35. – 38. Spieltag

Aus! Aus! Aus!

Und schon wieder ist eine Saison vorbei! Dass der Saisonabschluss durchaus erfreulich gestaltet werden konnte, lag zunächst einmal nicht an Fortuna. In der Woche nach dem 1:1 gegen die Amateure von Borussia Dortmund (ja, Herr Addo, sorry, es heißt Amateure, auch wenn Sie mitgespielt haben) hatte die Fortuna das von mir so lange befürchtete spielfreie Wochenende. Und während ich am Pfingstsamstag im Mönchengladbacher Borussen-Park ob der Langeweile des 0:0 gegen Hertha BSC vor meinen Augen verzweifelt vor mich hin gähnte, trafen per Handy die Ergebnisse der Regionalliga-Spiele ein. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte einen flotten Freudensprung hingelegt. Ich konnte es mir verkneifen, hätte doch jeder der Umsitzenden an meiner Reaktion sofort gemerkt, dass ich mich nicht für diesen grottigen Erstliga-Kick interessiert hätte. Der bot nämlich nicht den geringsten Anlass für Freudensprünge. Und ich wollte ja niemanden provozieren. Und so kicherte ich selig und wahrscheinlich ein wenig irre in mich hinein und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf, was nun wieder so gut zum Spiel passte, dass mich niemand weiter beachtete.

Was war geschehen? Dortmund verloren, Hertha verloren, Bremen verloren, Münster verloren, und das wichtigste: auch Chemnitz verlor sein Spiel! Da dies das wichtigste Spiel war, war es zugleich auch die spektakulärste Niederlage: der CFC lag nämlich bei Absteiger Bielefeld schon 1:3 zurück, kam aber noch mal auf, glich zum 3:3 aus – und fing sich tatsächlich in der Schlussphase noch den goldenen vierten Treffer. Unfassbar! Dieser Spieltag erinnerte mich an einen ähnlichen im letzten Jahr, als wir unser Spiel gegen Bocholt in allerletzter Minute gewannen, und alle Verfolger teilweise unglaubliche Patzer hinlegten (Leverkusens Amateure 2:3 nach 2:0-Führung gegen Solingen, Gladbachs Amateure 4:6 in Freialdenhoven nach 4:0-Führung), und es uns so einige Tage später ermöglichten, bei einem Nachholspiel den Aufstieg klarzumachen. Genauso war es diesmal, nur dass wir noch nicht mal spielen mussten. Endlich machte die Glücksgöttin ihrem Namen mal wieder alle Ehre. Somit war die Sachlage klar: alle Vereine im Tabellenkeller hatten noch drei Spiele, und wir fünf Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz, der weiterhin von Chemnitz gehalten wurde.

Einen kleinen Wehmutstropfen gab es trotzdem: Axel Bellinghausen verkündete seinen Wechsel zur neuen Saison. Ausgerechnet der 1.FC Kaiserslautern hat es ihm angetan. Logisch, dass er an den Betzenberg wechselt, wer aus dem Kader eines abstiegsbedrohten Drittligisten würde solch ein Angebot nicht annehmen? Ich wünsche ihm, dass er den Durchbruch schafft, er ist ein sehr sympathischer Typ, allerdings wird er es wohl schwer haben, sich auf Anhieb durchzusetzen, zumal der FCK exakt für seine Position und Spielweise erst in der Winterpause Stefan Blank von Alemannia Aachen verpflichtet hat, der ja auch keine schlechte Rückrunde gespielt hat. Deshalb nehme ich an, dass der Axel demnächst nach der Regionalliga Nord erst einmal die Regionalliga Süd kennen lernen wird, Regionalliga Süd deswegen, weil Kaiserslauterns Amateure mal wieder den Aufstieg geschafft haben, sie wurden 2. in der Oberliga Südwest und profitierten davon, dass Südwest-Meister Borussia Neunkirchen nicht für die Regionalliga gemeldet hatte (hey, das kenn ich jetzt aber irgendwoher…). Viel Glück und alles Gute, Axel, egal, in welcher Liga!

Von den Ergebnissen des spielfreien Wochenendes gestärkt, fuhr man eine Woche später nach Lübeck, um mal wieder einen Spitzenreiter zu ärgern. Das war uns in der Rückrunde bis dato gut gelungen, ein 2:0 in Braunschweig und ein 1:1 gegen Paderborn lassen grüßen. Spitzenreiter aller Ligen, vereinigt euch – wir hauen euch alle weg! Etwas Bedenken kamen mir allerdings bei der wahrhaft monströsen Heimbilanz des VfB Lübeck (17 Spiele – 14 Siege – 2 Unentschieden – 1 Niederlage) sowie bei der Tatsache, dass auch die Lübecker unbedingt gewinnen mussten, denn sie hatten am vorletzten Spieltag noch spielfrei und mussten daher unbedingt ihren Vorsprung ausbauen. Aber ja gut, ich sach mal: das ist ja auch nur ein Tabellenführer! Also her damit!

Meine Reise in den hohen Norden begann bereits am Freitag, 20.05.2005. Mit der ausdauerndsten Autofahrerin der Welt, die überhaupt nicht einsieht, dass ich zwischendurch mal die Karre steuere, egal, ob es nach Paderborn, Berlin oder Kiel geht, ging es los Richtung schleswig-holsteinische Landeshauptstadt, wo ich für mich wieder eine eher berufliche Unterkunft zum Nulltarif klar machen konnte. Zimmerchen wieder im Hafen am Wasser und am nächsten Tag nur ein knappes Stündchen nach Lübeck – Kiel ist halt immer eine Reise wert. Und deshalb nahm ich auch alles mit, was noch zu kriegen war, touristisch gesehen: Laboe, Möltenort – nicht, dass ich es nicht alles schon gesehen hätte, aber es war lange her. Dabei verblüfften mich einige Anblicke. Zum Beispiel der, dass es am Marineehrenmal in Laboe augenscheinlich die eine oder andere Fahne im Souvenir-Shop zu erstehen gibt, die einer Reichskriegsflagge nicht unähnlich sieht. Na ja, wem’s Spaß macht…des Weiteren sahen wir, dass wir eine Woche zu früh angereist waren und deshalb ganz großes Kino verpassen würden: laut einem Transparent im Ortskern von Heikendorf stieg nämlich am folgenden Wochenende das Fest der „Heikendorfer Knochenbrecher-Gilde“. Ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung, worum es sich hierbei gehandelt haben könnte, aber eine Festivität der Knochenbrecher stelle ich mir schon ganz unterhaltsam vor. Da kann man eigentlich nur hoffen, nicht als Hauptgang serviert zu werden.

