8. – 12. Spieltag

Von Niederlagen, englischen Wochen und dem Grotifanten

Ja, auch der schönste Urlaub geht einmal zu Ende. Damit meine ich natürlich meinen eigenen. Der Oberligameister der Herzen hat ja niemals Urlaub. Und deshalb war in den vergangenen knapp vier Wochen wieder einiges los, sowohl auf dem Rasen als auch daneben. Als vorschnelles Fazit und Ergebnis der vergangenen Tage könnte man vielleicht schreiben…Gott sei Dank, dass jetzt auch der größte Schönredner erkannt haben dürfte, dass in dieser Saison gegen den Abstieg gespielt wird. Aber der Reihe nach.

Nach dem erfolgreichen Testlauf mit Richtfestcharakter in der neuen Arena am 10.09.2004 mit dem 2:0 gegen Union Berlin durften unsere Heroen bereits fünf Tage später wieder ran. Das Nachholspiel gegen die Amateure des 1.FC Köln stand auf dem Programm. Noch einmal zur Erinnerung: die hätten eigentlich der Arena-Gegner am 10.09. sein sollen, hatten die Partie aber kurzfristig verlegen lassen, weil sie den ein oder anderen Spieler an jenem Wochenende für den U20-Länderpokal in Duisburg abstellen mussten. Der offizielle Kader der Kölner Amateure besteht aus 20 Spielern. Ich weiß bis heute nicht, wie viele Spieler sie abstellen mussten, so dass das Spiel auf gar keinen Fall zum vorgesehenen Termin statt finden konnte. Aber ich tippe mal auf circa 16 hoch motivierte Kicker, die die U20 vom Mittelrhein an jenem Wochenende souverän bis ins Endspiel schossen und sich dabei mächtig angestrengt haben müssen. So mächtig, dass sie in der darauf folgenden Woche erst einmal ordentlich durchschnaufen mussten.

Wie ich auf 16 komme? Nun, als an jenem kühlen Mittwoch Abend die Partie gegen Köln angepfiffen wurde, fand ich von den Namen in der Kölner Aufstellung genau vier im offiziellen Kader der Kölner Amateure wieder. Sieben Namen hingegen – Ebbers, Benschneider, Lell, Achenbach, Lejan, Niedrig, Federico – kann der geneigte Leser durch unfallfreies Aufblättern der Seite 123 im kicker Sonderheft zur Saison 04/05 ausmachen. Dort ist der Profikader des 1.FC Köln für die 2. Bundesliga abgedruckt. Schöne neue Fußballwelt! Kein Wunder, dass sich auch Huub Stevens und Jos Luhukay an diesem Abend auf der Tribüne des Flinger Broich einfanden. Wenn man schon ein Drittel der ersten Mannschaft großzügig verleiht, dann kann man sie sich als Verantwortlicher ja auch gleich mal live anschauen. Mit hat nur gewundert, dass Christoph John bei den Kölnern noch auf der Bank Platz nehmen durfte. Hätte auch gleich der Stevens machen können, der kannte die Mannschaft, die da auf dem Rasen stand, eh besser.

Natürlich ist das erlaubt, natürlich hat der 1.FC Köln alle Spielregeln beachtet. Die Spielregel lautete in diesem Fall: lass dein Spiel verlegen, wenn du am gleichen Wochenende Spieler abstellen musst, weil du ja nur einen Kader von 20 Spielern hast, der dadurch wirklich äußerst empfindlich in seiner Leistungsfähigkeit gestört wird. Und wenn das Spiel dann einige Tage später unter der Woche nachgeholt wird, schone deine Mannschaft noch ein bisschen mehr, in dem du dir mal eben sieben Leute aus dem Profikader ausleihst. Dadurch wird zwar die Leistungsfähigkeit deines Kaders auch empfindlich gestört, aber immerhin zum Positiven, und das ist ja das Einzige, was zählt. So ein Unsinn wie Fair Play oder ähnlicher Quatsch berührt dich nicht, denn du hast dich ja an die Spielregeln gehalten. Macht ja jeder.

Besonders, wenn man dadurch die bis dahin miserable Auswärtsbilanz aufpolieren kann. Vor dieser Partie standen bei den Kölnern in der Saison nämlich bei drei Auswärtsspielen drei Auswärtsniederlagen zu Buche. Es zweifelt wohl niemand daran, dass diese Bilanz nach dem Spiel positiver ausfiel, oder? Ansonsten hätte sich ja nicht nur Christoph John, sondern auch Huub Stevens mal so seine Gedanken machen müssen.

Um auf diesen Punkt in eigener Sache kurz einzugehen, mir ist auch bekannt, dass Fortuna Spieler, die in der ersten Mannschaft nicht zum Zuge kommen, an die Verbandsliga-Truppe abgibt. Ich halte mich auch für „neutral“ genug, um zu sagen, dass ich das auch nicht besonders gut finde. Aber es besteht für mich eben ein Unterschied, ob ich Ersatzspieler eines Bundesliga-Clubs, die sich nicht durchsetzen können (wobei dies zumindest bei den Herren Ebbers, Benschneider, Lell und Achenbach ja wohl nur bedingt zutrifft) in die Regionalliga ausleihe oder Bankdrücker eines Regionalligisten in die Verbandsliga. Zumal in einer solchen Anzahl. Und zumal, wenn die Amateur-Mannschaft des Bundesliga-Clubs Spiele verlegen lässt, weil ihr nicht ihr kompletter Kader zur Verfügung steht, um anschließend zu demonstrieren, dass sie diese Leute ja anscheinend gar nicht benötigt.

