22. – 25. Spieltag

Einstieg

Ja, es sollte endlich wieder losgehen. Fußball in 2006 für alle! Da ich bezüglich der Fortuna noch bis Anfang Februar darauf warten musste, schaute ich mich zunächst anderweitig um. Am 02.01. fand das in meinem letzten Bericht bereits erwähnte Hallenturnier in der KölnArena statt, der sogenannte „Rheinland-Cup“. Ich fand es recht unterhaltsam. Zu den in der Presse ordentlich breit getretenen Begleitumständen dieses Turniers darf ich denn auch auf meine damalige unterschwellig geäußerte Prognose hinweisen („Ich möchte doch zu gerne mal die Schlaumeier sehen, die zu einem Turnier Köln, Düsseldorf, RW Essen, Aachen und Duisburg einladen (zusätzlich noch Frankfurt). Das verspricht einige Unterhaltung“) sowie auf eine Stellungnahme der Veranstalter nach dem Turnier, die das Ganze wunderbar ergänzt: „Wir haben wohl die Rivalität der einzelnen Fan-Gruppen untereinander etwas unterschätzt.“ Ach was! Da gratulier ich aber. Demnach dürfte klar sein, dass dort „Eventmanager“ am Werk waren, die mal so richtig Ahnung vom Fußball haben. Bravo, ich freu mich schon auf die Neuauflage im nächsten Jahr, die während des Turniers bereits angekündigt wurde.

Am 21.01.2006 gönnte ich mir dann mal etwas, das ich nur empfehlen kann: den DFB-Hallenpokal der Fußball-Damen, der schon seit Jahren bei mir um die Ecke in der Bonner Hardtberghalle ausgetragen wird. Das war Unterhaltung vom Feinsten! Alle 12 Damen-Bundesliga-Mannschaften nahmen teil, es konnten feine Technik und tolle Tore gesichtet werden, und wer meint, die Damen würden das eher körperlose Spiel bevorzugen, der hat die Vorrundenpartie zwischen dem FCR Duisburg und der SG Essen-Schönebeck nicht gesehen. Auch im Damen-Fußball ist ein Derby halt ein Derby…Was äußerst positiv auffiel, war die Tatsache, dass sich quasi die komplette Nationalmannschaft der Damen hier versammelt hatte, alles amtierende Welt- und Europameisterinnen. Und die waren nicht nur zum Autogrammeschreiben da, sondern spielten auch! Birgit Prinz zum Beispiel, kurz zuvor wieder „Weltfußballerin des Jahres“ geworden, lief ebenfalls auf und wurde mal eben Torschützenkönigin des Turniers. Man stelle sich so etwas bitte bei Ronaldinho vor…kurzum, hier wurde den 3.000 Zuschauern (ausverkauft) etwas fürs Geld geboten, daran könnten sich die Herren ruhig mal ein Beispiel nehmen. Und damit meine ich durchaus auch die Fortuna, die zuvor in Köln mit einer besseren Verbandsliga-Mannschaft aufgelaufen war.

Und da eine Woche vor der Regionalliga die Bundesliga wieder losging, verschlug es mich am 28.01.2006 dann noch nach Leverkusen, zum Spiel gegen Eintracht Frankfurt. Ich sah ein 2:1 der Leverkusener durch einen Kraftakt in der 2. Halbzeit nach absoluter Arbeitsverweigerung in der ersten, und amüsierte mich gar prächtig über die Leverkusener Choreo, die mal wieder vom „Arbeitskreis Stimmung“ auf die Beine gestellt worden war. Übrigens, falls jemand als Hobby Gefahrensuchen hat, ich hätte da vielleicht etwas Neues: holt euch mal in der Pause einen HotDog. Nichts gegen die HotDogs, die waren 1a, nein, an dem Stand klebte nur ein Zettel, auf dem zu lesen stand, dass man bezüglich der Inhaltsstoffe dieses Nahrungsmittels durchaus den Verkäufer ansprechen könne. Und das kann man ja dann mal in Ruhe ausdiskutieren, wenn in der Pause grad 200 Leute hinter einem stehen. Viel Vergnügen.

Zusätzlich gab es in den Stunden vor dem ersten Spiel der Fortuna die Gewissheit, dass wir die drei Punkte aus dem Spiel gegen Emden würden behalten können, da der DFB just an diesem Tag den Emder Einspruch gegen das Urteil vom November letzten Jahres zurückwies. Also auch hier klare Verhältnisse. Was ich davon halte, dass im nahezu identischen Fall Wacker Burghausen – TSV 1860 München mittlerweile, wie befürchtet, auf Wiederholungsspiel entschieden wurde, habe ich bereits im letzten Artikel ausführlich dargelegt.

Damit war ich fußballerisch gerüstet für das neue Fortuna-Jahr. Es konnte losgehen.

Wieder mal ein ganz normaler Freitag

Am Freitag, den 03.02.2006, sollte der Ball wieder rollen. Das Spitzenspiel bei Spitzenreiter RW Essen stand auf dem Programm. Das nenn ich doch mal einen Start ins neue Jahr, direkt solch eine Hammer-Partie. Ein Abendspiel, ein Derby, volles Haus, vergleichsweise kurze Anfahrt – darauf hätte man sich freuen können. Hätte.

Dass das Spiel angepfiffen wurde, war der größte Witz seit der kühnen Behauptung, die bald ins Haus stehende WM sei eine für Fans. Immerhin holte man sich prominente Schwarzkittel für die Partie ins Haus: Franz-Xaver Wack kam mit seinem Seiten-Gespann an den Ort des Geschehens, sah und pfiff an. Was ihn dazu bewogen haben mag – keine Ahnung. Ebenso habe ich keine Ahnung, wer diese ungemein schlaue Idee hatte, die Platzbesichtigung der Platzkommission auf Donnerstagabend zu legen – mithin exakt 24 Stunden vor Anpfiff. Man erklärte den Rasen für bespielbar und kümmerte sich nicht die Bohne darum, was so wettertechnisch bis zum Anpfiff noch geschah. Obwohl: ich habe ja einen Verdacht. Kurz vor Beginn des Spiels sah ich einen der Assistenten an der Seitenlinie an einem der Begrenzungsfähnchen herumhantieren. Ich glaube ja bis heute, dass er in diesem Moment das Schild entfernt hat, das der Verein RW Essen dort hatte anbringen lassen: „Achtung, Eisbahn! Betreten mit Fußballschuhen verboten! Schlittschuhverleih 3 €!“ Anders ist das, was sich anschließend auf dem grünen Rasen abspielte, wirklich nicht zu erklären.

