Stein im Eintracht-Tor überlebt, mehr muss man zu seiner Erfahrung wohl nicht sagen. Was ihn allerdings kurz vor der Pause nicht daran hinderte, mal so richtig schön schlecht an einer raffinierten Rösler-Ecke vorbei zu fliegen. Mit diesem Eckball wurde dann gleich die nächste Doppelchance vergeben, zum Einen hätte Rösler den Ball fast direkt ins Tor gedreht, da fehlte nicht viel, zum Anderen sprangen am langen Pfosten sowohl Bodzek als auch Bröker frei an Ball und leerem Tor vorbei. Es war schon zum Haareraufen.

Während dieser ganzen Zeit hatte man von der Eintracht nichts weiter gesehen als einen gefährlichen Angriff, allerdings brillant vorgetragen, ruckzuck ging es nach vorne, der Abschluss von Matmour mit vollem Risiko ging jedoch in die Wolken. Fortuna hatte das Spiel im Griff, lag aber zur Pause noch mit 0:1 zurück.

In dieser Saison anscheinend kein Grund, Panik zu schieben. Denn zu Beginn der zweiten Halbzeit – ein Zeitraum, den die Mannschaft in jüngeren Zeiten gerne mal komplett verpennte – knüpfte man einfach ans Ende der ersten an, mehr noch, jetzt spielte man Frankfurt eine Viertelstunde lang schwindlig. Besonders Maximilian Beister drehte auf, bislang doch mit eher durchwachsenen Einsätzen, noch kein Vergleich zu seinen Leistungen in der letzten Rückrunde. Aber nach drei Spielen und einer Halbzeit war er dann auch endlich in der neuen Saison drin. Zunächst allerdings animierte er zum Haareraufen: Rösler hatte sich im Kopfballduell durchgesetzt und den Ball in den Lauf von Beister gelegt, der hatte nur noch Nikolov vor sich und ganz viel Zeit, und was machte der? Wollte unbedingt mit einem Lupfer von der Strafraumgrenze das Tor des Monats erzielen. Es wurde ein Heber ins Nirwana, eine wirklich 100%ige Chance wurde leichtfertig vergeben. Aber dies stachelte den 20-Jährigen nur noch mehr an. Zwei Minuten später spielte er einigen Frankfurten Knoten in die Beine, bevor sein Lauf an der Grundlinie unsanft gestoppt wurde – ausgerechnet von Ex-Fortune Bamba Anderson, der erst kurz zuvor in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Borussia Mönchengladbach ausgeliehen worden war. Bamba traf eindeutig Beisters Bein, aber für Schiri Robert Hartmann war dies internationale Härte, er ließ weiterspielen. Beister fluchte kurz, dachte sich wahrscheinlich, dass es in den verbleibenden 40 Spielminuten noch genug Gelegenheiten geben würde und nutzte einfach die nächste, nur vier Minuten später: nach Traumpass von Bodzek umkurvte er Schildenfeld und hämmerte die Kugel flach mit links ins Netz. 1:1-Ausgleich in der 54. Minute, aber sowas von verdient.

Und nur wiederum vier Minuten später hätte es auch die Führung sein können, als Bröker sich am Fünfmeterraum gegen Schildenfeld durchsetzte und dieser zum Trikottest ansetzte. Eindeutiger ging es nicht, das Ziehen am Trikot war bis unter das Tribünendach zu sehen – Schiri Jürgen Hartmann winkte ab und ließ weiterspielen. Selbst ein Frankfurter hinter mir fragte völlig entgeistert: „Warum pfeift der das nicht?“ Eines der größten Rätsel der Menschheit. Vielleicht hatte Bröker seine Pirouette zu schwungvoll gedreht, das ist ja immer ein Problem, wenn Spieler auch bei leichten Fouls den sterbenden Schwan markieren, ein unsicherer Schiedsrichter neigt dann schon mal dazu, auch bei echten Fouls weiterlaufen zu lassen. Aber trotz der etwas übertrieben Einlage war dies ein glasklares Foul, und das darf ein Schiedsrichter nicht übersehen, so sehr ihn auch die Schauspielerei des Stürmers nerven mag.

Nachdem die Fortuna eine Viertelstunde Power-Fußball gezeigt hatte, kam Frankfurt besser auf. Köhler prüfte Ratajczak mit einem Fernschuss, und ausgerechnet Bamba Anderson wollte in bester Tradition nahezu aller Ex-Fortunen gegen uns auch mal einnetzen. Sein Kopfball nach einer Ecke war auch für Ratajczak unerreichbar, zum Glück stand van den Bergh auf der Linie und konnte klären.

 

Und nachdem der eingewechselte Ilsø in der 81. Minute mit einem überhasteten Abschluss den möglichen Siegtreffer vergeben hatte, bekam ein anderer ihn drei Minuten später auf den Schlappen serviert. Nach einer Unachtsamkeit in der Fortuna-Abwehr kam ausgerechnet Theofanis Gekas aus zehn Metern frei zum Abschluss. Von dem hatte man nach seinem gescheiterten Solo in der achten Minute nichts mehr gesehen, ich wunderte mich, dass der überhaupt noch mitspielte. Und genau das ist die Stärke eines Spielertyps wie Gekas. Völlig aus dem Nichts tauchte der sechs Minuten vor dem Ende vor Ratajczak auf und ließ seinen finalen Böller los. Und der hätte auch gepasst, aber Ratajczak konterte mit der finalen Glanzparade und konnte den Ball abwehren. Er hatte im Lauf des Spiels seinen Fehler aus der dritten Minute eh schon reichlich wieder wettgemacht, aber das Ding war dann die Krönung.

Fortuna verspielte einen möglichen Sieg in Frankfurt und konnte sich zum Schluss bei Ratajczak bedanken, dass man noch einen Punkt mitnahm. Aber die Mannschaft zeigte eine bärenstarke Leistung beim „FC Bayern der 2. Liga“ und nahm den Punkt hochverdient mit. Das beste Auswärtsspiel seit langem, und das auch noch beim Top-Favoriten. Es gibt Tage, da kann man sich nur verwundert die Augen reiben…

Medienkasper

Apropos „Augen reiben“. Hier noch zwei fachliche Kommentare zum Spiel, von Leuten, die doch Ahnung haben müssten. Vom Spiel, vom Fußball, von einer Saison. Die Medien halt. Die bereits zitierte „Frankfurter Rundschau“ bewertete Spiel und Ergebnis wie folgt: „Es war ein leistungsgerechtes Remis, das beiden Teams auch weiterhin alle Möglichkeiten lässt.“ Den zweiten Halbsatz gerne nochmal langsam zum Mitlesen: „…das beiden Teams auch weiterhin alle Möglichkeiten lässt.“ Nach dem vierten Spieltag! Da bin ich aber heilfroh, dass wir nicht verloren haben – denn dann wäre selbstverständlich alles vorbei gewesen – nach dem vierten Spieltag…mein Gott.

