29. – 31. Spieltag

Im Tal der Tränen

Jawohl, mir kommen die Tränen. Aber es sind Tränen des Glücks, Tränen der Rührung. Verarscht! Aber dass ich das noch einmal erleben darf! Die letzten vier Spiele der besten Mannschaft der Welt, Fortuna Düsseldorf, boten von „haarsträubend“ bis „überragend“ mal wieder einfach alles – aber diesmal tatsächlich mit Happy End!

Zunächst mal ein dickes Lob an den DFB. Bravo, so interessiert ihr euch für die Amateure! Nach dem Manuel-Gräfe-Gedächtnisspiel Fortuna gegen Osnabrück am Ostersamstag hatte ich eigentlich erwartet, den Herrn in nächster Zeit nicht mehr im Fernsehen bewundern zu müssen. Denn das hätte bedeutet, dass ihr seine „Leistung“ in jenem Spiel tatsächlich bemerkt und entsprechend bewertet hättet. Aber mein Gott – was regen sich die kleinen Würstchen aus der Regionalliga auch so maßlos auf? Ist doch Amateursport, die sollen doch froh sein, wenn überhaupt irgendein Schiri grad mal Zeit hat, diese Freizeitkicks zu pfeifen! Da kann doch schon mal was daneben gehen! Und deswegen erblickte ich Herrn Gräfe exakt zwei Wochen später wieder, wie er ein Spiel leitete. Dagegen wäre nun nichts zu sagen, wenn es sich nicht zufällig um die Partie Bayern München gegen Borussia Mönchengladbach gehandelt hätte. Was stark darauf hindeutet, dass man beim großen Hüter des deutschen Amateurfußballs die „Leistung“ des Herrn Gräfe beim oben genannten Spiel gar nicht erst zur Kenntnis genommen hatte. Der zuständige Spielbeobachter war mit seiner Freikarte bestimmt schon im VIP-Raum verschwunden, als die ominöse 95. Minute in der Arena anbrach. Da kann man ja schon mal was übersehen. Friede eurer Asche, und nicht vergessen, bei Bundesligaspielen demnächst wieder flugs den Schiri auszutauschen, weil die ursprüngliche Besetzung ohne den Hauch eines Beweises von einem inhaftierten Schmierenkomödianten angeschwärzt wurde.

Nun aber genug von meinem Lieblingsherrn in Schwarz, er diente auch lediglich dazu, die zeitliche Eingliederung des nun folgenden Spielberichts zu erleichtern. Am Mittwoch nach jenem unglaublichen Ostersamstag trat die Fortuna bei den „Amateuren“ des 1.FC Köln im Kölner Südstadion, der ehemaligen Heimat von Fortuna Köln (kennt die noch jemand?), zur gerechten Punkteteilung im Nachholspiel des 27. Spieltags an. Es war ein schlechtes Spiel, das eigentlich auch keinen Sieger verdient hatte. Schlagzeilen machte es dennoch, allerdings eher aus zwei anderen Gründen.

Zum einen zeigten die Kölner mal wieder auf bewährte Art, wie sehr sie sich um ihren Nachwuchs sorgen. Deswegen wollen sie ja so gerne Regionalliga spielen. Damit sich die Nachwuchskräfte direkt in der höchsten Amateurklasse mit ihren Gegnern messen können, da, wo der Übergang in die 2. Liga und der Sprung zur 1. Liga nicht so groß ist. So manches Talent schaffte auch in dieser Saison den Sprung von einem Amateur- in den Erst- oder Zweitliga-Kader einer Profi-Mannschaft. Sehr löblich. Und dafür hält man sich ja auch einen Kader von 20 Spielern, denn die Regionalliga-Saison ist lang.
So lang, dass man diese 20 Mann nicht überlasten sollte. Und so fand ich zu Beginn des Spiels an diesem regnerischen und kühlen Mittwoch Abend tatsächlich nur drei Spieler des Kölner Amateur-Kaders auf dem grünen Rasen wieder. Okay, vier, wenn man den Bröker mitzählt, der sich mittlerweile aber auch in der ersten Mannschaft festgespielt hat. Die Geißböcke erfüllten mal wieder alle Befürchtungen, die unsereins bei Spielen gegen Amateur-Mannschaften unter der Woche hegt, aufs Allerfeinste, genau wie im Hinspiel. Achenbach, Lell, Benschneider, Federico, Lejan, alle waren sie wieder da, zusätzlich, wie schon erwähnt, der Herr Bröker. Nur der Ebbers fehlte, wahrscheinlich hatte er grad keine Lust. Aber die Kölner wollten dem Publikum trotzdem etwas bieten und stellten einfach den Guie-Mien auf. Das nenn ich mal eine Amateur-Mannschaft! Wieder mal ein ganz großes Kompliment an die Geißböcke, die in dieser Kategorie absolute Spitze in der Liga sind. Was sich diese Truppe trotz ihrer für Regionalliga-Verhältnisse hochkarätigen Besetzung Woche für Woche so zusammenspielt, kann man am Tabellenstand ablesen. Mit diesem zweiten Anzug wird’s jedenfalls nix mit dem Uefa-Cup-Platz, den der kölsche Boulevard beim bereits seit Januar feststehenden Aufstieg in die 1. Liga schon seit Wochen im Visier hat. Aber wie ich die Kölner kenne, werden sie im Sommer ordentlich nachrüsten, das kommt ja auch uns zugute, dann kriegen wir nächste Saison bei Spielen gegen Köln wenigstens noch Herrn Scherz oder Herrn Springer serviert oder können uns über echte kölsche Blutgrätschen der Grobmotoriker Cullmann und Voigt freuen. Nur immer weiter so!

