26.-29. Spieltag

Liebe Freunde des rot-weißen Balles,

schon wieder eine Zusammenfassung ohne Fortuna-Siege. Das wäre ja zu verkraften, wenn sich die Saison nicht langsam dem Ende nähern würde. Schön war es nicht, was die beste Mannschaft der Welt in den letzten vier Spielen so zelebriert hat. Aber natürlich müssen wir auch durch dieses tiefe Tal, eine Umleitung gibt es nicht. Gut ist da natürlich, wenn mal wieder einer mit dem moralischen Zeigefinger den Weg weist. Und diesmal ist es sogar nicht Armin Veh. Also ran ans Trauerspiel!

Ein Kick, den keiner brauchte

Am 19.03.2012 ging es für die Fortuna weiter. Man musste jott-we-de bei Energie Cottbus antreten, und was dieses Kürzel für „janz weit draußen“ dem gemeinen Fortuna-Fan in dieser Saison beschert, braucht ja nicht weiter erläutert werden – natürlich Montagsspiel. Da musste wohl einer bei sport1 noch eine Wette durchkriegen, dass er auch ein solches Spiel als „Top-Spiel am Montag“ bei der DFL durchkriegt, und natürlich war das kein Problem. Vorab, dieses „Top-Spiel“ stieß natürlich auch auf Top-Interesse beim Publikum – immerhin 7.800 Zuschauer, davon knapp 500 aus Düsseldorf. Fast die 8.000 geknackt, bei sport1 wird man hochzufrieden gewesen sein.

Immerhin bescherte mir der Spieltermin einen völlig stressfreien Flug nach Berlin, an einem Montagvormittag wollen anscheinend nicht allzu viele Leute in den Flieger steigen. Und da das Wetter passte, wurde auch gleich mal wieder ein bisschen auf Sightseeing in Berlin gemacht. janus bei strahlendem Sonnenschein vor dem schön beflaggten Reichstag – ein Bild von historischer Strahlkraft! Naja, und falls nicht, dann ging wenigstens die Zeit rum.

Am späten Nachmittag machten wir uns dann mittels Leihwagen auf den weiteren Weg. Kleiner Touri-Tipp: wenn ihr in Berlin einen Wagen mietet, holt den am Hauptbahnhof ab. Im Untergeschoss präsentieren sich die einzelnen Verleihfirmen direkt nebeneinander, und trotz unterschiedlicher Farben und Namen sehen die irgendwie alle identisch aus: vergleichweise großer Raum mit spärlich-funktionalem, aber schickem Mobiliar, dazu ein paar Werbeaufsteller, das Ganze nett ausgeleuchtet und klimageregelt, und ganz am Ende der gefühlten Lagerhalle ein einziges Männlein hinter seinem Pult, das in dem Laden irgendwie komplett verloren aussieht. Das ist also die moderne Autovermietung von heute – ich fürchte nur, deren Designer hatten bei der Einrichtung der Hütten alle denselben Film im Kopf, ich tippe auf „Men in Black“, die Szene, in der Will Smith zum ersten Mal die MiB-Zentrale betritt und auf den Portier trifft. War irgendwie eine starke Ähnlichkeit, außer vielleicht mit ein wenig mehr Farbe.

Wie modern diese Vermietung ist, stellten wir gleich anschließend fest, denn bei dem gebuchten Kleinwagen mit Navi fehlte das Navi, das nenn ich mal ne Bestellung unfallfrei ablesen! Für die anschließende Umbuchung brauchte das bedauernswerte Männlein volle zehn Minuten (jaja, der Fuhrpark war so „ausgedünnt“), wofür ich allerdings volles Verständnis hatte, der wollte uns nicht so einfach gehen lassen. Ich wäre auch nicht gern in dieser riesigen Science-Fiction-Kulisse allein zurück geblieben mit dem Wissen, dass jetzt auch in den nächsten drei Stunden niemand mehr käme, denn der Betrieb an jenem Montag hielt sich doch sehr in Grenzen.

Schlussendlich düsten wir also mit einem Mercedes-Kombi los, was für ein Tausch! Das Ding ging ab wie Schmitz’ Katze, weshalb wir über die A 13 auch nur etwas mehr als eine Stunde nach Cottbus benötigten. Natürlich lag dies auch daran, dass auf der Autobahn absolut nichts los war. Und ich wäre nicht auf die Idee gekommen, zu vermuten, dass alle schon beim Top-Spiel am Einlass des Stadions drängten, es scheint generell in dieser Ecke nicht ganz so viel los zu sein. So sah die Gegend auch aus, beim vorherrschenden Wetter nicht unidyllisch, aber dennoch tot. Und wenn tatsächlich mal eine Abfahrt kam, hörten die Dörfer, deren Namen auf den Schildern standen, alle mit „-ow“ auf. Hab schon Kreativeres gesehen.

Kreativ wurde es anschließend am Stadion in Cottbus. Das heißt zwar immer noch „Stadion der Freundschaft“, ist aber durch diverse Zäune, Absperrungen und Gitter dermaßen abschreckend eingerichtet, dass man sich schon vor dem Anpfiff fragt, ob die Einheimischen nicht doch eine merkwürdige Art haben, ihre Freundschaft zu zeigen. Aber egal, man war ja nicht hier, um Freunde für’s Leben zu finden, sondern um beim Fußball gut abzuschneiden.

Dies gelang dann auch nur leidlich. Fortuna holte mit einem 1:1 bei Energie Cottbus vor der schon angesprochenen gigantischen Kulisse einen Punkt, der nicht Fisch und nicht Fleisch war – eigentlich nicht schlecht, aber im Rahmen unserer doch eher durchwachsenen Rückrunde einfach zu wenig. Allerdings hatten wir auch definitiv nicht mehr verdient.

Fortuna ohne die gelb-gesperrten Rösler, Langeneke und Bodzek, die dem Tagewerk des Herrn Gagelmann zum Opfer gefallen waren, lehnte sich in der ersten Halbzeit gemütlich zurück und ließ den Gegner mal machen. Cottbus, ziemlich bieder anzusehen, machte mal, es war nicht viel, aber effektiv, denn nach zwei vergeblichen Anläufen per Schuss und Kopfball drüber oder daneben, war in der 26. Minute tatsächlich der erste Ball, der auch aufs Tor kam, direkt drin. Von links wurde aus dem Halbfeld geflankt, in der Mitte reckte sich Energie-Stürmer Sörensen nach dem Ball, sein Gegenspieler van den Bergh unterließ dieselbe Maßnahme leider, und schon stand es 1:0, schöner Hechtkopfball von Sörensen, halbhoch genau ins linke Eck, da konnte Almer fliegen wie er wollte. Wieder mal ein Rückstand.