Ja, er war grün, der Rasen, nur vereinzelt weiß gesprenkelt, von irgendwelchen Schneeverwehungen konnte wirklich keine Rede sein. Er war allerdings auch noch etwas anderes, nämlich eine nahezu geschlossene Eisdecke. Ein normaler Bewegungsablauf war nicht nur erschwert, sondern völlig ausgeschlossen. Aber was kümmerte das Deutschland schönste Schiri-Fönwelle, den strammen Franz-Xaver? Der blickte wahrscheinlich nur mal kurz in den Himmel, stellte fest, dass es nicht schneite und damit der 90minütige Halt seines Stylings gewährleistet sei und fand, man solle sich nicht so anstellen. Anpfiff!

Mittlerweile sind ja die Olympischen Spiele von Turin ebenso Geschichte wie dieses Regionalligaspiel. Ich habe in den zwei Wochen Olympia angestrengt hingeschaut, ich habe keine einzige Pirouette gesehen, die auch nur annähernd an das herankam, was an jenem Abend an der Essener Hafenstraße zu besichtigen war. Mehrfach zog ich begeistert die 5,8, ab und zu auch völlig enthusiastisch die 5,9, aber das nutzte den Akteuren da unten ja nichts. Es war lächerlich, der Ball war nicht zu kontrollieren, die Spieler schlidderten in der Vor-Karnevalszeit als 22 Eisprinzessinnen verkleidet über den Rasen, der schöne Franz verlor zunehmend den Überblick, was Foul und was mangelnde Standfestigkeit war, ein geordnetes Aufbauspiel war so gut wie unmöglich. Man muss es wirklich gesehen haben, um es zu glauben. Ich will Herrn Wack mal zugute halten, dass er sich nicht getraut hat, 20.000 Zuschauer (so viele waren es tatsächlich) relativ kurzfristig nach Hause zu schicken und er deshalb anpfeifen ließ. Eine andere Erklärung habe ich wirklich nicht.

Nachdem man sich hüben wie drüben je einen Weitschuss gegönnt hatte, mehr war auf diesem Boden wirklich nicht drin, war schon Pause. In der 2. Halbzeit versuchten es die Essener mal ein wenig mit Fußball, drängten Fortuna hinten rein, und gewannen auch verdient mit 2:0. Wobei an jenem Abend natürlich alles passte: das 1:0 erzielte natürlich ausgerechnet Younga-Mouhani, ein Ex-Fortune, der drei Minuten später auch das 2:0 von Calik vorlegte und die Partie damit entscheid. War ja klar. Was das Ganze von Fortuna-Seite noch tragischer machte, war die Tatsache, dass RWE-Trainer Neuhaus ihn just vor dem Führungstreffer auswechseln wollte, er war nämlich bis dato eindeutig schlechtester Mann auf dem Platz gewesen und mit dem Boden gar nicht zurecht gekommen. Neuhaus hatte seinen Ersatz schon an die Seitenlinie kommandiert, da flankte Haeldermans von rechts, Kopfball-Aufsetzer Younga-Mouhani, drin. Wenn der schon mit dem Boden nix anfangen konnte, dann machte er es eben in der Luft. Kurz darauf das 2:0, ein sehenswertes Tor, allein schon deswegen, weil es der für mich erinnerlich einzige Spielzug über mehr als zwei Stationen war, ohne dass der Ball versprang. Und wer dann noch den Ball zweimal unfallfrei aufs gegnerische Tor gespielt bekommt, ohne sich die Haxen zu brechen, der gewinnt halt verdient. Auch wenn das zweite Tor wohl Abseits war, aber das interessiert an einem solchen Abend dann auch nicht mehr.
Und falls der ein oder andere meint, ich würde hier den winselnden Verlierer raushängen lassen – in der Pressekonferenz nach dem Spiel sagte selbst RWE-Trainer Neuhaus, dass es ihm ein Rätsel sei, warum man dieses Spiel angepfiffen habe. Dabei hätte der doch nach dem Sieg nun wirklich mal den Pelé Wollitz rausholen und sagen können, wir sollten uns nicht so anstellen. Tat er aber nicht. Und es war auch keine gönnerhafte Geste im Anblick des eigenen Sieges, denn er sprach auch mal flugs der Platzkommission und dem Schiri, die dieses Spiel freigegeben hatten, völlig zu Recht ab, vom Fußball etwas zu verstehen. Das macht man wohl auch kaum, wenn man nicht muss. Davor ziehe ich meinen imaginären Hut.

Noch ein paar Worte zur Organisation: den Fortuna-Fans wurde ein Sonderzug zur Verfügung gestellt, dessen Platzangebot wohl etwas, äh, geringer war als benötigt. Anschließend wurden die Fans am Essener Hbf zunächst festgehalten, weil die Busse zum Stadion noch nicht da waren. Dann hatte man so clevere Busfahrer engagiert, einer davon verfuhr sich sogar auf dem Weg zum Stadion, kein Witz! Am Stadion selbst wurde für die ankommenden Massen nur ein Tor geöffnet, als man drin war, gab es dasselbe noch mal. Der Stadionsprecher tätigte noch 20 Minuten nach Spielbeginn die Durchsage, die Fans im Gästeblock sollten bitte nach unten durchgehen, weil draußen noch Unzählige auf Einlass warteten. Die waren aber alle vor dem Anpfiff am Stadion gewesen! Wieder mal eine große Leistung. Wobei das nicht zur Entschuldigung für die Handvoll Leute gelten darf, die mal wieder die Sportarten verwechselten bzw. der Meinung waren, für Sachbeschädigung gäbe es eine Extra-Prämie. Aber irgendwie will mir nicht in den Kopf, wie man Leute stundenlang zusammenpressen wie Ölsardinen und hinterher auf der polizeieigenen Homepage darüber berichten kann, dass es ja bedauerlicherweise zu der ein oder anderen Ausschreitung kam. Dass 90 % der geknechteten Anhänger ruhig blieb, bis sie wieder zuhause waren – das scheint mir die eigentliche Leistung an diesem Abend gewesen zu sein.