Der zweite Aspekt, der das Spiel nach dem Abpfiff in Erinnerung halten sollte, lag in der Blödheit der Fans begründet, auch dies ein Wettbewerb, den die Kölner klar für sich entschieden. Schiri war dieser Collina-Verschnitt Herr Frank, der uns am ersten Spieltag in Münster gepfiffen und dabei für Aufsehen gesorgt hatte (bei mir, natürlich nicht beim DFB), als er bei Handspiel eines Münsteraner Spielers auf der Torlinie das Spiel mal eben schnell beendete, anstatt Elfmeter zu geben. Man hätte also gewarnt sein können, ein Herr der schnellen Abpfiffe. Just dies tat er dann auch konsequent Mitte der ersten Halbzeit, weil die Zündel-Fraktion, die in ihrem kleinen Leben anscheinend noch nie ein Spiel ohne Bengalen und Rauch besucht und daher leider auch keine Ahnung hat, dass man die Mannschaft anders unterstützen könnte, mal wieder auf sich aufmerksam machte. Man kann ja durchaus geteilter Meinung zum Thema Pyrotechnik in Fußballstadien sein, es muss allerdings jedem klar sein, welche Folgen selbige für den eigenen Verein bei der derzeitigen Berichterstattung in den Medien hat. Da sollte man eventuell mal eine Zeitlang ein wenig kürzer treten, es sei denn, man legt es darauf an, dem eigenen Verein möglichst viele Scherereien zu machen. Natürlich wissen sie das, es kümmert sie nur nicht die Bohne. Eine kleine Rauchentwicklung im Fortuna-Block unter der Anzeigetafel ging noch ohne Einfluss auf das Spielgeschehen vonstatten, der Wind kam von vorne und blies den Rauch den ausführenden Organen dieser Art von Support, der für einige Leute der einzig Mögliche zu sein scheint, und ihren sicherlich begeisterten Umstehenden um die Ohren und ließ ihn dann über die Anzeigetafel nach hinten entschwinden. Daraufhin mussten sich natürlich die Kölner auf der Gegengerade melden, es konnte ja nicht angehen, dass diese Heldentaten nur von gegnerischen Fans im eigenen Stadion ausgeübt wurden! Dummerweise kam bei ihnen der Wind von hinten und blies die ganze Bescherung schön auf den Rasen, wo der Schiri ohne großes Zögern die Partie für fünf Minuten unterbrach und über den Stadionsprecher verkünden ließ, dass er bei einer Wiederholung beide Mannschaften in die Kabinen bitten würde.

Dann die 60. Minute: die Kölner haben fünf Minuten zuvor den Ausgleich erzielt, sind dabei, die Kontrolle im Spiel zu übernehmen und Fortuna ein wenig nach hinten zu drücken – wie zeigt der gemeine Kölner Fan in dieser Spielphase seinen Support? Richtig, wiederum begünstigt durch exzellenten Rückenwind, legt er einen derartigen Rauchteppich aufs Spielfeld, dass der Durchblick nun wirklich schwierig wurde. Und bevor einem selbst beim Rumhantieren mit so einer Bengale noch irgendwas passiert, schmeißt man sie am besten brennend auf den Rasen hinterher. Großer Sport im kleinen Bahnhofskapellendorf!