Schlussendlich endete der Ausflug mit einem Abstecher durch die Siedlung Kitzeberg. Keine Ahnung, zu wem die gemeinderechtlich gehören, allerdings klar erkennbar, zu wem die Bewohner auf gar keinen Fall gehören wollen: zum ordinären Pöbel wie du und ich. Es gab unglaubliche Hütten direkt am Wasser zu bestaunen, neugierigen Blicken geschickt durch kleine Wäldchen entzogen, bei manchen musste man schon genauer durchs Unterholz lugen. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie es in etwa am Starnberger See aussehen könnte. Selten so viele Prachthäuser auf einen Haufen gesehen, mit Säulen vor dem Eingang, ellenlangen kiesbestreuten Auffahrten, und der ein oder andere hauseigene Tennisplatz konnte ebenfalls gesichtet werden. Alles in allem eine Umgebung, in der solch schöne Sätze fallen wie „Der gnädige Herr erwartet Sie bereits!“ oder „Der Tee wird in der Bibliothek serviert!“ Ich fühlte mich in dieser Umgebung leicht beklommen, was mich allerdings nicht davon abhalten würde, wenn ich es mir leisten könnte, in einen dieser kleinen Paläste einzuziehen, allerdings erst, nachdem ich mir einen Kompass besorgt hätte, um mich auf dem Weg vom Wohnzimmer zur Küche nicht zu verirren und elendig zu verhungern.

Am nächsten Vormittag ging es dann los nach Lübeck, über meinen Liebling aller Bundesstraßen, die B 76, die ich von meiner beruflichen Tätigkeit in Schleswig-Holstein noch in bester Erinnerung hatte: egal, wo ich mich befand, Flensburg, Kiel, Plön, alle zwei Tage konnte mit einer Warnmeldung im Radio gerechnet werden, die da lautete: „Achtung auf der B 76, es laufen Kühe auf der Fahrbahn!“ Stau gab es dort hingegen eher selten. Ja, es waren schöne Zeiten…
Wir erreichten Lübeck denn auch verzugslos, alle Kühe waren wohl im Stall. Die Zufahrt zur Lohmühle verbirgt sich pfiffig in einer Autobahnauffahrt, von der auf einmal ein einspuriger Hohlweg abzweigt. Da wir von der falschen Seite kamen, mussten wir einmal ums Karree, um dann genau dort auszukommen, wo dieser Hohlweg geendet hätte. Aber wir hatten ja viel Zeit.
Die Lohmühle ist zu drei Vierteln eine schöne alte Bruchbude mit sehr viel Charme, das restliche Viertel wird von einer neuen Tribüne eingenommen, welche im scharfen Kontrast zum Rest des Stadions steht. Aber hier wurde wenigstens mal mit Hirn geplant, man nehme nur den Presseraum im oberen Stock, schön groß, die Wand zum Spielfeld eine einzige große Glasfront, sodass man zur Not auch von dort über das Spiel berichten könnte, der Überblick ist perfekt, man hat sogar Sitze direkt an der Scheibe montiert. Da hätten sich die Erbauer einer gewissen 218 Mio. € billigen Arena mal ein Beispiel nehmen können, die haben die unwürdigen Journalisten in die Katakomben gesteckt, von wo aus sie sich durch ein Parkhaus, über fünf Stockwerke mit dem Fahrstuhl sowie einige Treppenstufen bis zu ihren Plätzen vorarbeiten dürfen. Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht, und von der Lübecker Tribüne kann man in der Ferne sogar noch das Holstentor sehen – Kulturauftrag erfüllt!
Etwas anderes Interessantes gab es auch noch zu sehen: direkt neben dem Presseraum waren die einzelnen Logen installiert. Die eine oder andere Tür stand offen, sodass man mal einen Blick riskieren konnte. Doch, sehr kuschelig. Besonders nett fand ich allerdings, dass an der Glasfront der Logen, in der sich Schiebefenster befinden, überall kleine Zettel klebten: „Wir bitten unsere Logengäste, keine Gegenstände aus dem Fenster zu werfen!“ Jawoll, so ist es Recht: Kampf den Logen-Hools!

Das Spiel selbst erlebte ich liegend auf einem Gänseblümchenteppich vor der alten Haupttribüne. Nein, nein, ich hatte nichts geraucht und auch nichts eingeworfen. Es war nur so, dass wir dort vor den Werbebanden im Innenraum nicht stehen konnten, da wir den Leuten hinter uns die Sicht versperrt hätten, denn auf dieser Tribüne sind die Sitzplätze bis ganz unten an die Bande gezogen, und so saßen die natürlich etwas niedriger als wir standen. Also ruinierten wir die Werbebotschaft von ichweißnichtwem und setzten uns, mit dem Rücken an die Werbebande gelehnt, auf die Gänseblümchen, die aus dem hier verlegten Rasen sprossen. Dazu kam die Sonne raus, es war windstill und warm, so dass ich sagen kann – so romantisch kann Fußball sein!