Da wollten sich die Gastgeber natürlich nicht lumpen lassen. Selten habe ich mehr gelacht als beim Vorprogramm zu diesem Spiel. Zunächst beglückte uns der Stadionsprecher mit dem wirklich frischen Witz: „Was ist das Schönste an Düsseldorf? Das Schild mit der Aufschrift: Essen, 28 km!“ Ja, ein Brüller, ein Schenkelklopfer, da hatte er ein wirkliches Highlight fahrlässig schon lange vor dem Spiel verbraten. Der eigentliche Skandal daran ist, dass ich bis zum heutigen Tag auf die Auskunft warte, wo in Düsseldorf er denn dieses Schild gesehen haben mag. Oder sollte es wirklich nur eine leichtfertige Aussage gewesen sein? Kann ich eigentlich kaum glauben.

Dann wollte man es uns so richtig zeigen. Es gibt ja dieses nette, unbedeutende Liedchen von den Toten Hosen „Ich würde nie zum FC Bayern München gehen“, unbedeutend deshalb, weil das nun wirklich jeder weiß, der sich im Fußball auskennt, dafür muss man nicht extra ein Lied schreiben. Und da die Essener anscheinend eine Fan-Freundschaft mit Bayern München haben – dazu herzlichen Glückwunsch von mir -, musste natürlich gnadenlos zurückgeschossen werden. Also schickte man irgendeine Band ins Studio, die dann irgendwas in der Art „Ich würde niemals zu den Toten Hosen gehen“ intonierte. Ein echter Genickschlag für uns, zumal ja wirklich alle, alle Fortuna-Fans automatisch Hosen-Fans sind. Ich bin’s nicht und konnte deshalb herzlich über das lachen, was da aus dem Lautsprecher kam. Ärmer gings wohl nicht.

Stop! Natürlich geht’s noch ärmer, und RWE wäre nicht RWE, wenn sie es dann nicht auch noch bringen würden. Denn weil alle Fortuna-Fans nicht nur automatisch Tote Hosen-Anhänger, sondern auch Karnevalsjecken sind, gedachte man, uns nunmehr den Todesstoß zu versetzen. Und da die Essener anscheinend auch eine Fan-Freundschaft mit dem 1.FC Köln haben – dazu besonders herzlichen Glückwunsch von mir -, spielten sie dann natürlich noch das, was bei den Doppelabsteigern aus der Domstadt auch vor jedem Spiel läuft: Viva Colonia. Und steigerten selbiges noch durch den Versuch einiger Haupttribünenbenutzer in meiner unmittelbaren Nähe, ebenso laut wie textignorant falsch mitzusingen. Großartig! Liebe Essener, so was nenne ich mal ein gelungenes Vorprogramm, so richtig mit Spitzen gegen die andere Stadt, um die „Derby-Atmosphäre“ anzuheizen, aber holla! Solltet ihr mal wieder zufällig Dritter werden (wär ja nicht das erste Mal), dann in der nächsten Saison gerne mehr davon. Auch in Köln wird man sich über die neuen Freunde gefreut haben, dort hat man momentan nicht allzu viele. Aber die Anbiederung an Köln war anscheinend noch nicht groß genug: obwohl sich die sattsam bekannte WDR-Moderatorin im Presseraum mal wieder kostengünstig verpflegte und aufwärmte, der WDR brachte trotzdem kein einziges Bild vom Spiel. Vielleicht solltet ihr euer Repertoire also beim nächsten Mal noch um „Mer losse d’r Dom in Kölle“ erweitern, dann klappt es bestimmt. Zusammenfassend habe ich mich vor dem Spiel besser unterhalten als während der Eisbahn-Veranstaltung. Kommt ja auch nicht allzu häufig vor.

Aber dieser ganz normale Freitag hatte noch mehr zu bieten. Mal ehrlich: eine Organisation, die nun wirklich nicht zur Deeskalation geeignet war, ein Spiel, das niemals hätte stattfinden dürfen und das dazu noch verloren wurde – darf da die Deutsche Bahn zurückstehen? Selbstverständlich nicht.

Ausgangslage war folgende: um ca. 22.45 Uhr wurde ich am Düsseldorfer Hauptbahnhof aus dem Wagen entlassen, um die restliche Wegstrecke mit dem Zug zurückzulegen. Ein Regionalexpress nach Bonn war um diese Uhrzeit eh nicht mehr zu bekommen, somit musste ich in den sauren Apfel beißen und eine ICE-Fahrkarte lösen. Das hat übrigens seinen Preis: für unglaubliche 75 Bahn-km wollen die 15 € haben – mit BahnCard 25, wohlgemerkt. Aber bitte, ich war durchgefroren, und wollte nur noch nach Hause, da lässt man sich schon mal auf so etwas ein.

Frieren durfte ich gleich noch etwas mehr, denn es schien mir geraten, der Ankunft des Zuges auf dem Bahnsteig entgegen zu harren, unten im Bahnhof tummelten sich zurückgekehrte Fortuna-Sonderzug-Fahrer, DEG-Fans und Anhänger der Krefelder Pinguine, die sich bekanntermaßen ja auch sehr mögen (und die am Abend gegeneinander gespielt hatten) sowie dementsprechend viel Grünzeug. Also fror ich mir den Allerwertesten weiter ab, bis der Zug um 23.26 Uhr eintreffen sollte, was er natürlich nicht tat, womit die Geldausgabe bereits nutzlos gewesen war, denn um 23.40 Uhr fuhr vom selben Bahnsteig ein Regionalexpress nach Aachen, damit hätte ich zumindest bis nach Köln fahren können. Und er kam natürlich früher als der ICE. Hätte in diesem Fall zwar nichts genutzt, wäre aber billiger gewesen.

Nun, der ICE bequemte sich dann, um 23.46 Uhr zu erscheinen und fuhr entgegen meiner Befürchtungen auch tatsächlich los. Verzugslos glitt er dahin, und ich war grad wieder einigermaßen warm, als die Fahrt kurz vor Köln plötzlich stoppte. Natürlich, da steht man ja eigentlich regelmäßig. Was mich nur stutzig machte, war, dass der bereits erwähnte Regionalexpress auf dem Gleis neben uns parkte. Dann schaltete sich mal der Zugchef über Lautsprecher ein, und die „Night of the Proms“ begann, wobei „Proms“ hier nicht für irgendetwas auch nur entfernt Prominentes steht, das eventuell seinen Auftritt gehabt hätte, sondern für „Promises“.

