3. Spieltag

Booooah, höre ich den erwartungsvollen Leser schnauben. Nicht schon wieder der! Der hat doch erst neulich schon eine Zusammenfassung abgeliefert, obwohl gerade mal zwei Spieltage absolviert waren. Und jetzt schon wieder so ein ellenlanges Pamphlet! Muss das denn sein? Ja, es muss. Und es gibt einen Grund dafür. Den gibt es natürlich immer. Schließlich rühmt sich der Mensch nicht umsonst, ein animal rationalis zu sein, also ein vernunftbegabtes Tier, fähig zur Abstrahierung und zur Analyse einer Situation von verschiedenen Seiten, bevor eine endgültige Entscheidung gefällt wird. Besonders der gemeine Fußball-Fan ist ja als äußerst logisch denkender Mensch bekannt, wer wüsste das nicht.

Es gibt sogar zwei gute Gründe. Und da halte ich es mit dem Lehrer aus der „Feuerzangenbowle“: „Dat eine kommt jetzt und dat andere machen wir später.“ Der eine gute Grund war nämlich eine Neuerung beim Oberligameister der Herzen Fortuna Düsseldorf: am Mittwoch, den 11.08.2004, war es soweit: zum ersten Mal seit April 2002 verließ der schönste Spitzenzweite aller Zeiten die Gestaden von NRW, um sich zu einem Pflichtspiel aufzumachen! Damals in der Regionalliga ging es nach Kiel, diesmal nach Wolfsburg, zu den dortigen Amateuren. Eine etwas unglückliche Spielansetzung natürlich, am Mittwoch Abend, aber leider unvermeidbar. Denn da die Regionalliga Nord in dieser Saison über 19 Vereine verfügt, müssen ja somit 38 anstatt der erwarteten 34 Spieltage absolviert werden. Die zusätzlichen vier Spieltage mussten also irgendwie in den bereits feststehenden Rahmenspieltag eingepuzzelt werden, und der erste davon fand somit an jenem Mittwoch statt. Also flugs Urlaub genommen, was sich in der Haupt-Urlaubszeit als nicht gerade leicht entpuppte, schließlich aber doch gelang, und auf nach Wolfsburg!

Zunächst ging es um 12 Uhr mit der Bahn von Bonn nach Düsseldorf, was sich als problemlos entpuppte, da die übliche 10minütige Verspätung des Zuges mich nicht betraf, da ich nicht umsteigen musste und auch noch ein wenig Zeit hatte. Pech nur für die, die in Köln umsteigen mussten, wie der Lautsprecherdurchsage im Zug zu entnehmen war, hatten nämlich zumindest zwei Anschlusszüge nicht gewartet. Aber wer rechnet schon noch damit! Also alles im grünen Bereich.
In Düsseldorf wurde zunächst die einheimischen lokalen Verpflegungsstationen in Augenschein genommen, denn wer wusste schon, was auf der Autobahn los sein würde? Sodann konnte, als der Kollege, der sich unfassbarerweise nur einen halben Tag frei genommen hatte, auch von der Arbeit kam und die Insassen des Wagens noch schnell an der Benzinstation frisch betankt wurden, um 14.30 Uhr zu dritt aufgebrochen werden.