Im Spiel tat sich erst einmal wenig, Unterhaltung hatte ich jedoch genug, saß ich doch mit nur circa drei Meter Abstand zur Lübecker Trainerbank. Erstaunlicher Sportsgeist wurde hier insbesondere von einem von Stefan Bögers Assistenten vorgelebt. Oder sollten es bloß Nervosität und Druck gewesen sein? Der schimpfte auf wirklich alles, was ihm in die Quere kam, Fortuna-Spieler, Leute von der Fortuna-Ersatzbank, den Schiri, den Schiri-Assi – alle waren alles Schuld, nur er und seine Truppe nicht. Ich glaub, dem Böger wurde das mit der Zeit auch peinlich. Selten jemanden gesehen, der sich so krampfhaft um einseitige Spielbetrachtung bemüht.
Dann gab es auch noch etwas für’s Auge, Lübecks Abwehrspieler Florian Thorwart (ich kann nix dafür, der heißt wirklich so!) knallte bei einem Kopfballduell mit Gerrit Bürk zusammen. Während sich unser Spieler hochrappelte und bis zur Pause durchhielt, in der er dann mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ausgewechselt werden musste, trug Thorwart eine Platzwunde am Kopf davon, die auf der Bank behandelt werden musste. Als der Mannschaftsarzt den Tacker auspackte und vor meinen Augen sein blutiges Werk begann, hielt ich ihn zunächst für ein Mitglied der Heikendorfer Knochenbrechergilde. Aber seine Arbeit muss gut gewesen sein, denn Thorwart konnte kurz darauf weiterspielen. Interessant, dem Flickschuster mal aus der Nähe bei der Arbeit zuzusehen.

Das konnte ich auch in Ruhe genießen, denn auf dem Spielfeld tat sich nicht allzu viel. Lübeck krampfhaft bemüht, Druck zu erzeugen, aber man konnte sehen, wie nervös sie waren, vielleicht waren sie die Kulisse dieses lokal heftigst beworbenen Spiels (11.000 Zuschauer) doch nicht gewohnt, denn die Lohmühle war erst einmal in dieser Saison so richtig voll, als St. Pauli kam. Fortuna stand hinten sicher und ließ nicht allzu viel zu, spielte auch rotzfrech nach vorne. Und das, obwohl unser erfolgreiches Sturmduo komplett fehlte. Policella und Mayer, deren insgesamt 17 Treffer im Lübecker Stadionheft noch extra gewürdigt worden waren, saßen noch nicht einmal auf der Ersatzbank. Irgendwie glaube ich, dass die Lübecker, als sie dies bemerkten sowie die Tatsache, dass wir mit zwei Verbandsliga-Spielern aus Fortunas Zwoter beginnen mussten, darunter einem, Pusic, für den es der erste Regionalliga-Einsatz überhaupt war, dass sie also dachten, es würde von selbst gehen. Aber auch ohne unser merkwürdiges Sturmduo, den Policella, der fast nur zuhause trifft und den Mayer, der eh im positiven Sinne einen Sockenschuss hat, versuchte Fortuna, munter nach vorne zu spielen und hatte auch die ein oder andere Möglichkeit. Bis zur Pause war es hüben wie drüben nichts Ernstes.

In der 2. Halbzeit zog Lübeck das Tempo ein wenig an, prompt schlug es ein, zum Glück nur an die Latte, ein Freistoß, den Deuß wohl nicht bekommen hätte. Dafür bekam er alles andere. Unser Torwart, in den letzten Wochen verunsichert und mit einigen argen Patzern, fand ausgerechnet beim Spitzenreiter wieder zu seiner alten Form und ließ die Lübecker verzweifeln. Wohin sie auch schossen, köpften, flankten – Deuß war schon da. Und zwischendurch durften wir auch mal…
65. Minute, Freistoß für Fortuna in Höhe des linken Strafraumecks, Entfernung zum Tor circa 20 Meter. Marcel Ndjeng zog die Kugel mit dem linken Außenrist rechts an der Mauer vorbei, der dort stehende äußerste Maurermeister der Lübecker bekam den Ball gegen den Fuß, die Kugel trudelte nach rechts auf das Lübecker Tor zu und wäre kein Problem für den Keeper gewesen, wenn…ja, wenn nicht plötzlich Fortunas Mannschaftskapitän Dirk Böcker dort aufgetaucht wäre, der als Einziger geschaltet hatte, mutterseelenallein vor dem Tor stand und den Ball reinmachte. 1:0 für Fortuna beim hohen Favoriten!

Das war der Sieg, obwohl sich wirklich fast alle bemühten, das Spiel noch zu drehen: die Lübecker, die mit Mann und Maus anrannten, Fortunas Mittelfeldspieler Tim Kruse, der sich einen der dümmsten Platzverweise der Saison abholte, Gelb/Rot wegen Ballwegschlagens, in jenem Moment hätte ich ihn liebend gerne selbst am Schlafittchen gepackt für diese Idiotie, und nicht zuletzt der Schiri, dem das Wetter so gut gefiel, dass er insgesamt sechs Minuten nachspielen ließ. Sie alle gaben ihr Bestes, aber Patrick Deuß hatte etwas dagegen. Nur einmal hätte er wohl keine Chance gehabt, als Schweinsteiger im Strafraum mit dem Kopf prima quer legte, und der heranstürmende Schröder den Ball nur um Zentimeter verpasste. Danach war das Spiel aus und die Sensation perfekt. Sorry, liebe Lübecker, dass wir euch den Aufstieg verdorben haben, ich sehe auch lieber euch als Paderborn in der 2. Liga, aber wir brauchten die Punkte nun mal selbst.