Das ist auch schon alles, was man von der ersten Halbzeit berichten kann, außer einer sehr erfreulichen Einwechslung: als bei Cottbus in der 39. Minute Rangelov verletzt vom Platz musste, wechselte Trainer und Ex-Fortune Rudi Bommer den Tschechen Martin Fenin ein, der nach Hirnblutung und Depressionen mehrere Monate gefehlt hatte. Schön, dass es für ihn jetzt weitergeht. Noch schöner für uns, dass er sein Comeback nicht gleich mit einem Treffer krönte.

Die zweite Hälfte ist eigentlich auch schnell erzählt. Zwar wurde das Spiel besser, aber allzu viel tat sich vor den Toren auch nicht. Fortuna jetzt druckvoller, zumal Trainer Meier nach und nach mit Dum, Jovanovic und Furuholm mehr Offensivdrang ins Spiel brachte. Das machte die Sache natürlich auch für Cottbus noch interessanter, hatten die doch jetzt reichlich Gelegenheit zu kontern. Das taten sie auch, aber etwas richtig Gefährliches sprang nicht dabei heraus. Bei uns vorne zunächst auch nicht, bevor die Überlegenheit sich zwangsläufig auch in Chancen niederschlug. In der 74. Minute ein schöner Doppelpass zwischen Ilsø und Furuholm, und der Stürmer scheiterte am Fuß des guten Cottbuser Torwarts Kirschbaum. Diese dänisch-finnische Co-Produktion war meiner Erinnerung nach der erste gelungene Spielzug der Fortuna in dieser Partie. Und sofort folgten weitere. In der 80. Minute eine schöne Flanke von links, Jovanovic erwischt die Kugel gut per Kopf und wischt sie in die lange Ecke, aber Kirschbaum taucht blitzschnell und kann mit tollem Reflex retten, eine Super-Aktion. Gut, dass der Jovanovic sich nicht vor Verzweiflung den Kopf hielt, denn dann hätte es die nächste Szene eine knappe Minute später wohl so nicht gegeben: langer Ball von Juanan nach vorne, Jovanovic legt mit dem unbedeckten Haupte schön quer in den Lauf von Adam Matuschyk und der Leihkölner, bislang eigentlich gar nicht groß aufgefallen, vollendet direkt aus acht Metern zum 1:1. Der Ausgleich war jetzt auch verdient, ließ mich allerdings eher verzweifeln. Was hatten die da eigentlich über 70 Minuten gespielt, wenn sie jetzt in nur zehn Minuten den Gegner schwindlig spielten? Ich werde es natürlich nie erfahren. Zum Schluss ging es noch mal hin und her, Ken Ilsø versiebte noch eine Schusschance, die Cottbusser wollten es auch noch einmal wissen und drängten nach vorn, aber es passierte nichts mehr. Außer dass sich Oliver Fink in der 92. Minute noch eine völlige unnötige Gelbe Karte abholte, es war seine fünfte, Sperre für’s nächste Spiel gegen Braunschweig. Dasselbe hatte zuvor bereits Außenverteidiger Tobias Levels geschafft. Binnen zwei Spielen fünf Sperren herauszuholen, dürfte auch noch nicht vielen Clubs gelungen sein. Im Gegensatz zur Vorwoche waren dies aber Karten, die durchaus gezückt werden konnten.

Auf der Rückfahrt nach Berlin machte ich dann noch die keineswegs überraschende Entdeckung, dass in allen „–ow“-Dörfern, die man entlang der Autobahn sehen konnte, offenkundig bereits um 22.00 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt worden waren, man konnte froh sein, wenn man überhaupt noch irgendwo ein Lichtlein sah, auf der Straße selbst konnte bis auf drei Lkw auch nichts gesichtet werden. Wie gesagt: idyllisch, aber tot. Kann man sich angucken, muss man aber nicht. Genau wie das Spiel vorher. Ein Sinnlos-Kick zum Sinnlos-Termin.

Hässliche Kölner überall

Nur einen Tag später strand schon der nächste Nackenschlag auf dem Programm. Verteidiger Assani Lukimya hatte sich entschieden. Nun ist es ja so, dass niemand mehr ernsthaft daran glaubte, dass der Luki auch in der nächsten Saison noch mal das Fortuna-Trikot überstreifen würde. Sein Vertrag läuft zum Saisonende aus, man hatte ihm auch schon längst ein entsprechendes Angebot gemacht, aber er hatte Fortuna zappeln lassen. Hatte etwas verkündet von wegen, er wolle in der nächsten Saison unbedingt 1. Liga spielen. Und Fortuna sei da natürlich sein erster Ansprechpartner, wenn der Aufstieg gelänge. Da haben ihn wohl so vor einigen Wochen die eigenen Leistungen in Zweifel gebracht, ob das denn noch zu stemmen sei. Denn er schloss mit einem anderen Verein ab, obwohl Fortuna noch im Aufstiegsrennen ist , wenn auch mit sehr bescheidener Rückrunde. Aber nach solchen Äußerungen hätte man natürlich erwartet, dass Lukimya erst einmal abwartet, wie sich Fortuna im Aufstiegskampf schlägt, bevor er sich entscheidet. Das war ihm offenkundig zu riskant.

Aber es wurde ja noch besser. Vor einigen Wochen befragt, sülzte unser Kleiderschrank den ganzen Mist runter, den Spieler wie er wahrscheinlich von seinem Berater eingeimpft kriegen, weil es sie so furchtbar sympathisch erscheinen lässt. So von wegen, das Geld spiele bei einem neuen Vertrag nicht die Hauptrolle, wichtig sei, dass die sportliche Perspektive stimme, und auch die jeweilige Stadt müsse zu ihm passen. War aber alles nicht so gemeint: Lukimya unterschrieb für die kommende Saison beim 1.FC Köln! Mal abgesehen von der rheinischen Rivalität beider Clubs, die bei den Fans durchaus vorhanden ist, auch wenn man seit 13 Jahren kein Pflichtspiel gegen Köln mehr bestritten hat – wie kann ich denn unter den selbst genannten Voraussetzungen bei einem Club unterschreiben, der noch in akuter Abstiegsgefahr schwebt, 30 Millionen Euro Schulden hat, und in der nächsten Saison seinen einzigen überdurchschnittlichen Spieler abgeben wird, ohne aus diesem Verkauf viel Kapital zu schlagen, das wieder in weitere Top-Spieler reinvestiert werden könnte? Und mit der Stadt, die zu ihm passen müsse, das kann auch nur so gemeint gewesen sein, dass er jetzt nicht umziehen muss, sondern pendeln kann, also wirklich. Und wenn einer in diesen Tagen etwas von „sportlicher Perspektive“ nuschelt und dann zu solch einem Verein wie dem 1. FC Köln geht – dann hat er seinen jetzigen Verein die ganze Zeit nur hingehalten. Denn dann geht es tatsächlich nur ums Geld, von dem Bahnhofskapellendorf ja weiterhin reichliche Mengen aus dem Fenster wirft, egal ob sie es sich leisten können oder nicht, schließlich „häätt et noch immer joot jejange“. Dann war allerdings Fortuna nie ein ernsthafter Kandidat für eine Vertragsverlängerung, sondern es war mal wieder alles nur Geschwätz. Wie man vom Publikumsliebling blitzschnell zur Persona non grata werden kann, demonstrierte Lukimya hier sehr eindrucksvoll. Aber ebenfalls, wie man sich eventuell verzocken kann, denn nach allem, was bisher so durchsickerte, hat sein Vertrag wohl nur Gültigkeit für die 1. Liga. Falls die Kölner absteigen, was ich ihnen ja seit Jahren wirklich innig gönne, dann steht der gute Mann am 01.07. leider vertragslos auf der Straße. Und wird ja wohl wenigstens dann den Anstand haben, den er zuvor nicht hatte, und nicht wieder bei uns anklopfen. Das Kapitel ist nun definitiv beendet. Es scheint aber so, als wären die kolportierten Angebote namhafter Erstligisten wohl doch nicht so üppig gewesen und nur lanciert worden, um das Gehalt hochzutreiben. Lukimya wird ne Ziege – dass ich das mal schreiben müsste, hätte ich auch nicht unbedingt gedacht. Sportliche Perspektive, jaja. Man darf gespannt sein.