Zum Spiel: Fortuna war in der ersten Halbzeit die klar bessere Mannschaft, versuchte druckvoll nach vorne zu spielen, kam allerdings nur zu wenigen Chancen. Kölns Trainer John zog nämlich eine doppelte Viererkette am eigenen Strafraum auf und ließ die Fortunen sich tot laufen. Na prima, erst mit einer solchen Aufstellung anrücken und dann noch die alte Ristic-Nummer spielen. Und das in Düsseldorf, quasi eine doppelte Verhöhnung des Gegners. Der erste ernsthafte Torschuss der Kölner konnte so um die 30. Minute gesichtet werden, der zweite war auch gleich drin: Freistoß von Amateur Achenbach, kollektiver Sekundenschlaf in der Fortuna –Abwehr, und Amateur Ebbers netzte zum 1:0 in der 40. Minute ein. Zufall, alles Zufall. Das Ergebnis war zwar ein besserer Witz, aber so sieht das halt aus, wenn sich eine Amateur-Mannschaft an die Spielregeln hält. Unmittelbar nach der Pause legte Amateur Niedrig noch das 2:0 nach, Kopfball nach einer Ecke, sehr schön anzusehen, wie der sich da als Einziger hochschraubte und die Kugel versenkte, und das Spiel war gelaufen. Die Kölner schaukelten den Vorsprung locker nach Hause und hatten sogar noch die ein oder andere Konterchance, während bei Fortuna langsam auffällig wurde, dass die Mannschaft bei einem Rückstand einfach das Spiel abzuhaken scheint, egal, ob beim Gegner sieben Profis oder 11 Kindergärtnerinnen auf dem Platz stehen. Das letzte Mal, dass man in einem Spiel einen Rückstand noch drehen konnte, ist nämlich mittlerweile beängstigend lang her: es war im März beim 3:1 gegen SW Essen, als man zur Halbzeit 0:1 zurück lag. Auch diese Bilanz sollte man schleunigst mal verbessern, denn die Abwehr ist im derzeitigen Zustand anscheinend immer für ein Gegentor gut, und das kann nun mal nicht immer der Ehrentreffer des Gegners in der 90. Minute sein.

In der zweiten Halbzeit wurde sogar der neue argentinische Stürmer Otta eingewechselt, der sich auch gleich nahtlos ins Spiel einfügte und einen Hochkaräter verballerte, ansonsten jedoch nicht weiter auffiel, was allerdings auch nicht weiter verwundern dürfte, war er doch zum diesem Zeitpunkt gerade mal anderthalb Wochen bei der Mannschaft. Erstaunlich, dass er überhaupt schon spielen durfte, dauert es doch mit den Spielgenehmigungen aus Argentinien immer etwas, wie ich im letzten Artikel bereits ansprach. Allerdings hatte ich völlig übersehen, dass Otta zuletzt in Calgary, somit Kanada, gespielt hatte. Da ist es um einiges kälter als in Argentinien, deshalb fliegen da die Brieftauben wahrscheinlich schneller. Mal sehen, ob er sich als die erhoffte Verstärkung erweisen kann.

Der mitgereiste Kölner Anhang verhöhnte dann noch unabsichtlich seine eigene Mannschaft, als man nach der Führung lautstark anstimmte „Unsere 2. ist besser als ihr“. Das stimmte natürlich, aber das mit der „2“ werden sich die sieben Herren auf dem Rasen innerlich bestimmt verbeten haben. Als sich kurz vor Schluss die Sitzplatztribüne mit atemberaubender Geschwindigkeit zu leeren begann, intonierten die Kölner: „90 Minuten, ein Spiel dauert 90 Minuten!“ Naja, was soll man sagen, sind zwar Kölner, aber sie haben trotzdem Recht, ich versteh das auch nie. Lustig war allerdings, dass sich mitten im lautesten Gesang auch die Herren Stevens, Luhukay und Rettig auf den Weg machten. Sie durften sich somit durchaus angesprochen fühlen. Bei denen machte das allerdings nichts, Stevens grinste über das ganze Gesicht als er das Stadion verließ und hatte auch allen Grund dazu, konnte er doch wertvolle neue Erkenntnisse über seinen Kader sammeln. Bei Christoph John hingegen stellte sich wohl eher die Frage, wen er denn beim nächsten Spiel aufstellen solle, da er die Spieler aus „seinem“ Kader ja nun zum Großteil schon seit zwei Wochen nicht mehr in einem Pflichtspiel gesehen hatte.

Weiter ging es nach dieser Pleite mit dem Auswärtsspiel am 18.09. beim VfL Osnabrück.
Für mich allerdings nicht, und wer weiß, wozu es gut war. Denn zwei Stunden nach Anpfiff des Spiels war ich fast schon so weit, dem kundenfreundlichen Service-Center des VfL Osnabrück eine Dankes-Mail zukommen zu lassen, weil sie mit ihrer freundlichen Art dafür gesorgt hatten, dass ich beschloss, mir dieses Spiel entgehen zu lassen (keine Lust auf irgendetwas, das nach „Selbstbeweihräucherung“ aussieht, daher auch keine nähere Erläuterung hierzu). Fortuna verlor sang- und klanglos mit 0:4, während ich zuhause saß und am PC ungläubig verfolgte, wie die Truppe sich die Bude voll hauen ließ. Daher möchte ich es auch eigentlich auch bei einer Anmerkung zum Spiel belassen, und für die sorgte das unermüdliche Fortuna-Live-Ticker-Team, welches, nachdem es zuvor so viel Schreckliches mit ansehen musste, in der 71. Minute stolz vermeldete: „Schon 20 Minuten kein Gegentor. Das gab es im heutigen Spiel noch gar nicht!“ Das sagt wohl alles…

Und da zu diesem Zeitpunkt der Endstand schon feststand, hatte Fortuna bei Spielende sogar fast 40 Minuten am Stück ohne Gegentreffer hingelegt. Na, wen’s freut…

Nach diesen Horror-Botschaften via Internet beschloss ich spontan, mir auch die 10minütige visuelle Demütigung durch den noch ausstehenden WDR-Bericht zu schenken und kann daher frohgemut sagen: mein Name ist Hase, ich weiß von nix. Laut Zeugenaussagen soll die Veranstaltung in der ersten Halbzeit, in der man sich drei Gegentreffer einfing, zum großen Teil schlichte Arbeitsverweigerung gewesen sein, in den ersten zehn Minuten noch okay, dann der erste Gegentreffer, gefolgt von einer sofortigen leidenschaftlichen Hingabe an die Niederlage, sprich, es wurde artig daneben gestanden und zugeschaut, wie die Osnabrücker wirbelten, und mit dem Tor von Menga und dem Hattrick von Reichenberger war man wohl noch gut bedient. Und da machte es auch nix, dass man wohl auch im Fernsehen gut sehen konnte, dass der Eckball, der zum 2:0 führte, keiner war, und das Foul, das zum 3:0-Elfmeter führte, wohl auch eher eine gekonnte Einlage von Reichenberger darstellte. Selbst wenn der Schiri in beiden Situationen richtig entschieden hätte, dann wären die Tore halt anders gefallen. Aber gefallen wären sie auf jeden Fall – so sehr muss die Mannschaft neben sich und ihren Gegenspielern gestanden haben.