Nun, mit dem Sport war es dann erst einmal vorbei, der Schiri schickte beide Teams für 20 Minuten in die Kabine. Es dauerte auch deshalb so lange, weil nach Unterbrechung der Partie aus dem Fortuna-Fan-Block getreu dem Motto „Alles muss raus“ auch noch verschiedenste Pyro-Techniken zum Einsatz kamen. Selbst auf der Haupttribüne konnte ein lustiges kleines Feuerwerk gesichtet werden. Da war die Einlasskontrolle wohl wegen Bodennebel ausgefallen. Und deshalb darf auch Fortuna mit einer vierstelligen Summe als Strafe rechnen, für die Kölner wird’s wohl etwas mehr werden. Aber die Pyromanen-Fraktionen fanden es wieder geil und hatten einen schönen Abend, das ist ja die Hauptsache. Wenn die wenigstens zugeben würden, dass sie nur daran interessiert sind, sich selbst abzufeiern und sich einen Dreck für den Verein zu interessieren, dann könnte man es ja noch nachvollziehen. Aber das macht natürlich niemand. „Gute Fans kosten eben Geld!“, dieser Satz, mit dem die Herrschaften meiner Meinung nach recht deutlich machen, was sie von „ihrem“ Verein halten, war anschließend von beteiligter Stelle zu lesen, und überhaupt, es war ja mal wieder niemand. Und verletzt wurde ja auch niemand. Und wenn doch, dann ist das halt Pech. Muss der halt schneller wegspringen. Der Torwart vom AC Mailand lebt ja schließlich auch noch. „Kein Pyro = keine Stimmung = Abstieg“ hab ich auch noch gelesen. Das weitere Weltbild desjenigen möchte ich gar nicht näher kennen lernen. Obwohl ich überzeugt bin, es passt mühelos auf einen Notizzettel im Format DIN A 5.

Ach ja, Fußball gespielt wurde auch noch. Policella traf sogar mal auswärts und brachte Fortuna in Führung. Zum Ausgleich brauchte die mit einigen Amateuren verstärkte Kölner Zweitliga-Truppe dann noch des Gegners Hilfe, denn Bozic war wohl bei dem Freistoß von Bröker noch zuletzt mit dem Kopf am Ball. Nach der unfreiwilligen Spielunterbrechung senste Federico noch den Böcker im Mittelkreis weg und erhielt Gelb/Rot, und das war das Einzige, was von den letzten zwanzig Minuten erwähnenswert bleibt. Da hätte der Schiri auch gar nicht mehr anpfeifen brauchen.

Obwohl, es gab ja noch ein Highlight. Also für mich. Kurz nach der Unterbrechung schlenderte nämlich eine Gestalt in Begleitung von zwei Kumpels durch den Innenraum, um von der Haupt- zur Gegentribüne und zum Ausgang zu gelangen. Jawohl, niemand geringerer als Lukas Podolski marschierte in knapp zehn Zentimeter Entfernung an mir vorbei. Der Prinz Poldi! Spontan wollte ich den Bereich der Tartanbahn, auf dem der Göttliche geschritten war, ausfräßen und bei eBay an Kölner Fußball-Gören verscherbeln, ich verkniff es mir aber. Der Abend wird für den Verein schon teuer genug werden.

Poldi strahlte übrigens und hatte beste Laune, als er an mir vorüberschritt. Der wird wohl die fliegende Bengale gesehen und gedacht haben: „Hui, die freuen sich aber, uns zu sehen!“ Selbiges hatte er nämlich noch vier Tage zuvor nach dem Länderspiel in Slowenien einem sichtlich verblüfften Reporter des ZDF auf dessen Frage nach den Ausschreitungen im Stadion geantwortet. Auch sein weiteres Weltbild möchte ich nicht näher kennen lernen. Könnte sein, dass es auf einen Bierdeckel passt.

Nun, ein Punkt, das war nicht Fisch und nicht Fleisch, eigentlich zu wenig im Abstiegskampf. Und so fuhr man drei Tage später nach Hamburg, um bei den Amateuren des HSV (und hier stimmt die Bezeichnung) zu punkten, keine leichte Aufgabe beim damaligen Tabellen-4.

Dann wollen wir mal die Bewertung dieses Kicks am 02.04.2005 vornehmen: unglaublich, unverschämt, Zumutung, unterste Kanone, unfassbar, zum Haareraufen, Tiefpunkt, tiefster Tiefpunkt, Rudi-Völler-Gedächtnis-absolut-tiefster aller Tiefpunkte, Frechheit, unverfroren, unzulänglich, unzumutbar. Beliebig erweiterbar, bei weiteren Worten mit der Vorsilbe „un-“ kann man eigentlich nichts falsch machen.

Wir gewannen übrigens 1:0. Wie geil!

Aber der Reihe nach: ich fahr natürlich nicht mal eben nach Hamburg, guck mir ein Spiel an und fahr dann wieder zurück. Das gehört sich nicht. Ein bisschen mehr darf es dann schon sein. Und so wurde von Beginn an auf außergewöhnliche Eindrücke gesetzt. Unterkunft für das Wochenende wurde privat bezogen. Nun gut, das mag nur mäßig interessant sein, interessanter war jedoch, dass die erste touristische Sehenswürdigkeit nur Luftlinie 200 Meter von der Wochenend-Heimstatt entfernt lag. Bei diesem touristischen Höhepunkt handelte es sich um das Kernkraftwerk Krümmel in Geesthacht, in dessen Schatten wir nächtigten. Da schläft es sich doch viel entspannter, besonders, wenn der Gastgeber als ausgebildeter Rettungssanitäter stundenlang von lustigen Einsätzen dort berichten kann. Immerhin war er stets als erster am Krisenherd.