Es erklang also die Stimme des Zugchefs, der uns informierte , dass es im Kölner Hbf zu einer kleinen Stellwerkstörung gekommen sei. Nichts Neues also, die Herrschaften sehen nur partout nicht ein, dieses Stellwerk auch irgendwann mal reparieren zu lassen. Und das bei diesem „Verkehrsknotenpunkt“… Nun durften die Züge, die draußen standen (wie meiner), nicht einfahren, die, die drin waren, nicht raus. Es werde aber bald weitergehen, versprach man uns.

Einige Minuten später folgte die nächste Versprechung: „In circa 10 Minuten sind wir dran und dürfen einfahren.“ Dann gab man alles, um uns in Sicherheit zu wiegen und verkündete kurz darauf: „In zwei Minuten fahren wir los!“ Listig hatte man bereits den neben uns stehenden Regio in Bewegung gesetzt, um die reibungslose Funktion des Kölner Hauptbahnhofs vorzutäuschen.

Diesem letzten Versprecher, sorry, ich meine: dieser letzten Versprechung folgte dann schlicht gar nichts mehr, wir standen und standen, bis der Zugchef das Unvermeidliche mitteilte: „Das Stellwerk in Köln ist zum zweiten Mal zusammengebrochen, und der Hauptbahnhof ist jetzt dicht!“ Jawoll, so macht man das bei diesen „Verkehrsknotenpunkten“. Da wird halt einfach die Arbeit eingestellt, Freitagnacht um Mitternacht! Laut der nächsten Versprechung sollte unser Zug nun zügig nach Köln-Deutz um- und sodann nach Bonn-Beuel weitergeleitet werden. Eine pfiffige Versprechung, denn man hatte etwas unterschlagen: die Passagiere, die in Köln Hauptbahnhof hatten zusteigen wollen, die mussten ja auch erst nach Deutz gekarrt werden. So gestaltete sich dieser Aufenthalt dort dann auch „etwas“ länger. Und als wir in Deutz endlich losrollten, da wollte das Zugpersonal wohl ausnutzen, dass alle Passagiere doch sicherlich heilfroh und den Freudentränen nah waren, dass es überhaupt weiterging: ein Schaffner betrat das Großraumabteil, um die Fahrkarten zu kontrollieren…

Ich möchte an dieser Stelle abkürzen, das soll ja nicht in eine Lobeshymne für die Opferbereitschaft des Bahnpersonals ausarten: der Herr verließ nach relativ kurzer Zeit wieder das Abteil, und zwar ohne, dass er auch nur eine Fahrkarte zu Gesicht bekommen hätte. Für diese unfassbare Fahrt noch Geld nehmen und sich dies zu diesem Zeitpunkt auch noch nachweisen lassen zu wollen – das war für einige zuviel. Stattdessen wurde von einigen Seiten der Kundschaft (wir hatten auch ein paar fröhliche Karnevalisten dabei, die schon etwas länger im Zug saßen als ich) dann auch mal ein Versprechen getätigt, nämlich dass der Herr vom nächsten Bahnhof aus zu Fuß nach Hause würde gehen können, wenn er auf seiner Kontrolle bestünde. Falls er dann noch gehen könnte. Taktisch klug zog er sich zurück und überließ das Feld den erbosten Passagieren. Mich wundert nur, dass niemand danach „Vive la revolution!“ gerufen hat. Aber selbst dafür waren alle zu sauer.

Die Nacht der Wunder war allerdings immer noch nicht zu Ende. Der nächste Halt, wie gesagt, war Bonn-Beuel. Und hier, so versprach der Zugchef mehrfach während der Anfahrt, werde ein Mitarbeiter der Bahn vor Ort sein und den weiteren Ablauf regeln, sprich: Transport zum Bonner Hauptbahnhof. Wie schön. Es wurde so oft wiederholt, dass ich fast selbst daran geglaubt hätte.
Um 1.03 Uhr erreichten wir Bonn-Beuel. Schon beim Aussteigen wurden wir mit der Durchsage beglückt, uns auf den Bahnhofsvorplatz zu begeben. Diese Durchsage begann mit den Worten „Sehr geehrte Damen und Herren, Ihr Zug wurde umgeleitet…“ und kam nicht aus dem Bahnhof, das ist eine ganz kleine Klitsche, die abends dicht gemacht und abgeschlossen wird. Da hält sich kein Mensch auf. Trotzdem hatte man das Tonband sofort zur Hand. Komisch, oder? Man könnte glatt meinen, das kommt öfters vor…

Natürlich kam niemand von der Bahn auf den Vorplatz, um beim Weitertransport zu helfen. Ich muss sagen, ich hab da fast Verständnis. Ich wäre da wahrscheinlich auch nicht hingefahren, wenn man mir das aufgedrückt hätte. Ein Blick auf die sehr zufriedene Gesellschaft, die sich bei minus fünf Grad vor dem Bahnhofsgebäude den Arsch abfror, hätte mir auch gereicht. Der eigenen Gesundheit zuliebe.

Ich persönlich hätte fast schon wieder lachen können. Der Bahnhof Beuel befindet sich nämlich nur 10 Fußminuten von meiner Arbeitsstelle entfernt. Nun hat man mir ja just jetzt zum 1. März die Arbeitszeit zum zweiten Mal binnen anderthalb Jahren erhöht. Ich will mich darüber auch gar nicht sonderlich beschweren, die Tatsache, dass die Regierung mal wieder zuerst bei denen zulangt, die sich nicht wehren dürfen, sollte auch allen anderen Warnung genug sein – ihr kommt auch noch dran. Und über eine Regierung, die sich die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ganz oben auf die Fahne geschrieben hat, und die als erste Maßnahme ihren Staatsdienern die Arbeitszeit erhöht, damit man selbst nicht in die Verlegenheit kommt, den ein oder anderen eventuell einstellen zu müssen, kann ich an Karneval eigentlich auch gut lachen Dass die allerdings jetzt auch schon mit der Bahn zusammenarbeiten, und die wiederum mich am Samstagmorgen um eins vor meinem Büro abliefern, das fand ich dann wirklich schon bedenklich…

Zum guten Schluss mussten wir uns alle ein Taxi zum Hauptbahnhof teilen, und dort durfte ich direkt sitzen bleiben, denn Busse fuhren um diese Uhrzeit natürlich auch nicht mehr. Eine Entschädigung kam natürlich nicht in Betracht. Der Zug sollte um 00.12 Uhr in Bonn sein und war um 1.03 Uhr da – leider keine 60 Minuten Verspätung. Und dass Bonn-Beuel nicht nur nicht Bonn Hauptbahnhof, sondern auch, wie der Kenner schon längst weiß, die komplett falsche Rheinseite ist – nun, dafür kann die Bahn doch wirklich nix, oder? Bonn ist Bonn, für die Bahn zumindest.