Nun kann man insgesamt sagen, dass der Hinweg eigentlich ohne Probleme verlief. A 46, A1, A2, A 39, alles kein Thema. Mal abgesehen von der Tatsache, dass es auf deutschen Autobahnen anscheinend unmöglich ist, länger als 50 km am Stück zu fahren, ohne mit einer Baustelle gesegnet zu werden. Und besonders die A 2 kann ich dem nostalgischen Bagger- und Arbeitsmaschinen-Fan empfehlen, bis Hannover vier Baustellen der Art, dass sie gefühlt die halbe Strecke einnahmen: kilometerlange Absperrungen, Zusammenlegungen der Fahrtrichtung auf zwei Spuren, die dann auch noch dermaßen verengt werden, dass man es leicht mit der Angst zu tun bekam, da unter der Woche ja dann doch der ein oder andere Lkw die rechte Spur zu beackern pflegt und beim kleinsten Ausreißer nach links bereits an die Beifahrertüre zu klopfen drohte (wo natürlich ich saß). Arbeiter habe ich übrigens keine gesehen, warum auch, sind ja schließlich Ferien. Dazu herrschten im Wagen gefühlt 40° im Schatten und in Höhe Hannover fing es dann auch prompt an zu regnen, allerdings nur kurz und natürlich ohne, dass es sich gleichzeitig ein wenig abgekühlt hätte, außerdem gab es noch eine kurze Herumsucherei in Wolfsburg selbst, da die Routenplaner-Beschreibung dann doch nicht so ganz genau gewesen war – alles in allem beste Voraussetzungen für einen gelungenen Abend, als wir gegen halb sieben in der Gaststätte im VfL-Stadion Am Elsterweg eintrudelten. Hierbei handelt es sich um das „alte“ Stadion der Wolfsburger, in dem die Profis bis zur Eröffnung der Volkswagen Arena (kein Bindestrich! Wüsste mal gerne, wer sich so was ausdenkt und warum) gespielt haben. So lange ist das ja auch noch nicht her, also wieder mal ein Hauch von Bundesliga für die Fortunen, wie schon bei ihren Gastspielen in Krefeld oder Mönchengladbach in der abgelaufenen Saison.

Natürlich hatten wir uns während der Anreise ein wenig in Wolfsburg umgeschaut. Das Ergebnis war, dass wir möglichst schnell wieder wegschauten. Wolfsburg ist so hässlich, das glaubt einem kein Mensch. Okay, das mag großkotzig klingen, aber alle, die jetzt den Kopf schütteln, sollen bitte selbst hin fahren, dann diskutieren wir das noch mal aus. Und ich war nicht der Einzige, der das dachte. Ein Begleiter drehte nämlich mit seiner Videokamera einige Impressionen unserer unfreiwilligen Stadtrundfahrt und fragte hinterher, mit welchem Soundtrack man diese Bilder unterlegen könnte. Favorit in der anschließenden Lied-Nennung: „Bitterkeit“ von L’ame immortelle, ein Song, der über den treffenden Refrain „Überall ist Bitterkeit, Verzweiflung und der Tod“ verfügt. Ich glaub, das wird’s auch werden.

Aber gut, man war ja nicht zum Sightseeing angereist. Und außerdem waren die Ordner des VfL und die Bedienung in der Gaststätte wirklich super nett. Auch das muss mal gesagt werden, trifft man bei Auswärtsspielen ja auch nicht allzu häufig. Besonders die junge Dame, die auf der Terrasse bediente, war ein derart lebhaftes Persönchen, dass ich zeitweise den Verdacht hatte, sie sei verpflichtet, vor Erfüllung der jeweiligen Getränkebestellungen hinter dem Tresen erst mal selbst einen zu nehmen.

In der Vereinsgaststätte wurde zunächst Roy Präger gesichtet, der den einzigen Stuhl vor dem Fernseher besetzt hatte und auf Eurosport Fußball guckte, immer mal wieder einen Schluck aus einer überdimensionalen Wasserflasche nehmend. Aus Scherz meinte ich, dass man die Gelegenheit nutzen sollte, ihm vielleicht in einem unbeobachteten Moment mal etwas in die Pulle zu werfen. Wie gesagt, es war ein Scherz. Hätten wir es doch nur gemacht! Aber dazu später.

Tja, und dann zeigte sich die ganze Naivität des Weltreisenden. Meine beide Kollegen bestellten sich nämlich eine Currywurst mit Pommes. Tja, wenn man wie ich mehrere Jahre beruflich in Schleswig-Holstein und Niedersachsen verbracht hat, dann weiß man, dass man sowohl im Norden, als auch im Nordosten bis zur Stadtgrenze von Berlin, eines tunlichst nicht bestellen sollte: eine Currywurst. Die hat nämlich mit unserem gewohnten einheimischen Kulturgut wenig bis nichts mehr zu tun. Einer meiner Begleiter hatte zwar ebenfalls einmal einen kurzen Abschnitt seines Lebens in Norddeutschland verbracht, allerdings war das schon etwas länger her und auch relativ kurz, nämlich zum Tragen eines schmucken olivgrünen Beinkleides, so dass er die Erinnerung daran wohl erfolgreich verdrängt hatte. Tja, wer nicht hören will, muss fühlen, und so ergötzte ich mich an dem Anblick der beiden tapferen Esser, als ihnen diese etwas zu groß geratene Brühwurst vorgesetzt wurde, gnadenlos in Ketchup ertränkt und abschließend mit einer Viertelprise Curry darüber ehrenvoll bestattet. Aber sie haben es überlebt.