Aber ich habe ja doch etwas vom Spiel gesehen. Und zwar die Pressekonferenz. Zusammengefasst kommentierte Fortuna-Trainer Massimo Morales die Nicht-Leistung seiner Mannschaft so: „Es ist nicht einfach, 16 neue Spieler zu integrieren, mit den Verletzungen zu kämpfen und dann noch Erfolg haben zu wollen. Außerdem sind die Spieler müde, sie vertragen die englischen Wochen nicht.“

Das klingt nicht gut. Im Gegenteil, es klingt nach Ausrede. Auch ich bin geneigt, es so zu sehen. Die Luft für den Trainer wird immer dünner, insbesondere in der lokalen Presse, aber mit solchen Erklärungen zeigt man sich nicht besonders einsichtig. Das waren ganz schwache Worte, von denen man nur hoffen kann, dass sie nicht wirklich Ernst gemeint waren, sondern lediglich als Schutzfunktion für die Mannschaft dienen sollten, um es hinterher intern mal so richtig krachen zu lassen. Aber wie gesagt, es war sehr schwach, was da kam, aus welchem Grunde auch immer.

Und wenn du denkst: dümmer geht’s nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Wollitz her…

Ja, „Pelé“ durfte auch noch etwas zum Besten geben. Den hatte ich ja noch nie in Verdacht, für intellektuelle Glanzleistungen in diesem Lande verantwortlich zu sein. Ganz unten durch ist er bei mir, seitdem ich ihn beim Pokalspiel im Februar, als er noch Trainer in Uerdingen war, mal live und aus nächster Nähe erleben durfte (Neugierige bitte zum entsprechenden Beitrag zurück blättern, ich freu mich auch, wenn ihr mit meinen Uralt-Schinken ein paar Stunden zubringt). Mittlerweile als Trainer beim VfL Osnabrück gelandet, als solcher natürlich strahlender und verdienter Sieger an jenem Nachmittag, wollte er auch noch etwas zum Gelingen der Pressekonferenz beitragen. Und zwar Folgendes: „Auch wir hatten englische Wochen. Auch ich muss 15 neue Spieler integrieren. Auch wir haben viele Verletzte. Aber wir haben Kraft gehabt und phantastisch gespielt.“

Also, den letzten Satz lass ich mal so stehen, der stimmt. Der Rest ist eine einzige Frechheit. Der Mann kann sich augenscheinlich nicht über einen Sieg seiner Mannschaft freuen, ohne dem Kollegen, den er grad 4:0 abgezogen hat, noch einen mitzugeben. Denn dass diese Aussage diejenige des Fortuna-Trainers als Ausrede bloß stellen sollte, dürfte ja wohl auch der Dümmste merken. Was geht den das an? Da liefert seine Mannschaft die beste Saison-Leistung ab, und Claus-Dieter hat nix Besseres zu tun, als auf dem Kollegen rumzutrampeln. Das ist Sieger-Mentalität! Denn ohne Sinn und Verstand war es nebenbei auch noch. Wie gesagt, der letzte Satz kann stehen bleiben. Die beiden Sätze davor, deutlich auf die Aussage Morales’ gerichtet, habe ich auch schon zigmal gehört. Unter anderem vor noch gar nicht so langer Zeit von einem gewissen Claus-Dieter Wollitz. Da meinte er die aber noch ernst, da hatte sein VfL nämlich aus drei Spielen nur einen Punkt geholt. Das waren noch Zeiten, als das noch keine Ausrede, sondern die Wahrheit war! Sehr sportlich.

Mit dem ersten Satz allerdings übertrifft Herr Wollitz sich selbst. Und damit der Claus-Dieter das auch versteht und vielleicht sogar noch was dazu lernt, mache ich es auch ganz langsam. Und ganz von vorn.

Also, Claus-Dieter: am Anfang waren die Dinosaurier. Dann kamen die Engländer. Und mit ihnen kam nicht nur der englische Fußball, sondern auch die „englische Woche“. Davon spricht man, wenn eine Mannschaft binnen einer Woche mehrere Spiele hat. Und zwar mindestens drei, ansonsten gäbe es jede Woche „englische Wochen“, weil man ja an jedem Wochenende gegeneinander spielt und somit binnen einer Woche bzw. 8 Tagen immer zwei Spiele hat. Das ist aber keine „englische Woche“, sondern „normal“. Klar soweit? Okay.

