11.-14. Spieltag

Aloha! Liebe Freunde des rot-weißen Balles, es wird wieder rekordverdächtig! Will sagen: in dieser Zusammenfassung kommen nur Siege vor! Und damit ich darüber jetzt nicht noch ellenlang ins Schwafeln komme, sage ich nur kurz: erfreuen wir uns an diesen Zeiten, es werden auch wieder andere kommen! Wobei diesmal schon einige Partien dabei waren, die „legendär“ werden könnten, aus verschiedenen Gründen. Also, lassen wir den Ball rollen…

Weiter ging es für die Fortuna am 17.10.2011 – endlich wieder ein Auswärtsspiel und endlich wieder montags. Hatten wir zuvor ja genau zwei Wochen nicht, da können schon mal Entzugserscheinungen auftreten. Dazu ähnlich fanfreundlich wie in Braunschweig gegen einen Gegner, der sich quasi vor der Haustür befindet, nur 475 Kilometer von mir bis Hamburg, somit ein Katzensprung. Aber was tut man nicht alles für ein „Spitzenspiel“. In An- und Abführung deshalb, weil ich immer noch nicht einzusehen vermag, wieso es am 11. Spieltag einer Saison wichtige Spitzenspiele zu geben vermag. Okay, der eine Verein auf Platz 3, der andere auf Platz 4 – na und? Ist ja in etwa genauso spannend wie diese Nervenkitzel-Gruppenphase in der „Champions League“. Noch nicht einmal allzu viel guten Fußball durfte man erwarten, schließlich hatte Fortuna beim FC St. Pauli, so der Gegner an jenem Montagabend, seit Anfang 1991 kein Spiel mehr gewonnen.

Naja, manchmal halten solche Serien, manchmal sind sie nur Schall und Rauch. Bei diesem Spitzenspiel griff die zweite Variante und bescherte uns einen tollen Montagabend. Man muss auch mal Glück haben, wenn die äußeren Umstände schon bescheiden sind.

Pfosten, Latte, Tralala

Und die waren wirklich bescheiden. Obwohl bereits am Montagvormittag gestartet, erwischten wir auf der A 1 noch vor Bremen eine Baustelle bei Delmenhorst mit zehn Kilometern Stau. Dort gut drumherum gefahren, konnte das nächste Abenteuer in Angriff genommen werden: die Fahrt auf der A 1 zwischen Bremen und Hamburg, seit Jahren ein Eldorado für all diejenigen, die entweder gerne Baustellen gucken oder aber es generell nicht so eilig haben, wenn sie mal Autobahn fahren. Diese großflächige Erneuerung des Autobahnteilstücks ist weiter in vollem Gange, wenn ich mich nicht verzählt habe, waren es fünf Baustellen von je sechs Kilometer Länge zwischen Hansestadt und Hansestadt. Jede Baustelle wird gefolgt von einem Stück bereits fertig gebauter Straße, auf dem jedoch konsequent Tempo 100 gilt, weil der Abschnitt bis zur nächsten Baustelle recht kurz ist. Um dies sicherzustellen, konnte auch der eine oder andere Blitzer gesichtet werden, schließlich muss man die Bauarbeiten ja irgendwie finanzieren. Wie gesagt, wenn man denn Zeit hat, und das Wetter schön ist, ein netter Ausflug. Ansonsten einfach nur nervig.

Schlussendlich doch noch in Hamburg angekommen, wurde im Hotel eingecheckt. Hier sogleich die nächste kleine Enttäuschung: Hotel mit japanischem Namen und japanischem Interieur, aber nur deutsches Personal an der Rezeption. Dieser Stilbruch wurde allerdings später glattgezogen: wenigstens die Putzfrauen waren Japanerinnen. Exotenflair in deutschen Herbergen.

Richtig exotisch wurde es dann am Stadion. Dort erwartete uns wenigstens keine Baustelle mehr, der Umbau des Millerntors ist bereits seit geraumer Zeit abgeschlossen. Ist ganz nett geworden, imposante Haupttribüne, viel Glas verbaut. Was mir dort etwas ambivalent erschien, war der Spruch des St.Pauli-Logos, der ja wie der symbolische Totenkopf allgegenwärtig ist – „Non-established since 1910“. Auch zu bewundern in der Nähe der Pulte, an dem besser betuchte Zuschauer ihre VIP-Bändchen erhalten. Auch bei Sonderangeboten in der Stadionzeitung, beispielsweise 11 Business-Karten nach Wahl für nur noch 2.200 Euro, darf ich mir mal die Frage stellen, was daran nicht-etabliert sein soll. Oder warum der Club nur irgendwie „etwas anders“ sein soll, wie besonders sport1 und sky ja gerne und heftig kolportieren. Diese Grätsche zwischen modernem Kommerz und dem ewigen Hinweis, nicht-etabliert und stolz darauf zu sein, würde mir höchstens einen permanenten Leistenbruch einbringen. Aber ich muss diese Gratwanderung ja auch nicht alle zwei Wochen vollbringen. Und nett ist es allemal geworden, die Verpflegung stimmt auch und der Fan-Shop hält auch für Leute, die nur ein kleines Souvenir haben wollen, einiges bereit. Mit Totenkopf natürlich und nicht-etabliert.

Egal, nette Leute, volles Haus, trockenes Wetter, gute Stimmung – alles gerichtet für ein echtes Spitzenspiel, sogar am 11. Spieltag. Und es wurde dann auch eins.

Wobei man zu Beginn des Spiels wieder einmal wirklich nicht davon ausgehen konnte. Denn wie schon zuvor bei den „Spitzenspielen“ in Frankfurt und Braunschweig verpennte die Fortuna den Anfang und kam in den ersten 20 Minuten vor ausverkaufter Hütte (24.500 Zuschauer) überhaupt nicht in die Gänge. St. Pauli machte ordentlich Druck und schnürte die Gäste am Strafraum ein, allerdings ohne dass es auch zu zwingenden Chancen kam. Dies war bei solcher Überlegenheit natürlich nur eine Frage der Zeit. Eher ärgerlich ist es dann, wenn die erste gute Chance auch gleich sitzt, und noch ärgerlicher wird es, wenn die eigene Mannschaft kräftig dabei mithilft. In der 15. Minute pennten gleich mehrere Fortunen. So konnte Fin Bartels einen Pass in den linken Teil des Strafraums problemlos und ungestört erlaufen und sogar anschließend per Hacke an die Sechzehnmeterlinie zurücklegen. Dort kam Max Kruse, drosch mit voller Wucht unter den Ball. Damit hatte wiederum Torwart Ratajczak wohl nicht gerechnet. Der musste sich anscheinend auf einen Schlenzer eingestellt haben, entsprechend hatte er die Arme schon für eine Fangposition und nicht fürs Fausten ausgerichtet. Und dann böllerte der Kruse ihm aus relativ kurzer Entfernung dieses Geschoss um die Ohren. Es kam wie es kommen musste, natürlich war der Keeper mit den Händen dran, an seinem Stellungsspiel gab es nichts zu mäkeln, er stand goldrichtig. Aber natürlich flutschte ihm dieser Gewaltschuss durch die Ärmchen und segelte im hohen Bogen ins lange Eck zum 1:0 für St. Pauli. Hätte er gefaustet, wären danach vielleicht die Fingerknöchel blau gewesen, der Ball aber niemals im Netz gelandet. Klarer Torwartfehler, und wie in Frankfurt und Braunschweig ein Gegentreffer in der ersten Viertelstunde. Ärgerlich.

Danach gab es in punkto Fußball eigentlich nicht mehr ganz so viel bis zur Pause. St. Pauli überlegen, kam aber nur noch zu einer Chance vor der Pause, als Ratajczak bei einem Schrägschuss aus der linken Strafraumhälfte erneut nachfassen musste, den Ball diesmal aber sicher hatte. Fortuna kämpfte sich langsam ins Spiel, aber echte Chancen ergaben sich dadurch auch nicht. So beharkte man sich lieber zwischen den Strafräumen. Dabei wurde Stinkstiefel Sascha Rösler zum gefeierten Liebling des Heimpublikums. Der ließ mal wieder sein ganzes Repertoire vom Stapel, motzen, meckern, provozieren, auf dem Boden rumliegen. Sowohl Publikum als auch Gegenspieler sprangen begeistert darauf an. Man hatte eh den Eindruck, je mehr sich die erste Hälfte dem Ende zuneigte, desto ruppiger wurden die Gastgeber, die wohl spürten, wie sie allmählich das Heft aus der Hand gaben. Da wollte man sich auf die nicklige Tour in die Pause retten, und da kam so ein Pöbel wie Rösler gerade recht. Fortan lag der mehr auf dem Boden als er auf eigenen Füßen stand, und es war eher selten eine Schwalbe, auch wenn er dann natürlich gerne mal übertreibt. Richtig peinlich für die Gastgeber waren allerdings deren Sprechchöre „Schauspielertruppe“, als Rösler behandelt werden musste, nachdem er gut sichtbar am Boden liegend unabsichtlich vor den Kopf getreten worden war, sodass ein etwaiges Simulieren in dieser Situation nun wirklich nicht in Betracht kam. Auch sehr auffällig, dass sich stets zwei bis drei St. Pauli-Spieler nach jedem Pfiff intensiv um den Schiedsrichter bemühten, also im Jammern, Meckern und Diskutieren waren die gleich mit mehreren ganz groß. Ich hab halt so meine Probleme damit, wenn Leute Fair Play einfordern, die sich selbst nicht die Bohne drum kümmern, vielleicht weil sie der Meinung sind, ihnen als Heimmannschaft stünde solch ein Benehmen zu. Und die dann völlig überrascht feststellen, dass ab und zu ein Gegner auch mal einen dabei hat, der das genauso gut kann und den so was sogar noch pusht. Über ihren Nickligkeiten mit anschließendem Gemotze beim Schiri vergaßen die Paulianer dann folgerichtig auch komplett ihren Spielfluss. Konnte uns nur recht.

Und so sah man der nahenden Pause mit gemischten Gefühlen entgegen. Zwar lag die Fortuna wieder mal auswärts zurück, aber ganz so schlimm wie zu Beginn der Partie war es nicht mehr. Da würde noch was gehen.