Sodann wurde das Stadion betreten, nicht ohne staunend zur Kenntnis genommen zu haben, dass auf dem Parkplatz tatsächlich zwei Fahrzeuge von Audi standen, neben einer ganzen Reihe Markenprodukte des einheimischen Radkappenherstellers. Ich weiß nicht, ob das in Wolfsburg schon als anarchistische Grundhaltung gilt, aber ich vermute, es ist nah dran. Das Stadion selbst ist durchaus noch nett anzusehen, beide Geraden überdacht, jedoch stört die vorhandene Laufbahn etwas, da man besonders in den Kurven doch etwas weiter weg vom Geschehen steht. Leider war die Anzeigetafel des Stadions hinter der stadteinwärts gerichteten Kurve verschwunden, vielleicht fristet sie ihr Dasein ja jetzt in der benachbarten Arena. Dadurch war der Blick frei auf einen ca. 100stöckigen Plattenbau, der direkt hinter der Kurve empor ragt, und in dessen oberen Stockwerken man sich glatt als VfL-Fan und Dauerkarten-Besitzer bezeichnen kann, ohne jemals das Stadion betreten zu haben. Ich würde schätzen, dass ca. 1.000 Zuschauer anwesend waren, darunter 300-400 Fortuna-Fans, die man in den Gäste-Block in einer der Kurven gesteckt hatte, deren Sicht somit etwas eingeschränkt war, was ihrer Partystimmung an jenem Abend jedoch keinen Abbruch tun sollte.

Das Spiel begann um 19.30 Uhr und sollte eigentlich keiner ausschweifenden Erwähnung Wert sein, so toll war es auch wieder nicht, wenig Chancen auf beiden Seiten, Fortuna leicht feldüberlegen, ohne dass es großartig auffiel. Nicht unverdient, aber doch überraschend dann das 1:0 durch einen unserer Youngster, Tim Kruse, der einen Freistoß aus ca. 20 Metern flach an der Mauer vorbei schießen wollte, ein Wolfsburger Bein kam heraus, abgefälscht, gegen die Laufrichtung des Torwarts, drin. Da war die Freude natürlich groß. Im Fortuna-Block profilierte sich ein Fan als Radschläger, einer alten, leider in der heutigen Zeit fast ausgestorbenen echt Düsseldorfer Kunst, die besonders zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Düsseldorfer Kinder den staunenden Flaneuren auf der Kö vorzuführen pflegten, um von ihnen einige Pfennige zu erhalten. Das Ganze im vollbesetzten Fan-Block vorzuführen, bedarf gewiss einer konzentrierten Vorbereitung und wurde auch mit entsprechendem Beifall gewürdigt. Und weil man grad so schön dabei war und auf dem Rasen nicht viel passierte, wurde sich auch noch ausführlich dem Gegner gewidmet, wobei durchaus geographische und marketingtechnische Kenntnisse zutage traten: „Euer Vater fährt nach Braunschweig, VfL!“ – „Eure Mutter nach Hannover, VfL!“ und „Eure Oma fährt nen Opel, VfL!“ lauteten die phantasiereichen Aufforderungen zum Sanges-Wettstreit an die Gastgeber, die, was die Stimmgewalt anging, jedoch klar in der Unterzahl waren. Und tatsächlich habe ich auch nicht ein einziges Mal diese kreativen „A*W*H*“- oder „Nutte, Nutte, Nutte“-Gesänge vernommen, die man sonst üblicherweise in den Stadien der Republik (auch im eigenen) zu Gehör bekommt. Hat wirklich Spaß gemacht.