Dann mal die Fakten: 18.09., Fortuna spielt in Osnabrück, 15.09., Fortuna spielt gegen Köln, 14.09. Osnabrück spielt gegen Dortmund. So weit, so gut.
10.09., Fortuna spielt gegen Union Berlin. Und Osnabrück? Huch, wo sind die denn hin? In der Tat, kein Spiel am Wochenende 10.-12.09., das war nämlich eben auf den 14.09. verlegt worden wegen des Länderpokals. Somit binnen einer Woche nur zwei Spiele, im Gegensatz zu Fortunas drei.
Aber wir wollen ja nicht unnötig ein Fass aufmachen. Denn natürlich hat der Wollitz Recht, es gab ja bereits eine „englische Woche“ in der Meisterschaft. Der 2. Spieltag fand an einem Wochenende statt, der 3. mittwochs, der 4. dann am nächsten Wochenende. Fortuna spielte damals am 06.08. gegen Braunschweig, am 11.08. in Wolfsburg und am 14.08. gegen Uerdingen. Osnabrück wiederum spielte am 14.08. in Chemnitz, am 11.08. gegen Lübeck und am Wochenende 06.-08.08. — ja, gegen wen denn? Gegen gar keinen, die hatten nämlich am 2. Spieltag offiziell spielfrei.
Merkst du was, Claus-Dieter? Nein? Das wäre bedauerlich, denn noch ausführlicher erklär ich es nicht. Außer dir hat es eh schon längst jeder kapiert. Und dich persönlich interessiert ja auch nicht, was eine „englische Woche“ denn sein könnte, sieben Mal in einer Woche Fish & Chips oder Wildschweinbraten in lauwarmer Pfefferminzsoße auf dem Tisch des Hauses wären dir sicherlich dieselbe Bezeichnung wert. Du hattest nur Spaß daran, dich noch auf Kosten von Verlierern zu amüsieren. Und das bist nun wiederum dermaßen typisch du, dass ich gar nicht weiß, warum ich mich so darüber aufrege. Wahrscheinlich, weil tief in meinem Innersten immer noch dieser Uralt-Gedanke vom Fair Play vor sich hin muffelt…

Um es nochmals eindeutig zu sagen: ich fand die Erklärung des Fortuna-Trainers auch sehr schwach. Die Leistung der Mannschaft kann dadurch keinesfalls entschuldigt werden. Es klang schon eher wie das Pfeifen im Walde, dieses berühmte „Alles ist gegen uns“, wenn einem Trainer nichts mehr einfällt. In der darauf folgenden Woche stand er dann auch, wie nicht anders zu erwarten, schwer unter Beschuss. Zum Teil hatte er sich dies selbst zuzuschreiben, hatte er doch nach dem Sieg gegen Union im Überschwang behauptet, diese Mannschaft habe Potenzial, um aufzusteigen, eine Aussage, die ich so unglaublich fand, dass ich seitdem überlege, was sie ihm damals in den Morgenkaffee gekippt hatten (ich tippe auf eine Überdosis Arena-Feeling plus einem Schuss „Berthold’schem Selbstbewusstsein“), zum anderen Teil droht auch er wieder an den überzogenen Erwartungen derjenigen zu scheitern, die der Meinung sind, der Name „Düsseldorf“ müsse doch allein schon für 1. Bundesliga garantieren, und der Weg dorthin sei ein Spaziergang. Das ist beileibe nichts Neues, im Gegenteil, es animierte den ein oder anderen sogar, schon wieder zu frohlocken – „Jeder schlägt jedem den Schädel ein, das ist endlich wieder meine Fortuna“. Und in der Tat, diese Diskussionen haben wir bereits vor Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten geführt, immer ohne Ergebnis, büßen musste es immer der Trainer, nie die Mannschaft oder das Umfeld, das sicherlich ebenso viele Fehler gemacht hat wie der Trainer, nur beim Umfeld macht es nix und kostet auch nix, und überhaupt, dafür bezahlt man ja und hat sich automatisch das Recht zur Trainer-Demontage erkauft, egal mit welchen richtigen oder noch so dämlichen Argumenten. Endlich wieder Feuer unterm Dach, wie haben wir das vermisst, Beeilung, damit wir noch in Reihe drei Platz nehmen können, sonst kriegen wir nix mehr mit.

Was so Berufspessimisten wie ich in einer solchen Situation machen, dürfte klar sein: feige in Urlaub fahren und dadurch die nächsten zwei Fortuna-Spiele verpassen. Jedoch konnte ich es halbwegs kompensieren (natürlich nur „halbwegs“ – für ein echtes Fortuna-Gegurke gibt es natürlich keinen adäquaten Ersatz). Am Tag nach dem Osnabrück-Debakel sah ich mir das Spiel zwischen Aachen und Köln am Tivoli an und bekam, neben einem sehr spannenden Spiel, welches die Kölner sehr glücklich 3:2 gewannen, auch mal wieder eindrucksvoll demonstriert, wie schlau der gemeine Kölner doch so ist. Man sollte sich mal überlegen, wie man sich als Gast bei einer Mannschaft benimmt, die nur eine Woche später im eigenen Stadion (und im Gegensatz zur eigenen Mannschaft) UEFA-Cup spielt. Die Antwort der Aachener auf die Kölner Schmähgesänge ließ nicht lange auf sich warten: „Wir reißen euch das Stadion ab“ und „Wir scheißen in die Südkurve“ lauteten die durchaus kreativen Schreckensszenarien der Aachener Fans. Dass die Kölner genau wussten, was sie da erwartete, konnte ich dann auf der Rückfahrt im Zug von Aachen nach Köln in einem dieser doppelstöckigen Züge beobachten, in dem die Kölner, zum Glück im Stockwerk unter mir angesiedelt, eine derartige Müllhalde aus zerfetztem Papier, zertretenen Bierdosen und Scherben von Bierflaschen hinterließen, dass man einen Fakir vor lauter Freude wohl gar nicht mehr aus dem Zug bekommen hätte, wäre denn einer anwesend gewesen. Wohlgemerkt: so feiern Kölner einen Sieg…Natürlich wundert mich das nicht weiter. Denn dass sie auch etwas von gezielter Spielvorbereitung verstehen, hatte ich bereits im August festgestellt, als ich mit dem aus Koblenz kommenden Zug von Bonn-Beuel nach Rommerskirchen fuhr, auf dem Weg zum Pokalspiel der Fortuna gegen den VfL Bochum. Der Zug war damals derart versifft, dass in Köln ein neuer bereit gestellt wurde und alle Passagiere umsteigen mussten. Begründung der Bahn: Verschmutzung durch Fußball-Fans. Ergänzende Info von janus: der Zug hatte auf der Hinfahrt Kölner Weltbürger auf dem Weg zum Pokalspiel nach Saarbrücken zu Gast…