Und wenn noch was geht, warum dann erst auf die Pause warten? Die Nachspielzeit der ersten Hälfte lief bereits, da setzte sich auch ein anderer in Bewegung: Kapitän Andreas Lambertz mit Balleroberung auf der linken Seite an der Mittellinie. Mit einem seiner unnachahmlichen „Slow Feet“-Soli ließ er dann mal kurz drei Gegenspieler aussteigen und setzte zum völlig ungestörten Marsch durchs Mittelfeld an. Ungefähr 20 Meter vor dem Tor holte er dann die ganz große Keule raus und nagelte den Ball links oben in den Winkel. Ein Traumtor. Natürlich dadurch begünstigt, dass er auf 20 Metern keinen Gegenspieler hatte und sich daher in aller Ruhe überlegen konnte, was er mit dem Ball machen wollte. Trotzdem ein Traumtor. Ausgleich in der 45+1. Minute. Zum psychologisch wichtigen…und so weiter. Lambertz’ Kommentar zu seinem Treffer: „Oben die linke Ecke war frei, dann hab ich da eben hingeschossen. Das hab ich gut gemacht.“.

So ziemlich aus dem Nichts gelang der Fortuna somit der Ausgleich mit dem Pausenpfiff, der Schiri ließ gar nicht mehr anstoßen. Etwas schmeichelhaft, weil es dann doch die erste richtige Torchance gewesen war, aber nicht unverdient, weil St. Pauli sich unbedingt in die Pause rempeln und meckern wollte und darüber den Fußball vergessen hatte.

In der 2. Hälfte nahm das Spiel dann aber so richtig Fahrt auf und wurde zu einem echten Knaller. Und da wir uns im Drang der anstehenden Termine nicht seitenlang aufhalten wollen, das Spiel darüber hinaus ja auch live im Free-TV gezeigt wurde, fassen wir nur die Eckdaten der 2. Hälfte zusammen, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass dies eine unvollständige Aufzählung ist.

In dieser zeitlichen Abfolge: Pfostentreffer für St. Pauli durch Schachten, 1:2 durch Lambertz, Beister scheitert frei vorm Tor an Tschauner, 1:3 durch Beister, Lattentreffer für Fortuna durch Beister, Gelb/Rot für Thorandt von St. Pauli, Pfostentreffer für St. Pauli durch Schindler, Pfostentreffer für Fortuna durch Rösler, Lattentreffer für St. Pauli durch Boll – und dann war endlich Schluss und Fortuna hatte zum ersten Mal seit über 20 Jahren auf St. Pauli gewonnen, und das auch noch verdient. Was für eine Halbzeit!

Fortuna wackelte einmal richtig, als kurz nach der Pause Schachten nach Konfusion im Strafraum nur den Außenpfosten traf. Danach spielte man aber zeitweise groß auf. Nach Lambertz’ zweitem Treffer, bei der er in der 57. Minute nach Lupferpass von Rösler den St. Pauli-Keeper Tschauner tunnelte, begann St. Pauli zu schwimmen. Beister hätte nach Traumpass von Tobias Levels schon alles klar machen müssen, scheiterte aber völlig frei an Tschauner. Bis zur Entscheidung spielte St. Pauli keine Torchance mehr heraus und griff mehr und mehr zu den nicht ganz so fairen Mitteln. So kassierte Torwart Tschauner eine Gelbe Karte, weil er nach einem Schiedsrichterpfiff mal eben 40 Meter (!) aus dem Tor geeilt war, um Fortuna-Spieler Oliver Fink etwas mitzuteilen. Der Tschauner sollte mal in seinem Pass nachgucken, damit er demnächst weiß, dass er nicht Olli Kahn heißt, das war der einzige Torwart, der sich solche Mätzchen ungestraft bei der deutschen Schiedsrichtergilde erlauben konnte. Der Platzverweis für Thorandt war ein Witz, allerdings dergestalt, dass es nur Gelb/Rot gab; es hätte zwingend Rot sein müssen, da Thorandt lockere zwanzig Meter vom Ball entfernt Maxi Beister einfach mal per Ellenbogenschlag gezeigt hatte, wie die Jungs von der Reeperbahn üblicherweise ihren Frust abbauen. Klare Tätlichkeit, die mit Gelb/Rot äußerst milde bewertet wurde. Beister selbst erzielte nach der vergebenen Großchance dann in der 75. Minute doch noch das 3:1, als er seinem Gegenspieler im Laufduell gefühlt auf vier Meter deren drei abnahm, anschließend im Pauli-Strafraum zwei weitere Gegenspieler austanzte und auch an Tschauner vorbei einschießen konnte; und nur eine Minute nach diesem Treffer hätte die Leihgabe vom HSV dem „etwas anderen“ Hamburger Klub beinahe noch richtig einen mitgegeben, aber er traf mit einem Lupfer über den herauseilenden Torwart nur die Latte.

Auch wenn St. Pauli in Unterzahl nie aufsteckte und noch fleißig nach vorn spielte, geriet der Sieg nicht mehr in Gefahr. Lediglich in der 82. Minute stockte den Gästefans kurz der Atem, als der eingewechselte Kevin Schindler – mit Schachten und Kruse einer von drei ehemaligen Werder-II-Alpträumen auf dem Platz – zum Kopfball kam und den Ball per Aufsetzer an den rechten Innenpfosten nickte; das wäre wohl eine enge Schlussphase geworden. Andererseits hätte auch Rösler das Ergebnis noch höher schrauben können, als er eine tolle Hereingabe aus vollem Lauf vom eingewechselten Sascha Dum mit einer gewagten Grätsche nur an den rechten Pfosten befördern konnte. Schließlich heimsten die Gastgeber noch einen Trostpreis in der Kategorie „Schussstärke“ ein. Eine Minute vor Schluss donnerte Boll die Kugel volley derart hart an die Unterkante der Latte, dass diese quasi bis Spielschluss durchschwang. Der Ball sprang aber deutlichst vor der Torlinie wieder auf, und dann war es auch vorbei.

Fortuna gewann 3:1 auf St. Pauli, aufgrund der zweiten Hälfte völlig verdient, und festigte den dritten Tabellenplatz. Auf die Albernheiten gewisser sky-Moderatoren, die wieder mal den „etwas anderen“ Klub hofieren wollten und dabei wieder mal demonstrierten, dass der Fußball eindeutig nicht ihr Ding ist, brauchen wir gar nicht weiter einzugehen. Auch nicht darauf, dass sich ein enttäuschter Heimtrainer André Schubert auch erst einmal aufs Meckern und Jammern beschränkte, getreu dem Motto „Immer haben die Anderen Schuld“. Immerhin, seitdem habe ich eine Ahnung, wer die St. Pauli-Spieler Ende der ersten Hälfte dazu bewogen haben könnte, derart die spielerischen Zügel schleifen zu lassen.

Ein schöner Ausflug nach Hamburg, den wir durch eine stressfreie Abreise am nächsten Morgen noch erfolgreich abrundeten. Bei wirklich miesem Wetter. Kaum haben wir dort gewonnen, kommt der Herbst nach Hamburg. Passte irgendwie. Danke für alles!

Plakativer Protest

Nach solch einem Highlight konnte es ja nur bergab gehen. Folglich stand anschließend die Partie gegen Hansa Rostock auf dem Programm, nur vier Tage nach dem Triumph am Millerntor. Ein Spiel mit Vorgeschichte. Nachdem die Hansa-Fans beim Auswärtsspiel in Frankfurt mal gezeigt hatten, wo pyrotechnisch der Hammer hängt, und zwar auch in der (noch?) relativ unbekannten Sportart, haufenweise Leuchtspur in andere Blöcke zu ballern und Böller hinterher zu werfen, dachte sich der DFB, es wäre ganz gut, wenn die bei den nächsten beiden Auswärtsspielen der Kogge mal zuhause blieben. Mit „die“ waren natürlich nicht diejenigen gemeint, die für den „scharfen Schuss“ verantwortlich waren, die erwischte man natürlich nicht. Man griff zum bewährten Mittel der „Sippenhaft“ und sperrte den kompletten Hansa-Anhang für zwei Auswärtsspiele aus. Das erste fand bei Erzgebirge Aue statt, das zweite dann bei uns. Als Kompensation für den zu erwartenden finanziellen Verlust musste Hansa den beiden Gastgebern je 25.000 € überweisen. Damit war die Angelegenheit für den DFB erledigt. Sie war es allerdings mitnichten für den jeweiligen Gastgeber. Sofortiger Stopp des Online-Vorverkaufs, Abgabe nur noch personalisierter Karten auch an die Heimfans, Kontrolle, ob die Besteller nicht doch irgendwie dem Rostocker Umfeld zuzuordnen waren, Einlasskontrollen zusammen mit Ordnern von Hansa Rostock, das alles sorgte für viel Ärger und wird an den Tageskassen dafür gesorgt haben, dass das eine oder andere Ticket unbenutzt in der Schublade liegen blieb, weil der „Tagesausflügler“, welcher doch eher den Eventcharakter eines solchen Spiels schätzt, keine Lust auf diesen ganzen Stress hatte. Als „Fans“ würde ich persönlich diese Art von Besucher zwar nur bezeichnen, wenn ich ganz höflich wäre, aber andererseits: Ist auch Geld, das dann flöten geht, wenn die nicht kommen. Nun kamen sie eben nicht, weil die Mannschaft mal wieder grottig spielte, wie überwiegend in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten, nun kamen sie nicht, weil es wirklich nur noch schwer durchschaubar war, wer noch wie viele Karten mit welchem Ausweisdokument und unter welchen Voraussetzungen (Wohnsitz!) erwerben konnte. Hinzu kamen, so meine persönliche Schätzung, ca. 1.000 Hansa-Fans, mit denen man an einem Freitagabend hätte rechnen können, die aber nun ebenfalls zuhause blieben. Dies alles mit 25.000 € abzubezahlen, war schon mehr ein Schnäppchen als eine realistische Ausgangszahlung. Es wurde so kompliziert, dass Fortuna sich in der abschließenden Pressemitteilung, in der die Sicherheitsvorkehrungen für den Spieltag bekannt gegeben wurden, an gleicher Stelle an den DFB wandte und diplomatisch wie folgt formulierte:

„Der Verein sieht den enormen organisatorischen Mehraufwand sowie die zusätzlichen Kosten in keiner vernünftigen Relation zur Intention des ausgesprochenen Urteils. Fortuna Düsseldorf hofft, dass bei der Aussprache solcher Urteile die Folgen für Unbeteiligte künftig mit mehr Augenmaß berücksichtigt werden.“