Auf der Rückfahrt durch die Holsteinische Schweiz erwischte uns dann noch ein Wolkenbruch, der unsere gute Laune aber auch nicht mehr trüben konnte. Also meine zumindest nicht, aber ich musste ja auch nicht fahren. Der Regen wurde so heftig, dass man keine 30 Meter mehr weit sehen konnte. Ich schlug vor, doch irgendwo rechts ran zu fahren und das Ende abzuwarten. Aber versucht mal, auf einer Landstraße in der Holsteinischen Schweiz rechts ran zu fahren! Es ging einfach nicht, es gab nur Leitplanken, so kurz das Auge reichte.
Immerhin überstanden wir diese halbe Stunde, um sofort das nächste Highlight serviert zu bekommen. Wir durchquerten das Dörfchen Lilienthal, das für mein Auge aus höchstens zwei Dutzend Häusern zu bestehen schien. Vor einem stand ein Schild, welches wirklich und wahrhaftig besagte: „Tattoo-Studio im Hof“! Also ich hab schon viel erlebt, so etwas aber noch nie. Gleichzeitig machte ich mir Sorgen um den Tätowierer. Wovon bitteschön will der hier draußen leben? Aber mir fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass ja wohl auch Schweine zur Kennzeichnung hinter einem Ohr tätowiert werden. Ich hoffe, das stimmt. Glück für ihn, sonst hätte er schon längst die Nadel an den Haken hängen können. Ist schon witzig, was einem so an Skurrilitäten geboten wird, wenn man mal wieder aufs Land fährt.

Alles in allem ein schönes Wochenende mit überraschend erfolgreichem Ausgang für Fortuna. Nach dem Spiel war man praktisch durch. Sechs Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmunds Amateure, die den ersten Abstiegsrang übernommen hatten, und das bessere Torverhältnis, das sollte nun wirklich reichen. Zur Sicherheit musste ein einziges Pünktchen noch her.
Vier Tage später brauchte man auch das nicht mehr. Am 25.05.2005 wurde dem KFC Uerdingen nachträglich die Lizenz für die laufende Saison entzogen. Grund hierfür war eine, wie der DFB dies formuliert, „Lizenzerschleichung“ im letzten Sommer. Da stand die Lizenz für den KFC schon hart auf der Kippe, er bekam sie erst nach Vorlage eines weiteren Sponsorenvertrages, der den Krefeldern 150.000 € zusprach. Daraufhin gab der DFB seinen Segen. Allerdings hatte der KFC eine winzige Zusatzvereinbarung des Vertrages verschwiegen: er verpflichtete sich, eine Immobilie des Sponsors (keine Ahnung, worum es da geht) bis zu einem bestimmten Termin zu verkaufen. Also nicht selbst kaufen, sondern nur verkaufen. Sie schafften es nicht, der Sponsor stellte die Zahlungen ein, und die Sache kam im Rahmen der Prüfung des vom KFC im März angemeldeten Insolvenzverfahrens ans Licht. Der DFB reagierte völlig humorlos, da er schon letzten Sommer bei Vorlage dieser Zusatzvereinbarung die Lizenz eben nicht erteilte hätte, und entzog sie dem KFC nachträglich. Somit galt folgende Regelung: wenn es bei dem Lizenzentzug bliebe, würden alle Spiele des KFC in der Wertung bleiben, nur der Verein würde nach Saisonende auf den letzten Tabellenplatz gesetzt werden.
Fortuna profitierte davon: die zunächst verbindliche Entscheidung, die Spiele zu werten und nur den Verein ans Tabellenende zu setzen, bescherte uns an jenem Mittwoch den Klassenerhalt, wiederum, ohne einen Finger oder Fuß zu rühren: da alle Mannschaften, die hinter dem KFC standen, nach dem letzten Spieltag automatisch eins höher rücken würden, stand auf dem ersten Abstiegsplatz jetzt nicht mehr Dortmund, sondern Bremen. Und auf die hatten wir sieben Punkte Vorsprung, bei zwei noch ausstehenden Spielen. Regionalliga 05/06 – wir sind dabei!

Und ich möchte gar nicht weiter spekulieren, welche Art von Immobilie der KFC da nicht an den Mann bringen konnte. Der Sponsor, um den es hier geht, war nämlich niemand anderes als Hermann Tecklenburg, seit einigen Monaten Vorstandsmitglied bei – Fortuna. Es ist natürlich völlig abwegig, zu vermuten, dass er letztes Jahr im Sommer diese Hintertür extra zugunsten von Fortuna eingebaut hätte, damals hatte er noch gar nix mit uns zu tun. Hingegen war es ein guter Hinweis darauf, die Verträge dieses Herrn, falls er auch in Düsseldorf mit so etwas ankommt, bitte vor der Unterschrift genauestens unter die Lupe zu nehmen. Mal eben irgendetwas zu unterschreiben, ohne etwaige Bedenken kund zu tun, führt manchmal nur zur Lachnummer wie im Falle Berthold. Wie man aber beim KFC gesehen hat, kann so etwas für einen Verein tödlich sein. Wobei ich nicht glaube, dass der Passus vom KFC nicht beachtet wurde, sonst wäre er ja auch nicht kunstvoll beim DFB verschwiegen worden. Es war halt nur der letzte Strohhalm, an den man sich im letzten Sommer noch klammern konnte. Und ob sie damals die Lizenz nicht bekommen hätten, ob sie ihnen jetzt nachträglich entzogen wurde oder ob sie ihnen zur neuen Saison verweigert worden wäre – Absteiger bleibt Absteiger. Somit bleibt nur ein freundliches: Ciao, KFC, ciao, Grot(t)ifant!

Natürlich legte der KFC Einspruch gegen den Lizenzentzug ein. Es war also besser, dieses eine Pünktchen prophylaktisch doch noch irgendwie zu holen, nicht dass später die Tabelle nochmals korrigiert werden und Fortuna dann dumm aussehen würde. Aber vorläufig galt: KFC Uerdingen abgestiegen, wir dadurch endgültig auf der Sonnenseite.

Frisch gerettet erwartete man somit am 28.05.2005 den Chemnitzer FC zum letzten Heimspiel der Saison. Für die Sachsen ging es in diesem Spiel um alles, hatten sie doch lediglich zwei Pünktchen Vorsprung auf Bremen.