Der zweite Versuch der Kompensation ergab sich dadurch, dass ich am 22.09. bei meiner Ankunft in München, von wo aus am nächsten Morgen der Flieger Richtung Griechenland abheben sollte, doch erstaunt feststellte, dass an jenem Abend die FC Bayern Amateure im DFB-Pokal gegen Alemannia Aachen antreten würden. Eine nette Abendbeschäftigung, zumal die Partie im Stadion an der Grünwalder Straße ausgetragen wurde, der alten neuen Heimstatt des TSV 1860 München in der 2.Liga. Und da hätte ich direkt mal ne Frage: wer hat dieses Stadion eigentlich als zweitligatauglich genehmigt? Habe selten eine solche Bruchbude gesehen, dagegen ist der Flinger Broich ja ein modernes Schmuckkästchen. Also ich unterscheide da noch zwischen „nostalgisch“ und „abgewrackt“, irgendwelche Herren beim DFB anscheinend nicht. Außerdem zog es wie Hechtsuppe und war lausig kalt, was mich allerdings in Anbetracht der Vorfreude auf 30 Grad im Schatten ab dem nächsten Tag nicht ganz so sehr störte. Schon eher störte es mich, dass die Bayern Amateure das Spiel 2:1 gewannen, was von den Torchancen her ein einziger Witz war, aber so ist es halt im Fußball, die Aachener machten die klarsten Dinger nicht rein, trafen zu allem Überfluss durch Meijer und Michalke noch zweimal die Latte, und wenn dann der gegnerische Mittelstürmer vier Minuten vor Schluss der Einzige ist, der nach einem Freistoß in den Strafraum läuft und den Abpraller reinmacht, dann verliert man halt solche Spiele. Das einzig Angenehme an dem Spiel war, dass man mit der U-Bahn-Linie 1 wirklich ruckzuck wieder am Münchner Hauptbahnhof ist.

Ein Wort noch zu den Fans. Es waren insgesamt 1.300 Unentwegte zugegen, die, besonders auf der Gegentribüne, richtig gut Alarm machten und die Amateure über die vollen 90 Minuten durchgehend supporteten. Danke für die Stimmung. Und danke auch für die Entdeckung neuen Liedgutes, „Blut und Ehre für die Amateure“ habe ich noch nirgendwo gehört, allerdings rief ich mir sofort in Erinnerung, dass ich ja in Bayern war, und schon war alles wieder gut. Wer bin denn ich kleiner Saupreiß, dass ich die verstehen müsste?

Am Samstag, 25.09., ging es bei Fortuna weiter. Schön, wenn man sich für grottenschlechte Leistungen aus der Vorwoche zuhause vor der eigenen Fans revanchieren kann und nicht irgendwo in der Pampa. Dumm nur, wenn passend zur Formkrise ausgerechnet der Spitzenreiter nach Düsseldorf kommt. Die HSV Amateure von Trainer Thomas Doll, in den letzten beiden Jahren eigentlich ständig mit Abstiegskampf beschäftigt, in dieser Saison sehr gut aus den Startlöchern gekommen, kamen, sahen und siegten 3:2. Ohne irgendwelche Takaharas, Schlickes oder Romeos. Und sogar ohne ihren besten Stürmer Kucukovic, den Klaus Toppmöller für seine Profi-Truppe vereinnahmt hatte. Es reichte trotzdem. Allerdings zeigte Fortuna in diesem Spiel wohl zumindest ansatzweise Kampf und Einsatz, man konnte die zweimalige Führung der Hamburger durch Bellinghausen und Podszus jeweils egalisieren, aber die Hansestädter konnten noch ein drittes Mal nachlegen und das war’s dann. Wieder eine Niederlage.

Und da ich im Gegensatz zu Herrn Wollitz weiß, was eine „englische Woche“ ist – bitteschön, hier direkt die nächste: Dienstag, 28.09., 2. Runde FVN-Pokal, Auswärtsspiel beim KFC Uerdingen (in der 1. Runde am 02.09. ein 2:0 gegen Landesligist Tönisberg, Schwamm drüber). Zum vierten Mal binnen sieben Monaten in die Grot(t)enburg. Gähn. Was man von den Geschehnissen abseits des Spiels nicht gerade behaupten konnte. Und daher meine Frage an die nicht-Uerdingen-kundige Leserschaft: kennt ihr eigentlich den Grotifanten?

Hierbei handelt es sich um das Maskottchen des KFC, welches, mit einem überdimensionalen Elefantenkopf versehen, gerne mal ein Tänzchen an der Seitenlinie aufzuführen pflegt, auch immer beim Spiel mitfiebert und manchmal sogar aktiv eingreift, was dazu führte, dass es jahrelang eben nicht im Innenraum herumturnen durfte. Ich weiß nicht, wen sie jedes Mal in dieses Kostüm stecken, aber irgendwie müssen das ganz patente Kerle sein, die ihren KFC besonders lieben. So büßte der Grotifant einst, ebenfalls gegen Fortuna, ein Ohr ein, als er nach einem Uerdinger Treffer mit ausgestrecktem Mittelfinger vor dem Fortuna-Fan-Block herumhüpfte und dabei versehentlich zu nahe an den Zaun geriet; auch wurde der putzige Talisman zu seligen Zweitliga-Zeiten der Uerdinger schon einmal gesperrt, weil er während des Spiels einen Linienrichter angriff, da er mit dessen Leistung nicht einverstanden war. It’s a dirty job, but someone’s got to do it.