Das ist natürlich schon das höchste, was man an Protest von einem Verein erwarten darf, wenn es gegen den DFB geht. Griffiger könnte ich als Privatperson es in Richtung DFB formulieren: „Hab ihr watt am Kopp?“ Und Fans haben da natürlich noch ganz andere Möglichkeiten. Und so veröffentlichten die Ultras Düsseldorf (UD) einen Tag vor dem Spiel eine Erklärung, wonach sie ihren Mitgliedern aus Protest gegen die Maßnahmen des DFB einen Support für die Mannschaft freistellten. Stattdessen zog man gefühlt 158 liebevoll gepinselte Transparente während des Spiels hoch, in dem man auf das Missverhältnis zwischen Tat und Strafe hinwies und besonders die Maßnahmen des DFB scharf kritisierte, zumal ja Fortuna mit der Tat gar nichts zu tun hatte und dennoch quasi mitbestraft wurde. Und es kann einem schon mulmig werden, wenn der komplette Gästeanhang ausgesperrt und dies direkt mal zum Anlass genommen wird, auch für Heimzuschauer nur noch personalisierte Tickets zu vergeben. Ein Protest, den man nachvollziehen kann. Warum als ein Teil des Protestes dann allerdings die Mannschaft von den meisten Mitgliedern der UD nicht angefeuert wurde, bleibt vielen Leuten ein Rätsel. Die hatte das nämlich nach den letzten Leistungen, insbesondere auf St. Pauli, eigentlich nicht verdient. Aber auch die wurden natürlich nicht gefragt. Kollektive Strafe, kollektiver Protest – wie sehr sich diese beiden Dingen im Endeffekt ähneln, was die Einbeziehung Unbeteiligter betrifft, das wollen diejenigen, die sich dadurch Gehör und Anerkennung verschaffen wollen, natürlich meistens nicht sehen.

Stimmungstechnisch war es also etwas leiser als sonst, da UD als gewohnte „Einpeitscher“ fehlten. Es war allerdings keinesfalls so, wie aus dem Ultras-Umfeld nach dem Spiel zu hören und lesen war, dass der Rest der Arena glatt „versagt“ habe. Schnell ist die Jugend mit dem Wort zur Hand. Und ungetrübtes Selbstbewusstsein ist sicherlich ein guter Gradmesser für die Bewertung, wenn man selbst mal die Klappe hält und der Rest nicht so ganz weiß, was er damit anfangen soll. Zumal wie gesagt, diese Erklärung erst einen Tag vor dem Spiel veröffentlicht wurde. Da man sicherlich nicht erst in den letzten 24 Stunden die ganzen Transparente zusammengemalt hatte, sieht das doch so aus, als habe man den Protest von langer Hand geplant und sich erst in quasi letzter Sekunde dazu entschlossen, auch noch die Option „Stimmungstod“ zu ziehen. Sich dann darüber lustig zu machen bzw. abwertend zu äußern, dass der Rest des Stadions (insbesondere auf den Stehplätzen der Südtribüne) plötzlich so seine Schwierigkeiten mit einheitlichem Support hat, zeugt nicht zwingend von geistiger Reife. Aber die sollte ja auch nicht nachgewiesen werden mit dem Protest. Oder vielleicht doch?

Wie üblich wurde auch hier der Bogen überspannt, mit einer Sache, die mit den Protesten gegen den DFB nichts zu tun hatte. In den Tagen vor dem Spiel hatte es auf dem Regionalsender centerTV ein Interview mit den Spielern Andreas Lambertz und Thomas Bröker gegeben. Auf die Frage, ob man als Spieler das Geschehen auf den Rängen bemerken würde (die Frage selbst wurde aus dem Interview herausgeschnitten, sie kann sich allerdings nur auf die ausgesperrten Gästefans bezogen haben, denn die schweigenden Ultras hatten zu diesem Zeitpunkt ja noch gar keine Erklärung veröffentlicht, nach der sie ihren Mitgliedern den Support frei stellten), antworteten beide Spieler unisono das, was man in solchen Interviews von ihnen erwartet, nämlich dass sie das Geschehen auf den Rängen während des Spiels wenn überhaupt, dann nur am Rande wahrnehmen würden. Eine völlig normale Antwort, die man sich eigentlich auch ausbitten würde, schließlich soll der Spieler auf dem Rasen möglichst seinem erlernten Beruf nachgehen, gerne auch entsprechend konzentriert. Und das ist nur schwerlich möglich, wenn er alle Nase lang ins Publikum starrt und sich wundert, warum kein Support erfolgt bzw. sich freut, dass es so dolle ist. Mal salopp gesagt.

Damit konnte man aber UD nicht kommen. Vielleicht war es ja auch nur eine übereinstimmende Einzelmeinung verschiedener Mitglieder, keine Ahnung, natürlich hat sich von der Gruppe bis heute niemand dazu geäußert. Auf jeden Fall malten sie grad so schön Transparente und hatten wohl noch ein Bettlaken übrig, so was geht ja dann in einem Aufwaschen. Ruckzuck wurde noch etwas Neues gepinselt, und während des Spiels zwischen all den Transparenten, die auf die gefährliche Entwicklung hinwiesen, die der Fußball zu nehmen droht, konnte sich plötzlich auch Stürmer Thomas Bröker verewigt sehen: „Weiter so, Bröker! Mit ignoranten Interviews zum Millionär!“ Ganz toll, wirklich. Da hatte sich jemand deutlich zu wichtig genommen.

Im übrigen hat der Leser richtig gelesen, und ich habe auch nichts vergessen: auf dem Transparent wurde explizit nur Bröker unterstellt, sich für sein Bankkonto dergestalt zu verkaufen, dass er diese tollen Fans, die ihn immer so supi anfeuern, ignorieren würde. Lumpi Lambertz kam auf dem Transparent nicht vor, obwohl er inhaltlich exakt dasselbe wie Bröker ausgesagt hatte. Da kann man seitens des harten Kerns anscheinend doch noch wohltuend differenzieren zwischen dem treuen Kapitän, wohl schon länger im Verein als mancher Ultra aufrecht laufen kann, und so einem Reingeschmeckten, der grad ein Jahr an Bord ist und sogar mal in Köln gespielt hat. Und deswegen darf der Eine das sagen, der Andere noch lange nicht. Der soll erstmal so viele Auswärtsspiele mitfahren wie unsere Hardcore-Fans, dann kann er sich auch mal eine eigene Meinung leisten! Was im Ansatz schon peinlich genug war, weil hier eine ganz normale Aussage bewusst missverstanden werden sollte (anders ist so was mit gesundem Menschenverstand beim besten Willen nicht zu erklären), wurde durch die Unterstellung, diese Ignoranz des Spielers „seinen“ Fans gegenüber würde ihm Millionen sichern sowie durch die Auslassung des anderen Spielers, der nahezu exakt dieselbe monierte Ansicht von sich gegeben hatte, zur absoluten Unverschämtheit, für die sich selbstredend niemand bis heute entschuldigt hat. Wozu auch, die Transparentschmierer fühlen sich halt als wichtige Leute, die auch schon mal kund tun dürfen, wenn sie sich ignoriert fühlen. Fehler, die sie in der Öffentlichkeit gemacht haben, auch öffentlich zugegeben hat von denen eh noch nie jemand. Und das Ganze zu einem Zeitpunkt, in dem die Truppe groß aufspielt und mittlerweile sogar auswärts gewinnt, eine noch vor Jahresfrist nahezu unbekannte Tätigkeit.

Die Schlussfolgerung kann für mich nur lauten: der Protest gegen den DFB war mehr als gerechtfertigt, über die Art und Weise, nämlich ausgerechnet die eigene Mannschaft, die in den Wochen zuvor so tollen Fußball gezeigt hatte, nicht anzufeuern, kann man geteilter Meinung sein. Ich persönlich fand es nicht gut, kann mich aber damit abfinden, auch wenn es merklich leiser in der Arena war. Supporten kann man nicht befehlen, und wer keine Lust dazu hat, der lässt es dann halt. Muss man mit leben. Das Plakat gegen Bröker hingegen zeigt, dass es einigen Leuten in der derzeitigen Situation absolut zu gut geht. Und die sind wohl dermaßen verwirrt von dieser ganzen Scheiß-Harmonie, die aktuell in Verein und Umfeld herrscht, dass sie da mal ein wenig dazwischen grätschen wollten. Anders ist das bewusste Missverstehenwollen von Brökers Aussage (und nur von ihm, daran sei erinnert) nicht zu erklären. Traurig, traurig.

2:0 und gut

Nach so viel Gewese rund um die Partie, ebenso verständlichen wie sinnfreien Strafen durch den DFB, ebenso geistreichem Protest wie geistlosem Pranger seitens der Fans, war irgendwie klar, dass bei dem Spiel, um das es ging, irgendwie nicht viel passieren würde. Die Spieler passten sich den Fans an und wirkten zeitweise auch so, als hätten sie grad was anderes im Kopf, vielleicht noch die Erinnerung an den großen Abend auf St. Pauli oder die Vorfreude auf die 2. Runde des DFB-Pokals (zum ersten Mal seit 1999!), wiederum nur vier Tage später. Auf jeden Fall wurde es einer der schwächeren Auftritte des Teams, den man dennoch ungefährdet vor 23.500 Zuschauern mit 2:0 gewann. Weil der Gegner aber sowas von harmlos war, dass es fast schon Mitleid hervor gerufen hätte, wäre es eben nicht der Gegner gewesen. Ein mühsamer Arbeitssieg, allerdings völlig verdient. Mund abputzen, Punkte mitnehmen und weitermachen. Mit der Überschrift ist jedenfalls fast alles gesagt.

Einer machte den Unterschied zwischen der Fortuna, die sich viele Ballverluste leistete und im Mittelfeld zeitweise nicht sehr präsent war, und Hansa Rostock, das gut stand, im Mittelfeld gut mitspielte, aber nach vorne bis auf zwei kleinere Chancen in der ersten Hälfte wirklich gar nichts auf die Kette bekam. Dieser Eine war, wie des Öfteren in der jüngeren Vergangenheit, Maximilian Beister. Mal wieder kaum zu stoppen, außer von sich selbst, hätte er wieder einmal mindestens drei Hütten machen müssen. Diesmal traf er nicht, glänzte aber als doppelter Vorbereiter: in Hälfte 1 wurde er von Pannewitz im Strafraum durch ein Foul gestoppt, der Schiri gab Elfmeter; zurecht, auch wenn es ein bisschen blöd aussah, da Beister anschließend auf den Ball trat, und so sah es zunächst nach einem sehr glücklichen Elfmeter aus. Aber unter Hinzuziehung einer Zeitlupe konnte man dann doch sehen, dass Pannewitz ihn zuvor getroffen hatte, richtige Entscheidung. Jens Langeneke zielte mal wieder lässig auf die Tormitte, der Torwart zum Glück nicht – 1:0. In der 2. Halbzeit dann die Entscheidung, recht früh, als Beister für Rösler auflegte, der den Keeper umkurvte und zum 2:0 ins leere Tor schob; siebtes Saisontor für Oppa Rösler, der im neunten Heimspiel in Folge (!) ins Netz traf. Je oller, je doller.