Soviel also zum Thema: was man alles erleben kann, wenn ein Spiel stattfindet, das eigentlich zehn Stunden vorher hätte abgesagt werden müssen. Ich hätte gut darauf verzichten können.

Ein Orden für den Kampf gegen Tierquälerei

Zunächst als kleines Intermezzo ein erneuter Besuch in der Leverkusener BayArena, dorthin war am Freitag, 10.02., das Spiel von Bayer II gegen Osnabrück verlegt worden. Ich fror wieder hundsgemein, weil sie bei Bayer diese sündhaft teure Heizung anscheinend nur für die Profis hochfahren (das kenn ich nur allzu gut aus der eigenen Arena, da wird das Teil für uns paar Fortuna-Männeken auch nicht angefahren) und sah ein hochverdientes 1:0 der Bayer-Bubis gegen unfassbare schwache Osnabrücker, die mittlerweile nach der neunten Auswärtsniederlage in Folge (in Leverkusen war es die achte) zur Lachnummer in der Fremde mutieren. Die haben nur ein einziges vernünftiges Auswärtsspiel in dieser Saison abgeliefert, dummerweise war das am ersten Spieltag in Düsseldorf, als sie 2:1 gewannen. Der Sieg für Leverkusen hätte höher ausfallen müssen, so verfehlten sie in der 1. Halbzeit einmal das leere Tor, und kurz vor Schluss scheiterten gleich zwei Spieler allein vor dem Osnabrücker Torwart. Von der Tribüne sah es so aus, als ob Ulf Kirsten am liebsten in den Rasen gebissen hätte vor Wut, aber es reichte ja trotzdem. War ein unterhaltsamer Kick, die richtige Einstimmung auf Samstag, als der Tabellenletzte 1. FC Köln II seine Visitenkarte in der LTU-Arena abgab.

Der Trainer von Köln II, Christoph John, sagte in der Pressekonferenz nach dem Spiel den schönen Satz: „Das einzig Positive für meine Mannschaft am heutigen Tage – war das Ergebnis!“ Damit ist alles gesagt. Hochverdienter 2:0-Sieg der Fortuna, der ungefähr fünf Tore zu niedrig ausfiel, gegen dermaßen schwache Kölner, so was hab ich in dieser Saison überhaupt noch nicht gesehen. Klarer Abstiegskandidat Nummer Eins, wenn sich bei denen nicht ganz schnell etwas ändert. Der Trainer der Profi-Mannschaft, Peter Scholl-Latour (ich weiß nicht, irgendwie gefällt mir dieser laue Gag immer noch), hatte laut „Sport im Westen“ 6 Profis zur Verfügung gestellt, man einigte sich jedoch darauf, nur Björn Schlicke einzusetzen, der sich seinen Nebenleuten nahtlos anpasste und eine derartige Leistung ablieferte, dass ich mich seit jenem Samstagnachmittag entgeistert frage, wie so jemand mal einen Stammplatz beim HSV haben konnte. Höhepunkt war sicherlich, wie er eine Rückgabe zum Torwart völlig unbedrängt an selbigem vorbei ins Aus zum Eckball spielte. Fortuna war über 90 Minuten in allen Belangen überlegen, vergab jedoch fahrlässig zahlreiche Hochkaräter. Schon nach 2 Minuten flitzte Ermin Melunovic alleine auf den Kölner Keeper zu, vergaß beim Überlaufen desselben allerdings, auch den Ball mitzunehmen. Und so ging es auch weiter, die Tore waren eine logische Schlussfolgerung gegen völlig überforderte Kölner, die während der gesamten Spielzeit noch nicht einmal einen Eckball herausholen konnten. Der mitgereisten Handvoll Kölner Fans, die uns mit einem Transparent „Für euch ein Derby, für uns nur ein Nachwuchskick“ verhöhnen wollte, fiel dann wahrscheinlich auch alles aus dem Gesicht, als sie sahen, wie es um die Nachwuchsarbeit des Bahnhofskapellendorfs bestellt ist. Das war schlicht unterirdisch und trieb selbst deren Trainer die Zornesröte dermaßen ins Gesicht, dass er schon nach knapp 30 Minuten einen Doppelwechsel vornahm (ohne dass sich etwas geändert hätte)! Und dabei darf auch nicht als Entschuldigung gelten, dass mit Nickenig und Chitsulo zwei Stammkräfte aufgrund einer Virusinfektion fehlten, bei uns waren Feinbier (5. Gelbe) und Kruse (Verletzung) auch nicht dabei. Der Nickenig ist ja derjenige, der im Hinspiel von Ali Albertz mittels Kopfstoß gefällt wurde, was Ali korrekte 8 Wochen Sperre einbrachte. Vielleicht hat der, als er hörte, dass Albertz wieder auflaufen würde, in der Woche vor dem Spiel nur bei eingeschaltetem Ventilator geschlafen und war heilfroh, als die Nase endlich zu laufen begann. Lieber laufen als wieder gebrochen. Man weiß es nicht genau.

1:0 durch Cebe in der 27. Minute nach Traumpass von Lambertz, mit überlegtem Schuss aus 10 m ins lange Eck; 5 Minuten später die Entscheidung durch Ali Albertz, der die Kugel mit dem rechten Fuß (den hat er normalerweise nur, damit er am Urinal nicht umfällt) vom linken Strafraumeck ins rechte untere Eck zirkelte. Zwei schöne Tore, die man anschließend noch hätte aufstocken müssen. So bleibt die Chancenverwertung das, was man an jenem Nachmittag bemängeln musste. Zwar erzielte Podszus kurz vor Schluss noch das 3:0, aber der Assistent winkte mal eben Abseits, was physisch völlig unmöglich war, da Podszus sich hinter seinem Gegenspieler hervorgepirscht hatte, aber dem Mann war wahrscheinlich kalt und er wollte auch mal was tun. Überhaupt konnte man eine unterirdische Auslegung der Abseitsregel durch die Assis beobachten, fairerweise allerdings auf beiden Seiten. Einziger Wermutstropfen war die fünfte Gelbe Karte für Kapitän Dirk Böcker.