Dachte sich der Fan-Block wohl auch, denn als sich in der zweiten Halbzeit immer noch nicht viel auf dem Rasen tat, da sangen sie einfach 25 Minuten am Stück durch. Eine beeindruckende Leistung, die hier nicht unerwähnt bleiben soll.
Auf dem Rasen nicht unerwähnt bleiben soll, dass Tim Kruse beinahe der Held des Tages geworden wäre: erst das Führungstor, dann in der 2. Halbzeit fast ein Tor des Monats, als er aus 16 Metern volley mit dem Außenrist nur ganz knapp über das Tor zielte, und dann kurz vor Schluss, als Wolfsburg stärker wurde und die Fortuna sich mal wieder unerklärlicherweise hinten reindrängen ließ, sein großer Auftritt: Konfusion nach einer Wolfsburger Ecke, Schuss von Präger, Kruse klärt auf der Linie, stürmt nach vorne, wirft sich auch in den Nachschuss und blockt anschließend den dritten Versuch ebenfalls ab! Man hätte ihn auf den Schultern vom Platz tragen können. Ja, hätte…wäre da nicht die 89. Minute gewesen, in der eine Flanke von links in den Strafraum segelte und ein Wolfsburger den Ball per Kopf mit voller Wucht aus fast 16 Metern zum verdienten Ausgleich in den Winkel gehämmert hätte. Dieser Wolfsburger war natürlich Roy Präger, und wenn ich dem jemals wieder vor einem Spiel mit einer Wasserflasche in der Hand begegne, weiß ich seit dem 11.08.2004, 21.15 Uhr, definitiv, was ich zu tun haben werde…

Natürlich ist so ein Ausgleich in der Schlussminute ärgerlich, allerdings, wie gesagt, er war nicht unverdient, weil Fortuna sich zum Schluss mal wieder erstaunlich defensiv verhielt, und auf Ergebnis spielen können sie anscheinend wirklich (noch) nicht, denn jedes Mal, wenn sich die Mannschaft hinten reinstellt, kassieren sie die Gegentore. Und da diese Defensiv-Maßnahme diesmal nicht vom Trainer ausging, der hatte auf der Ersatzbank nämlich keinen einzigen (!) Abwehrspieler, den er hätte einwechseln können, darf die Frage erlaubt sein, ob die Kraft noch nicht für 90 Minuten reicht. Was angesichts des Mammutprogramms zu Beginn dieser Saison doch ein wenig nachdenklich macht. Aber ein Punkt ist ein Punkt und das ist auch nicht schlecht, obwohl der Düsseldorfer Boulevard schon vor dem Spiel konstatiert hatte, dass es an diesem Tag auf einen Aufstiegsplatz gehen würde. Nicht „könnte“, für solche albernen Konjunktive hat so ein Boulevard-Reporter gar keinen Platz. Vielleicht werden die ja auch mal ein bisschen ruhiger, wenn sie feststellen, dass die Saison eben kein Selbstgänger wird. Aber da sie ja grundsätzlich nie etwas Schuld sind, werden sie es dann, wenn es nicht läuft, natürlich an der Mannschaft festmachen, und nicht an den eigenen überzogenen Erwartungen. Ja, Meinungsfreiheit ist etwas Schönes.

Nachdem uns noch Herr Pander persönlich zur Pressekonferenz geleitete, zu der wir gar nicht wollten, weil unser Mitstreiter mit der Kamera bereits vor Ort war, starteten wir gegen kurz vor 22 Uhr vom Stadion aus nach Hause. Um 0.45 Uhr waren wir am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Wer aufgrund der Uhrzeit, Entfernung und der eingangs erwähnten massiven Baustellen-Präsenz auf unserer durchschnittliche Reisegeschwindigkeit auf „freier Strecke“ schließen kann, der möge diese bitte sich für sich behalten. Eine flotte Fahrt, mal so gesagt.