Ein wichtiger Sieg gegen einen Gegner, dessen Harmlosigkeit im Spiel nach vorne am besten dadurch ausgedrückt wird, dass deren Trainer Vollmann bei 0:2-Rückstand und immerhin noch über 20 Spielminuten vor der Brust Marcel Schied auswechselte. Der Mann ist Stürmer, mithin also einer derjenigen Spieler, die man bei einem solchen Spielverlauf wohl eher ein- als auswechseln sollte. Aber Vollmann hatte anscheinend erst fünf Minuten vorher zufällig gesehen, dass der auch mitspielte, so farblos blieb er, bekam allerdings auch kaum Bälle aus dem Mittelfeld. Ich denke, Hansa hätte noch stundenlang weiterspielen können, ohne das Fortuna-Tor ernsthaft zu gefährden. Ärgerlich war nur die überflüssige fünfte Gelbe Karte für Kapitän Andreas Lambertz, die ihm eine Sperre für das nächste Meisterschaftsspiel beim FSV Frankfurt einbrachte.

Fortuna festigte somit Rang 3 in der Tabelle, was ein ziemlicher Witz war. 28 Punkte aus 12 Spielen, und dann nur Rang 3 ist schon ein starkes Stück. Am selben Wochenende gewann in der 3. Liga der SV Sandhausen mit 2:0 bei Werder II und baute seinen Vorsprung als Tabellenführer aus – mit 28 Punkten und vier Punkten Vorsprung auf Platz 2! Und zur Erinnerung: die hatten schon zwei Spiele mehr und waren bei Spieltag 14…Die erste Liga hatte an jenem Wochenende ihren 10. Spieltag, aber nur der souveräne Tabellenführer Bayern München konnte noch auf 28 Punkte nach 12 Spieltagen kommen – und das auch nur, wenn sie die beiden kommenden Partien gewinnen würden. Man sieht schon, eine stolze Leistung – nur in der 2. Liga, da reichte das nur zu Platz 3, weil Greuther Fürth und Eintracht Frankfurt vor uns ebenfalls alles weghauten. Verrückt.

Endlich wieder DFB-Pokal

Ja, wer erinnert sich nicht gerne an jenen Abend im Juli 2009, als Fortuna, damals kleiner Zweitliga-Aufsteiger, in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals gegen den Hamburger SV angetreten und erst nach großartigem Spiel mit einem 3:3 nach Verlängerung und anschließender Niederlage im Elfmeterschießen ausgeschieden war. Nachdem man in der letzten Saison in Runde 1 bei der TuS Koblenz gescheitert war, klappte es in diesem Jahr mit dem Auswärtsspiel bekanntlich besser, ein 3:0 beim Süd-Regionalligisten Hessen Kassel. Und die Glücksfee bescherte uns anschließend zwei Jahre nach dem Fight gegen den HSV wieder ein Pokal-Heimspiel. Gegner am 25.10.2011 war der TSV 1860 München, einige Wochen zuvor schon mal an selbiger Stelle demontiert und unfassbar niedrig nur mit 3:1 nach Hause geschickt. Eine gefährliche Historie, verleitete sie doch zu der Annahme, die würde man auch diesmal einfach im Vorbeigehen wegputzen.

Und das war dann auch genau so.

Ohne Absicht abgeschossen

Fortuna besiegte die „Löwen“ (sponsortechnisch-alternativ auch: die „Kamele“, ich bin da flexibel),den TSV 1860 München, vor 34.000 Zuschauern mit 3:0 und zog erstmals seit 1998 wieder in die 3. DFB-Pokal-Runde, sprich: ins Achtelfinale ein. Es war ein ziemlich ungefährdeter Sieg über einen in weiten Teilen harmlosen Gegner. Es war allerdings auch ein Sieg des „Laufs“, den wir derzeit haben. Denn bevor der Gegner vielleicht richtig aufdrehen konnte, war er schon abserviert, und das noch nicht einmal mit Absicht. Auf jeden Fall nicht in der Art, in der es dann geschah.

Da in dieser Saison bislang häufig Rekorde oder besondere Leistungen gesichtet werden können, wenn Fortuna aufläuft, bittschön, hier direkt die nächste: nach genau 21 Sekunden holten sich Münchens Verteidiger Schindler die Gelbe Karte ab. Schiri Drees hatte genug gesehen. Das erste Foul bereits nach 9 Sekunden verbuchte er wohl noch als Erfahrungswert, als Schindler zwölf Sekunden später dann Beister ordentlich auf die Knochen stieg, wurde es dem Schiri bereits zu bunt. Gelb kassieren ohne vorher einen Ball berührt zu haben, dafür hatten wir früher ja Marcel Gaus. Jetzt können sich die „Löwen“ rühmen, auch einen solchen Draufgänger in ihren Reihen zu wissen.

Fortuna spielte also von Beginn wieder flott nach vorne, was viele Leute beruhigte, die bei der Mannschaftsaufstellung genau hingeschaut hatten: kurzfristig fehlte dort nämlich der Name Jens Langeneke, der sich im Laufe des Tages mit Rückenproblemen abgemeldet hatte. Für ihn rückte unser Spanier Juanan ins Team und bildete mit Assani Lukimya das Kanten-Duo in der Innenverteidigung. Und da man ja nicht wusste, ob die gut miteinander können, schien es angezeigt, lieber nach vorne zu spielen, damit man hinten nicht allzu sehr unter Druck geraten würde. Klappte auch.

Die Münchener hielten in der ersten Hälfte des Spiels gut mit und hatten auch einige Chancen. Die dickste Möglichkeit versiebte Aigner, der nach einer halbhohen Flanke von links den Ball irgendwie erwischte, Fuß, Schienbein, Knie, war schwer zu sehen, aber die Kugel ganz knapp am linken Pfosten vorbei setzte. Das war Glück für Fortuna, denn den Ball hätte Ratajczak nie gesehen. Aber bevor sie richtig mutig werden konnten, war die Partie bereits durch. Und wenn man das nicht einfach mit dem „Lauf“ erklären könnte, den Fortuna derzeit hat, dann müsste einem wirklich angst und bange werden. Denn jetzt schießen sie schon Tore, wenn sie es gar nicht wollen. Durch Eigentor und abgerutschte Flanke legte man bis zur Pause das 2:0 vor, von dem sich die Sechziger nicht mehr erholten.

Aber man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen. Klar waren das vom Abschluss her recht glückliche Tore. Wie sie herausgespielt wurden, hatte mit Glück allerdings nicht allzu viel zu tun. Zwei blitzschnelle, laufintensive Angriffe über links, beim ersten Vorstoß, in der 15. Minute, schaltete van den Bergh den Turbo ein, übersprintete den Gegenspieler und wirbelte mit Ball in den Strafraum. Sein Zuspiel auf Beister grätschte Collin Benjamin ins eigene Netz, bevor der Fortuna-Angreifer das Ding selbst aus fünf Metern versenken konnte. Und die zweite Aktion in der 38. Minute war gar ein Konter, als Rösler im Mittelfeld den Ball gewinnen konnte und nach links rauszog. Er spielte Bröker an, ließ sich von diesem wieder auf die Reise schicken und flankte dann in die Mitte, wo wiederum Beister mutterseelenallein auf Posten stand, kein „Löwe“ weit und breit. Die Flanke rutschte Rösler dann über den Schlappen und senkte sich hinter Keeper Kiraly in den langen Winkel. Von Balleroberung bis Abschluss keine zehn Sekunden, um die gesamte „Löwen“-Abwehr auseinander zu nehmen, und dann noch Glück beim Abschluss. Doch, ist schon ein wenig unheimlich. Unheimlich schön.

Damit war das Spiel durch, denn die „Löwen“ rissen in der zweiten Hälfte nichts mehr. Das war schon ein wenig erstaunlich, schließlich waren sie in den ersten 45 Minuten durchaus gefährlich nach vorne gewesen. Aber mit dem Wiederanpfiff spielten sie so, als ob sie keine gesteigerte Lust mehr gehabt hätten. Kann man ja auch irgendwie verstehen – gegen eine Truppe, die derzeit in Top-Form ist und dann noch das Fußballglück auf ihrer Seite hat, macht es nu wirklich keinen Spaß mehr.

Und so schaukelte Fortuna das Spiel locker nach Hause, und es gab nur noch zwei Dinge, die ich erwähnenswert fand: zum Einen wurde bei den „Löwen“ Mitte der zweiten Halbzeit ein gewisser Shou Bobby Wood eingewechselt. Ich kannte ihn vorher nicht, und er hinterließ auch nichts Erwähnenswertes während seiner Zeit auf dem Rasen. Aber immerhin könnte er gemeinsam mit Kevin Prince Boateng die Kategorie „Fußballprofis, bei deren Namen man an gescheiterte Rapper denkt“ eröffnen. Ist doch auch was.

Und dann war da noch die 90. Minute, als der eingewechselte Grimaldi nach Zuckerpass von Lambertz alleine auf Kiraly zustiefelte, diesen auch umrundete und anschließend locker ins leere Tor vollenden wollte. Dies gönnte ihm Collin Benjamin allerdings nicht, weshalb er den Fortuna-Bubi noch vor dessen erfolgreichen Torabschluss griechisch-römisch niederrang. Was für ein Spielverderber! Es waren 90 Minuten gespielt, die Partie war eh rum, da hätte er dem Jung` den Treffer auch gönnen können. So gab es natürlich noch mal Elfmeter und Rot für Benjamin. Rösler machte den Elfer zum 3:0-Endstand rein, und Benjamin kann sich jetzt schon mal für die 1. DFB-Pokal-Runde 2012 einen Ausflug organisieren, denn da hat er garantiert frei. Welch einen überflüssige Aktion, aber es steckte wohl auch ein gewisser Frust mit darin.