Ein 7:0 oder 8:0 war ohne Übertreibung möglich, wurde aber leichtfertig verdaddelt. Oder vielleicht wollte man wirklich den Gegner schonen und sich nicht der Gefahr aussetzen, von amnesty international gebrandmarkt zu werden, so hilf- und harmlos war der Gegner. Fortuna zeigte sich an diesem Nachmittag eindeutig von ihrer sozialen Seite, das sollte schon mal einen Orden wert sein.

Der Acker im Freudenhaus

Am 18.02.2006 stand sodann die Partie an, die viele Fortuna-Fans schon vor Beginn einer Saison elektrisiert – das Spiel am Millerntor beim FC St. Pauli, Höhepunkt einer jeden Saison. Und diesmal war es wirklich einer.
Fortuna holte in einem mitreißenden Spiel völlig verdient einen Punkt beim Aufstiegsfavoriten, 18.571 Zuschauer sahen ein tolles Kampfspiel mit reichlich Torchancen hüben wie drüben, was nicht selbstverständlich ist, wenn man sich den Acker zu Gemüte führt, auf dem das Spiel stattfand. Ich schreibe bewusst nicht „Kartoffelacker“, denn jede Kartoffel hätte sich mit Recht verbeten, in dieser Mondlandschaft verbuddelt zu werden. So etwas hab ich bislang höchstens noch in Osnabrück im letzten Dezember gesehen, und die hatten ja nun wirklich die Ausrede, dass dort zuvor tagelang Schnee gelegen hatte. Wobei ich annehme, auf St. Pauli werden sie den Boden in seinem jetzigen Zustand konservieren und vor dem DFB-Pokalspiel noch mal mit Schneekanonen präparieren, damit sie vielleicht doch eine Chance haben. Der Platz passte zwar zu dieser Bruchbude von Stadion, der man allerdings einen gewissen Charme nicht absprechen kann, aber für einen Möchtegernaufsteiger in die 2. Liga war das ein schlechter Witz, da kann man noch so „kultig“ sein.

St. Pauli, solche Bodenverhältnisse gewohnt, spielte sodann sein übliches „englisches“ Spiel, meist lange hohe Bälle nach vorn, da aufgrund der Platzverhältnisse auch einfachste Flachpässe wüst durch die Gegend holperten. Man schien etwas verdutzt, als die Gäste sich nach 10 Minuten trauten, dagegen zu halten, fortan ein verteiltes Spiel, bis die Hausherren Ende der 1. Halbzeit noch mal mächtig aufdrehten und Fortunas Abwehr ebenso mächtig ins Schwimmen geriet. Daher war ich etwas skeptisch in der Pause und wurde auch voll bestätigt, als Thomas Meggle in der 48. Minute das 1:0 erzielte. Nach Flanke von rechts durch Florian Lechner hatte Tim Kruse, der den gesperrten Kapitän Dirk Böcker ansonsten glänzend vertrat, ein sauberes Luftloch in der Strafraummitte produziert, Meggle staubte aus 6 m Entfernung gekonnt ab. Fortuna ließ sich nicht schocken, hielt dagegen und kam in der 62. Minute zum verdienten Ausgleich, als zunächst Heeren von links flankte, Podszus beim Kopfball gestört wurde, der Ball rechts im Strafraum bei Cebe landete, dieser sich in die Mitte durchsetzte, den Ball aber wieder mal zu weit vom Fuß springen ließ – glücklicherweise genau zu Feinbier, der mal wieder aus 5 m einlochte, 9. Saisontor. Ein Glück, dass der sich in Essen, und nicht gegen Köln die fünfte Gelbe abgeholt hatte!

Anschließend gab es das, was man wohl als „offenen Schlagabtausch“ bezeichnen konnte, exemplarisch seien folgende Begebenheiten angeführt: hüben vergab Meggle gleich zwei 1000%ige binnen zwanzig Sekunden, als er zunächst aus 10 m völlig frei an Deuß scheiterte und dann, als Fortuna den Ball nicht wegbekam, kurz darauf eine neuerliche Hereingabe aus 5 m am leeren Tor vorbeisetzte. Paulis Trainer Bergmann wollte in dieser Szene einen Elfer für Pauli gesehen haben, weil Meggle von hinten gezogen worden sein soll, aber ich bin mir da nicht sicher, und auch im Fernsehen konnte man es nicht deutlich sehen.

Drüben brachte Cakir das Kunststück fertig, den Ball nach einer Ecke aus 5 m völlig freistehend nicht im Tor unterzubringen, ein fantastischer Reflex von Paulis Keeper Hollerieth verhinderte dies. In der Nachspielzeit scheiterte dann noch Lambertz freistehend aus 10 m, weil der bereits am Boden liegende Abwehrspieler Gunesch noch einen Fuß zwischen Ball und Tor bekam. Hierbei hätte der Schiri allerdings auch noch auf Elfer entscheiden können: bei diesem Konter hatte Heeren von links geflankt, in der Mitte war Podszus mit dem Kopf und Gunesch gleichzeitig mit dem Fuß zum Ball gegangen, was Podszus fällte und Lambertz anschließend die Nachschusschance ermöglichte. Somit wäre auch diese Bilanz ausgeglichen. Sämtliche Zuschauer verabschiedeten die Spieler beim Schlusspfiff mit frenetischem Beifall für großen Sport auf qualitativ ganz „kleinem“ Gelände. Als nur noch einzelne St. Pauli-Spieler auf dem Feld waren, die in einer Ehrenrunde dem Publikum für den Support dankten, kam es zu einer amüsanten Episode: als diese am Fortuna-Fan-Block vorbeiliefen, sangen die noch anwesenden Fortunen lautstark „Zieht den Bayern die Lederhosen aus!“, was die Pauli-Spieler ebenfalls anerkennend würdigten. Eine schöne Atmosphäre also.
1:1 auf St. Pauli, ein hochverdienter Punkt in einem mitreißenden Kampfspiel, welches auch mein frühes Aufstehen um 5.45 Uhr rechtfertigte. 8 Gelbe Karten wurden verteilt, zwei davon leider mal wieder mit Folgen, für Stürmer Marcel Podszus und Mittelfeldspieler Tim Kruse war es jeweils die 5., sodass sie beim nächsten Spiel aussetzen mussten. Damit haben sich jetzt mit Feinbier, Böcker, Kruse und Podszus gleich vier Leistungsträger hintereinander ihre Sperre abgeholt. Naja, besser jetzt als am Ende der Saison. Bestnoten gab es für Torwart Patrick Deuß, der mehrere Superparaden zeigte sowie für Oliver Barth, der meines Wissens mal wieder keinen einzigen Zweikampf verlor, und für den unermüdlichen Antreiber Lambertz, der langsam aber sicher seine Form der letztjährigen Rückrunde wiederfindet. Bei Pauli ragte Michel Mazingu Dinzey heraus, der momentan einen Lauf hat, dem gelingt wirklich fast alles, sowie Florian Lechner auf der rechten Seite. Ein tolles Spiel.