Das ARD-Morgenmagazin setzte am Tag darauf noch eins drauf. Peter Grossmann resümierte, beide Teams würden nach dem Remis „auf Platz 6 und 7 der Tabelle dümpeln.“ Dümpeln! Nach dem vierten Spieltag, zwei Punkte vom Spitzenreiter entfernt, dümpeln wir da so vor uns hin. Ich nehme an, der weiß noch nicht mal, was das Wort bedeutet, der liest ja eh nur ab. Da der Grossmann zum WDR gehört und dieser in seiner Sport-Redaktion bekanntlich eh nur über Pflichtkölner verfügt, musste natürlich ein Haar in der Suppe gefunden werden, und Pflichtkölner Grossmann fand es: „Die Fortuna jetzt seit April ohne Auswärtssieg.“ Das ist doch Berichterstattung vom Feinsten. Fortuna seit vier Monaten ohne Auswärtssieg! Okay, zwei davon waren Sommerpause, aber egal, das ist doch mal ne Schlagzeile. Natürlich ist jedem die Lächerlichkeit einer solchen „Statistik“ bewusst, aber sie müssen so etwas ja bringen, weil sie ansonsten gar nichts mehr zum Thema zu sagen hätten. Und dass dies durch die Kölner Brille geschah, ist auch keine Paranoia von mir, sondern ganz leicht erklärbar: bei der sieglosen Zeit, die Grossmann reißerisch verkündete, handelte es sich nämlich um – vier Unentschieden (Karlsruhe, Fürth, Paderborn und jetzt Frankfurt). Klingt natürlich jetzt nicht so toll wie „seit April ohne Auswärtssieg“. Im April gab es übrigens den erwähnten Auswärtssieg in Oberhausen. Das heißt, wenn man auf eine reißerische Statistik scharf gewesen wäre, wäre die andere Variante wesentlich beeindruckender gewesen. Fortuna hat seit dem 18. März (0:1 in Duisburg) kein Auswärtsspiel mehr verloren! Man war überhaupt seit dem 18. März ungeschlagen! Aber das darf ein Kölner Sender anscheinend nicht verkünden, also wurde es schön andersrum gedreht. Es bleibt die nicht neue Erkenntnis: trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Und außerdem: was kümmert es die Düsseldorfer Eiche, wenn sich ne Kölner Sau dran schubbert? Es ist eher erheiternd. Wenn sich Kölner Redakteure schon solche Sachen ausdenken müssen…dann sind wir wirklich auf dem Weg nach oben.

A Drrraum!

Nur vier Tage nach diesem schönen Spiel wartete direkt das nächste Match gegen einen klangvollen Namen. Am 19.08.2011 kam der TSV 1860 München in die esprit-Arena, mit solch breiter Brust, dass ich mich wunderte, dass die Jungs beim Aussteigen aus dem Mannschaftsbus alle durch die Tür passten. Verständlich, in der Woche zuvor hatte man Erzgebirge Aue 4:0 abgefertigt, wiederum eine Woche zuvor bei Energie Cottbus mal eben 5:0 gewonnen. Die „Löwen“ waren also richtig gut drauf. Eine schöne Standortbestimmung, zugleich auch eine Generalprobe, denn gegen denselben Gegner geht es am 25.10.2011 in der 2. Runde des DFB-Pokal.

Und ich sag es mal so: wenn die dann wieder solch eine Leistung abliefern wie an jenem Freitag, dann werden sie herzlich willkommen sein. Oder andersrum: wenn unsere Spieler dann wieder solch eine Gala abliefern wie an jenem Freitag, dann werde ich erneut mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf der Tribüne sitzen.

Fortuna gewann mit 3:1. Aber das Ergebnis ist ein Witz. 6 oder 7 Tore hätten es sein müssen, und bitte, der langjährige Leser weiß, dass ich nur ganz selten zur Übertreibung neige. Ich meine das Ernst. Und selbst damit hätten die „Löwen“ noch zufrieden sein können.

Es gibt viele Begriffe, um das Kräfteverhältnis an jenem Abend auszudrücken: Fortuna überrollte den Gegner. Spielte ihn an die Wand. Ließ ihm keine Chance. Zerrupfte ihn. Demontierte ihn. Führte ihn vor. Ver- ach, ich hör lieber auf, bevor ich Sabber vorm Mund habe. Es war ein Abend, an dem sich auch alte Säcke wie ich, die der Meinung waren, schon alles gesehen zu haben, mit offenen Mund anstarrten und nur einen Wunsch hatten: „Bitte lass uns nicht morgen aufwachen, und wir haben alles nur geträumt.“ Einfach herrlich.

Wenn ich alle Chancen ausführlich schildern würde, die wir in dieser Partie herausspielten, ich könnte ein weiteres Buch herausgeben. Hier nur mal ein kleiner Anschmecker in chronologischer Reihenfolge:

Bröker umkurvt den gegnerischen Strafraum. Wie ein Kreisläufer beim Handball zieht er mit dem Ball vom linken Strafraumeck quer rüber zum rechten, dann dort in den Strafraum rein. Auf dem Weg von links nach rechts lässt er ca. vier Gegenspieler wie Wegelagerer stehen. Dann die Flanke von rechts auf den langen Pfosten, dort ist Fink völlig frei. Der muss nur per Kopf zum völlig blank stehenden Sascha Rösler zurücklegen, schafft es aber nicht ganz, Torwart Kiraly kann abfangen;

Lambertz dribbelt mal ein bisschen bis zum Sechzehner. Als der Raum eng wird, dribbelt er halt wieder ein paar Meter zurück, auch er hat in der Zeit seines Ballbesitzes mal eben vier Leute dumm aussehen lassen. Legt rechts raus zu Weber. Der wird auch nicht angegriffen, legt sich den Ball in aller Gemütsruhe vor und hält dann aus 20 Metern Höhe rechtes Strafraumeck mit voller Wucht drauf. Der Ball passt rechts oben in den Winkel, Kiralys Hand leider auch. Mit einem tollen Reflex wischt der den Ball über die Latte;

Beister kurvt von rechts in Höhe des Strafraums in die Mitte, auch unbehelligt von zwei Gegenspielern, zieht von dort flach mit links ab, Zentimeter neben das Tor. Dass das aussieht wie bei Arjen Robben, schreib ich nicht, hat jeder Fernsehsender und jedes Käseblatt schon getan. Was interessiert mich auch ein holländisches Püppchen, das ab und zu mal schöne Tore schießt, dann wieder hustet und vier Wochen verletzt ist?