Fortuna also mit einem souveränen Sieg ins Achtelfinale. Die Auslosung zu jener Runde fand am darauf folgenden Sonntag statt, dem 30. Oktober. Unmittelbar nach unserem nächsten Meisterschaftsspiel, der Partie beim FSV Frankfurt.

Tragische Bestleistung

Das Spiel beim FSV Frankfurt…also ich würde mal sagen, keiner, der es gesehen hat, wird es so schnell vergessen. Nicht nur, weil es eine wirklich dramatische Partie war, noch dazu mit gutem Ausgang für die Fortuna. Sondern vor allem aufgrund der äußeren Umstände, die dieses Spiel zu einer richtig harten Prüfung machte. Die die Mannschaft mit Bravour meisterte.

Es begann damit, dass für diese Partie ja bereits Kapitän Andreas Lambertz wegen Gelbsperre sowie Ken Ilsø und Jens Langeneke wegen Verletzung als Ausfälle feststanden. Dann nistete sich im Mannschaftshotel des Teams am Tag vor dem Spiel wohl ein Virus ein und schlug eine ordentliche Bresche in die Mannschaft: Torwart Michael Ratajczak und Defensivstratege Adam Bodzek verbrachten den Vorabend des Spiels überwiegend im Bad, wo ihr Magen permanent versuchte, schon längst nicht mehr vorhandenen Inhalt von sich gaben. Ersatztorwart Robert Almer hingegen schaffte es noch nicht mal mehr bis zum Klo, er blieb mit hohem Fieber gleich im Bett liegen. Ganz schlimm erwischte es Stürmer Thomas Bröker. Er wurde von Teamkollege Assani Lukimya bewusstlos in der Dusche gefunden, einfach zusammengesackt. Da man nicht wissen konnte, wie sich dies weiter entwickeln würde, mussten der Keeper der Zweiten Mannschaft, Markus Krauss, und der eigentlich spielunfähige Jens Langeneke in aller Eile aus Düsseldorf nachgeholt werden, um überhaupt noch Spieler für die Bank zur Verfügung zu haben.

Und als man dachte, schlimmer geht`s nimmer, da schlug das Schicksal recht erbarmungslos zu und zeigte mal wieder, dass es manchmal wirklich völlig egal ist, ob man solch einen kleinen Ball in der Gegend herum kickt oder nicht. Nachts um zwei Uhr am Spieltag wurde Stürmer Adriano Grimaldi geweckt. Man musste dem 20-Jährigen mitteilen, dass soeben seine 16-jährige Schwester und seine 28-jährige Schwägerin bei einem Wildunfall auf der A 5 ums Leben gekommen waren. Die beiden befanden sich auf der Rückfahrt von einem Basketball-Bundesligaspiel der BG Göttingen, bei der Grimaldis Bruder aktiv ist.

Die Reaktion des Spielers dürfte wohl keiner weiteren Erläuterung bedürfen. Und natürlich reiste er sofort ab, der Verein stellte ihn so lange frei, wie er es wünschen würde. Unzweifelhaft war aber auch der Rest der Mannschaft geschockt. Oder wie Sascha Rösler es nach dem Spiel ausdrückte: „Heute Morgen hat noch niemand von uns an Fußball gedacht.“ Wie auch, bei dieser Vorgeschichte.

Stark ersatzgeschwächt – nur Bodzek und Ratajczak konnten von den Erkrankten und Verletzten soweit aufgepäppelt werden, dass sie auch am Spiel teilnehmen konnten – und psychisch stark getroffen von den Ereignissen um Adriano Grimaldi spielte sich die Mannschaft in der ersten Halbzeit einen ziemlichen Murks zusammen, wofür jedermann, hätte er die Vorgeschichte gekannt, volles Verständnis gehabt hätte. Frankfurt deutlich bissiger nach vorne und hinten eigentlich recht aufmerksam, machte ein gutes Spiel und legte auch gleich los: Zafer Yelen, durchaus als Kunstschütze bekannt, setzte in der 13. Minute einen Freistoß aus 18 Metern, mittlere Position, schön über die Mauer und über Ratajczak, leider jedoch unter die Latte – 1:0. Zwar konnte die Fortuna postwendend ausgleichen, wieder einmal durch einen Geniestreich von Sascha Rösler. Der braucht momentan wirklich nur einen Einwurf als Vorlage, dann passt es schon. Derart „angeworfen“ in der 15. Minute ließ er den Ball zweimal springen, hatte in der Zwischenzeit gesehen, dass FSV-Keeper Patric Klandt zu weit vor dem Kasten stand und überraschte ihn mit einem 25-m-Volleyknaller, der sich in die rechte Ecke des Tores senkte. Ausgleich, nur zwei Minuten nach der Führung. Anschließend lief Rösler Richtung Fortuna-Fan-Block, der sich hinter dem Tor befand und trat einmal herzhaft gegen eine Werbebande. Dadurch hätte er fast einen Ordner ausgehebelt, der friedlich an der Bande gelehnt und die Fortuna-Fans beobachtet hatte, Rösler somit in seinem Rücken nicht sehen konnte, bis ihn plötzlich dieses Erdbeben ereilte. Aber der Mann blieb auf seinen Füßen, schaute nur reichlich verblüfft dem Torschützen hinterher. So kann man sich natürlich auch Respekt verschaffen.

Fünf Minuten später war das Unentschieden schon wieder hin, Frankfurt legte nach. Dem war allerdings eine derartige Fehlentscheidung des Schiris voraus gegangen, das Ding hatte Qualität, in der sicherlich bald produzierten Sendung „Deutschland sucht den Super-Klops“ ganz vorne zu landen.

Zunächst übersah er einen glasklaren Elfmeter an Beister, der im Frankfurter Strafraum von Cinaz geknickt wurde, aber dermaßen eindeutig, dass die fassungslose Frage des sport1-Reporters, „Wie kann man das denn übersehen?“ ausnahmsweise ihre volle Berechtigung hatte. Sowas hat man lange nicht gesehen. Aber es wurde ja noch besser. Nachdem der Schiri lässig das Weiterspielen angewunken hatte, wurde der Ball an den Fortuna-Strafraum geschlagen. Von dort geklärt, landete die Kugel am Mittelkreis, wo sie von Sascha Rösler angenommen wurde. Beziehungsweise, er kam gar nicht dazu, denn die paar Sekunden hatten für Cinaz gereicht, um bis zum Mittelkreis vorzulaufen und diesmal Rösler nicht wirklich fair vom Ball zu trennen. Und auch hier dachte sich der Referee wohl, der alte Mann sei eher vor Schwäche umgefallen und ließ schon wieder weiterspielen, diesmal noch unbegreiflicher. Cinaz brachte die Kugel wieder an den Strafraum, dort wurde sie von Chrisantus – Leihspieler des HSV, genau wie Beister – dankend im Empfang genommen, und weil in dieser Minute wirklich alles passte, rutschte Gegenspieler Lukimya noch aus und machte den Weg frei. Chrisantus legte sich die Kugel mit rechts vor und schaufelte sie anschließend mit links halbhoch ins lange Eck. Sehr gute Technik zweifelsohne – aber ebenso ohne Zweifel ein Tor, das niemals hätte fallen dürfen. Gleich zwei klare Fouls binnen 20 Sekunden zu übersehen, das schafft auch nicht jeder. Glasklare Fehlentscheidungen, aber das nutzte nu auch nix mehr – 2:1 für Frankfurt.

Überhaupt, der Schiri. Der hatte einen rabenschwarzen Tag erwischt, besonders in der ersten Hälfte. So viele Fehlentscheidungen auf einen Haufen sieht man auch selten. Es handelte sich um Benjamin Cortus, angeblich aus Nürnberg. Und warum der DFB den als Nürnberger verkaufte, hätte ich auch gerne mal gewusst. Man konnte durch einfach googeln des Namens und anklicken des ersten (!) Eintrags der Ergebnisliste nämlich feststellen, dass der Herr Cortus im Alltag für den Verein TSV Burgfarrnbach pfeift. Und wenn man dann noch mal schnell wikipedia oder Artverwandtes bemüht, findet man schnell heraus – Burgfarrnbach ist ein Stadtteil von Fürth. Das nenn ich mal ne sensible Ansetzung! Das Spiel des Tabellendritten pfeift einer aus der Stadt des Tabellenführers. Uli Hoeneß hätte wohl einen Herzkasper bekommen, allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass die DFB-Granden in ihrer Frankfurter Zentrale dem Uli so etwas niemals zumuten würden. Ich gehe sogar noch weiter und sage, dass ich relativ sicher bin, dass auch Eintracht Frankfurt in nächster Zeit nicht mit der Lei(s)tung dieses Herrn beglückt werden wird. Ist wirklich schon stark, was man sich beim DFB so alles erlaubt. Muss doch Spaß machen, dort zu arbeiten.

Nun will ich nicht behaupten, dass der Herkunftsort des Herrn Cortus etwas mit seiner Leistung an jenem Tag zu tun hatte. Die war einfach schlecht, und dafür muss man nicht aus Fürth kommen. Er hatte halt einen schlechten Tag. Aber wenn man vom Schiri derart behumpst wird wie wir in der ersten Hälfte, dann darf man sich beim DFB nicht wundern, wenn da gewisse Fragen aufkommen. Besonders, wenn der Unterschied zwischen Nürnberg und Fürth anscheinend noch nicht bis nach Frankfurt gedrungen zu sein scheint. Eher erheiternd in diesem Zusammenhang übrigens die Berichterstattung des kicker, die bis heute ebenfalls auf der Angabe fußt, Herr Cortus käme aus Nürnberg. Erheiternd deshalb, weil der kicker natürlich wo produziert und gedruckt wird? Aber genau – in Nürnberg. Die scheinen sich in ihrer Nachbarschaft wohl auch nicht so gut auszukennen, wenn sie Burgfarrnbach einfach mal locker eingemeinden. Die Fürther wird’s wohl nicht wundern.

Und jetzt kommt der Teil der Geschichte, der doch ein bisschen stolz macht, wenn man es mit den Rot-Weißen hält. Da sitzt du in der Halbzeitpause in der Kabine, und alles scheint sich gegen dich verschworen zu haben. Kranke, Verletzte, Todesfall, vom Schiri verschaukelt, starker Gegner. In diesem besonderen Moment hätte es, so glaube ich, niemand der Mannschaft verübeln können, wenn die gesagt hätte: „Für heute ist nicht mehr drin“, und das Ding abgeschenkt hätten. Stattdessen trat das Gegenteil ein, mit einer Mischung aus Wut und Trotz stampfte man zurück aufs Spielfeld und den Gegner anschließend in den Boden. Eine Augenweide.