An Tagen wie diesem

Zum Abschluss des März erschien am 24. jenes Monats der saustarke Aufsteiger Eintracht Braunschweig in der Esprit-Arena, klaute einen Punkt und verschwand grußlos wieder in seine blau-gelbe Glückseligkeit einer gelungenen Saison. Ein Unentschieden, das – im Gegensatz zu dem in Cottbus, mit dem man eventuell hätte rechnen können – noch richtig weh tun kann. Besonders wenn man sich anguckt, wie es zustande kam.

Zunächst mal eins vorweg, bevor es heißt, ich würde ja nur noch die rot-weiße Brille auspacken: das Unentschieden war für Braunschweig verdient, es war eine der stärksten Vorstellungen eines Gastes in der Esprit-Arena in dieser Saison. Ich persönlich empfand das sogar besser als das, was die göttliche Eintracht aus Frankfurt sich bei uns so zusammen geschustert hatte. Fortuna bot sehr gute erste zehn Minuten inklusive eines Lattenknallers von Sascha Rösler, nur um dann völlig unmotiviert den Rest der ersten Halbzeit abzuschenken. Die Braunschweiger, nicht faul, dachten sich, wenn sie nun schon hier seien und vom Gastgeber nix käme, dann könnten sie ja selbst mal was machen. Sie nahmen das Heft in die Hand und spielten die Fortuna-Abwehr mal eben schwindlig. Zweimal ging es gut. Einen Kopfball von Theuerkauf nach angeschnibbeltem Kruppke-Freistoß aus dem Halbfeld konnte Robert Almer parieren, Langeneke den Abpraller entsorgen, bevor er – also der Abpraller – im leeren Tor versenkt zu werden drohte. Bei der nächsten Gelegenheit nickte Dominik Kumbela einen Eckstoß von rechts auf die lange Ecke, dort stand zum Glück Ken Ilsø und konnte klären. Beim dritten Mal gabs dann aber nichts mehr zu entsorgen oder zu klären: In der 26. Minute lupfte Pfitzner einen schönen Ball aus dem Mittelfeld Richtung Fortuna-Gehäuse, Kruppke spazierte aus dem passiven Abseits heraus, ohne einzugreifen, dafür sprintete Kumbela hinter dem Ball her, war deutlich schneller an der Kugel als Lukimya und tunnelte anschließend Almer zum verdienten 0:1. Schon diese Szene hatte ein gewisses „Geschmäckle“, denn der passiv abseitige Kruppke nötigte durch seinen Spaziergang Lukimya dazu, um ihn herum zu laufen, und dadurch könnte man auch durchaus zu der Ansicht gelangen, dass sich Kruppkes passive Abseitsstellung in eine aktive verwandelte. Okay, pfeift kein Mensch heutzutage, und angesichts dessen, was der Schiri sich anschließend leisten sollte, ist es eigentlich auch nur eine Marginalie. Aber es gab schon mal einen weiteren Vorgeschmack, dass dies ein ziemlich gebrauchter Tag für alle Fortunisten werden könnte. Das zehnte Rückrundenspiel, der achte 0:1-Rückstand. Eigentlich unglaublich.

Apropos Schiri: das war der Herr Markus Schmidt, seines Zeichens Bundesliga-Schiri mit der Erfahrung von über 200 Erstliga-Spielen. Die hatte er an diesem Tag aber gleich mal komplett zuhause gelassen. Zunächst war das nicht so schlimm, weil er mit seinem offenkundigen Glauben, er befinde sich beim Basketball, regelmäßig beiden Mannschaften das Spiel kaputt pfiff. Bis das Pendel der Fehlentscheidungen dann richtig derbe zur Seite der Fortuna ausschlug.

In der 45. Minute, Sekunden vor dem Pausenpfiff, erzielte die Fortuna nämlich den Ausgleich. Grundlage war ein völliges Missverständnis zwischen Eintracht-Verteidiger Bicakcic und seinem Keeper Davari, die beiden knapp im Sechzehner mit einem absolut harmlosen Ball „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher!“ spielten. Bis „Lumpi“ Lambertz sich dazwischen und den Ball ins Tor haute. Ergebnis: Freistoß für Braunschweig. Was war passiert?

Lambertz hatte sich hinter Bicakcic zum Ball gemogelt und im richtigen Moment sein Standbein zwischen den Verteidiger und den Ball gestellt. Als Bicakcic dann, völlig überrascht vom plötzlich auftauchenden Störenfried, die Kugel wegschlagen wollte, traf er Lambertz’ Standbein. Der zog allerdings nicht die von Herrn Bruchhagen unterstellte „Methode Fortuna“ ab, sondern – Herr Veh wird mal wieder ungläubig bewusstlos zu Boden gesunken sein – biggelte die Kugel im Fallen unter dem Körper des Keepers durch ins leere Tor, während der Verteidiger umfiel und sich das Füßchen hielt. Für Herrn Schmidt ein schöner Augenblick, um Freistoß für Braunschweig zu pfeifen. Statt Tor oder – wenn er das schon nicht geben wollte – Elfmeter für Fortuna und Rot für Bicakcic, weil er letzter Mann war. Unfassbar. Eine der dicksten Fehlentscheidungen schlechthin, den Sachverhalt völlig falsch ausgelegt und dann noch einen ganz klar reguläres Tor weggepfiffen. Na großartig. Tage wie dieser.

Nach der Pause schien es erst besser zu werden. Der eingewechselte Thomas Bröker brauchte nämlich keine drei Minuten, um den Rückstand zu egalisieren. Nach einem Freistoß von Rösler aus dem rechten Halbfeld hielt Bröker die Rübe hin, die Kugel landete rechts oben im Winkel – 1:1. Das zehnte Rückrundenspiel, der achte 1:1-Ausgleichstreffer der Mannschaft. Eigentlich unglaublich.