Wieder Beister über rechts, bringt den Ball hart vors Tor. Am kurzen Pfosten grätscht Bröker Zentimeter am Ball vorbei, zwei Meter vor dem Tor. Kiraly ist dadurch abgelenkt, der Ball saust durch den Fünfmeterraum, hinter dem langen Pfosten rauscht Rösler heran, um zu vollstrecken, sein Schuss wird vor der Linie aber mit beeindruckender Fluggrätsche von Rukavina noch abgelenkt.

Alles gelesen? Dann lest es nochmal, und wenn ihr damit durch seid, habt ihr quasi die „Echtzeit“. Denn als Rösler die letzte der vier Chancen vergab, waren gerade mal ganze acht (!) Minuten gespielt. Die „Löwen“ wussten bis dahin gar nicht, wo die Mittellinie war. Unglaubliches Tempo.

Und in diesem Stil ging es weiter. Vor allem Maximilian Beister machte das Spiel seines Lebens, gab seinen Gegenspielern Feick und Stahl unlösbare Rätsel auf. Auch wenn Gäste-Trainer Reiner Maurer den Maxi hätte triplen lassen, an jenem Abend hätte es nichts genutzt. Für Beister waren das alles nur Slalomstangen. Auch Sascha Rösler machte gegen einen seiner Ex-Vereine, was er wollte. Und in diesem Stil ging es weiter. Beister aus sechzehn Metern knapp drüber, Rösler aus zwölf Meter am Tor vorbei geschlenzt, Beister mal wieder gegen seine zwei Gegenspieler, dann aber flach in die Arme von Kiraly – und es war noch immer keine halbe Stunde gespielt. Dass es noch 0:0 stand, war der Witz der Woche. Die Gäste verdankten dies einzig ihrem Keeper und der Ungenauigkeit der Fortuna-Spieler beim Abschluss.

Also hatten die „Löwen“ ein Einsehen und halfen dann auch kameradschaftlich mit. In der 29. Minute tanzte Beister mal wieder Feick rechts an der Grundlinie aus, drang in den Strafraum ein und diesmal reichte dem Abwehrspieler die Demütigung. Er rang Beister griechisch-römisch nieder, Elfmeter, klare Sache. Da der etatmäßige Elferschütze Jens Langeneke eh schon angeschlagen in die Partie gegangen war, winkte dieser ab, also machte Sascha Rösler die Kugel rein. Wie, darüber breiten wir mal den Mantel des Schweigens, wenn ich je einen Elfmeter der Kategorie „haltbar“ gesehen habe, dann war es dieser. Egal, der Ball war drin, und es war die verdienteste Führung der Fußballgeschichte. Sag ich einfach mal so. Rösler hatte somit in den letzten sechs Heimspielen jeweils getroffen.

Aber noch war ja nicht Pause. Und siehe da, in der 33. Minute konnte etwas Unerhörtes gesichtet werden: der erste Torschuss der „Löwen“, abgefeuert von Daniel Halfar aus 16 Metern, zum Glück genau auf Torwart Ratajczak, denn die Position war nicht schlecht, und gut getroffen hatte er den Ball auch. Aber wie gesagt, kein Problem, und dann war eh wieder Beister dran. Da ihm an jenem Abend alles gelang, wundert auch nicht, wie er die nächste Chance herausholte: bei einem Eckstoß von der rechten Seite war er auf der Grundlinie dem Eckenschützen Rösler entgegen gelaufen, dieser hatte ihn flach angespielt. Beister wollte wohl zurück spielen, verhedderte sich aber irgendwie, blieb jedoch in Ballbesitz. Und da Rösler nun nicht mehr frei stand, machte der Maxi es einfach wieder selbst, ringelte sich um seinen bedauernswerten Gegenspieler herum, drang in den Strafraum ein, ließ noch eine Slalomstange stehen und zog wieder mal trocken ab, nur dass er diesmal die lange Ecke anvisierte. Kiraly konnte nur bewundernd hinterher schauen und sich anschließend darüber freuen, dass die Tore so klein sind, denn der Ball schepperte gegen den Pfosten.

Aber der an jenem Abend unfassbare Max hatte noch einen. Ecke für die „Löwen“, abgewehrt, am eigenen Sechzehnermeterraum legt Lambertz die Kugel in den Lauf von Beister und ab geht`s. Ein Solo-Lauf fast über das ganze Feld, verfolgt, gestellt und doch nicht gestoppt von fünf Gegnern. Im gegnerischen Strafraum kommt er sogar noch zum Abschluss, aber Kiraly kann den Flachschuss halten. Trotzdem eine herausragende Leistung von Beister. Dann, erst dann ist Pause. Eigentlich kaum zu glauben, oder?

Man konnte es eigentlich kaum erwarten, bis es weiterging. Und dass an jenem Abend alles gehen würde, demonstrierte Stadion-DJ Opa, der das Kunststück fertig brachte, zur Würdigung des Gegners erst „Ich wünsch mir ne kleine Miezekatze“ von Wum zu spielen, woraufhin dieser Fetzer nahtlos in „Lovecats“ von The Cure überging. Ob die „Löwen“-Fans die Anspielungen verstanden, ist mir sowas von egal, ich weiß nur – Loriot im Stadion, unerreicht!

Vielleicht hatten es aber die Gäste im Spielertunnel gehört und verstanden, auf jeden Fall setzten die „Löwen“ ihren Schmusekurs auf dem Feld fort. Nachdem sie wieder aufs Grün zurückgekehrt waren – es heißt, den beiden Gegenspielern von Beister sei dies nur mit Hilfe eines Kompasses gelungen –, machten beide Teams da weiter, wo sie vor der Pause aufgehört hatten. Und wie sie weiter machten, lassen wir doch gerne einen der Protagonisten selbst erzählen, den neben Beister und Rösler überragenden Kapitän Andreas Lambertz:

„Anstoß, ich spiel’ Rösi an. Der spielt mich wieder an, Doppelpass mit Finki, Tor.“ So einfach ist Fußball. In seiner Bescheidenheit unterschlug Lambertz, dass er vor dem Doppelpass mit Fink wieder mal eben vier Gegenspieler hatte stehen lassen. Anschließend tunnelte er Kiraly noch mit seinem Flachschuss, und als der Ball zum 2:0 im Netz einschlug, hatte das Spiel gerade mal wieder 19 Sekunden auf der Uhr! Da hatte sogar unser Stadionsprecher Mitleid, wollte den Gästen ein wenig unter die Arme greifen und kündigte den Treffer mit einem lieb gemeinten „Ja guten Morgen!“ an.