Aber lassen wir den Grotifanten doch selbst erzählen, was nach dem Schlusspfiff der Pokalpartie geschah:

„Also nach dem Spiel hat es zwischen Gruev und dem Spieler der ihn an der Außenlinie umgeknallt hat ein Wortgefecht gegeben. Bei diesem Wortgefecht hat der Fortuna-Spieler den Gruev als ******* bezeichnet, darauf hin hab ich zu diesem Spieler gesagt was das soll, darauf hin kam Nulle und hat zu mir gesagt ich solle die Fresse halten sonst tritt er mir den hässlichen Elefantenkopf ein. Da hab ich gesagt was das soll und da hat er das Knie hoch gezogen und mich am Kinn erwischt. Hab morgen einen Termin beim Anwalt, dann sehen wir weiter. Ich weiß jetzt kommen wieder die Ratschläge zeig die Sau an oder sonst für Sprüche. Der Verein hat dies im Spielbericht eintragen lassen, dies wird wohl vom Sportgericht landen. Dann sehen wir weiter, ich werde nur noch über meinen Anwalt dazu Stellung nehmen und mich mit meiner Familie beraten und mit der KFC-Führung.“

Wenn das mal nicht ein Highlight war! Hier gleich die „offizielle Fassung“ hinterher, ein kurzer Artikel der taz RUHR vom Tag danach:

„Grotifant auf die Bretter

KREFELD taz Der ‚Grotifant’, das Maskottchen des Fußball-Regionalligisten KFC Uerdingen, ist beim Pokalspiel gegen Fortuna Düsseldorf am Dienstagabend K.O. gegangen. Nach dem 1:0-Auswärtssieg der Landeshauptstädter im Krefelder Grotenburg-Stadion soll der Maskottchen-Darsteller vom Düsseldorfer Torwart Carsten Nulle attackiert worden sein.’Es gab einen tätlichen Angriff, wir prüfen rechtliche Schritte’, sagte KFC-Pressesprecher Rolf Frangen auf taz-Anfrage. Der Grotifant sei bei der Auseinandersetzung leicht verletzt worden.

Bereits im Februar war es bei einem Pokalspiel zwischen Uerdingen und Düsseldorf zu Ausschreitungen gekommen. Der Maskottchen-Darsteller mit dem grauen Rüssel musste damals in die Stadion-Katakomben flüchten, weil Fortuna-Hooligans den Innenraum gestürmt hatten. Ende der 90er Jahre – zu Zweitligazeiten des Krefelder Clubs – attackierte das tapsige Wesen einen unliebsamen Linienrichter. Der Grotifant bekam daraufhin jahrelanges Stadionverbot.“

Tja, klar spielen wir im Moment Scheiße, aber für den Grotifanten reicht es immer noch. Wobei ich mal bezweifeln möchte, dass seitens des Grotifanten nur die von ihm geschilderten harmlosen Worte gefallen sind. Zumal bei seinem Vorstrafenregister…

Wie ernst auch wir dieses Maskottchen nehmen, kann man daran sehen, dass ein Bekannter mir eine SMS in meinen Urlaubsort nach Griechenland schickte. Nicht, um mir mitzuteilen, wie das Spiel ausgegangen sei, sondern um mich zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu informieren: „Wollte dir nur sagen, dass Nulle den Grotifanten umgehauen hat.“ Ende der SMS. Über mangelnde Aufmerksamkeit bezüglich des Maskottchens auch bei gegnerischen Vereinen oder der Presse kann sich der KFC also nicht beklagen, insoweit erfüllt der Grotifant durchaus den ihm zugedachten Zweck. Zur Zeit laufen Überlegungen bei der Fortuna-Fan-Schar, im Meisterschafts-Rückspiel zu Beginn des kommenden Jahres auch auf den Rängen den Grotifanten verstärkt darzustellen, vielleicht reicht es dann auch für das Guinness Buch, ein Spiel mit 2.000 Maskottchen im Stadion. Also ich finde die Idee prima. Noch mehr bin ich aber von meiner eigenen Vision fasziniert, in der sich Nulle vor dem Spiel vor laufenden Fernsehkameras mit dem Rüsseltier wieder versöhnt. Das hätte doch was.

Nebenbei gab es noch weitere muntere Begleiterscheinungen, so beklagte sich Fortuna-Trainer Morales nach dem Spiel, ein Uerdinger im Innenraum habe ihn anderthalb Stunden lang wüst beschimpft, ohne dass dieser Flegel von KFC-Offiziellen entfernt worden wäre, einige Spieler gerieten sich nach dem Abpfiff auf dem Rasen ebenfalls in die Haare, es war also insgesamt ein eher unerfreulicher Abend. Wie immer, wenn wir nach Uerdingen müssen.

Ach ja, Fußball gespielt wurde auch noch: Fortuna gewann den Grottenkick, wohl eine exakte Kopie des Uerdinger Gastspiels am Flinger Broich im August, durch ein Tor von Bocchio mit 1:0 und trifft in der 3. Pokalrunde am 29.10. auf den Wuppertaler SV. Natürlich wieder ein Auswärtsspiel. Zum sechsten Mal seit September 2002 in den Zoo. Doppel-Gähn.

Am letzten Wochenende dann das Highlight schlechthin. Also für die Fans. Das Gastspiel der Fortuna beim FC St. Pauli am Millerntor stand an. Zum ersten Mal seit 1999 wieder im Freudenhaus der Liga. Und da Fortuna zuletzt vor 12 Jahren am Millerntor gewonnen hat und außer diesem Sieg dort in seiner langen Bilanz nur ein einziges Unentschieden geholt und ansonsten immer verloren hat, war der Spielausgang von vorneherein ziemlich klar. Deshalb machte man das Beste daraus, nämlich eine einzige riesige Party. Schon Monate vorher hatten Fortuna-Fans sämtliche Pensionen rund um die Reeperbahn beschlagnahmt, es wurden ganze Touren geplant, von Freitag bis Sonntag, Samstag bis Sonntag oder nur Samstag früh bis spät, insgesamt circa 4.000 Fortuna-Fans machten sich auf den Weg. Und was den Party-Aspekt anbelangt, kann man durchaus sagen: das Spiel des Jahres. Auch für mich, der ich aus den zeitlichen Gegebenheiten heraus (Freitag Morgen aus dem Urlaub zurück, Montag Morgen wieder arbeiten) lediglich am Samstag vor Ort war. Die Stimmung war vor, während und nach dem Spiel riesig, die Paulianer waren tolle Gastgeber und die Reeperbahn ist immer noch so gut und skurril wie beim letzten Besuch, die Geschäfts-Variante Sex-Shop neben Maredo neben Sex-Shop neben Juwelier neben Kneipe verblüfft den „Touri“ doch jedes Mal aufs Neue. Da hat es sich doch gelohnt, samstags morgens um 4.45 Uhr aufzustehen.