Unglaublich dann aber auch der weitere Auftritt des Herrn Schmidt. Zunächst verwarnte er Maxi Beister wegen hohen Beins irgendwo an der Seitenlinie im Mittelfeld. Schade nur, dass der seinen Gegenspieler gar nicht berührt hatte. Und extrem schade, dass dieser Witz seine fünfte Gelbe Karte war – ausgerechnet im Spiel gegen den FC St. Pauli, bei denen er im Hinspiel so gewirbelt hatte, würde er nun fehlen. Der sechste Spieler binnen drei Spielen, der sich eine Gelbsperre einfing, auch nicht schlecht. Aber diesmal wieder eher aus der Kategorie „Ich hab nix gesehen, also zieh ich vorsichtshalber mal Gelb“.

Höhepunkt des kreativen Schiedsrichterschaffens war dann die 62. Minute. Sascha Rösler wird im Strafraum gefällt, als er nach einem Pass in die Mitte, der von den Braunschweiger nicht final geklärt werden konnte, eher am Ball war als sein Gegenspieler, der ihn daraufhin, weil er halt zu spät kam, weggrätschte. Ich schaute in diesem Moment direkt zum Schiedsrichter und dachte, ich spinne: der zeigte mit beiden Armen vor dem Körper, die er mehrfach schnell kreuzte und wieder auseinander bewegte, eindeutig „War nix!“ an, ließ also weiterspielen. Ein Witz, dachte ich noch, lobte aber zwei Sekunden später sein gutes Auge: der Ball war nämlich von Rösler im Strafraum, weiter nach links gerollt und dort durch Johannes van den Bergh per sattem Flachschuss zu seinem allerersten Treffer für die Fortuna überhaupt versenkt worden. Gut den Vorteil erkannt, dachte noch. Als ich ausgedacht hatte, zählte auch dieser Treffer nicht. Denn Herr Schmidt hatte sich wohl gesagt, dass er es uns nicht so einfach machen wollte und sich plötzlich wieder umentschieden. Jetzt entschied er plötzlich auf Elfmeter, nachdem er zuvor ganz klar weiterspielen signalisiert hatte! Da kann seine Begründung eigentlich nur lauten: „Weil ich’s kann!“, etwas Anderes ergibt überhaupt keinen Sinn. Beim Foul abwinken, aber wenn anschließend einer frech einfach den Ball ins Tor schießt, dann sagen: „Och nöööö, lass mal. Lieber doch Elfmeter.“ Und das ist nun wirklich eine der größten Fehlentscheidungen, denen ich live beiwohnen durfte.

Die man im Fernsehen übrigens irgendwie nicht zu sehen bekommt. Bei jeder Aufarbeitung der Fernsehsender sieht man beim Foul nur einen Zoom auf Rösler und seinen Gegenspieler, der Schiri mit der eindeutigen Gestik ist nicht im Bild. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass die entsprechenden Handbewegungen zu erkennen sein müssten, wenn man die Szene aus der Hintertor-Kamera einspielen würde. Hab ich allerdings bis heute nicht gesehen, diesen Blickwinkel. War wohl nicht interessant genug für die Fernsehsender, und der DFB hat bei solchen Szenen ja auch keinen gesteigerten Aufklärungsbedarf.

Aber was beschwere ich mich eigentlich? Schließlich gab es doch als Trostpreis zumindest den Elfmeter? Und hatten wir nicht mit Jens Langeneke den treffsichersten Elferschützen der Zweiten Liga auf dem Feld, neun Treffer in neun Versuchen? Klar hatten wir den. Aber an einem solchen Tag, mit Lattentreffer, schlechter erster Hälfte, für das nächste Spiel gesperrtem Stürmer, zwei regulären nicht anerkannten Treffern – was kommt an einem solchen Tag wohl? Ich prophezeite es, und niemand hasste mich mehr als ich selbst, dass ich Recht hatte: den schwachen Schuss von Langeneke fischte Davari aus der linken Ecke und konnte ihn sogar noch festhalten, weiter 1:1. Es gibt halt Tage, da passt fast nix. Ich begann mich schon darüber zu wundern, wie denn der Bröker-Kopfball hatte ins Tor gehen können.

Und so blieb es beim 1:1. es gab hüben wie drüben noch ein paar Chancen, die beste hatte der äußerst quirlige Kumbela für die Braunschweiger, als er mit einem Kopfball nur den Pfosten traf, und Dogan den anschließenden Abpraller nicht kontrolliert einschieben sondern noch gestört werden konnte. Eigentlich sahen 35.400 Zuschauer, darunter über 3.000 aus Braunschweig, ein gutes Spiel, von Braunschweig sowieso, aber auch die Fortuna konnte in der zweiten Hälfte gefallen. Mit Ausnahme der erwähnten 3.000 Gästefans war aber natürlich niemand nach dem Schlusspfiff zufrieden. Selbstverständlich war es unsere eigene Schuld, dass wir den Elfer zum 2:1 nicht reingemacht hatten, vielleicht hätte das ja schon gereicht. Aber ebenso selbstverständlich darf es diesen Elfmeter gar nicht erst geben. Und was sollst du denn noch machen? Du hast gegen diesen starken Gegner drei völlig reguläre Treffer erzielt, das sollte eigentlich reichen. Aber nicht, wenn der Schiri seinen kreativen Tag hat. Enttäuschend, aber was soll man machen?

Beide Spiele gegen Eintracht Braunschweig endeten somit 1:1. (Übrigens, als kleiner statistisch-kurioser Einwurf am Rande: in der Zweiten Liga spielen in dieser Saison zwei Verein mit Namen Eintracht, die aus Frankfurt und die aus Braunschweig – alle vier Spiele der Fortuna gegen die beiden Eintrachten endeten 1:1). Und wer noch mal zurück blättert auf das Hinspiel in Braunschweig, dem wird auffallen – schon damals wurde der Fortuna ein vollkommen regulärer Treffer durch Beister nicht anerkannt. Und bei allem Respekt für die guten Braunschweiger Leistungen in Hin- wie Rückspiel – bei insgesamt drei nicht anerkannten Treffern für Fortuna könnten die wirklich mal ein Kerzlein in der heimischen Kirche entzünden. Dem Fußballgott zumindest ist diese Truppe in dieser Saison wohl recht sympathisch.

Oder andersrum: Fortuna spielte nur 1:1 gegen Eintracht Braunschweig, weil die Gäste zu stark waren für die fünf regulären Treffer, die die Fortuna gebraucht hätte, um bei diesem Schiri als knapper Sieger vom Platz zu gehen.