Okay, zunächst musste noch eine weitere zünftige Doppel-Fehlentscheidung des Schiris überstanden werden, diesmal aber fair auf beide Seiten verteilt. Zunächst verweigerte er wiederum Beister wiederum einen klaren Elfer, als der an der Strafraumkante mal wieder von rechts nach links wuselte und nebenbei die gesamte Frankfurter Abwehr ausspielte, bis einer mal das Bein stehen ließ. Herr Cortus praktizierte die typische Handbewegung, die wir schon so gut kannten, wedelte also wieder lässig „Weiterspielen!“, und wieder ging’s los in die andere Richtung. Und hier hätten jetzt die Frankfurter Elfmeter bekommen müssen, klares Foul im Strafraum, ich glaube, von Fink. Aber den Elfmeter jetzt zu geben, das traute Cortus sich offenkundig nicht. Ich möchte auch nicht wissen, was dann los gewesen wäre.

Einige Minuten später konnte aber auch er nichts mehr übersehen. Freistoß von links, als Variante flach an die Strafraumgrenze gespielt, quasi in den „Rückraum“. Rösler kommt eher an den Ball als sein Gegenspieler und wird von diesem aber so was von aus dem Weg geräumt, dass selbst Herr Cortus sofort auf den Punkt zeigt und kein einziger Frankfurter protestiert. Ein Foul aus dem Bilderbuch.

Begangen von einem gewissen Marcel Gaus, bis zum Sommer noch bei uns unter Vertrag, dann zum FSV gewechselt, weil Trainer Meier sich nicht damit anfreunden konnte, ihm einen Stammplatz zu versprechen. Frankfurts Trainer Boysen anscheinend auch nicht, zumindest nicht auf einer Stürmerposition, und etwas anderes hatte Gaus noch nie gespielt. Boysen hatte jedoch wohl eine fixe Idee, als Gaus zu Beginn der Saison beim FSV II in der Regionalliga Süd mal als linker Verteidiger aushelfen musste und seine Sache recht ordentlich machte. Seitdem schult Boysen ihn zum Außenverteidiger um, und seitdem hat Gaus auch regelmäßige Einsätze.

Alles schön und gut. Aber da stimmt die Umfeldarbeit beim FSV nicht. Hallo? Gaus – jaaaaha, Herr Boysen, Sie hätten mal jemanden fragen können, der sich mit sowas auskennt! Treue Leser meiner Zeilen zumindest wissen es: Gaus ist der Spieler, der bei uns immer noch den Rekord für die schnellste Gelbe Karte nach der Einwechslung hält (7 Sekunden, in Sandhausen 2008). Auch ist er schon mal nach seiner Einwechslung in Regensburg (März 2009) in relativ kurzer Spielzeit noch mit Gelb/Rot vom Platz geflogen, was der Trainer damals unter anderem so kommentierte: „Der junge Mann will halt Bäume versetzen und hat selbst mich im Training schon umgenagelt.“ Ein Feuerkopf also, der gerne mal zulangt. Und wenn man so jemanden in der Abwehr einsetzt, muss man damit rechnen, dass der auch schon mal im eigenen Strafraum die Blutgrätsche auspackt. Bei seiner „Vorgeschichte“ kann sich der FSV dann aber nicht herausreden, man habe von nix gewusst. Schlechte Umfeldarbeit, wie gesagt.

Also, Gaus knickte Rösler, es gab Elfmeter, und den haute der Oppa in Ermangelung des etatmäßigen Elfmeterschützen Langeneke gleich selbst rein – 2:2 in der 56. Minute, alles wieder offen. Dann leistete der Gastgeber noch ein paar Minuten erbitterte Gegenwehr – Trainer Boysen sprach nach dem Spiel völlig zurecht von einer sehr guten Leistung seines Teams über zwei Drittel des Spiels, zu unserem Glück genau ein Drittel zu wenig. Anschließend waren sie allerdings schlicht chancenlos.

In der 66. Minute ein Einwurf, knapp in der eigenen Hälfte, rechts, auf Beister. Der daddelt ein wenig herum, zieht vier Frankfurter auf sich und spielt dann im richtigen Moment den Pass nach halblinks, in den Lauf von Sascha Dum, der 25 Meter vor dem gegnerischen Tor aber so was von frei rumläuft, das muss man gesehen haben. Wie sich alle Frankfurter Abwehrrecken nach einem gefährlichen Einwurf auf Beister stürzten, das war irgendwie schon Slapstick. Dadurch läuft anschließend Dum ganz alleine auf Klandt zu und tunnelt ihn etwas glücklich zum 2:3. Frankfurt nach einem Einwurf (!) im Mittelfeld ausgekontert, Spiel gedreht.

Es war der erste Pflichtspieltreffer für Sascha Dum, seit er das Fortuna-Trikot trägt. Zuletzt hatte der Mittelfeldspieler für Alemannia Aachen getroffen – am 23.09.2006 in der Ersten Liga gegen einen Torwart namens Oliver Kahn, die Älteren werden sich erinnern. Und wenn jetzt schon der Dum trifft, dann kann ja nix mehr schief gehen. Der Zeitpunkt der Führung erschien mir zwar etwas früh, es war aber tatsächlich die Entscheidung. Frankfurt mühte sich, brachte allerdings nach vorne nichts Gefährliches mehr zustande. Und dann war Zeit für die großen Kontergefühle. Zunächst in der 82. Minute, als Dum sich mit einem Traumpass in die Spitze revanchierte, zentimetergenau am Fuß des Abwehrspielers vorbei und in den Lauf unseres Australiers Robbie Kruse, der wiederum völlig frei vor Torwart Klandt auftauchte, dann aber uneigennützig auf sein erstes Tor in Deutschland verzichtete und nochmals quer nach rechts legte, wo Beister mitgelaufen war und ins leere Tor einschob. 4:2, Fisch gegessen. Trainer Meier ballte die Siegesfaust – Sekunden vorher hatte er noch Langeneke und Jovanovic bringen wollen, um die knappe Führung über die Zeit zu bringen. War jetzt nicht mehr nötig. Da der Trainer aber ein netter Mensch ist, brachte er die beiden trotzdem. So kam auch Ranisav Jovanovic, seit Wochen nicht im Kader, eigentlich nur noch in der Zweiten Mannschaft im Einsatz, zu seinem ersten Saisoneinsatz. Und wenn’s dann schon so schön passt – was macht der Wahnsinnige? Geht sofort steil über links, bekommt den Pass, dringt in den Strafraum ein und hat den Blick dafür, dass der einzige weitere Fortune in seiner Nähe, Beister, sich aus dem Strafraum heraus an die Sechzehnmeterlinie gestohlen hat. Schöner flacher Rückpass, genau in den Fuß, linke Klebe, Ball im rechten unteren Eck – 5:2. Zwei Beister-Treffer binnen 120 Sekunden. Und alle fünf Treffer mit dem jeweils linken Fuß des Torschützen erzielt. Sieht man auch nicht alle Tage, denke ich.

Die Mannschaft drehte somit ein Spiel, bei dem die meisten nicht mehr unbedingt damit gerechnet hätten. Besonders nicht, als nach dem Schlusspfiff die Begleitumstände des Spiels auch unter den Fans bekannt wurden. Und hier gilt dann auch noch ein großes Lob an alle. Keine ausufernden Siegesfeiern unter den Fans, es wurden Schals und Transparente in einer Ecke des Spielfeldes ausgelegt, um dem Spieler Grimaldi und seiner Familie Trauer zu bekunden. Dickes Lob auch an den FSV, der diese Aktion nicht nur ruckzuck ermöglichte, ohne auf irgendwelchen Sicherheits-Schnickschnack hinzuweisen, sondern der dann auch über Lautsprecher leise „You’ll never walk alone“ einspielte. Der kleine FSV, für den der Klassenerhalt in der 2. Liga jedes Jahr aufs Neue ein kleines Wunder darstellt – in dieser Situation ganz groß. Vielen Dank.

Fortuna siegte dank einer tollen zweiten Hälfte mit 5:2 beim FSV Frankfurt, Zeugen dieser beeindruckenden Leistung waren 7.700 Zuschauer, davon 3.500 Fortuna-Fans. Für die Frankfurter ein toller Besuch, liegt deren üblicher Schnitt doch bei gerade mal 4.500 Fans. Allerdings ist die Statistik in dieser Saison bereits verzerrt durch das Spiel gegen den Lokalrivalen Eintracht Frankfurt in deren Commerzbank Arena vor 40.000 Zuschauern. Das war nämlich offiziell ein Heimspiel des FSV. Und die Fortuna feierte im kleinsten Stadion der Liga dann auch gleich die beste Saisonplatzierung. Dadurch dass der örtliche Lokalrivale Eintracht Frankfurt in Ingolstadt nämlich erst in der 97. Minute zum glücklichen Ausgleich kam, überholten wir die Frankfurter und waren Tabellenführer! Und blieben es auch, da am Tag danach der bisherige Spitzenreiter Greuther Fürth sein Heimspiel gegen Braunschweig vergeigte.

Und auch wenn aufgrund der tragischen Ereignisse alles andere an diesem Tag wirklich nur Nebensache war – dass wir am Abend bei der Auslosung zum Achtelfinale im DFB-Pokal auch noch ein Heimspiel gegen Borussia Dortmund bekamen, setzte dem so erfolgreichen Monat Oktober wahrlich die Krone auf. Da das Pokalspiel am 20. oder 21. Dezember ausgetragen wird, kann man mit Fug und Recht von einem zusätzlichen Weihnachtsgeschenk für Spieler, Verein und Fans sprechen. Welches sich die Mannschaft in den letzten Wochen auch redlich erarbeitet und verdient hat. Und bei dem sie befreit aufspielen kann, gegen den amtierenden Deutschen Meister erwartet nun wirklich niemand etwas Großartiges. Vielleicht ja eine gute Grundlage, um etwas Großartiges zu leisten. Wir werden sehen.

„Es war kein Tag zum Fußballspielen“, sagte Maximilian Beister – nach dem Spiel. Wenn das ein Spieler sagt, der soeben maßgeblich daran beteiligt war, den Gegner aus dessen eigenem Stadion zu schießen, dürfte klar sein, dass es ein ziemlich schwarzes Wochenende für die Mannschaft war. Trotz des sportlichen Erfolges. Es gibt solche Tage, und es ist immer die Frage, wie man damit umgeht. Nachdenklicher, natürlich. Und man kann nur hoffen, dass Adriano Grimaldi alles so gut wie es geht übersteht, wobei das Wort „gut“ in diesem Zusammenhang natürlich völlig fehl am Platze ist, aber ich denke, ich wurde verstanden. Was die Mannschaft betrifft, so werde ich das Gefühl nicht los, sie sei an diesem Schock noch ein wenig mehr gereift. Time will tell.