Unterwegs hatte unser Fahrer zwischenzeitlich die glorreiche Idee, uns mit Musik zu unterhalten, um vorzeitiges Einschlafen zu vermeiden. Als er sich jedoch bei einer CD zielsicher vergriff und eine Scheibe seiner Frau einwarf, die zu 80% mit dem von mir sehr, hm, geschätzten Robbie Williams befüllt war, war ich dann doch über den allgemeinen Zustand der deutschen Autobahnen dankbar. Da der CD-Player irgendwie nicht ganz fest mit dem Rest des Wagens verdrahtet war, sprang der Silberling bei jedem etwas größeren Huckel bzw. Schlagloch, was auf der A 1 dann dazu führte, dass ich nur relativ wenig Robbie Williams hören musste. Hinzu kommt, dass ich mir natürlich sämtliche Schlaglöcher gemerkt habe und demnächst beim großen Baustellen-Toto – welchen Streckenabschnitt legen wir demnächst lahm? – Millionen verdienen werde. Irgendwie muss sich dieses Gehoppel doch mal lohnen!

Nun allerdings stellte sich die Frage, wie weiter zu verfahren sei. Der letzte Zug nach Bonn war natürlich längst weg, 23 Uhr irgendwas, danach nix mehr. Man hätte noch bis nach Köln gelangen können und von dort aus mit der U-Bahn weiter nach Bonn, aber dieser Zug fuhr bereits um 0.14 Uhr. Ich schaute auf den Fahrplan und traute meinen Augen nicht: der nächste Zug Richtung Süden fuhr exakt um 02.57 Uhr. Dazwischen nix. Witzigerweise ist dies genau der Zug, der um 23.13 Uhr in Wolfsburg abfährt und für Fortunas Bahnreisende die einzige Möglichkeit war, nach dem Spiel noch nach Hause zu gelangen.

Zwischen 1 und 2 Uhr nachts gelangt man nämlich vom Düsseldorfer Hauptbahnhof nicht nach Süden. Da fahren genau vier Züge. Und zwar alle Richtung Duisburg, Dortmund, Essen und dann weiter nach Norden bzw. Osten. Nun kann ich ja verstehen, dass die Düsseldorfer nicht unbedingt nach Köln wollen, schon gar nicht um diese Uhrzeit, aber wieso schließt die Bahn dadurch automatisch auf sämtliche Fahrgäste, die sich auf ihre Bahnsteige verlaufen? Und wenn schon Köln boykottiert wird, wieso dann viermal in der Stunde nach Essen? Das hätt ich dann auch gerne mal gewusst. Aber halt, ich will der Bahn ja nichts unterstellen. Denn selbstverständlich fährt zwischen 1 und 2 Uhr ein Zug nach Köln. Ein IC um 1.07 Uhr. Und zwar montags. Den hatte ich am frühen Donnerstag Morgen ja knapp verpasst und sah nun einer zweistündigen Wartezeit auf dem Hauptbahnhof entgegen, auch etwas, das nicht unbedingt zu meinen liebsten Hobbys zählt. Danke, Bahn!

Aber man ist ja Fuchs. Hatten wir nicht soeben den dritten Kollegen aus seinem Fortuna-Abend vor der Wohnung entlassen, die ziemlich in der Nähe des Bahnhofs liegt? Sofort wurde das Handy gezückt und angerufen, bevor der auf die Idee kam, schon schlafen zu wollen. Und tatsächlich! Einer Asylgewährung bis halb drei wurde zugestimmt. Freudetrunken machte ich mich auf den Weg zurück, bog irgendwie falsch ab und verlief mich nachts um eins (in Düsseldorf!). Schließlich stand ich im Stockdunklen vor einer Kirche mit dem christlichen Namen St. Apolinaris, von der ich sicher war, ihr noch nie in meinem Leben so nahe gewesen zu sein, und musste erneut zum Handy greifen. War natürlich ein geschickter Schachzug von mir, so konnte der Bekannte zwischendurch nicht noch versehentlich eindämmern, denn nun musste er mich abholen. Er erschien auch bereits nach fünf Minuten, was daran lag, dass ich mich in meinem ziellosen Umherirren aus purem Zufall doch schon wieder fast auf dem richtigen Weg befunden hatte, und geleitete mich sicher in den schützenden Hort.
Dort wurde noch eine Zeitlang gesurft und erste Stimmen zum Spiel eingeholt. Insbesondere im Fortuna-Forum glänzten mal wieder diejenigen, die immer noch glauben, EXPRESS und BILD wüssten, worüber sie schreiben und dementsprechend enttäuscht waren. Dass sie um diese Uhrzeit enttäuscht sein und dies auch per Internet kund tun konnten, lag natürlich daran, dass sie gar nicht in Wolfsburg gewesen waren und ihre Infos aus dem dreiminütigen abendlichen Bericht im WDR-Fernsehen bezogen. Ja, schön zu sehen, dass bei uns auch der Modefan wieder in Mode kommt. Oder etwa nicht?