Coming home

In die nachfolgende Beschäftigung, ein Spiel zu verdauen, bei dem sich alles gegen einen verschworen zu haben schien, inklusive der eigenen Mannschaft, platzte eine echte Sensationsmeldung: Axel Bellinghausen kehrt zur Fortuna zurück! Der Spieler, der von 1998 bis 2005 das Fortuna-Trikot trug, aus der eigenen Jugend 2002 direkt in die 1. Mannschaft stürmte und 2005 zunächst nach Kaiserslautern wechselte, nicht ohne allerdings in seinem letzten Heimspiel gegen den Chemnitzer FC höchstpersönlich als Vorlagengeber für Siegtreffer und Klassenerhalt zu sorgen. Sieben lange Jahre spielte er bei Kaiserslautern und Augsburg erst- und zweitklassig, vergaß allerdings seine lange Zeit noch drittklassige Heimat nie. Zum Beispiel stand er im Mai 2008 am letzten Spieltag der Regionalliga Nord in Erfurt mit auf der Tribüne und feuerte die Mannschaft an, die damals noch eine Aufstiegschance hatte. Sehr sympathisch. Bellinghausen ist nach einer Verletzung derzeit wieder absoluter Leistungsträger in Augsburg, und der Himmel mag wissen, warum die ihm keinen neuen Vertrag angeboten haben. Interessiert mich auch nicht. Der Axel kommt zurück und unterschrieb schon für drei Jahre bis 2015. Und zwar unabhängig von der Liga-Zugehörigkeit, das fand ich dann doch überraschend. Ein Hammer-Transfer, bei dem man leuchtende Augen bekommt. Zumal es auch ein Kuriosum bei der Sache gibt: der Axel wird ab Juli wieder mit Andreas Lambertz zusammenspielen – wie schon in der Oberliga, für denselben Verein. So etwas dürfte es auch nicht alle Tage geben. Welcome home!

Wochenende – eine nostalgische Reminiszenz

Könnt ihr euch erinnern? In diesen Tagen dachte ich oft darüber nach, wie es so war, damals…als man an den Wochenenden zwischen August und Mai stets mindestens einen festen Termin hatte. Damals konnte man noch seine ganze Schaffenskraft in die Arbeitswoche legen, abends ermattet aufs Sofa sinken und denken: Hoffentlich ist bald Wochenende! Denn das bedeutete in den meisten Fällen nicht nur arbeitsfrei, sondern auch: Fortuna spielt! Ob es an wunderschönen Freitagen im Spätsommer oder Frühjahr war, wenn die Temperaturen noch (oder schon) mild daher kamen, und man in den Sonnenuntergang hinein spielte, währenddessen zahlreiche kleine Monde in Gestalt unzähliger Lämpchen in den Flutlichtmasten das Geschehen illuminierten, immer im Hinterkopf den Gedanken, dass, egal wie das Spiel ausgehen würde, es erst der Beginn des lang ersehnten Wochenendes war. Oder an einem Samstag, wenn man eventuell bei einem Auswärtsspiel auch einmal zum frühen Aufstehen gezwungen wurde, auf der Autobahn oder im Zug bei mehrstündigen Anfahrten dann Land und Leute kennen lernte und nach dem Abpfiff eines Spiels natürlich am liebsten sofort zuhause gewesen wäre, aber immerhin auf der gesamten Rückfahrt daran dachte, dass es erst der Samstag und das Wochenende noch nicht ganz verloren sei. Oder ein Sonntag, wenn man stolz darauf war, nicht wie die anderen Autobahnblockierer in ihren Familienkutschen zum Kaffeekränzchen und Enkelvorzeigen bei den Schwiegereltern zu fahren, sondern den eigenen Verein zu unterstützen, wobei das Spiel früh genug beendet sein würde, damit man das Wochenende nach der Rückkehr am heimischen Herd auch noch in einer gewissen Muße würde ausklingen lassen können. Ja, Fortuna war ein verlässlicher Begleiter des Wochenendes, man traf sie regelmäßig, entweder im heimischen Wohnzimmer in Stockum oder irgendwo in Deutschland auf fremdem Territorium, mal weiter, mal näher von zuhause entfernt. Aber eben immer da. Zuverlässig wie der Tod und die Steuern.

Vorbei. Die geschilderten Szenarien sind nur noch blasse Erinnerungen im Dasein eines Fans der heutigen Zeit. Dass die jeweiligen Organisatoren des Spektakels der Meinung sind, Fußball als Volkssport müsste dem Volk auch dementsprechend täglich live im Fernsehen zur Verfügung gestellt werden, ist ja schon etwas länger bekannt. Und damit es auch die letzten Nostalgiker wie ich merken, dafür gibt es die aktuelle Spielplangestaltung in der Zweiten Liga allgemein und bei Fortuna im speziellen. Denn nun folgte ein Heimspiel gegen St. Pauli an einem Montag, dann ging es donnerstags nach Rostock, anschließend dienstags gegen den FSV Frankfurt, und in der darauf folgenden Woche dürfen wir wieder montags in Dresden ran. Ich erwarte eigentlich stündlich, dass unsere Familienministerin die DFL mal mit einem Ehrenpreis auszeichnet. Für ihre unermüdlichen Anstrengungen, den Gedanken vom gemeinsamen Familienwochenende auch im Fußball und vor allem in Düsseldorf nachhaltig zu fördern. Daher plädiere ich weiterhin dafür, endlich mal mittwochs vormittags um 11.30 Uhr anstoßen zu dürfen. Das ist familienfreundlich de luxe, da hat sowieso niemand Zeit, also muss man das Spiel aufzeichnen und kann es sich abends gemeinsam im trauten Kreis in aller Gemütsruhe anschauen. Und nach Asien soll man Spiele um diese Uhrzeit fernsehtechnisch auch gut verkaufen können, habe ich mal gehört. Damit wäre doch wirklich allen geholfen.

Außer diesen Nostalgikern, die Spiele auch schon mal im Stadion sehen wollen. Die müssen dann leider wieder einmal Urlaub nehmen, nur um 90 Minuten Fußball zu schauen. Aber das ist eh nur noch eine Minderheit, die hat dann leider Pech gehabt.