Im Nachhinein kann man ganz froh sein, dass Dirk „Susi“ Böcker bei diesem Spiel nicht dabei war. Unser „Master of Grätsche“ im defensiven Mittelfeld, an guten Tagen nur noch an der Kapitänsbinde vom Rasen zu unterscheiden, hätte sich wahrscheinlich in dieses Kraterfeld am Millerntor dermaßen verliebt, dass er heute noch dort grätschen würde und eingefangen werden müsste. Man muss auch für die Kleinigkeiten im Leben dankbar sein.

Einen hab ich aber noch. Gemäß des Kommentars umstehender und –sitzender Einheimischer schafften wir nämlich am Millerntor zum ersten Mal seit Menschengedenken etwas Unfassbares: Henri Heeren ballerte einen „Torschuss“ in der ersten Halbzeit aus sechzehn Metern nicht nur übers Tor, sondern auch gleich über Fangnetz und oberste Stufe der Hintertortribüne aus dem Stadion hinaus! Nicht schlecht, wie ich finde. Aber wie heißt es doch so schön: Wir sind Fortuna – Wir können alles!
Ob der Ball inzwischen gefunden wurde oder noch immer im Orbit kreist, ist mir nicht bekannt.

Karnevalsspiel

Der letzte Abschnitt dieses Beitrags kann relativ schnell abgehandelt werden. Soviel zu sehen gabs da auch nicht. Deshalb nutzte ich die Gelegenheit, mir mal die „andere Seite“ anzuschauen und fuhr am Freitag, 24.02.2006, in die Regionalliga Süd, sprich: zur Partie TuS Koblenz gegen Eintracht Trier. Die Koblenzer stehen nach der Hinrunde auf einem Aufstiegsplatz, die Trierer entgegen gesetzt derzeit mit einem Bein in der Oberliga. Es gab aber auch auf beiden Seiten alte Bekannte zu besichtigen. So heißt der Manager von Koblenz Stefan Kuntz, außerdem haben die wohl zu Beginn der Saison Zweitliga-Absteiger RW Oberhausen gefleddert, gleich drei ehemalige Zweitliga-Spieler von dort waren auf dem Platz, dazu noch Regionalliga-Torjäger Guscinas, mir noch bestens bekannt durch seine zwei Hütten für Holstein Kiel im Rheinstadion anno 2001, und auch der ehemalige Aachener und Duisburger Ivanovic hat in der Winterpause seinen Weg nach Koblenz gefunden. Keine billige Truppe also. Bei Trier kann man schön über Trainer Eugen Hach lachen und erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass Markus Lösch nicht nur nicht verletzt sein, sondern auch noch ordentlich spielen kann, also etwas, das er im letzten Jahr bei Fortuna eigentlich weniger gezeigt hat. Außerdem spielt dort immer noch der große alte, unbestechliche Harry Koch, den sie wahrscheinlich irgendwann von einem Zivi vom Platz holen lassen müssen.

Und nach dem Spiel sag ich mal: also ich glaub, Koblenz steigt auf. Bayern-Potenzial haben sie auf jeden Fall, zumindest was das mühsame Gewinnen von wichtigen Spielen angeht. Absolut unsicher in der Abwehr, nach vorne ging auch kaum was, völlig verdient zur Pause in Rückstand – und dann hatten sie zwei lichte Momente und machten in der 50./51. Minute die Tore. Anschließend vergaben die Trierer vier hundertprozentige Chancen, und plötzlich hatte Koblenz 2:1 gewonnen, und keiner wusste, warum. Wer solche Spiele noch gewinnt, der kann sich für nächste Saison schon mal DSF auf einen vorderen Programmplatz legen…

Aber das Stadion und die Anfahrtswege – mein Gott! Dagegen ist der Flinger Broich ja richtig luxuriös…Und richtig kalt war es auch, weil dort der Wind ganz gut vom Rhein einfällt, und bis auf die Mini-Tribüne alle Plätze völlig ungeschützt sind. Und es gab Pepsi. Und einen Stadionsprecher außer Rand und Band, möchte gerne (oder eben nicht) wissen, was der so geraucht hatte. Eigentlich alles Gründe, warum die nicht aufsteigen dürfen…

Seit letzten Freitag hab ich allerdings neue Lieblings-Sanitär-Anlagen. Und zwar die von der Gegengerade in Koblenz. Beziehungsweise, ich hätte gern neue Lieblings-Sanitär-Anlagen von der Gegengeraden in Koblenz, aber es gibt dort keine! In der Pause stellte man sich einträchtig an den Zaun hinter und neben den Verpflegungsbuden und pinkelte entspannt durch die Maschen – direkt dahinter standen die Einsatzwagen der Polizei, und ob es deren liebste Beschäftigung ist, Dutzenden von Leuten beim Wasserlassen zusehen zu müssen, lasse ich auch mal dahingestellt.

In Koblenz gibt es also im Falle eines Aufstiegs noch viel zu tun, bei uns nicht. Dafür gibt’s bei uns auch keinen Aufstieg. Man konnte also relativ entspannt am Samstag zur Arena fahren und der Dinge harren, die da kommen sollten.