Nun begann die Zeit der Schönspielerei. Man hatte den Gegner schon auseinander genommen, nun wollte man auch zaubern. Das mag ich bei einem solchen Spielstand nicht besonders, aber Fortuna war derart turmhoch überlegen, dass es diesmal nichts ausmachte. Besonders Rösler wollte noch glänzen, fand aber zweimal in Kiraly seinen Meister. Erst hatte er rechts im Strafraum zweimal seinen Gegenspieler auf einem Bierdeckel ausgetanzt, den harten Schuss aufs kurze Eck konnte der Ungar aber parieren; wenige Minuten später tauchte Rösler nach feiner Kombination wiederum frei vor Kiraly auf und wollte ihn diesmal überlupfen, doch der Keeper roch den Braten und konnte den Heber abfangen. In beiden Fällen wäre ein Pass in die Mitte zum besser postierten Mitspieler die günstigere Alternative gewesen, aber wir wollen mal nicht so sein. Zumal sich die „Löwen“ anschlossen und Benny Lauth (ja, der spielte auch noch mit) bei einem der wenigen Angriffe der Gäste auch über Ratajczak, aber auch neben das Tor lupfte.

Und Maxi Beister? Der machte immer noch, was er wollte, wenn er auch nicht ganz so präsent war wie in der ersten Hälfte. Bis zur 67. Minute. Da kurvte er mal wieder in den Strafraum ein, diesmal über links, kabbelte sich wieder mit seinem Gegenspieler Stahl, der bekam die Fußspitze an den Ball, konnte aber nicht klären, Beister setzte nach und drosch die Kugel dann aus spitzem Winkel hoch ins kurze Eck, als Stahl für einen Moment die Lücke aufmachte und Kiraly aufgrund der Nähe des Schützen den Arm nicht mehr schnell genug hoch bekam. 3:0, und endlich das verdiente Tor für Beister. Eigentlich hätte der schon in der ersten Halbzeit die Führung der Torschützenliste übernehmen müssen.

Nun war die Sache klar, Fortuna ließ es ein wenig schleifen, die „Löwen“ spielten auch mal ein bisschen mit. Während dessen wurde das Kultobjekt von 60-Keeper Kiraly, seine graue Schlabberhose, vom einheimischen Publikum anerkennend mit „Zieht dem Torwart die Jogginghose aus!“ gewürdigt – wen interessieren an einem solchen Abend noch die Bayern oder Lederhosen? Aber nix gegen Kiraly. Auch wenn er für die einzige unfaire Szene des Spiels sorgte, als er beim Schiri vehement eine Gelbe Karte gegen Rösler forderte, nachdem der nach Abseitspfiff den Ball trotzdem noch ins Tor gespitzelt hatte – ohne diesen positiv bekloppten Ungarn wären die „Löwen“ untergegangen. Ich mag den irgendwie, er spielt halt nur immer bei den falschen Vereinen.

Ein Highlight gab es aber noch, eigentlich tragisch, aber an jenem Abend entlockte es uns höchstens noch ein anerkennendes Lächeln. In der 83. Minute Freistoß für die „Löwen“, etwa 30 Meter vom Fortuna-Gehäuse entfernt. Trainer Meier nutzt die Gelegenheit, um Adam Bodzek auszuwechseln, unser Sechser hatte nach wieder mal sehr gutem Spiel bereits Gelb gesehen und mehrfach gemeckert, da wollte Meier kein Risiko eingehen. Es geht also Bodzek, und es kommt Neuzugang Karem Aouadhi. Das erste Zweitliga-Spiel für unseren Mann aus Tunesien. Der klatscht Bodzek ab, läuft in den eigenen Strafraum, der Freistoß wird frei gegeben, Lauth bringt den Ball hoch in den Strafraum, und plötzlich pfeift Schiri Florian Meyer Elfmeter. Verursacht durch Karem Aouadhi, der seinen Gegenspieler am Elfmeterpunkt festgehalten hatte, worauf dieser zu Boden sank. Kann man sicherlich geben, sah aber eher nach Konzessionsentscheidung aus. Der arme Aouadhi. Noch keine zehn Sekunden auf dem Feld, noch keinen Ball berührt, aber schon einen Elfmeter verursacht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch dies ein Rekord ist. Getreu dem Motto: Wir sind Fortuna – wir können alles! Lauth machte den Elfer rein, und der Endstand war perfekt.

Apropos Rekord. Dieses 3:1 war das 17. ungeschlagene Heimspiel in Folge, saisonübergreifend hat die Fortuna also jetzt eine ganze Saison kein Heimspiel mehr verloren. Die geradezu unfassbare Bilanz dieser Heimspiele: 16 Siege, 1 Unentschieden. Das ist eigentlich kaum noch zu glauben. Wie der gesamte Abend. Und deshalb grinse ich auch immer noch.

Ja, diese Schilderung war eine einzige Lobeshymne. Man möge es mir nachsehen. Aber anders war dieser Angriffwirbel der Fortuna nicht zu beschreiben. Das beste Heimspiel der letzten Jahre sollte auch entsprechend gewürdigt werden. Auch wenn es auf dem Papier „nur“ ein 3:1 war.

Abschließend noch eine Anekdote, die zeigt, dass nicht nur die Spieler auf dem Rasen und die restlos begeisterten Fortuna-Fans unter den 28.300 Zuschauern alles gaben. Auch wer gerade im Urlaub weilt, versucht derzeit natürlich alles, um die Fortuna in voller Länge zu sehen. Auch wenn dies manchmal bedeutet, in der Höhle des Löwen zu agieren und erst einmal Überzeugungsarbeit zu leisten. Hier also noch der Bericht des Fortuna-Fans mit Nickname „Altfortune Geldern“, der ausgerechnet an diesem Spieltag im Urlaub war, sich das Erlebnis Fortuna aber nicht nehmen lassen wollte. Was nach einigen Schwierigkeiten auch gelang:

„Benni und ich im Urlaub im tiefsten Nordfriesland. Sky-Receiver und Karte dabei, das Ferienhaus hat laut Katalog Satelliten-TV. Leider aber hat die Schüssel noch kein Digital-LNB, somit nicht zu gebrauchen. Am Montag Frankfurt-F95 auf Sport 1 geguckt, aber gestern musste es ja Sky ein. Also gestern Vormittag im Internet nach Sky-Sportsbar in Niebüll gegooglet, 3 Treffer. Erste Möglichkeit war ein Wettbüro, kam also nicht in Frage, zweite Möglichkeit ein Bahnhofsbistro. Also dort angerufen und gefragt, ob wir F95-1860 München schauen könnten, Antwort: „Nee, sind ja 3 Spiele, da machen wir die Konferenz an“. Okay., wäre besser gewesen als nichts. Dritte Möglichkeit ein Fitnessstudio außerhalb im Industriegebiet, keiner geht ans Telefon.