Fußball am Wochenende – das ist für mich mittlerweile so exotisch wie Palmen, Strände und Korallenriffe. Und wenn man es tatsächlich irgendwann einmal in die Südsee schafft, stellt man fest, dass es dort richtig teuer ist, die Luftfeuchtigkeit bei gefühlten 110% liegt und dass so etwas Interessantes wie eine Regenzeit existiert, die auch noch den schönsten Strand uralt aussehen lässt. Nach dem Willen der Organisatoren kann diese Postkartenidylle also mit Fußball am Wochenende gleich gesetzt werden: beides wird wohl gnadenlos überschätzt. Träumen darf man – bis einen die Realität in Form von tropischen Regengüssen oder einer einfachen Spielplangestaltung auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Schubidu

Die Werktagswochen begannen somit am 2. April mit der Partie gegen den bekanntermaßen nicht-etablierten FC St. Pauli. Das Spiel sahen 47.500 Zuschauer, eine erstligareife Kulisse. Ich war einer von ihnen und würde gern die Berichterstattung zum Geschehen auf dem grünen Rasen hiermit beenden. Natürlich wurde es ein 0:0, ein absolut mauer Kick mit zwei enttäuschenden Mannschaften, die 90 Minuten lang ihre Form aus der Hinrunde suchten, ihr aber nicht ansatzweise näher kamen. St. Pauli hatte zwei, drei gute Gelegenheiten, wenn mal flott nach vorne gespielt wurde, aber Fortuna-Keeper Almer reagierte zweimal prächtig, und das war`s dann. Fortuna auch mit ein paar Chancen, aber ebenfalls nicht Erwähnenswertes. Typisches „Spitzenspiel“, das wochenlang vorher hochgejazzt wurde und dann komplett enttäuschte, weil beide Teams nicht aus ihrem derzeitigen Leistungstief herausfanden. Was mich bei Fortuna allerdings sauer machte, war die Tatsache, dass die sich wohl mittlerweile sogar die Spielvorbereitung schenken. Nur so ist es zu erklären, dass sie völlig übersahen, wen die Hamburger da ins Tor stellten. Die kamen mit dem tapsigsten Tanzbären der 2. Liga, Benedikt Pliquett, ein Mann, der sehr sympathisch sein mag, auf der Torlinie aber gerne mal in Hektik verfällt und vor allem einer der berühmten „Bahnschranken-Keeper“ ist. Anstatt dass man den aus jeder Lebenslage unter Druck setzt, bis er sich den Ball vor lauter Verzweiflung selbst reinwirft, wurde mal wieder brav versucht, den Ball ins Tor zu kombinieren, was dann fast immer an der guten Pauli-Abwehr scheiterte. Wenn der gegnerische Torwart als Unsicherheitsfaktor gilt, dann muss ich da ganz anders agieren. Aber wie gesagt: vielleicht war das ja auch gar nicht bekannt…

Es blieb der Ärger über Lambertz`10. Gelbe Karte, die siebte Gelbsperre in den letzten vier Spielen, diesmal allerdings völlig berechtigt. Wie überhaupt Schiri Stark einen Tag erwischt hatte, der seinem Namen entsprach, völlig fehlerfreie Leitung, immer auf der Höhe und auch nicht übertrieben theatralisch. Auch bei der einzigen harten Entscheidung, die er treffen musste, lag er völlig richtig. Womit wir beim Thema André Schubert wären.

Eine Viertelstunde vor Schluss stellte Schiri Stark den St. Paulianer Abwehrspieler Zambrano nach Foul an Dum mit Gelb/Rot vom Platz. Völlig berechtigt, der hatte sich sowieso durch einen Großteil der Partie geholzt und war eigentlich überfällig. Dann zückte Stark auch noch Gelb gegen Sascha Rösler, ebenfalls völlig zu Recht, weil der die Karte für den Gegenspieler gefordert hatte. Danach passierte allerdings – vom Schiri unbemerkt – Folgendes: beim Abgang erinnerte Herr Zambrano sich anscheinend daran, für welchen Verein er spielt, und er rotzte zum Abschied Rösler noch an – wohlgemerkt, ohne dass dieser das Wort an Zambrano gerichtet oder sonst irgendwas gemacht hätte.

Und man möge mir bitte den Einschub bezüglich des Vereins nicht allzu übel nehmen. Dazu inspiriert wurde ich durch das, was anschließend zu lesen und zu hören war. Okay, dass die Pauli-Fans in ihrem Forum Zambrano gleich mal zum „geilsten Abwehrspieler von St. Pauli“ kürten, sich aber enttäuscht äußerten, dass er nicht „etwas höher gezielt und die Hackfresse von Rösler getroffen“ habe, das darf man nicht so eng sehen. Schließlich weiß ja nun mittlerweile jeder, dass die kein Stück „anders“ sind als andere Vereine, da können sport1 und sky sie noch so oft abfeiern. Auch bei denen sind halt jede Menge Vollprolls am Start. Und wenn die sich mal auf einen Spieler eingeschossen haben, dann ist das Beste gerade gut genug. Ich finde solche Leute zwar eklig, aber wie gesagt, die gibt`s überall, auch bei uns. Die sind kein Stück „anders“ als andere. Und auf dem Kiez gehört sowas wahrscheinlich zum guten Ton, so deute ich diese Reaktionen. Was weiß ich schon? Aber solche Kommentare sind abartig – egal, ob sie aus Düsseldorf oder aus St. Pauli kommen.

Eine etwas andere Qualität bekommt das schon, wenn plötzlich der „etwas andere“ Trainer dieses „etwas anderen“ Vereins ins selbe Horn bläst. Denn der Schubi, der schon nach dem Hinspiel ausschließlich Röslers Benehmen für die Niederlage verantwortlich gemacht hatte, was von seiner Fan-Gemeinde natürlich dankend angenommen worden war, dieses Trainer-Vorbild nuschelte auf die Frage, ob Zambrano vielleicht provoziert worden sei, plötzlich etwas in die Kamera, dass man für Zambrano schon ein bisschen Verständnis haben könne, wenn der Gegenspieler Sascha Rösler heiße. Und schob natürlich noch gleich einen nach: „Über Sascha Rösler muss man nichts mehr sagen, das haben die Kollegen schon getan.“ Genau, auch noch eine flotte Vorverurteilung direkt hinterher! Das kann schon mal vorkommen, wenn man „anders“ ist. Derselbe Schubert hatte sich schon nach dem Hinspiel geweigert, über den damaligen Platzverweis seines Spielers Thorandt zu sprechen. Der hatte damals Beister den Ellenbogen vor den Hals geschlagen, als der Ball zwanzig Meter weit weg war, und dafür nur Gelb/Rot gesehen. Für Herrn Schubert immer noch zuviel. Und wenn das Feindbild stimmt, dann hat Herr Schubert also auch Verständnis, wenn seine Spieler andere Leute anrotzen. Weil diese anderen ja sowieso Schuld sind, das haben Kollegen vor ihm schon festgestellt. Dazu fällt mir eigentlich wirklich nichts mehr ein. Dieser Mann ist so abgrundtief am Ende, das gibt es überhaupt nicht.

Ganz anders sieht das natürlich der DFB, bei dem mittlerweile nicht nur Schiedsrichter, sondern auch Trainer Narrenfreiheit genießen. Denn selbstredend gab es von dort keinerlei Kommentar zum Kommentar von Schubert, wie man sich ja schon aus den Hetzreden von Armin Veh gleich völlig herausgehalten hatte („Rotzlöffel“, „Schande für den deutschen Fußball“, Sperre auf Lebenszeit usw.). Seitdem warte ich ja darauf, dass die DFB-Herren dem Rösler mal nahe legen, seine Karriere möglichst verzugslos zu beenden, damit ihre Trainer, denen sie die Lizenzen erteilen, nicht weiter belästigt werden. Gerade der DFB, der so gerne etwas von Vorbildfunktionen der Sportler predigt, und dazu gehören die Trainer selbstredend auch, hat anscheinend überhaupt nichts dagegen, wenn diese Gestalten sich einfach mal einen, den sie nicht leiden können, vor laufenden Kameras zur Brust nehmen. Ganz groß.