Um halb drei machte ich mich dann auf den Weg zum Bahnhof, um endlich nach Hause zu gelangen. Die Wunder der Nacht waren jedoch noch nicht zu Ende. Denn am rückwärtigen Eingang des Bahnhofs empfing mich ein Mensch in der schmucken Uniform eines Security-Bediensteten und überraschte mit einem gelungenen Bonmot: „Der Bahnhof ist geschlossen!“ Ein köstlicher Witz! Der wollte gut gekontert sein, deshalb verzichtete ich auf die Standard-Nachfrage, die er in diesen Fällen bestimmt schon hundert Mal gehört hat – nämlich: „Hä?“ – und sprach direkt: „Dann sagen Sie bitte dem Lokführer des IC um 2.57 Uhr Bescheid, dass ich hier auf ihn warte!“ Nachdem er noch meine Fahrkarte kontrolliert hatte, ließ er mich brummig durch, er stand wohl nicht auf meinen Humor. Komisch, ich auf seinen auch nicht.

Die Bahn setzte noch ein letztes Highlight und ließ diesen einzigen Fernzug um diese Uhrzeit tatsächlich noch 15 Minuten verspätet einlaufen, aber, na ja, what shalls? Hatte eh nicht mit einem Happy-End gerechnet. Nachdem in unserem Abteil noch ein Fremdenlegionär in voller Montur in Köln einstieg, hektisch zu wissen verlangte, ob man mit diesem Zug nach Metz gelangen könne, sich aber weigerte, die negative Antwort zu akzeptieren und anschließend, als der Zug schon angefahren war, verbal über die Schaffnerin (ähm, Zugbegleiterin) herfiel, war ich dann doch schon um fünf vor vier in Bonn.

Aber die Highlights waren immer noch nicht zu Ende. Liebe Bahn, die ihr anscheinend meint, Bonn wäre solch ein Dorf, in das zumindest von Norden aus nachts niemand mehr fahren möchte – nehmt mal zur Kenntnis, dass man bei uns um vier Uhr morgens noch einen frischen Döner bekommen kann! An selbigem kaute nämlich der Fahrer des Taxis, das ich anschließend nehmen musste, weil natürlich auch noch kein Bus fuhr. Er kaute so gut daran, dass ihm zwischendurch auch noch das ein oder andere Bröckchen beim Sprechen aus dem Mund fiel, aber solange die auf der Windschutzscheibe und nicht in meinem Gesicht landen, war ich bereit, mich damit abzufinden. Auch ein bisschen Konversation, okay, bitte, man ist ja kein Unmensch, obwohl mir wirklich nicht mehr nach Small-Talk zumute war. Aber man ist ja nett.

Der gute Mann erkundigte sich, wo ich denn hergekommen sei und ich gab bereitwillig Auskunft. Als ich den Namen Fortuna Düsseldorf erwähnte, da leuchteten seine Augen, er öffnete den Mund, und sprach den Satz, den ich jetzt im Original wiedergebe, wobei ich bei der Heiligen Blutgrätsche von Carlo Werner schwöre, dass es sich um die Wahrheit handelt, um die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit: „Also bei mir in Oldenburg, wo ich herkomme, in meinem Hundezüchterverein, da ist auch einer, der früher mal bei Fortuna gespielt hat.“ Um vier Uhr morgens!!! Zum Glück (für ihn oder für mich) war ich so baff, dass ich den Mund nicht mehr auf kriegte und nicht antworten konnte. Denn zu gern hätte ich ihm gesagt, wo er sich seinen Hundezüchterverein nach endlosen Baustellen, hässlichen Städten, unglaublichen Fahrplänen und verspäteten Zügen um vier Uhr morgens hätte hin stecken können. Aber er hatte es ja nur gut gemeint. Anschließend wirkte er auf mich allerdings etwas beleidigt, weil ich mit dem Namen Weiß nichts anzufangen vermochte. Dies könnte sich dadurch erklären, dass dieser Herr Weiß seiner Schätzung nach die 65 schon hart überschritten hat und somit allerhöchstens zu uralten Oberliga West-Zeiten bei Fortuna aktiv gewesen sein kann. Und zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht einmal geplant, geschweige denn auf der Welt. Ich glaub, das hat er mir schließlich abgenommen, obwohl er doch noch etwas skeptisch guckte. Um viertel nach vier schließlich war ich zuhause und versuche seitdem, diese letzte Episode positiv zu sehen: Fortuna ist wirklich immer und überall.