Also gegen 17.00 Uhr losgefahren und das Fitnessstudio angesteuert. Sah ziemlich geschlossen aus, aber rein und zur Theke und nachgefragt, ob a) hier die Sky-Sportsbar wäre und b) ob wir Fortuna Düsseldorf-1860 München schauen könnten. Fragt der gute Mann hinter der Theke „Düsseldorf? Schaut euch doch mal um.“ Umgeschaut, hängt an der Wand ein Rahmen mit unterschriebenem Podolski-Trikot, dazu jede Menge weiterer Köln-Utensilien. Da waren wir doch tatsächlich gelandet im „Clubheim“ des Fanclubs der „Deichgeißböcke“. „Also Jungs“, sagte der Mann hinter der Theke, „ihr seit hier definitiv falsch, und außerdem schließen wir um 18.00 Uhr.“

Aber dann haben wir uns weiter nett unterhalten, uns gemeinsam auf den Rautenclub als ärgsten Mistclub der Liga geeinigt, und dann durften wir uns im Heiligtum des Fanclubs per Beamer auf Großleinwand mit fetten Lautsprechern das Spiel reinziehen. Okay, seinem Chef darf er es wohl nicht erzählen, aber es gibt sie doch wirklich manchmal – nette Kölner.“

Und ich hoffe einfach mal, dass dieser Chef als eingefleischter Kölner auch nicht auf meiner Seite mitliest. An solchen Abenden klappt bei uns sogar die Völkerverständigung. Einfach nur: ein Traum.

Zum Glück bin ich nicht zwischendurch aufgewacht.

Nullnummer mit 1,5 Schiri

Am Samstag, den 27.08.2011, war es dann so weit. Jawohl, unser erstes Samstagsspiel in dieser Saison stand an, gleichzeitig eine ziemlich heiße Kiste. Die Fortuna trat bei Alemannia Aachen an, die aktuell unsere letztjährige Saison nachspielen. Nach fünf Spielen einen einzigen Punkt und ein einziges Tor, ein wenig wenig für die Ansprüche im Dreiländereck. Im Gegensatz zu unserer Durststrecke im letzten Jahr wackelt deren Trainer allerdings doch schon ein bisschen, weshalb es für ihn oberstes Gebot war, das Spiel nicht zu verlieren. Aber die Aachener wollten nach zwei Heimpleiten auch nicht plötzlich ein Auswärtsspiel auf ihrem Tivoli haben. Und wenn schon Gästefans, dann bitte sollte deren Stimmung auch nicht zu euphorisch sein. Um diesen Wunschzettel auch mit Leben zu füllen, hatte man sich allerhand lustige Maßnahmen ausgedacht. Was dies für das Spiel bedeutete, darf deren Trainer Hyballa gern selbst sagen. Allerdings natürlich erst nach dem Spiel: „Wir haben uns die ganze Woche darauf vorbereitet, ich habe den Derbycharakter des Spiels betont, wir wollten es so hart und aggressiv. Wir haben intensiv daran gearbeitet, wie man zwei Spieler wie Beister und Rösler aus dem Spiel nehmen kann.“ Wir werden noch sehen, was dies im Klartext heißt.

Und während die Spieler sich eh schon mental darauf einstellen konnten, dass es ordentlich was auf die Socken geben würde, schließlich war ein Gastspiel in Aachen noch nie ein Kurzurlaub auf dem Ponyhof, machten sich die Gastgeber daran, diese Sache mit den Zuschauern mal auf den Weg zu bringen. Zunächst wurde unmittelbar nach dem vorherigen Spiel, in dem man mit einem 0:0 in Rostock den ersten Punkt der Saison holte, schon verkündet, dass jeder Dauerkartenbesitzer der Alemannia für dieses Spiel eine zusätzliche Freikarte erhalten würde. Liebe schlagzeilenverliebten und recherche-resistenten Qualitätsmoderatoren bei sky, sport1 oder Sportschau – über solche Maßnahmen solltet ihr mal berichten. Da quatscht ihr eine Woche lang permanent was von einem „West-Derby“, „West-Schlager“ und wie eure Begriffe für ein Spiel, dessen beteiligte Städte 90 km trennen, noch so lauten, um es interessant zu reden. Was sagt ihr denn dazu? Der Trainer von Aachen muss eine ganze Woche lang bei seinen Spielern den „Derbycharakter“ betonen, damit die überhaupt etwas davon mitkriegen, und der Verein muss mehrere tausend Freikarten springen lassen, um sein Stadion für dieses Spiel voll zu kriegen. Also nehmt doch endlich mal zur Kenntnis, dass das kein Derby ist. Nur ein Spiel zweier Vereine, deren Städte nicht allzu weit voneinander entfernt liegen, was den Fans der jeweiligen Auswärtsmannschaft bei der Anreise zeitlich zu Gute kommt. Aber der letzte Satz ist keine Definition für ein „Derby“, auch wenn ihr das anscheinend anders seht.