Und liebe Kinder, die ihr in den F- und E-Jugenden des Landes so herumkickt, ich hoffe, ihr habt das verstanden, was diese Vorbilder euch gesteckt haben: wenn ihr einen Gegner nicht mögt, ist alles erlaubt. Den könnt ihr ruhig anpöbeln, es muss auch keinen Grund haben. Wenn der euch lange genug mit seiner Anwesenheit beleidigt hat, dürft ihr den auch gerne anspucken. Das gehört sich zwar nicht (diese Worte wählte Schubert auf der anschließenden Pressekonferenz, das möchte ich nicht vorenthalten), aber ihr könnt auf Verständnis hoffen. Der DFB heißt das auch gut, ihr dürft also loslegen. Vielleicht gewinnt ihr damit sogar noch den Fair Play-Preis in eurer Liga. Ihr habt euch schließlich nur an die Vorgaben von Vorbildern gehalten. Und denkt dran, wenn ihr in ein paar Jahren vielleicht mal eine Mannschaftstour nach Hamburg macht und euch auf die Reeperbahn verlauft: jemandem als Begrüßung den Ellenbogen vor den Hals rammen und ihn zum Abschied anspucken, das gehört dort offensichtlich zum guten Ton. Sagen jedenfalls genug Leute, die sich ständig dort aufhalten, und die sollten es ja wissen. Bis dahin könnt ihr das ja auf dem Platz ein wenig üben.

Zambrano entschuldigte sich anschließend nicht nur bei seiner Mannschaft, sondern auch bei Rösler. Sein Trainer selbstverständlich nicht. Den DFB wiederum ließ zumindest das ganze Provokationsgeheule kalt, er sperrte Zambrano neben der einen Partie für Gelb/Rot noch zusätzlich drei Spiele für die Unsportlichkeit. Seinen Trainer selbstverständlich nicht.

Tiefpunkt im hohen Norden

Es folgte die kriminellste Ansetzung der gesamten Saison, ich habe im letzten Bericht schon gemotzt. Nur drei Tage nach dem Spiel gegen St. Pauli setzte die DFL die nächste Partie der Fortuna bei Hansa Rostock an. Ein absolutes Unding und sehr einmalig in dieser Saison, kein anderer Verein war davon betroffen. Also nix wie hin zum Tabellenletzten im ganz hohen Norden. Die Anfahrt verlief erstaunlich unspektakulär über A 3/A2, A 352, A 7, A 1 und A 20, nur auf der A 1 vor Hamburg erwischte uns ein Stau. Nach knapp fünfeinhalb Stunden erreichten wir die Hansestadt und hatten noch genug Zeit, wirklich herrliches Wetter zu genießen, wenn auch etwas kühl. Das Stadion heißt jetzt DKB-Arena, und vielleicht liegt es ja daran, dass ich außer einigen merkwürdig anmutenden Rollmöpsen keinerlei Fisch im Umlauf der Arena zu sehen bzw. zu essen bekam. Und das in einer Hütte, die mal „Ostsee-Stadion“ hieß? Schade.

So ein gepflegtes Krabbenbrötchen hätte mir vielleicht auch geholfen, das besser zu ertragen, was sich anschließend auf dem grünen Rasen abspielte. Rechtzeitig zum Saisonfinale kredenzte Fortuna nämlich die schlechteste Saisonleistung. Die Vollblamage, für die eine Fortuna-Mannschaft früher immer gut war, und die man in dieser Saison auch während des anhaltenden Formtiefs in der Rückrunde immer vermieden hatte – diesmal gab es sie. Vor 14.500 Zuschauern verlor man beim Schlusslicht mit 1:2 und blamierte sich bis auf die Knochen.

Ich will nix gegen Rostock sagen, das taten die einheimischen Fans auf der Haupttribüne vor dem Spiel schon selbst. Wohin man auch lauschte, die gaben kaum einen Pfifferling auf ihre Mannschaft, auch wenn die in der Vorwoche überraschend 1:0 beim TSV 1860 München gewonnen hatten. Und genau so sah das in den ersten zehn Minuten auch aus. Rostock stolperte hilflos durch die Gegend, Fortuna überrollte den Gegner und hatte nach zehn Minuten schon vier dicke Chancen herausgespielt. Zweimal bewahrte Rostock-Keeper Hahnel die Gastgeber mit glänzenden Paraden vor einem frühen Rückstand, beide Male gegen Sascha Rösler. Während ich bei Röslers Kopfball nach Ilsø-Ecke nichts sagen will, war schon technisch anspruchsvoll genug, den Ball in Höhe des kurzen Pfostens auf die lange Ecke zu platzieren, so musste der Ball in der 6. Minute einfach drin sein. Da wurde er glänzend von Beister angespielt und kam am Fünfmeterraum zwar bedrängt, aber dennoch völlig frei zum Abschluss. Er traf den Ball nicht voll, und Hahnel konnte parieren. Das musste eigentlich die Führung sein.

Und dann? Also entweder war die Mannschaft ab der 10. Minute schon platt oder man dachte sich, es würde jetzt immer so weitergehen, so schlecht wie der Gegner war. War der dann aber auch nicht mehr, die Rostocker kamen zur Besinnung und kämpften sich ins Spiel. Schön war das immer noch nicht anzusehen, was die ablieferten, von Fortuna kam allerdings nichts mehr, man schenkte das Spiel einfach her. Bezeichnend dafür das 1:0 für Hansa in der 29. Minute. Es entstand aus einem Freistoß für Fortuna am gegnerischen Strafraum, der geblockt werden konnte. Rostock konterte, und zweimal hatten Fortuna-Abwehrspieler den Ball eigentlich geklärt, zweimal wurde er von den nachrückenden Gastgebern direkt wieder nach vorne gebracht. Warum? Weil sechs unserer tapferen Recken nach dem Freistoß einfach vorne geblieben waren bzw. nur im Trimmtrab zurückkamen! Das war schon eine Art Lustlosigkeit, die bedenklich stimmte. Zumal sich anschließend die Abwehr wohl dachte: wenn die nicht zurückkommen, dann machen wir auch nix mehr. Und so spielte schließlich Marek Mintal den Ball in den Sechzehner auf Tom Weilandt, der stoppte die Kugel, schaute in aller Seelenruhe, was er machen sollte und schoss anschließend den Ball durch drei Abwehrspieler, von denen sich zwei auch noch wegdrehten, flach ins linke Eck. Wie gesagt, das alles im Strafraum! Niemand hatte ihn angegriffen, und so erzielte Weilandt sein erstes Profi-Tor. Glückwunsch dazu, wir helfen ja gerne, wo wir können.