16 Stunden unterwegs, nur damit Roy Präger in der 89. Minute den Ausgleich köpfen konnte. Fußball kann so schön sein. Aber nur manchmal.

So, und hier kommt die Begründung, warum dieser Artikel dem ersten so fix nachfolgte. Nun folgen ja zunächst zwei Heimspiele, zunächst das gegen Uerdingen, dann das Highlight DFB-Pokal gegen den VfL Bochum am 21.08. Danach ein Auswärtsspiel am 25.08. (Mittwoch) in Berlin, bei den Amateuren von Hertha BSC. Uerdingen werde ich noch sehen, die anderen beiden Spiele nicht, so dass man die diesbezügliche Zusammenfassung dann auf ein Minimum beschränken kann. Es musste nämlich jemand seinen Geburtstag ausgerechnet auf den Pokal-Samstag legen. Zufall? Absicht? Wer weiß das schon so genau. Dummerweise ist das nicht so ganz in der Nähe von Düsseldorf. Deshalb heißt es am nächsten Wochenende: auf nach Meppen. Als Entschädigung lockt am nächsten Sonntag der Oberliga-Auftakt des SV Meppen gegen den kultigen Aufsteiger Barmbek-Uhlenhorst, aber ich schätze mal, das wird mich nicht wirklich darüber hinweg trösten, ausgerechnet das Spiel zu verpassen, in dem zum ersten Mal seit 5 Jahren ein Bundesligist zu einem Pflichtspiel nach Düsseldorf kommt. Übrigens, wer mitreden will: letzter Bundesligist in Düsseldorf war, natürlich ebenfalls im DFB-Pokal, der SSV Ulm (kicher…Bundesligist), 1999 in der 2. Runde. Wir unterlagen 0:2, Tore durch Bodog und van de Haar. Vielleicht läuft es ja diesmal besser. Wäre doch schön, wenn ich zumindest die 2. Pokalrunde noch live miterleben könnte, wer weiß, wann wir uns das nächste Mal wieder qualifizieren können.

Und wer jetzt sagt, bei so einem Pokal-Spiel, da müssen andere gesellschaftliche Verpflichtungen doch mal zurück stehen, dem sage ich: stimmt! Und deshalb hatte ich höchstpersönlich bereits im Februar den Geburtstag eines anderen Mitgliedes desselben Hauses von Freitag auf Samstag verlegt, weil ich am Karnevalsfreitag das Pokalspiel der Fortuna in Uerdingen sehen wollte. Diesmal bin also ich dran, was die Kompromissbereitschaft angeht. Wobei mir diese Geburtstage wirklich langsam merkwürdig vorkommen…ich glaube, ich lasse mir nächsten Samstag vorsichtshalber mal die Personalausweise zeigen…

Nach Berlin darf die Mannschaft dann auch gerne ohne mich reisen, ich mache auch nicht alles mit, zumal ich ja Anfang September nach Kiel fahre, und ich schätze mal, da wird sich wohl auch ein kleiner Artikel lohnen. Also fällt Berlin für mich aus, so toll finde ich unsere Hauptstadt auch nicht, den Urlaub und das Geld spare ich mir lieber…

…bis zum 16.05.2005, da spielt Fortuna bei Union Berlin.

Einen schönen August noch. Und wenn ihr Roy Präger mit ner Wasserflasche begegnet…ihr wisst schon.

janus

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