Ach ja, das Sportliche. Das wurde, wie erwartet, zur Nebensache, Fortuna ließ sich vor über 18.000 Zuschauern in der ersten Halbzeit sang- und klanglos überfahren, nach 23 Minuten war das Spiel entschieden, die Gastgeber führten 2:0. Der erste Treffer durch Mazingu-Dinzey nach feiner Kombination durch Flachschuss ins rechte Eck, der zweite Treffer durch Wojcik dann eher Zufall, weil der bei einem verunglückten Torschuss seines Mitspielers nicht schnell genug aus dem Weg hechten konnte und abstauben musste. Aber ob Zufall oder nicht, es war hochverdient. Denn das Fortuna bei diesem Spiel nicht sechs oder sieben Stück bekam, lag nicht an fehlendem Zielwasser der Hausherren und schon gar nicht an einer auch nur entfernt sattelfesten Abwehr, sondern lediglich an Torwart Carsten Nulle. Der Grotifanten-Schlächter zeigte als Einziger eine überragende Leistung und holte schon in der ersten Halbzeit mehrere Unhaltbare raus. Ohne den wäre das ein noch tieferer Tiefpunkt in der Saison geworden, als man überhaupt für möglich gehalten hätte.

In der 2. Halbzeit ließ St. Pauli die Fortuna ein bisschen mitspielen, und prompt fiel der Anschlusstreffer. Okay, dieses „prompt“ war jetzt ein kleiner Witz meinerseits, der durchaus zum Hohnlachen animieren darf. Der Treffer von Lambertz fiel in der 88. Minute und war, wie aus der Werbung bekannt, drei Dinge in einem: die erste, die letzte und somit auch die einzige Torchance der Fortuna im gesamten Spiel. Kommentar hierzu wohl überflüssig.

Vorbereitet wurde der Treffer übrigens durch Marcel Ndjeng, der genau wie Lambertz erst in der 2. Halbzeit eingewechselt wurde. Da tauchen natürlich wieder die Fragen nach der Personalpolitik des Trainers auf, die niemand mehr so recht nachvollziehen kann. Zum Beispiel musste Lambertz, in den letzten Wochen mit Abstand bester Feldspieler bei Fortuna, nach seiner Einwechslung zunächst einige Minuten linker Verteidiger spielen, weil Bocchio plötzlich ins Mittelfeld aufrückte. Ich wette, dem Lambertz war diese Position genauso neu wie mir. Erst eine Viertelstunde vor Schluss rückte er wieder nach vorne und verbreitete wenigstens ein bisschen Gefährlichkeit nach vorne und so war es eigentlich auch nur logisch, dass er es war, der den Ehrentreffer erzielte. Vom Rest der Mannschaft habe ich nicht allzu viel gesehen, mit der Ausnahme Bellinghausen vielleicht, der die ganze Hilflosigkeit des derzeitigen Fortuna-Spiels verdeutlichte: er ackerte wie ein Besessener, bekam aber kaum einen Ball aus dem Mittelfeld, da konnte er noch so viel laufen und die Kugel fordern. Im Mittelfeld hätte man getrost Stehgeiger-Quartett spielen können und von der Abwehr traue ich mich gar nicht zu sprechen, von dem Prunkstück aus Oberliga-Zeiten ist wirklich nix mehr übrig, was aber auch vielleicht daran liegen könnte, dass am Samstag kein Spieler aus der Oberliga-Abwehr auf dem Platz stand. So rotieren wir uns munter auf die Dörfer zurück, man konnte teilweise wirklich nicht mehr hinsehen.

Daher war die Stimmung nach dem Abpfiff auch bei den Fans etwas gereizter. Nach vier Niederlagen in Folge reichte es, eigentlich ein guter Schnitt, denn bei Fortuna brauchte man früher nicht so viele Misserfolge hinter einander, dass es dem Publikum reichte. Die Spieler wurden ausgepfiffen, auch der Trainer, der noch zum Fortuna-Block kam, musste sich einiges anhören, insbesondere erstmals „Trainer raus“-Rufe. Ebenfalls erstmals öffentlich im Zentrum der Kritik der GMF Thomas Berthold. Es wird wohl so langsam deutlich, dass die Verstärkungen, die der GMF vor und während der Saison holte, zum größten Teil Schnellschüsse waren. Fußball spielen können die alle, nur nicht miteinander. Aber sind das nicht die Wunschspieler, die der Trainer haben wollte? Oder sind dies Verpflichtungen, die der GMF, der mittlerweile anscheinend unbeschränkte Macht im Verein genießt, in eigener Verantwortung getätigt und dem Trainer quasi „aufs Auge gedrückt“ hat? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wenn die so weiter spielen, kann ich mich bald ordentlich ärgern, dass ich im Sommer all diese schönen Routenplaner-Ausdrucke für Düren, Freialdenhoven oder Bocholt freudestrahlend entsorgt habe. So wie es momentan aussieht, werde ich sie im nächsten Jahr wohl wieder benötigen.

Denn langsam wird die Lage prekär. Zwar stehen wir mit immerhin 11 Punkten „nur“ auf Platz 15 von 19. Da ist also noch nichts verloren. Aber dank der Tatsache, dass wir das Spiel vom nächsten Wochenende gegen Union Berlin vorgezogen haben und im November noch unseren „regulären“ spielfreien Spieltag genießen dürfen, haben wir teilweise zwei Spiele mehr als die unmittelbare Konkurrenz! Und da können wir in den nächsten Wochen nur zuschauen, wie die an uns vorbei ziehen. Es ist bitter zuzusehen, wie alles mal wieder den Bach runter geht, was doch eigentlich gar nicht schlecht begonnen hatte.