Nachdem Aachen nun dafür gesorgt hatte, dass man auf jeden Fall in der Mehrheit sein würde, wurden auch noch die Gästefans verarztet. Der Gästeblock (ca. 3.000 Zuschauer) war eh schon seit Wochen ausverkauft, der Sitzplatzblock direkt daneben ging für 24 Euro auch wie geschnitten Brot. Als die Nachfrage der Fortuna-Fans nach der Gala gegen 1860 München nochmals zulegte, machte man einfach den nächsten Block auf, schenkte also die komplette Hintertortribüne her – bloß kosteten die Karten jetzt 32,50 Euro! Eine fluffige Steigerung, wenn man bedenkt, dass hierfür dieselbe Aussicht geboten wurde, nur ein paar Meter weiter rechts. War wohl eher als abschreckende Offerte gedacht. Und als dies trotz großen Frusts auf Düsseldorfer Seite immer noch nicht den gewünschten Effekt hatte und man mit 5-6.000 Gästefans rechnen musste, da dachte man sich drei Tage vor dem Spiel noch einige zusätzliche lustige Sachen aus, um den Gästen den Aufenthalt so unangenehm wie möglich zu machen. Plötzlich hieß es, dass beim Verlassen des Gästeblocks – z.B. für einen Toilettengang oder einen Besuch am Verpflegungsbüdchen, also auch in der Pause – alle Tickets einkassiert werden würden und beim Wiederbetreten erneut ausgehändigt werden sollten. Wer sich diese Schnapsidee ausgedacht hat, der kann auch nur von einem anderen Stern sein. Ich hätte denjenigen ja dazu verdonnert, es selbst mal auszuprobieren. Mal abgesehen davon, dass auf solchen Eintrittskarten unter anderem geschrieben steht, dass sie auf Verlangen vorzuzeigen sind. Und die wollten die dann einkassieren, von mehreren tausend Leuten gleichzeitig? Super Idee. Noch besser war allerdings das Verbot, andere Fan-Utensilien als das, was man am Leibe trug, mit ins Stadion zu bringen. Das heißt keine Fahnen, keine Transparente, keine Zaunfahnen, keine Trommeln, kein Megafon, kein nix, was man heutzutage so braucht. Und warum? Nachdem beim letzten Aufeinandertreffen beider Teams auf dem Tivoli im Dezember letzten Jahres nach dem Spiel im Gästeblock Pyro abgebrannt worden war, hatte man uns kurzerhand diese Strafe aufgebrummt. Gilt nur für Düsseldorfer Fans und für die nächsten drei (!) Jahre. Aber schön, dass man dies auch schon drei Tage vor dem Spiel erfuhr, wie gesagt, im letzten Dezember

Also, das alles roch geradezu nach Eskalation. Man wollte die Gäste schon stinksauer ins Stadion bringen und dort dann noch ein wenig auf 180 treiben. Das alles natürlich, nachdem man sie schön ausgenommen hatte, denn die Preise in Aachen sind wirklich erstligareif. Die lassen ihre eigenen Zuschauer ihr vereinseigenes Stadion abbezahlen, und die sind anscheinend auch noch stolz darauf. Echt putzig.

Im Endeffekt mussten sie dann doch einlenken, denn wenn es bei dieser Konstellation Ärger gegeben hätte, wäre die Schuldfrage nicht ganz problemlos einseitig zu verteilen gewesen, um es mal so zu formulieren. Diese Albernheit mit der Eintrittskartenabgabe wurde wieder verworfen, und einige Fan-Clubs durften ihre Zaunfahnen aufhängen, Schwenkfahnen allerdings konnten nicht gesichtet werden. Lächerlich so was. Und schon irgendwie erstaunlich, wie viel Angst man anscheinend in Aachen vor dem Spiel hatte…jaja, wenn die Nerven blank liegen, dann lässt man halt gerne andere dafür büßen.

Somit begann das „West-Derby“ allgemein schon nicht unter so richtig tollen Vorzeichen. Da mir eh klar war, dass die Aachener zunächst Rasen und Gegner umpflügen würden, ließ ich nach dem Anpfiff mal die Uhr mitlaufen. Nach exakt 28 Sekunden senste Radjabali-Fardi an der Seitenlinie in Höhe der Mittellinie, also wirklich eine brandgefährliche Position, Maximilian Beister um. Einfach mal so, zum Kennenlernen. Entscheidend wäre hier natürlich ein Schiri, der direkt von Anfang an durchgreift und den Jungs sagt, wo es lang geht. Aber es war ja nur ein gewisser Dr. Brych, was soll man da erwarten? Noch nicht einmal eine Ermahnung.

Nach gespielten drei Minuten gab es einen Freistoß für Aachen, halbrechts in der Hälfte der Fortuna. Aachen linker Außenverteidiger Timo Achenbach war das verständlicherweise nicht genug, man muss die Feste schließlich feiern, wie sie fallen. Und so lief er nach dem Pfiff von seiner Position als linker Außenverteidiger fünfzig Meter übers Feld, um sich rechts vorne mit Sascha Rösler anzulegen und die erste Rudelbildung zu provozieren. Nachdem ihm dies erfolgreich gelungen war und acht, neun Spieler im lockeren Plausch beieinander standen, lief Achenbach im Dauerlauf hurtig die 50 Meter wieder zurück, nicht dass der Schiri etwas bemerken würde. Aber es war ja nur ein gewisser Dr. Brych, was soll man da erwarten? Noch nicht einmal eine Ermahnung.

Das müsste der Punkt gewesen sein, an dem der Aachener Coach durchgeatmet haben dürfte. Zweimal in der Anfangsphase so richtig zugelangt und provoziert, zweimal mit nix davon gekommen. War seine Taktik also anscheinend doch nicht so schlecht! Fortan traten, schubsten und rempelten die Aachener auf alles, was sich bewegte und hatten in Herrn Brych einen mehr als verständnisvollen Partner. Egal was sie machten, der Mann weigerte sich standhaft, auch mal Gelb zu zeigen. Dafür verwarnte er im Laufe des Spiels natürlich souverän Langeneke und Rösler – wegen Meckerns. Erst als es wirklich ein wenig auffällig wurde, mussten auch zwei Aachener daran glauben. Das Spiel war ungefähr 60mal wegen Foulspiels unterbrochen und circa ein Dutzendmal wurden die Mannschaftsärzte aufs Spielfeld gewunken. So sieht das also aus, wenn einer seiner Mannschaft mal erzählt, das nächste Spiel sei ein „Derby“…