Zeugen Jovas

Weiter ging es wiederum nur fünf Tage später mit dem Ligaspiel gegen Dynamo Dresden, die fröhlichen Randalinskis aus dem Pokalwettbewerb. Dementsprechend wurde vor dem Spiel mal wieder gewarnt, dass Attilas Hunnen in Düsseldorf einfallen würden. Am Ende war es doch nur Dynamo Dresden. Circa 1.500 Dresdner kamen in den Gästeblock, und als sie knapp zwei Stunden später wieder gingen, stand der Block immer noch! Glaubt man ja eigentlich kaum, wenn man mal die Berichterstattung der letzten Wochen verfolgt hat. Und deshalb hier auch noch was vom Spiel, das so natürlich in keiner Zeitung oder Fernsehaufzeichnung mitgeliefert wurde, weil zur Zeit nicht sein kann, was nicht sein darf: ein einziger Spinner aus dem Dresdner Fan-Block warf unmittelbar vor dem Anpfiff einen Böller in den Innenraum. So weit, so Scheiße. Was anschließend medial natürlich unentdeckt blieb: Fans aus dem Gästeblock krallten sich den Werfer und übergaben ihn mit besten Grüßen ans Ordnungspersonal. Weitere Vorkommnisse gab es nicht. So sieht dann die Wahrheit aus.

Da wir die Sparte „Sensationsjournalismus“ somit bereits abgedeckt haben, können wir uns sogleich dem Spiel zuwenden. Fortuna mit der „oldschool“-Aufstellung, die seit Saisonbeginn regelmäßig für Unruhe beim Gegner sorgt, will heißen: Langeneke nach Verletzung wieder dabei, Lambertz nach Gelbsperre wieder dabei, Bröker nach Erkrankung wieder dabei. Kruse, Juanan und Dum, ihre erfolgreichen Vertreter vom Spiel in Frankfurt, rotierten auf die Bank zurück. Hüben wie drüben gab es beteiligte Personen, die sich noch gut an ihre Zeit beim jeweiligen Gegner erinnern konnten: Stürmer Thomas Bröker war drei Jahre bei Dynamo aktiv, Trainer Norbert Meier ein Jahr. Und der Trainer der Gegenseite ist bei uns natürlich auch bestens bekannt: Ralf Loose, Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger sieben Jahre bei der Fortuna, 1989 unter Aleks Ristic in die 1. Liga aufgestiegen, also einer, der weiß, wie so etwas in Düsseldorf geht. Sympathisch bis der Arzt kommt, immer ein Lächeln im Gesicht.

Und es gab zunächst auch keinen Grund für ihn, das Lächeln einzustellen. In der ersten Hälfte spielte Dynamo sehr gut, kam frech nach vorne, erarbeitete sich Übergewicht im Mittelfeld und stand hinten drin eigentlich recht gut. Fortuna hatte vor 32.300 Zuschauern große Schwierigkeiten, das gewohnte Offensivspiel aufzuziehen, bezeichnenderweise waren es jeweils die Außenverteidiger van den Bergh und Levels, die mit „Gewaltschüssen“ für erste Aufregung sorgten. Der von van den Bergh verhungerte auf dem Weg zum Tor, aber der von Levels war schon eher von der strammen Sorte und nötigte Dynamo-Keeper Wolfgang Hesl – auch ein alter Bekannter, des Öfteren im Tor des Hamburger SV II gegen uns aufgelaufen – zu einer ersten Parade. Und kaum lief das Spiel mal ein wenig flüssiger, klingelte es auch schon im Kasten hinter Hesl. In der 20. Minute leitete Beister selbst einen Angriff ein, das Leder kam zu Bröker, der an der Strafraumgrenze lauerte. Bröker versuchte sodann, den Ball in den Lauf von Beister zu legen, es war allerdings ein Dresdner Bein dazwischen. Die Kugel trudelte nach links, wo Beister mit dem einfachen Trick, den Ball mit der linken Sohle zurück zu ziehen und sich zu drehen, gleich zwei Spieler ins Nirwana schickte, bevor er mit rechts abzog. Wieder kam ein Dresdner Bein dazwischen und fälschte den Ball in die linke Ecke ab, 1:0. Beisters achter Saisontreffer, sein allererster mit rechts; man war zwischenzeitlich zu der Auffassung gekommen, er habe den rechten Fuß nur, damit er am Urinal nicht umfalle. Nun weiß es jeder – Schüsse aus ungefähr zwölf Metern Entfernung gehen auch! Man lernt halt nie aus.

Die Dynamos, von dem Rückstand herzlich wenig geschockt, blieben keine Antwort schuldig: nur 60 Sekunden nach dem Führungstreffer legte Poté am Sechzehner zurück auf Dedic, und der wemmste die Kugel volley nur ganz knapp über das Tor. Das wär mal eine Antwort gewesen! Aber auch danach blieb Dresden am Drücker. Unsere hatten zwar noch eine dicke Chance, als Oliver Fink nach Rösler-Freistoß ganz knapp am langen Pfosten vorbei köpfte. Aber insgesamt muss man sagen, dass die Gäste mehr vom Spiel hatten, auch weil die Fortunen irgendwie undefinierbar fahrig wirkten. Reichlich Fehlpässe, überhastete Ballverluste und eine Körpersprache bei dem einen oder anderen, die sehr nach „Heute wär ich gern im Bett geblieben“ aussah. Ich fürchte fast, die Mannschaft ist langsam überspielt. Soll ja auch mal vorkommen.

So war es nur logisch und auch verdient, dass Dresden noch vor der Pause zum Ausgleich kam, als man ungestört bis zum Sechzehner kombinieren konnte. Dedic steckte die Kugel auf Poté durch, die Nachverpflichtung aus Nizza, die noch ein wenig breiter zu sein scheint als Lukimya, tanzte diesen auf engstem Raum aus und haute die Kugel dann kurz entschlossen mit der Pieke flach rechts rein. Verdienter Ausgleich, natürlich zum psychologisch wichtigen…und so weiter.

Zur Pause dachte ich noch, dass sich die schlechten Omen unübersehbar auftürmten: Dresden war die erste Mannschaft in dieser Saison, die bei uns einen Ausgleich erzielte, alle anderen Gegentore waren bis dato nur Anschlusstreffer gewesen. Völlig ungewohntes Gefühl. Dies verwirrte wohl anscheinend auch einen Teilnehmer des „Halbzeitspiels“, der vom Moderator nach seinem Ergebnistipp befragt, ein fröhliches „3:0!“ ins Mikro krähte und anschließend feststellen musste, dass doch nicht ganz so viele Zuschauer dieses Halbzeitspiel ignoriert hatten und zum Bierstand oder aufs Klo gegangen waren, wie er sich das erhofft haben wird. Peinlich, peinlich, aber nicht mehr zu ändern. Wie gesagt, alles schlechte Omen.

Aber von schlechten Omen wollte nach der Pause niemand mehr etwas wissen. Fortuna endlich druckvoll und mit Zug nach vorn, schnürte den Gegner ein, der in den zweiten 45 Minuten noch einen Torschuss hatte und ansonsten offensiv gar nicht mehr in Erscheinung trat. Man holte insgesamt 13:1 Ecken und musste feststellen, dass die Standards an jenem Abend nix taugten, es ergaben sich kaum mal gefährliche Situationen aus ihnen. Standardschütze Sascha Rösler, der sich hiermit also vergeblich bemühte, versuchte dann auf andere Art, auch im zehnten Heimspiel in Folge einen Treffer zu erzielen, wodurch er die diesbezügliche, über 35 Jahre alte Serie von Franz Gerber (TSV 1860 München) eingestellt hätte. Zunächst mit einem Schuss aus spitzem Winkel, den Hesl am kurzen Eck mit dem Fuß klären konnte. Dann ein dickes Ding, nach prima Kombination über die rechte Seite drang Tobias Levels in den Strafraum ein und bediente Rösler flach mustergültig. Der wollte mit dem linken Außenrist schnibbeln anstatt den Keeper mit dem rechten Vollspann mit durchs Tor zu schießen, und brachte das Kunststück fertig, die Kugel aus drei Metern über das Tor zu chippen. Mein Gott. Aber wir kennen es in dieser Saison ja schon, manchmal macht er es gerne kompliziert. Siehe das Spiel in Aue, bei dem er zunächst aus drei Metern neben das leere Tor schoss, nur um einige Minuten später einen Freistoß aus 20 Metern über die Mauer und ins Netz zu bringen. Und so hatten wir nach diesem Klops aus drei Metern dann doch noch den Torschrei auf den Lippen, als wiederum Rösler von der Strafraumgrenze einen wunderschönen Schlenzer ansetzte. Ebenso wunderschön flog allerdings Torwart Hesl und schaffte es tatsächlich noch, den Ball über die Latte zu lenken. Eine tolle Aktion von beiden, aber eben kein Tor. Man vergab hier eine Chance und dort eine Möglichkeit, und so langsam rannte die Zeit davon. Trainer Meier versuchte alles, brachte erst Dum für den doch noch erschöpften Bröker, anschließend Kruse für den platten Beister. Und Dum war es auch, der eigentlich den Siegtreffer vorbereitet hätte. Er vernaschte auf links seinen Gegenspieler, marschierte mutterseelenallein parallel zur Grundlinie in den Strafraum, hatte viel Zeit zum Gucken, machte auch eigentlich alles richtig. Aber dann das: seinen harten Flachpass in die Mitte verfehlte wieder mal Rösler am kurzen Pfosten nur um Zentimeter – aber nicht nur er, sondern sein Gegenspieler und der Torwart gleich mit, klar, die hatten sich ja auf ihn konzentriert. Und so eierte der Ball parallel zur Torlinie drei Meter vor selbiger entlang und brauchte nur noch einen lässigen Abstauber. Indes – es war keiner da! Niemand hatte die Situation erfasst und war mitgelaufen. Eigentlich das dickste Ding, noch dazu kurz vor Schluss. Es war zum Haareraufen.