Immerhin hat das jetzt auch der Trainer eingesehen. In der Pressekonferenz nach dem Spiel sprach er davon, dass noch genug Zeit und Spiele seien, die nötigen Punkte gegen den Abstieg zu holen. Und zwar erstmals. Hoffentlich glaubt ihm der GMF das auch. Deshalb darf ich meinen in der Einleitung gebrauchten Worten nochmals Hoffnung geben, dass nach St. Pauli wirklich jeder gemerkt hat, wohin die Reise der Fortuna geht. Ob der Trainer es vielleicht für sich selbst ein wenig zu spät bemerkt hat, werden die kommenden Tage zeigen. Passend hierzu auch der Kommentar von Vorstandssprecher Meyer nach dem Spiel:

„Grundsätzlich haben wir uns alle verschätzt, der positive Trend vom letzten Jahr hat uns alle getäuscht. Wir haben möglicherweise zu viele Leute ersetzt.“
Dennoch: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, aber wir müssen uns jetzt alle an einen Tisch setzen, wir wollten eigentlich bis nach der Aufsichtsratsitzung warten, aber ich denke, wir sollten es schnell tun.“

Und Zeit für Diskussionen um den Trainer, den Manager, die Mannschaft und meinetwegen auch um die immer noch fehlende Krautsalat-Auflage auf den Flinger-Broich-Frikadellenbrötchen gibt es jetzt auch wieder reichlich, am nächsten Wochenende, wie schon gesagt, spielen wir nicht, die drei Punkte gegen Union Berlin haben wir uns im September schon geholt, zum Glück. Am darauf folgenden Wochenende mal wieder eine ganz leichte Aufgabe, es geht nach Paderborn zum Top-Aufstiegsfavoriten. Da kann man in unserer Situation doch eigentlich gar nicht verlieren, oder? Doch, kann man, sogar 0:5 oder 0:6. Nach der Leistung auf St. Pauli ist wirklich alles möglich. Am 23.10. kommen dann die Amateure von Bielefeld zum Flinger Broich, in der darauf folgenden Woche geht es zu den selbigen nach Dortmund, wobei der Spieltermin bis jetzt der 02.11. ist, da die Partie wegen des FVN-Pokals am 29.10. verschoben werden muss. Mal sehen, wo wir dann stehen. Irgendwie befürchte ich, dass es nicht viel weiter oben sein wird.

Aber es ist ja immer noch Hoffnung in der Welt. Es gibt so viele Menschen, an denen wir uns ein Bespiel nehmen können, dass es auch anders geht. Ich nehme da nur mal die Belegschaft des Großraum-Abteils, mit der wir abends von Hamburg aus die Rückreise nach Düsseldorf bzw. Bonn antraten. Zum Beispiel der Hamburger Jung Marke „Berber-Vorstufe“, der mir im Gang gegenüber saß und auf Anfrage erklärte, er fahre jetzt zu einem kleinen Wochenend-Job nach Dormagen. Seine Tätigkeit dort: Zapfenpflücken. Was immer das auch sein mag. Er demonstrierte, wie ernst man ein ordentliches Aufwärmen vor dem Spiel nehmen sollte. Eine mitgeführte Schultasche enthielt die dazu notwendigen Utensilien: eine kleine Plastik-Kaffeetasse, eine … nein, keine Thermoskanne Kaffee, sondern ein ordentliches Literchen Hardenberg-Korn, welcher über den Umweg Kaffeetasse vernichtet wurde, sowie ein Dutzend Flaschen Weizenbier, von denen auch kaum eine den Zielort erreicht haben dürfte. Ich bin sicher, derart vorgeglüht, wird er einen Arbeitseifer auf dem Spielfeld an den Tag legen, dass es nur so raucht.

Oder der polnische Kraftfahrer auf dem Sitz neben mir, der mir stolz erklärte, er liefere beruflich unter anderem Wagen nach Polen aus. Mehr sagte er dazu nicht, und mehr wollte ich auch gar nicht wissen. Der demonstrierte, wie eine Leistungssteigerung von Null auf Hundert funktionieren kann: er erzählte mir freudestrahlend, er fahre jetzt von einer Tour nach Hause und würde dies genießen; er setzte es in die Tat um, indem er schon zwischen Hamburg und Bremen vier halbe Liter Holsten kippte und auch später nicht nachließ, außer was seine Deutschkenntnisse anging, die kamen ihm ein wenig abhanden. Aber er war gut im Spiel.

Oder die vier Bayern-Fans, die sich ab Bremen um den Tisch vor mir gruppiert hatten. Mit denen konnte man sich richtig nett unterhalten, was natürlich daran lag, dass sie als echte Bayern-Fans nicht aus Bayern, sondern aus Rheinland-Pfalz stammten. Sie demonstrierten, was eine ordentliche Nachsorge ist, indem sie tatsächlich alle leeren Bierpullen, die sie nach dem Spiel ihrer Mannschaft und im Zug vernichtet hatten, bestimmt 20 bis 30 Stück, sorgsam in Plastiktüten zum Abtransport sammelten und sogar unter die Tische krochen, um die dorthin geflippten Kronkorken aufzulesen. Diese Szene mutete dermaßen surrealistisch an, dass ich es bis heute kaum glauben kann, sie wirklich erlebt zu haben. Kein Wunder, stand mir doch noch das Bild vor Augen, wie Kölner Anhänger einen Auswärtssieg so zu feiern pflegen…

All diese Menschen (bis auf die Kölner natürlich) machen Hoffnung. Mit ein bisschen Einsatz geht doch was, vor, während und nach dem Spiel. Und das kann nicht nur für die Fans, das muss auch für die Mannschaft gelten. Und wenn ich dazu eigenhändig kistenweise Weizenbier oder Hardenberger Korn in die Kabine schleppen muss, dann mach ich das auch noch. Nur tut endlich was! Sonst gibt es bald nix mehr zu tun.

Dieser freundliche Hinweis wurde Ihnen angstschlotternd präsentiert von: janus

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