Das Hinspiel beim Hamburger SV II (1:1) war streckenweise eine Beleidigung fürs Auge, da konnte man für das Rückspiel auch nicht mehr erwarten. Immerhin brauchte man nicht extra vor denen zu warnen, das taten die schon selbst. Am Wochenende zuvor hatte man den Aufstiegsfavoriten Lübeck 2:1 geschlagen, drei Tage später im Nachholspiel auch mit Zweitliga-Absteiger Erfurt kurzen Prozess gemacht und 3:0 gewonnen. Die Mannschaft von Neu-Trainer Karsten Bäron war also in Form und vor allem – müde. So spielten sie auch, und da sich der gemeine Düsseldorfer an Karneval ja auch nicht überanstrengen will, schloss sich die Fortuna mal direkt an. Der HSV stand sehr massiv hinten drin, die Fortuna spielte vergebens dagegen an, bemühte sich aber auch nicht wirklich, die Lücke zu finden. „Sehr pomadig“, drückte es Fortuna-Trainer Weidemann nach dem Spiel diplomatisch aus.

Immerhin, einige Chancen sprangen dabei heraus, die größte hatte Ivan Pusic, anstelle des gesperrten Podszus in den Sturm gerückt, der nach einer Flanke von rechts vor dem ansonsten sehr guten HSV-Keeper Wolfgang Hesl (oder vielleicht doch Fredl Fesl – hätte zumindest zum Karneval recht gut gepasst…) am Ball war, aber am leeren Tor vorbeiköpfte. Wäre dies das 1:0 gewesen, und hätten die kleinen Rothosen daraufhin aufmachen müssen – ich glaube, Fortuna hätte das Spiel locker nach Hause schaukeln können. So beschränkte sich der HSV auch in der 2. Halbzeit darauf, den Ball hinten rauszudreschen und vorne ab und zu zu kontern.

Und da bei uns ja immer alles anders ist, erfanden wir an diesem Nachmittag gleich noch eine neue Art von Spiel: kommen Sie ins Stadion, trinken Sie 90 Minuten Bier oder Kaffee und schnacken Sie mit Ihren Freunden. Aufs Spiel brauchen Sie nicht zu achten. Aber versäumen Sie nicht die Nachspielzeit!

Die Uhr auf der Videoleinwand hatte bereits den Betrieb eingestellt und stand auf 90:00, als sich die HSV-Bubis noch einmal in die fortunistische Hälfte des Spielfelds aufmachten. Stellungsfehler von Albertz, der dem Zweikampf mit dem ballführenden Gegner aus dem Weg ging und diesen lieber kommen ließ, Pass nach links in den Strafraum, dort nahm Fillinger die Kugel und ließ aus ca.12 m einen Dropkick aufs kurze Ecke los – drin, das Ding! 0:1 in der 91. Minute. Nicht dass uns Gegentore in der Nachspielzeit in dieser Saison nicht irgendwie bekannt vorkämen, trotzdem konnte es niemand glauben. Das war nun wirklich ein Witz, Fortuna hatte vielleicht einfallslos und nicht mit letztem Einsatz gespielt, aber auch auf keinen Fall schlechter als der HSV. Und dann ausgerechnet der Fillinger, der schon in der Hinrunde der letzten Saison gegen uns getroffen hatte, damals noch im Trikot des Chemnitzer FC. Unfassbar, eigentlich.

Aber dann zeigte sich doch noch, worin vielleicht der Unterschied zur Hinrunde bestehen könnte: Anstoß, Ball nach vorne, Gewühl im Hamburger Strafraum, Marcus Feinbier, zuvor buchstäblich über 90 Minuten nicht zu sehen, behält den Überblick und legt clever zurück und quer und gleichzeitig für Cakir vor und der hämmert die Kugel aus 16 m rechts unten ins Eck – wieder drin! 1:1 in der 92. Minute. Ich glaube, das wurde dem Schiri etwas unheimlich, deshalb pfiff er anschließend auch ab und niemand, weder Heim- noch Gästemannschaft und –anhänger wussten, ob sie lachen oder weinen sollten. Außer Torschütze Hamza Cakir, der nämlich der nächste in der Riege war, der sich die fünfte Gelbe abholte. Ja, wenigstens in diesem Bereich scheinen wir eine gewisse Kontinuität an den Tag zu legen. Ein merkwürdiges Spiel, das man schnellstmöglichst vergessen sollte.

Für mich persönlich hatte es wenigstens noch ein Happy End, denn ich sicherte mir nach der Pressekonferenz noch die Unterschrift von Karsten Bäron Fußballgott auf meiner Eintrittskarte, und das, obwohl er sichtlich eine Stinklaune hatte. Ja, an manchen Tagen bin ich leicht zufrieden zu stellen…

Fortuna ist derzeit 7. in der Tabelle, mit 37 Punkten. Nach oben geht wohl nix mehr, nach unten hoffentlich auch nicht. Der Abstand ist groß, aber einige Vereine da unten haben zuletzt gut gepunktet, Leverkusen, Hamburg und Münster, sodass man das vielleicht nicht ganz aus dem Auge verlieren, sondern so zügig wie möglich die zwei Siege noch holen sollte, die am Klassenerhalt fehlen. Dann kann man ja immer noch sehen, ob man oben jemanden ärgern kann.

Alles in allem war der Februar somit wieder sehr abwechslungsreich. Weiter geht’s am 04.03. in Bremen gegen Werder II, eine Mannschaft, gegen die man noch nie (wirklich: noch nie) gewonnen hat. Aber als wir neulich nach Pauli kamen, hatten wir in den letzten 14 Jahren dort exakt einen Punkt geholt und nach nur 90 Minuten diese Ausbeute verdoppelt. Also, warum soll nicht auch in Bremen etwas gehen?
Anschließend kommt Erfurt, und dann geht es zur Außenstelle des Gard Haarstudios nach Emden, die sich nicht nur hervorragend in den Doping-Richtlinien auskennen, sondern zuhause auch noch saustark sind. Wird auch nicht leicht. Aber was ist schon leicht in diesen Tagen? Ich persönlich bin froh, wenn der Karneval bald vorüber ist. Da geh ich lieber arbeiten. Sogar von ganz alleine und ohne, dass mich die Deutsche Bahn hinbringen muss. In diesem Sinne: Helau!

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