Es überrascht natürlich nicht, dass die Partie 0:0 endete. So richtig viel Fußball gab es auch nicht zu sehen. Aus den ersten 40 Minuten beispielsweise ist mir nichts weiter in Erinnerung als die Ereigniskette „Foul – Pfiff – Freistoß“. Dann hatte Fortuna den Fehler gemacht, sich vom Gegner dessen Spiel aufzwingen zu lassen, eigene Aktionen nach vorne waren selten, vielleicht hatte man ja auch keine Lust, permanent am Boden zu liegen. Auf jeden Fall spielten die Aachener gegen Ende der ersten Halbzeit tatsächlich mal flott nach vorne, und – o Wunder! – sofort gab es Torchancen! Hatte der Hyballa in seinem Konzept wohl nicht berücksichtigt, deshalb wurden es auch nur drei. Die hatten es allerdings in sich, allesamt binnen fünf Minuten vor der Pause, man konnte schon fast von einem kleinen Powerplay sprechen. Zunächst zielte Reinhold Yabo aus circa zehn Meter von halbrechts knapp links vorbei, nachdem er zuvor hervorragend angespielt worden war. Das war schon eng, war aber nix gegen das, was anschließend folgte. Freistoß von links, schön an den Fünfmeterraum gebracht, der Ball fliegt über eine ganze Spielertraube hinweg und fällt auf den Kopf von Benny Auer, der sich heimlich um seinen Gegenspieler herum geringelt hat. Eigentlich eine Frechheit, dass der da stand, denn in Hyballas Konzept, welches er seit Saisonbeginn fährt, spielt Auer anscheinend nur eine untergeordnete Rolle. Vielleicht waren dem Trainer ja 20 Treffer in der letzten Saison auch zu wenig, wer weiß das schon. Und so setzt er den Kapitän und erfolgreichsten Zweitliga-Stürmer der letzten Jahre gerne regelmäßig auf die Bank, um ihn im Lauf des Spiels einzuwechseln oder eben nicht. Auch gegen uns hätte Auer auf der Bank Platz nehmen sollen, sein Name stand auf der Mannschaftsaufstellung bereits an entsprechender Position. Allerdings verletzte sich dann Kevin Kratz beim Warmmachen (vielleicht auch versehentlich von einem Mitspieler zum Aufwärmen weggegrätscht, keine Ahnung, ich hab’s nicht gesehen), sodass Auer in letzter Sekunde doch noch in die Anfangsformation rutschte. Und ausgerechnet der hat nun die dickste Chance, Kopfballaufsetzer aus circa vier Metern Entfernung. So ein Ding ist eigentlich drin, aber Fortuna-Keeper Ratajczak hält den Ball mit einem Wahnsinnsreflex. Und was ich schon über diverse anderer Torhüter geschrieben habe, gilt natürlich auch für ihn: wenn man den fragt, wie er diesen Ball gehalten hat, müsste er eigentlich sagen: „Keine Ahnung!“ Ein so genannter Unhaltbarer, würde ich sagen.

Zeit, sich auf seine Lorbeeren auszuruhen, hatte Ratajczak indes nicht, denn kurz darauf tauchte Auer schon wieder vor ihm auf, diesmal sehr schön rechts im Strafraum frei gespielt. Ratajczak eilte aus dem Tor, Auer zog ab, aber Lukimya hatte sich dazwischen geworfen und konnte den Ball blocken. Leider gelangte das Leder dadurch quasi wieder an die Ausgangsposition, sprich: vor die Füße von Auer, sodass dieser einen zweiten Versuch hatte, doch nun war Ratajczak nah genug heran gekommen und konnte parieren. Und wir konnten durchatmen, denn das waren doch drei Hochkaräter binnen kurzer Zeit.

Da wollten wir uns nicht lumpen lassen, und auch noch etwas zum Nachdenken in die Pause mitgeben. Nach Flanke von links konnte Rösler den Ball relativ unbedrängt im Sechzehnmeterraum annehmen. Anschließend legte er überlegt zurück an die Strafraumgrenze auf Maxi Beister, der die Kugel mit links und ordentlich Schmackes an den linken Pfosten drosch. Aachens Torwart Waterman hatte nur bewundernd hinterher schauen können. So endete die erste Halbzeit doch noch recht flott.

Apropos Rösler: der wurde übrigens an alter Stätte besonders in der ersten Halbzeit, als wir auf die Aachener Fankurve zu spielten, von dort mit den liebevollen Rufen „Rösler ist ein Hurensohn!“ bedacht. Das schreibe ich nicht, um meiner Empörung darüber Ausdruck zu verleihen, sondern um Herrn Hopp und seinen Leibsklaven zu demonstrieren, dass man das auch ganz gut aushalten kann, ohne gleich die Schallkeule zu schwingen. Rösler lebt noch, ist auch nicht traumatisiert und erzählt auch nicht weinerlich, eigentlich müsse er ja „200-fache Klage wegen Beleidigung“ einreichen wie die beleidigte Leberwurst aus Hoffenheim. Wollte ich nur mal kundtun. Aber ist ja auch nur 2. Liga.