Und da die Mannschaft den letzten Satz wohl wörtlich nahm, ging es in der zweiten Hälfte gleich mal so weiter. Und wie, was die Fortuna von der 46. bis 80. Minute spielte, kann eigentlich nur noch mit dem Begriff „Slapstick“ bezeichnet werden. Eine grausame Karikatur der Leistungen aus der Hinrunde, bei einigen Stockfehlern wurde es wirklich lächerlich. Ein Rostocker Mitbürger, der vor mir platziert war, lachte bei einer besonders schönen Einlage von Dum schallend und sagte leicht ungläubig: „Die sind ja genauso schlecht wie unsere!“ Und er hatte Recht, wenn auch nur begrenzt – was Rostock brachte, war nicht viel, was unsere brachten, war deutlich weniger.

Bei dem flotten Spruch meines Vorsitzers stand es übrigens schon 2:0 für Hansa. Wenn du schon Scheiße spielst, dann hast du auch vom Fußballgott nichts zu erwarten, das wissen wir ja schon seit Wochen. Diesmal kam es aber knüppeldick: nach einem Freistoß in der 61. Minute hatte Mintal den Ball per Kopf am kurzen Pfosten verlängert, die Kugel fiel Oliver Fink auf den rechten Fuß, der versuchte noch, zurück zu ziehen, aber es war zu spät, und quasi mit dem Außenrist überwand er seinen eigenen Torwart. Besonders tragisch in diesem Zusammenhang: rund um Fink stand kein gegnerischer Spieler, wäre er nicht zufällig getroffen worden, wäre überhaupt nichts passiert. Wie gesagt: haste Scheiße am Fuß…

Und wo wir grad beim Thema sind: eine Viertelstunde vor Schluss gab es Elfmeter für die Fortuna, Torwart Hahnel, der zwischenzeitlich noch eine Riesenparade gegen Beister gezeigt hatte, holte Selbigen von den Füßen. Eine echte Dummheit, Beister zog mit dem Ball nach außen, den hätte Hahnel ruhig laufen lassen können, es wäre nichts passiert. Es spricht für die Qualität des Keepers an jenem Tag und die der Fortuna, dass auch nach dem Pfiff nichts passierte – Hahnel parierte den Strafstoß des eingewechselten Jovanovic. Langeneke hatte nach seinem verschossenen Elfer gegen Braunschweig nicht ran gewollt und dem Serben die Kugel überlassen. Somit haben wir jetzt auch noch ein Elfmeter-Problem, ganz toll.

In der 83. Minute traf Jovanovic doch noch, er staubte auf kurze Entfernung per Kopf ab, nach Freistoß und undurchsichtigem Gestochere im Rostocker Strafraum. Wer jetzt allerdings glaubte, er würde eine Schlussoffensive zu sehen bekommen, der sah sich getäuscht. Rostock verteidigte den Vorsprung geschickt, und Fortuna-Keeper Almer musste sogar noch einmal glänzend gegen den eingewechselten Freddy Borg parieren. Nach insgesamt 93 Minuten pfiff der Schiri ab, und die Blamage war perfekt – Fortuna verlor beim Schlusslicht mit 1:2. Erst die dritte Saisonniederlage, aber ein echter Nackenschlag.

Ja, ich halte den Spieltermin weiterhin für eine absichtliche Frechheit der DFL. Ja, es ist natürlich schon ein Unterschied, ob du bis montags abends um zehn Uhr spielen musst, dann Dienstag mal ein bisschen trainieren, und am Mittwoch direkt wieder zum nächsten Spiel musst, während andere Teams schön die Füße hochlegen können. Ja, der Trainer muss seit Wochen die Mannschaft immer wieder umbauen, diesmal fehlten Lambertz wegen Gelbsperre und Bröker und van den Bergh wegen Verletzung. Das alles sind Faktoren, sie ergeben in ihrer Gesamtheit allerdings nicht die Erklärung für die andere Erklärung, die Fortuna an jenem Gründonnerstag ablieferte – die des spielerischen Bankrotts. Es macht wirklich ein wenig traurig, zu sehen, was aus dieser Mannschaft geworden ist. Sie verkraften keine Ausfälle, sie verkraften den Druck nicht, sie verkraften es auch nicht, wenn von allen Seiten medial auf sie eingeprügelt wird, dafür haben LillyVeh und Schubi ja gesorgt. Sie sind eben keine Spitzenmannschaft, zu der sie zum Ende des letzten Jahres schon hochgejubelt worden waren. Und erst mit den aktuellen Leistungen kann man ermessen, welch eine Mörder-Vorrunde sie gespielt haben.

Auch in anderer Hinsicht. Denn der Witz ist ja: Fortuna ist trotz dieser Grotten-Rückrunde mit bislang ganzen zwei Siegen immer noch Tabellendritter. So gesehen ist ja noch gar nicht viel passiert. Okay, Fürth und Frankfurt sind weg, die werden aufsteigen. Damit musste man allerdings auch rechnen, wenn man nicht ganz blind durch die Zweitliga-Welt rennt. Aber im Rennen um den Relegationsplatz ist man weiterhin voll dabei. Ein besseres Indiz dafür, was das für eine Hinrunde gewesen ist, kann es wohl nicht geben.

Schon am Osterdienstag geht es weiter, gegen den FSV Frankfurt, der über Ostern dem FC St. Pauli drei Stück einschenkte und einen Punkt abknöpfte. Die sind also auch nicht gerade schlecht in Form. Die letzten fünf Spielen kommen jetzt, es ist noch alles drin, man kann aber auch noch alles verlieren. Wenn sie so weiterspielen wie gegen Rostock, brauchen wir uns keine Gedanken zu machen und können uns entspannt auf eine weitere Zweitliga-Saison vorbereiten. Aber vielleicht kriegen sie ja jetzt auch die Kurve, denn mal ehrlich – viel schlechter als in Rostock geht eigentlich nicht.

Und für so alte Säcke wie mich hatte das Spiel auch einen gewissen nostalgischen Wert: gut angefangen, grottenschlecht weitergemacht, beim Tabellenletzten verloren, dazu noch Eigentor erzielt und Elfmeter verschossen – das hatte schon so viel Oberliga-Style, da konnten einem Tränen der Rührung in die Augen schießen. Das ist die Fortuna, die wir viele Jahre lang kannten. Aber haben wir das wirklich vermisst? Natürlich nicht. Es hilft allerdings, wenn einem solche Szenen nicht ganz unbekannt vorkommen. Da bahnt sich eher ein resignierendes Lächeln seinen Weg als irgendwelche Anti-Parolen wegen enttäuschter Selbstzufriedenheit. Es kann nicht schaden, sich einen gewissen Galgenhumor zu bewahren. Könnte sein, dass man den in absehbarer Zeit wieder braucht.

Spuckt jetzt auch mal, und zwar zum Endspurt in die Hände: janus

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