Als der Trainer zu Ende gerauft hatte, zog er den letzten Joker: Ranisav Jovanovic, in der Vorwoche schon mit einem Sieben-Minuten-Einsatz in Frankfurt, in dem er sogar noch ein Tor vorbereitete, sollte es nun in zwei Minuten richten. Er kam in der 88. Minute für Kapitän Lambertz, der nach seiner Gelbsperre wohl auch erstmal ein Fehlpass-Festival absitzen musste. Jovanovics Einsatzzeit verlängerte sich um weitere zwei Minuten Nachspielzeit, die der Schiri anzeigte. Dynamo jetzt mit Mann und Maus hinten drin, wollte nur noch das 1:1 nach Hause bringen. Es wäre nicht unverdient gewesen, auch wenn Fortuna in der zweiten Halbzeit klar am Drücker gewesen war.

In der 90. Minute kam Jovanovic an der Strafraumgrenze an den Ball, nahm mit der Brust an (wie wir dachten) und hämmerte die Kugel aus 16 Metern aufs Dresdner Gehäuse. Innenpfosten! Ich mochte es kaum glauben, und es wäre auch nichts gewesen, denn zwischenzeitlich hatte der Schiri wegen Handspiels abgepfiffen, zu Recht. War nix von wegen „mit der Brust angenommen“. Weiter, weiter.

Kurz darauf ballerte Sascha Dum eine Flanke in Richtung Dynamo-Strafraum, wobei ihm der Ball abrutschte und meilenweit übers Gäste-Tor flog. In diesem Moment war das Spiel eigentlich abgehakt. 1:1 ist zwar ein bisschen wenig, aber eben auch nicht schlecht. An manchen Tagen muss man auch damit zufrieden sind.

Gucken wir uns also resigniert, aber doch irgendwie entspannt die letzten Sekunden des Spiels an. Guck, wie weit der Dynamo-Torwart den Ball rauspöhlt. So weit vorne steht bei denen natürlich niemand mehr. Darf unsere Abwehr auch noch mal ein paar Ballberührungen absolvieren. Guck, jetzt wird schon wieder der Dum angespielt, ungefähr Höhe Mittellinie auf links. Nicht schon wieder so eine Flanke, da kann er ja auch direkt zum Schiri passen, damit der das Spiel beendet. Verdammt, jetzt hat er es doch getan! Einfach wieder hoch und weit in den gegnerischen Strafraum! Brechstange schön und gut, aber dann muss der Ball auch da hin, wo noch Leute von uns stehen. Und im Sechzehner ist grad nur der Rösler, was soll der schon ausrichten? Und natürlich: Guck wie er wieder mal hinfällt, aber im Fallen den Ball mit dem Kopf noch zurücklegt. Ey, Rösler, das Tor steht in der anderen Richtung. Und jetzt hat er noch den Jovanovic angeköpft, der seit Jahren keinen Möbelwagen mehr trifft, auch das noch…und der…

Was macht denn der Jovanovic da?

Ganz einfach: den langen Ball von Dum hatte sich Rösler erlaufen und tatsächlich im Fallen per Kopf auf Jovanovic zurück an die Strafraumgrenze gelegt, leider halbhoch, daher nicht direkt verwertbar. Der Jova ließ die Kugel vom linken Oberschenkel abtropfen, tat einen Ausfallschritt nach vorn und zauberte den Ball mit linkem Spann und Außenrist über Torwart Hesl unter die Latte. 2:1 in der 90+2. Minute, der Schiedsrichter ließ gar nicht mehr anpfeifen, beendete die Partie sofort. Ein Kunstschuss zum Sieg mit der buchstäblich allerletzten Ballberührung des Spiels! Unfassbar! Unerreicht!

Daraufhin brach die Hölle los. Jovanovic, der eigentlich nach rechts Richtung Fan-Block jubeln wollte, wurde kurz vor der Seitenlinie eingeholt und zu Boden gerungen. Und dann hieß es: alle Mann drauf. Als Krönung kam zum guten Schluss Trainer Norbert Meier angerannt. Hatte einen 50-Meter-Sprint über den Platz angezogen und warf sich jetzt oben auf den Haufen jubelnder Spieler drauf. Hatte noch nicht mal die Brille abgenommen. Kullerte drei Sekunden später auf der Seite wieder runter und rollte korrekt auf dem Rasen ab, zeigte anschließend noch die Becker-Faust. Zeigte soviel Einsatz, dass er danach im Fortuna-Forum sogar eine Stimme für die Wahl zum „Spieler des Spiels“ erhielt. Unser ruhiges Nordlicht völlig außer Rand und Band. Aber nicht nur er, die ganze Arena tobte. Exklusive derjenigen, die schon fünf Minuten vorher gegangen waren, weil sie natürlich einen Sieg bestellt hatten, der bis zur 85. Minute nicht geliefert worden war, und weil diese Nichtkenner tatsächlich glauben, sie kämen dann früher vom Parkplatz weg (haha!). Aber denen hab ich`s gegönnt. Wer uns abschreibt, ist ein Narr!

Minutenlang wurden Spieler und Trainer anschließend gefeiert, man konnte meinen, die Meisterschaft wäre soeben errungen worden. Die Dresdner hockten wie einige Häufchen Elend auf dem Rasen, wozu sie zwar dem Ergebnis nach jede Berechtigung hatten, aber auch nicht allzu gram sein sollten. Die Abstiegsplätze sind weiterhin beruhigend weit entfernt, und mit einer solchen Leistung braucht man sich auch keine Sorgen zu machen, sie noch mal aus der Nähe begutachten zu müssen.

Selten passten diese ganzen Phrasen, mit denen sich Fußballreporter gerne ihre Lücken füllen, wenn ihnen grad nichts mehr einfällt, mehr als bei diesem Spiel. Wie der Spruch, dass man alle 23 Mann eines Kaders im Laufe der Saison brauchen wird; dass ein Spiel so lange läuft, bis der Schiri abpfeift. Sogar dieses dämliche „Ausgerechnet…“ macht hier Sinn. Ausgerechnet Jovanovic, der seit exakt 23 Monaten (bzw. 700 Tagen) kein Tor mehr in einem Pflichtspiel für die erste Mannschaft erzielt hatte. Ausgerechnet Jovanovic, eigentlich hinter Rösler, Bröker, Ilsø und Grimaldi nur Stürmer Nummer fünf im Kader. Ausgerechnet Jovanovic, der bis zu seinem Kurzeinsatz in Frankfurt in dieser Saison lediglich in der Zweiten Mannschaft Spielpraxis gesammelt und mit denen in der Regionalliga West gekickt hatte. Und ganz besonders bitter für Dresden, dass auch die ihr „Ausgerechnet…“ hatten, denn Jovanovic ist auch bei ihnen kein Unbekannter: am 30.05.2004 stieg Dynamo durch ein 1.0 am vorletzten Spieltag gegen den VfR Neumünster aus der damaligen Regionalliga Nord in die 2. Bundesliga auf. Schütze des Aufstiegstores damals: Ranisav Jovanovic. Das ist so, als wenn im Jahr 2016 Marco Christ mit irgendeiner Gurkentruppe vorbei schaut und uns aus der Arena schießt. Wollen wir mal nicht hoffen. Und wo wir schon mal beim „Ausgerechnet..“ sind: knapp vier Stunden später feierte Jovanovic auch noch seinen 31. Geburtstag. Da kann man wirklich nur sagen: „Prost!“

Beide Trainer, obwohl natürlich ein bisschen unzufrieden mit dem Spiel ihrer Mannschaften, Norbert Meier mit der ersten Halbzeit, Ralf Loose mit der zweiten, dann aber völlig gelöst bei der anschließenden Pressekonferenz. Loose: „Ich gratuliere der Fortuna natürlich zum Sieg und hoffe als alter Düsseldorfer, dass die Punkte helfen, den lang ersehnten Aufstieg in die Bundesliga zu schaffen. Ich drücke Norbert Meier und dem ganzen Verein die Daumen.“ – Norbert Meier, der zunächst zum Stagediver mutierte und sich anschließend für einen Job als Nationaltrainer von Saudi-Arabien disqualifizierte, weil er Torschütze Jovanovic abknutschte, kommentierte seinen Ausraster trocken: „Dresden hätte den Punkt verdient gehabt, aber das ist mir scheißegal. Wir machen bis Montag frei, ich kann die Typen einfach nicht mehr sehen, mich teilweise auch nicht mehr. Manchmal frage ich mich auch, ob ich einen unter dem Pony habe, mit 53 Jahren da so einen Sprint anzuziehen, mitten in die Spielertraube. Aber das hält jung. Meine Frau hat auch gesagt, dass ich noch wie 50 aussehe.“ Das mit dem „nicht mehr sehen können“ war natürlich eine schmunzelnde Reminiszenz an seine Truppe, weil sie es oft so spannend macht. Aber an jenem Abend hat sie alles übertroffen. Ein Spiel, das der Fan lange, lange nicht vergessen wird.

Fortuna siegte also mit 2:1 gegen Dynamo Dresden, glücklich, aber nicht unverdient. Nach 14 Spieltagen stehen nunmehr 34 Punkte zu Buche und damit die alleinige Tabellenführung. Es ist eigentlich kaum zu glauben, was diese Mannschaft in den letzten Wochen alles gerissen hat. Es ist egal, ob sie zurück liegen, es ist egal, ob sie vom Schicksal oder von Viren gebeutelt werden, es ist egal, ob sie eigentlich an der Abwehrmauer aus Beton verzweifeln – letzten Endes setzen sie sich immer durch. Aber man muss Realist bleiben. Mit jedem Spiel, in dem die Serie verlängert wird, steigt natürlich die Wahrscheinlichkeit, beim nächsten Mal zu verlieren. 23 ungeschlagene Pflichtspiele in Serie haben wir jetzt. Nach der Länderspielpause am kommenden Wochenende geht es am 19. November (Samstag) zu Union Berlin. Aber das Schöne ist ja: die Mannschaft hat jetzt dermaßen gut vorgearbeitet, dass man tabellarisch eine Niederlage durchaus mal verkraften könnte. Wie das Team es verarbeitet, wenn man wirklich zum ersten Mal seit März wieder verlieren sollte, steht auf einem anderen Blatt.

Ich glaube, sie werden es gut wegstecken. Irgendwie wirken sie zwar alle derzeit etwas müde, aber eben auch nicht abgehoben. Auf dem Teppich geblieben.

Auch wenn ihr Teppich derzeit anscheinend fliegen kann.

Wurde nach 700 Tagen erneut zum Zeugen Jovas bekehrt: janus

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