Chemnitz rückte mit über 500 Leuten an, die die komplette Südtribüne voll machten, und von denen einige direkt mal demonstrierten, was sie von ihrer offiziellen Partnerstadt halten: nach exakt einer Spielminute wurde von der Südtribüne aus mal eben kurz der leere „Pufferblock“ zur Osttribüne gestürmt und munter auf alles drauf gehauen, was nebenan auf der Ost so kreuchte und fleuchte. Der Schiedsrichter unterbrach die Partie, die von so sportlichen Zwischenrufen wie „Asylanten, Düsseldorfer Judenpack, Zeckenpack!“ usw. begleitet wurde, auch hatten erstaunlich viele Chemnitzer plötzlich einen steifen rechten Arm, der zur Entspannung mal nach vorne hoch gereckt werden musste. Jaja, die alten Ossi-Klischees…ich zumindest hatte sie bis dato nicht besonders Ernst genommen, aber was will man machen, wenn sich dann Dutzende treudeutscher Gesellen in den Westen aufmachen und sich genauso benehmen wie man es immer gehört und doch nie geglaubt hat? Selbstverständlich trifft dies nur auf einen Teil der mitgereisten Anhängerschaft zu, allerdings doch auf einen, wie ich fand, nicht gerade minimalen Teil. Das Spiel blieb solange unterbrochen, bis die Polizei, von der ich gerne mal gewusst hätte, warum sie nicht bereits vor dem Spiel auf diesen schlauen Gedanken gekommen war, den „Pufferblock“ geräumt und besetzt hatte, wobei wohl auch die ein oder andere Kopfnuss verteilt wurde.

Ach ja, das Spiel. Es war wirklich sehr unterhaltsam, was man eigentlich nicht erwarten konnte, denn ein neben die Seitenauslinie in den Rasen gelegtes Thermometer verkündete unmittelbar vor Spielbeginn die doch sehr ordentliche Temperatur von 39,6 Grad Celsius, da konnte nicht unbedingt mit sportlichen Höchstleistungen gerechnet werden. Dies sahen auch die Chemnitzer Spieler so und lieferten eine Vorstellung ab, bei der man sich unwillkürlich fragte, wie um Himmels willen die es geschafft hatten, am Spieltag zuvor erstmals auf einen Nichtabstiegsplatz zu klettern. Der CFC hatte über die gesamte Spielzeit des für sie so wichtigen Spiels nicht eine – ich darf wiederholen: nicht eine – Torchance. Deren Trainer Dietmar Demuth konnte über das gesamte Spiel überwiegend bei zwei Aktionen beobachtet werden: entweder er schimpfte wie ein Rohrspatz oder er lehnte an der Ersatzbank und schüttelte nur ungläubig den Kopf. Damit hinterher niemand der Meinung sein konnte, sein ein wenig rötlich verfärbtes Gesicht wäre auf allzu intensive Sonneneinstrahlung während des Spiels zurückzuführen, stampfte er sein Team in der Pressekonferenz nach dem Spiel ordentlich in den Boden. Und hatte Recht, denn was seine Mannschaft, mit Ausnahme des guten Torwarts Süßner, an jenem Nachmittag auf dem Heiligen Rasen ablieferte, war schon ein ziemlicher Witz. Diese Arbeitsverweigerung, gepaart mit dem Verhalten eines Teils des Chemnitzer Anhangs ließ in mir den Wunsch wach werden, diesen Verein in der nächsten Saison möglichst nicht mehr sehen zu müssen, dafür würde ich sogar einer dieser furchtbaren Amateurvertretungen von Bundesligisten den Vorzug geben. Aber trotz der 0:1-Niederlage bei uns hatten die Chemnitzer vor dem letzten Spieltag ja gute Chancen, sich zu retten, da Bremen in Dortmund gewann (Amateur Nelson Valdez schoss mal eben drei Tore), und den BVB damit auf den letzten noch zu vergebenden Abstiegsplatz schickte. Zwischen diesen drei Mannschaften würde auch am letzten Spieltag der fünfte Absteiger ausgespielt werden.

Dass der CFC bei uns nur 0:1 verlor, verdankte er zum einen der überhasteten Chancenvergabe der Fortunen, zum anderen Torwart Süßner, zum dritten purem Glück, denn nach Lambertz’ Klassesolo mit abschließendem 16-Meter-Hammer stand die Unterkante der Latte im Weg, und Kizilaslans Flugkopfball konnte Süßner nur mit Hilfe des Pfostens klären, wobei er dann aber großartig den Nachschuss aus Nahdistanz parierte. Der Sieg war hochverdient und hätte noch höher ausfallen müssen, eine beeindruckende Leistung, die bei tropischen Temperaturen überraschenderweise bis zum Schluss durchgehalten werden konnte, ein würdiger Abschluss der Saison vor heimischem Publikum – und tatsächlich der erste Heimsieg im Flinger Broich im Jahre 2005. Alle anderen Heimsiege hatte man in der Arena errungen, im Flinger Broich gab es stets nur Unentschieden bzw. die einzige Heimniederlage der Rückrunde gegen Holstein Kiel.

Und vielleicht war es auch das letzte Heimspiel auf lange Sicht im Paul-Janes-Stadion. Derzeit laufen nämlich Verhandlungen mit dem Arena-Betreiber, in der nächsten Saison komplett in die große Turnhalle umzuziehen. Die brauchen wohl wirklich Geld, und wenn es nur ein bisschen ist, denn bislang hatte es immer geheißen, so ein Umzug mache frühestens ab der 2. Liga Sinn. Da es mit dieser Liga wohl noch etwas dauern könnte, und die Hochrechnung, es würde sich erst ab 20.000 Zuschauern auch für Fortuna lohnen, wohl doch etwas abschreckend auf die Betreiber wirkte, wird derzeit daran gebastelt, das Ganze für Fortuna etwas kostengünstiger zu machen. Man darf gespannt sein, was daraus wird.