Die zweite Halbzeit ist ebenso schnell erzählt. Aachen hatte keine Torchance mehr, was auch damit zusammenhing, dass Trainer Hybaklla seine offenkundige Auer-Allergie dergestalt bekämpfen musste, dass er seinen Stürmer schon nach etwas über einer Stunde vom Platz nahm, nicht dass der weiter Torgefahr verbreiten und so das ganze schöne Konzept über den Haufen werfen könnte! Wir waren nicht undankbar dafür. Und eigentlich hätten wir die Partie auch gewinnen können, aber so richtig viele Chancen spielten wir dann auch nicht mehr heraus. Deren zwei sind noch erwähnenswert. Zunächst grätschte Bröker eine Hereingabe von rechts mit dem Knie an den linken Innenpfosten, frecherweise sprang der Ball ins Feld zurück, anstatt die läppischen paar Zentimeter über die Torlinie zu hoppeln; schon wieder Pfosten, schon wieder der linke, in Aachen sind die Tore wohl kleiner als bei unseren Jungs im Training. Auch Rösler hätte noch eine Bude machen können, er erwischte eine abgefälschte und vom Keeper unterlaufene Flanke am langen Pfosten – leider nur noch mit dem ganz langen Bein, er konnte die Kugel nicht mehr weit genug herum ziehen, der Ball ging nur ans Außennetz. Also, neben mangelndem Durchsetzungsvermögen kam auch ein wenig Pech hinzu. Und natürlich ließ sich Dr. Brych nicht lumpen, auch in der zweiten Hälfte einige Lachnummern zum Besten zu geben, leider konnten wir darüber nicht lachen, da wir „zufällig“ in jedem dieser Fälle die Gelackmeierten waren. Seine Meisterleistung vollbrachte dieser angeblich Erstliga-Schiri in der 75. Minute, als er Beister einen klaren Elfmeter versagte, nachdem dieser von Erb beidbeinig voran gefällt wurde; Dr. Brych hatte beste Sicht und entschied, dass Grätschen an jenem Tag das normale Aachener Spiel und somit nicht zu ahnden seien. Schade nur, dass er diese Einsicht exklusiv hatte. Dann gab er in einer Szene Abstoß vom Aachener Tor, als alle, auch die Gastgeber sich schon auf den – völlig berechtigten – Eckstoss für Fortuna eingerichtet hatten. Eine eindeutigere Fehlentscheidung gibt es kaum, aber Herr Brych dachte sich wohl: „…weil ich’s kann!“ und gab unter johlendem Gelächter Abstoß. Höhepunkt seines liebevollen Schaffens für die Heimmannschaft war jedoch der Zeitpunkt, als Tobias Feisthammel ausgewechselt werden musste. Der hatte sich in einem Zweikampf verletzt und lag im eigenen Fünfmeterraum. Er wurde behandelt, und die Mannschaftsbetreuer gaben das klassische „Auswechseln“-Signal zur Trainerbank. Und nun wollen wir uns mal kurz erinnern, wie dieses Problem normalerweise völlig unspektakulär gelöst wird. Der verletzte Spieler wird mal eben drei Meter hinter die Torauslinie geführt (wie gesagt, er lag ja im Fünfmeterraum), wo er weiter behandelt werden kann, während dessen kann an der Mittellinie sein Ersatzmann ins Spiel kommen. Aber Dr. Brych wollte der Alemannia auf gar keinen Fall zumuten, vielleicht kurzfristig in Unterzahl spielen zu müssen. Und so gab es eine neue Variante zu bestaunen: Feisthammel wurde erst auf dem Platz behandelt, dann verließ er das Feld humpelnd über den Weg Fünfmeterraum, Eckfahne, Mittellinie, immer schön an den Linien entlang, und immer auf dem Spielfeld. Während dessen hatte die Aachener Ersatzbank nämlich die Zeit, einen Ersatzspieler auszuwählen und diesen für seinen großen Auftritt anzukleiden. Und während der gesamten Zeit, nahezu volle fünf Minuten, hielt Dr. Brych das Spiel sorgsam unterbrochen! Vielleicht hatte er ja Angst, ansonsten auch mal schwarz-gelb weggerätscht zu werden, wenn er ihnen diesen Gefallen nicht getan hätte. Eine der skurrilsten eindeutigen Bevorzugungen einer Mannschaft, die ich je live bewundern durfte. Humpelstilzchen wandert vom Platz und bewundert zwischendurch noch die Aussicht, und der Herr Schiri nickt, lächelt und wartet. Also dermaßen deutlich sollte man es dann doch nicht machen…

Nach dieser Aktion war so ziemlich jedem im Stadion klar, dass hier die Null stehen bleiben würde. Aachen kam nicht mehr nach vorne, unsere zwar schon, waren aber harmlos, außerdem spielte ja noch ein Schiri mit. Nach dieser Bestleistung war ich davon überzeugt, selbst wenn unser Keeper Ratajczak mittels Abstoß aus der Hand in der 89. Minute aus Versehen den Siegtreffer erzielen würde, der gute Dottore würde an diesem Tag mal locker Abseits pfeifen.

Auch unser Trainer schien mit dem Remis zufrieden und zeigte mal wieder sein zweites Wechselgesicht, indem er wieder mal zu spät und völlig rätselhaft wechselte. So konnte ja nix mehr rumkommen, und das Spiel endete mit dem letzten schlechten Scherz des Schiris: der hatte seinem vierten Mann zwei Minuten Nachspielzeit angezeigt, an sich schon ein Witz bei all den Unterbrechungen. Aber kaum hatte der Stadionsprecher die Zeit durchgegeben, da pfiff der Doktor auch schon ab, von den zwei Minuten waren vielleicht gerade 30 Sekunden gespielt. Natürlich muss sich ein Schiri nicht an seine eigene Vorgabe halten, sie ist nicht verpflichtend. Aber wie man das Spiel dermaßen spontan beenden kann, hätte ich gerne mal gewusst. Wahrscheinlich wollte er kein Risiko mehr eingehen.

Übrigens hatte die Slapstick-Vorstellung von Herrn Brych noch ein humoristisches Nachspiel. Im Montags-kicker wurde die Leistung dieses Spitzenmannes nämlich mit, na klar, der Note 1,5 bewertet. Immerhin zum Teil mit einer nachvollziehbaren Begründung: „…hielt dabei seine Linie konsequent durch.“ Das war in der Tat so…jetzt such ich noch den Schlaumeier, der die „1,5“ in die Bewertung reingeschmuggelt hat. Ich halte es für unmöglich, dass derjenige tatsächlich im Stadion gewesen ist. Und wenn doch, dann mit Alemannia-Mitgliedsausweis in der Tasche…

Fortuna holte somit einen Punkt in Aachen. Eigentlich kann man sagen, wir verschenkten deren zwei, aber wer weiß, wozu es gut ist. Solch ein Spiel mit solch einem Schiri verlierst du auch ganz gerne mal mit 0:1. Insgesamt hatte man eh zu wenig zwingend und zu drucklos nach vorne gespielt. Okay, man hatte Pech mit zwei Pfostentreffern und dem wieder einmal nicht gegebenen Elfmeter, aber da die Aachener auch drei große Chancen hatten, ist das Remis vielleicht gar nicht mal ungerecht. Mal sehen, ob sie demnächst auch wieder Fußball spielen, oder ob der Hyballa von diesem Konzept so angetan ist, dass er sie jetzt weiter treten lässt. Hat bei mir einiges an Sympathie eingebüßt, der Jungtrainer, der die Truppe grätschen lässt, nur um seinen Job zu retten. Mal sehen, wie lange.

Und so finden wir Fortuna nach sechs Spieltagen in einer Spitzengruppe aus sieben Teams wieder, die alle gut aus den Startlöchern gekommen sind. Wir sind noch ungeschlagen, drei Heimsiege, drei Auswärtsunentschieden, 12 Punkte, ein Punkt von Platz 2 entfernt. Das hat sich doch ganz gut angelassen, denke ich. Es gilt, die Form über die nunmehr anstehende Länderspielpause zu konservieren. Und mal wieder Wechsel zu üben, in Aachen lag der Trainer wirklich voll daneben, da darf es beim nächsten Mal gerne wieder das Goldhändchen sein.

Nebenbei sind wir eigentlich schon durch, wenn ich den „Gesetzen des Fußballs“ vertrauen darf. Denn schließlich gleicht sich doch im Laufe einer Saison alles aus, oder wie war das? Na wenn das so ist…in den letzten drei Spielen haben wir insgesamt dreimal den Pfosten getroffen und drei Elfmeter zu Unrecht nicht bekommen. Dann mach mal, lieber Fußballgott!

Guckt sich im September wieder alles an: janus

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