Saisonausklang dann am 04.06.2005 mit dem Spiel bei den Amateuren von Werder Bremen auf dem Nebenplatz 11 des Weserstadions. Zum Abschluss also wenigstens von der Spielstätte her noch einmal Original Oberliga-Style, der uns deutlich machen konnte, was die Mannschaft mit ihrer fulminanten Rückrunde für die nächste Saison verhindert hatte.

Immerhin wird einem ein wenig Abwechselung geboten, denn wenn man auf dem Parkplatz direkt am Weserstadion parkt, hat man die Auswahl zwischen insgesamt 23 Trainingsplätzen, die auf das riesige Areal verteilt sind. Der Kenner sieht natürlich vom direkt an der Hauptstraße liegenden Schlackeplatz – der wohl eher bei Bundesligaspielen als zusätzliche Parkmöglichkeit denn als Trainingsstätte genutzt wird – hinter den ersten beiden Rasenplätzen das Werder-Wappen auf dem Dach einiger roter Backsteinbauten. Das ist das Vereinsheim der Bremer, welches am Platz 11 angelegt ist. Es gilt also nur noch, die beiden Rasenplätze entweder rechts oder links zu umrunden, man muss zum Glück nicht tiefer ins Gelände eintauchen.

Beim Nebenplatz 11 handelt es sich um einen schlichten Sportplatz mit einer Laufbahn drumherum. Ganzer Stolz des Platzes ist die kleine Sitztribüne, die verdammt an einen dieser überdachten Fahrradstände erinnert, nur ein wenig größer. Direkt daneben hat man Gästefans einen kleinen Stehplatzbereich hübsch eingezäunt, vom Rest der Umrandung ist der Platz eigentlich relativ frei zugänglich. Erinnert alles ein bisschen an die Bundesjugendspiele meiner Schulzeit.
Normalerweise haben die Werder Amateure einen Zuschauerschnitt um die 600, glaube ich. An diesem Samstag war allein dieses Kontingent schon mal aus Düsseldorf angereist, insgesamt waren es über 2.000, denn für Werder war es das entscheidende Spiel um den Klassenerhalt. Deshalb lieh Profi-Trainer Thomas Schaaf auch großzügig die Herren Banecki, Hunt und Valdez aus, um den Amateuren ein wenig unter die Arme zu greifen. Klimatechnisch waren sie auch im Vorteil, es herrschte typisches norddeutsches Schmuddelwetter, mal Regen, mal Sonne, mal stürmische Böen und im Vergleich zum Vortag empfindlich kühl.

Um die negativen Vorahnungen perfekt zu machen, hatte sich auch gleich mal die halbe erste Mannschaft der Fortuna vom Spielbetrieb abgemeldet. In der Verteidigung stand mit Lorenzón lediglich eine einzige Stammkraft, ansonsten mit Hust und Hoersen zwei Reservespieler bei ihrem letzten Einsatz für Fortuna sowie mit Steegmann und Cakir zwei Spieler aus dem Verbandsliga-Kader. Und auch ein Vergleich der beiden Sturmduos musste vor dem Anpfiff unwillkürlich zum Lachen reizen: auf der einen Seite die bereits erwähnten Valdez/Hunt, auf der anderen Verbandsliga-Talent Pusic und unser argentinischer Torschützenkönig in Chile von 1997, ebenfalls in seinem letzten Spiel für uns, Walter Otta. Mein Gott, dachte ich, kann das gut gehen?

Es ging gut, wenn auch zunächst nicht. Das 1:0 für Werder bestätigte meine ärgsten Befürchtungen. Die Bremer hatten noch keine Torchance, da führten sie auch schon. Irgendjemand von denen hatte den Ball planlos nach vorne geschlagen, Steegmann wollte auf Deuß köpfen, hatte dabei aber übersehen, dass der schon aus dem Tor geeilt war – wunderschöne Bogenlampe, drin das Ding. Das fing ja prima an! Von Bremer Zuschauerseite fiel der Jubel übrigens spärlich aus, vielleicht hatten die das gar nicht mitbekommen? Wie gesagt: Bundesjugendspiele…

Aber nachdem fünf Minuten später Valdez völlig frei vor Deuß die Kugel rechts am Tor vorbei gesetzt hatte, fing sich die Fortuna, und von Bremen kam gar nichts mehr. Fortuna zog das Spiel an sich, und – zu meiner Überraschung, muss ich zugeben – ausgerechnet die Abgänger trumpften noch einmal ordentlich auf. Bellinghausen war bester Mann auf dem Feld, Hoersen über rechts erstaunlich stark, besonders nach vorne, der hatte in der ersten Halbzeit mehr Vorstöße als in der gesamten Saison zuvor. Hust in der Abwehr ohne Stockfehler und ohne unnötige Fouls, einfach nur solide, und selbst der Walter vorne sorgte für ordentlich Alarm und hatte dann natürlich auch noch Pech, als er bei der besten Fortuna-Chance in der ersten Halbzeit nach feinem Doppelpass mit Pusic nur den Pfosten traf. Das alles stimmte doch versöhnlich, wobei ich mich natürlich schon frage, warum man Leute anscheinend erst verabschieden muss, um dann ihr bestes Saisonspiel zu sehen. Die Pausenführung für Bremen war ein Witz und wurde dann auch ziemlich früh in der 2. Halbzeit korrigiert, als Tim Kruse eine abgeblockte Flanke aus über 20 Metern volley in den Giebel zimmerte. Bremens Keeper war noch dran, konnte den Treffer aber nicht mehr verhindern. Hochverdient und schön anzusehen, was will man mehr?

Anschließend tat man sich nicht mehr viel, obwohl hüben wie drüben noch mal Schrecksekunden auszustehen waren, Hunt traf eher versehentlich noch den Pfosten, als sein als Flanke gedachter Freistoß an Gott und der Welt vorbeisegelte, und auf der Gegenseite scheiterte zunächst Lambertz mit dem Kopf am Bremer Keeper, und Kizilaslan schoss im Nachsetzen den möglichen Sieg am Tor vorbei. Und dann waren auch Spiel und Saison aus.

Ein großes Kompliment an Fortunas letzte Aufrechten, die, obwohl es für sie um nichts mehr ging, das Spiel Ernst nahmen und eine gute Leistung ablieferten. Und da die Bremer mit diesem Remis gerettet waren, herrschte praktisch überall eitel Sonnenschein, was leider nicht auf das Wetter zutraf, just nach Spielende gab es einen Platzregen, dass es nur so rauschte. Denn natürlich hatten auch die Bremer längst mitbekommen, dass die einen Punkt schlechter platzierten Chemnitzer ihr Heimspiel gegen Lübeck 0:1 verloren hatten. Doch auch die Sachsen durften ein Jubeltänzchen zelebrieren, den Borussia Dortmund schaffte in einem unglaublichen Spiel bei Preußen Münster nur ein 5:5, zog damit nach Punkten mit Chemnitz gleich und stieg wegen der um ganze zwei Treffer schlechteren Tordifferenz ab.

Was ist sonst noch aus Bremen hängen geblieben? Nun, ein gewisser Nachholbedarf in Geographie, wurde der Gegner der Werder Amateure doch am nächsten Tag in der Sonntagszeitung als „die Westfalen“ bezeichnet. Sehr gewagt. Seh ich vielleicht aus wie ein zwei Zentner schwerer westfälischer Gutsbesitzersohn?

Womit wir beim Fazit der Saison bzw. beim Ausblick auf die neue Spielzeit wären: abgestiegen sind Union Berlin, die Amateurvertretungen aus Bielefeld, Wolfsburg und Dortmund sowie der KFC Uerdingen. Aufsteiger sind die Amateure von Bayer Leverkusen, Carl Zeiss Jena, Kickers Emden und zum Glück auch Wattenscheid 09, das in der Rückrunde der Oberliga Westfalen noch einen 10-Punkte-Rückstand auf VfL Bochum (A) wettmachen konnte. Der Abgang der Paderborner Currywurst kann somit adäquat durch das Wattenscheider Produkt kompensiert werden, welches in den vergangenen Zweit- und Regionalliga-Jahren stets Bestnoten erzielte. Ich hoffe, es hat sich nicht geändert.

Jawohl, Paderborn ist aufgestiegen, Erfolg ist halt manchmal doch planbar, das zusammengekaufte Starensemble des allmächtigen Präsidenten hat seine Pflicht erfüllt. Der konnte dann auch endlich mal wieder auf den Putz hauen, was er dergestalt tat, dass er drei Spieltage vor Saisonschluss Trainer Dotchev zum Saisonende feuerte mit der schönen Begründung aller bescheidenen Diktatoren, man wäre kurz davor, jetzt einen historischen Schritt zu tun und müsse sich daher auch auf der Trainerbank mit Leuten umgeben, die die Zweite Liga aus dem eff-eff kennen würden. Und tschüss, Herr Dotchev. Dass die Tatsache, dass Dotchev sich als Trainer nicht in der 2. Liga auskennt, einzig darin begründet liegt, dass er die Paderborner nach dem Abstieg in die Oberliga übernommen und über mehrere Jahre wieder nach oben geführt hat, kann da schon mal in Vergessenheit geraten. Und was den geneigten Zweitliga-Fan in der nächsten Saison erwartet, kann man schön am vorletzten Spieltag dieser Saison zeigen: da kam es zum Aufeinandertreffen der beiden Teams, die letztendlich den Aufstieg schafften, Paderborn und Braunschweig. Wohlgemerkt, in Paderborn. Und wohlgemerkt, mit einem Sieg wäre der Aufstieg für Paderborn vorzeitig perfekt gewesen. Was konnte man sehen? Ein ausverkauftes Hermann-Löns-Stadion, 10.000 Zuschauer – davon über 6.000 aus Braunschweig. Es interessiert einfach niemanden dort. Also viel Spaß mit denen.

Und da aus der Süd-Gruppe auch noch die Sportfreunde Siegen den Aufstieg schafften, weil der FC Augsburg vor 30.000 Zuschauern gegen Jahn Regensburg in den letzten fünf Spielminuten noch Sieg und Aufstieg aus der Hand gab, werden sie beim DSF jetzt wohl langsam kurz vor dem Schlaganfall stehen, was die nächste Saison angeht. Sorry, aber Sportfreunde Siegen gegen Wacker Burghausen klingt ja nun doch mehr nach der Endpaarung im Tauziehen beim Deutschen Turnfest als nach dem „Top-Spiel am Montag“…

Fortuna wurde Achter, mit 49 Punkten, geradezu unfassbar nach der Hinrunde, die auf einem Abstiegsplatz beendet wurde. Man spielte die viertbeste Rückrunde der Liga, man verlor in der Rückrunde nur eine einzige Partie, man war zum Schluss elf Spiele in Folge ungeschlagen. Das macht einen schon ein bisschen stolz. So darf es in der neuen Saison gerne weitergehen.

Einige Worte noch zur Spieler-Fluktuation. Vor dem letzten Heimspiel gegen Chemnitz wurden Thomas Hoersen, Mariano Pasini, Walter Otta und Nicolaj Hust mit den obligatorischen Blümchen verabschiedet. Mile Bozic, erst in der Winterpause geholt, verabschiedete sich in einer mysteriösen Nacht-und-Nebel-Aktion bereits im Mai wieder, ein etwas undurchsichtiger Vorgang. Hinzu kommt der vielbetrauerte Abgang von Axel Bellinghausen. Auch Victor Bocchio muss gehen, kaum dass er endlich gelernt hat, dass Fußball nicht nur aus sinnlosem Nachvornedreschen des Balles besteht. Aber auch hier muss ich sagen: selbst Schuld, hatte er sich doch zum letzten Heimspiel gegen Chemnitz extra eine schicke neue Kurzhaarfrisur zugelegt. Kaum waren die Haare ab, war Bocchio weg. Die Fälle Nicolaj Hust und Laurent Guthleber, die auch ihre Haarpracht ließen und sich anschließend jeweils langwierig verletzten, war ihm wohl nicht Warnung genug! Abschreiben müssen wir auch Marcel Ndjeng, der zum SC Paderborn wechselt. Auf den war der Trainer ein wenig sauer, weil Ndjeng ihm seine diesbezüglichen Verhandlungen wohl nicht bekannt gegeben hatte. Dass dieser Transfer relativ früh ans Tageslicht kam, hatte Ndjeng auch seinem neuen Boss zu verdanken, Paderborns Präsident tönte nämlich bereits beim Gastspiel seiner Mannschaft im Flinger Broich Ende April sowohl auf der Tribüne als auch nach dem Spiel im VIP-/Presse-Zelt relativ unüberhörbar: „Euren Ndjeng, den haben wir doch schon längst!“ Ein echter Sonnenschein halt, dieser Mann!

Eine wirkliche Posse droht bei Torjäger und Publikumsliebling Frank Mayer. Da der Etat der Fortuna in der kommenden Saison um 1,5 Mio Euro heruntergefahren wird, erhalten auch die Spieler neue Verträge mit reduziertem Grundgehalt und einem leistungsbezogenen Prämiensystem. Wie niedrig das neue Grundgehalt jeweils ist, ist eigentlich nicht bekannt, einige Mayer-Fans sind allerdings anscheinend bestens informiert und wussten zu berichten, dass dem Stürmer nur ein „Hungerlohn“ offeriert wurde, weswegen er sich prompt weigere, den neuen Kontrakt zu signieren. Auch kennt man sich bestens in den Lebenshaltungskosten seines Lieblings aus, weswegen gefordert wurde, der Mayer müsse doch „seine Familie“ ernähren können, wobei ich es schade finde, dass er seine fünf hungrigen Kindlein, die er anscheinend haben muss, nie mit ins Stadion gebracht hat, ich zumindest habe sie noch nie gesehen. Kurzum, das Fortuna-Volk ist mal wieder auf 180, alte Schlagworte wie „Frank Mayer – einer wie wir – geht er, gehen wir!“ kamen mal wieder an die Oberfläche, wobei die betreffenden Leute damit jetzt wirklich langsam Schwierigkeiten bekommen könnten, denn der Stürmer hat immer noch nicht unterschrieben. Und da man sich nur schlecht weiter so gut inszenieren kann, wenn man der eigenen Parole nachkommen würde, wurde schon mal vorsorglich von einigen angekündigt, dass es in der neuen Saison im Stadion verdammt ungemütlich werden könne, wenn Mayer nicht gehalten werde. Das macht ja auch viel mehr Spaß.

Ich würde es auch gerne sehen, wenn Mayer bleiben würde. Fußballerisch mag er ein wenig limitiert sein, er wird auch die Abseitsregel nie so ganz begreifen, fürchte ich, aber er steht halt trotzdem oft richtig, hat einen guten Riecher und kann eine Mannschaft mitreißen, er steht wie kein zweiter Spieler in den letzten Jahren für die Identifikation mit dem Verein, ist ein sehr sympathischer Typ und außerdem hat er endlich wieder eine korrekte Frisur. Aber ich kann doch nicht mein ganzes Wohl und Wehe für einen Verein von der Weiterbeschäftigung eines einzigen Spielers abhängig machen, zumal es ja der Spieler ist, der nicht unterschreibt, und nicht irgendein Vorstand. Außerdem sollte man vielleicht mal der sportlichen Leitung vertrauen, die ja anscheinend die Parole ausgegeben hat, dass er nicht um jeden Preis gehalten werden muss. Warum wohl? Und in Zeiten, in denen der Verein eisern sparen muss und seinen Etat um ein Drittel herunterfährt, da müssen halt alle dran glauben. Und wer das nicht will, dem ist doch niemand böse (also ich zumindest nicht), nur sollte er sich so schnell wie möglich erklären, um wieder Ruhe in den Verein zu bringen. Aber natürlich legte der Verein nochmals ein verbessertes Angebot nach, nachdem von den massiven Fan-Protesten bereits in der Presse zu lesen war. Man darf gespannt sein, ob Mayer jetzt zum Signum bereit ist.

Podszus, Kruse und Böcker haben ihre Verträge bereits verlängert, bei Bürk und Lorenzón wird noch gepokert, insbesondere Letzterer könnte ein wenig zu teuer sein, was ich ebenfalls bedauern würde, da er ein solider Abwehrspieler ist, der in der Vergangenheit leider oft verletzt war.
Als Neuzugänge stehen bereits Frank Scharpenberg (SC Verl), Henri Heeren (1.FC Saarbrücken) und Pino Canale (1.FC Bocholt) fest, Denis Wolf von Hannover 96 wird für ein Jahr ausgeliehen, Ahmet Cebe von den Schalker Amateuren wird wohl auch noch kommen, muss aber zunächst einen Wadenbeinbruch auskurieren. Derzeit geben sich die Testspieler die Klinke in die Hand, es wird sich wohl noch etwas tun, ob mit oder ohne Mayer und Lorenzón.

Und so verabschiede ich mich aus der Regionalliga Nord für die Saison 2004/05. Es hat nicht immer Spaß gemacht, besonders in der Hinrunde nicht, aber durch diese prima Rückrunde hat sich die Mannschaft selbst aus dem Sumpf gezogen und viele Sympathien zurückgewonnen. Man darf gespannt sein, wie es nächste Saison weitergeht.

„Kalt ist’s im Skriptorium, der Daumen schmerzt mich. Ich gehe und hinterlasse dies Schreiben, ich weiß nicht, für wen, ich weiß auch nicht mehr, worüber: Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus.“ (Umberto Eco, Der Name der Rose)

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