Ach ja, noch ein Wort zur Anreise: wenn man mal eben von Bonn nach Hamburg fährt, wo erwischt man den einzigen Stau auf der gesamten Strecke (an einem Freitag!)? Natürlich in Köln, Heumarer Dreieck. Wo auch sonst?

Am nächsten Morgen ging es dann mit dem Wagen weiter zur AOL-Arena. Jawohl, wir durften in der Arena spielen. Fortuna hatte den HSV wohl ein wenig geleimt. Als die nämlich in der Woche zuvor anfragten, mit wie vielen Fortuna-Fans denn wohl zu rechnen sei, da wurde kurzerhand das Stichwort „vierstellig“ weiter gegeben. Daraufhin beschlossen die HSV-Offiziellen, die Partie in der Arena stattfinden zu lassen, da der Platz, auf dem die Amateure normalerweise spielen, damit wohl etwas überlastet werden könnte. Ich habe den Platz letztes Jahr im September gesehen und muss ihnen Recht geben. Also auf zur AOL-Arena!

Der Gastgeber gab dann auf der Hinfahrt alles, um uns etwas zu bieten. Aufgrund seiner guten Ortskenntnisse kurvten wir nämlich erst überall hin, nur nicht zur Arena. Kleine Rundtour im Freihafen mit dem Wagen, nicht schlecht. Auch die neue Elbbrücke wurde überfahren, sehr schick, ebenso die Köhlbrandbrücke, eine architektonische Meisterleistung, auf der es möglich ist, noch bergauf zu fahren, obwohl man sich schon längst auf der Brücke befindet. Faszinierend! Um diese gepflegte Mittagszeit konnte man es sich auch noch locker leisten, eine Runde durch den Elbtunnel zu brausen, um die neue Röhre zu besichtigen. Selbstverständlich war sie geschlossen, aber das machte ja nix, 3,1 km durch einen Tunnel am Stück sind auch in einer der älteren Röhren ganz interessant. Nebst der Erläuterungen des Gastgebers, dass hier vor nicht allzu langer Zeit eine der größten Katastrophenschutz-Übungen Deutschlands stattgefunden hatte – und jämmerlich in die Hose gegangen war. Da sieht man die schwer beladenen Lkw neben einem, die trotzdem noch versuchen, die 100 rauszuholen, gleich mit ganz anderen Augen.

Kurzum, nach vielen weiteren interessanten Eindrücken wurde schließlich die Arena erreicht und ich aus dem Wagen verstoßen mit dem ebenso vagen Versprechen, mich nach dem Spiel wieder abzuholen.

Und ich muss sagen: ja, die Arena ist schön. Immer sehr nett anzusehen. Aber auch nur, wenn man von den Rängen an jenem Tag nicht in den Innenraum blickte. Ich hätte gerne geschrieben „auf den Rasen blickte“ – aber da war kein Rasen! Was dort präsentiert wurde, war eine bessere Sandgrube mit einen bisschen Begrünung hier und da. Der Platz war schon kein Witz mehr, so was geht tiefer, das war eine Unverschämtheit. Eigentlich hätte der Rasen in der Woche zuvor gewechselt werden sollen, da die Profimannschaft des HSV an jenem Wochenende ein Auswärtsspiel in Freiburg hatte. Nun kam aber das Spiel der Amateure dazwischen, und die Rasenerneuerung wurde kurzerhand verschoben. Leidtragende waren die beiden Mannschaften. Eine weitere Schilderung des Geläufs soll entfallen, man muss es selbst gesehen haben, sonst glaubt man nicht, was dort auf dem Grund eines Bundesligastadions lag.

Und das Publikum passte sich dem Rasen an: enttäuschend, und vielleicht gerade deshalb kultig. 914 (in Worten: neunhundertvierzehn) Zuschauer machten die AOL-Arena voll, und ich war einer davon, juchu! Ca. 750 der tapferen Schar können auf das Konto der Fortuna-Anhänger verbucht werden, ca. 100 würde ich dem HSV zuordnen, der Rest waren Presse, Ordner, Funktionäre und Spielermuttis. Gigantisch.

Und auf solch einem „Rasen“, vor solch einer „Kulisse“ – da darf auch ein Fußballspiel sich nicht ausschließen. Zur Beschreibung des Spiels verweise ich auf die oben genannte Aufzählung. Es war das schlechteste Spiel der Fortuna seit…selbst das habe ich vergessen. Ein unfassbares Gestümpere von beiden Teams, das auch nicht allein durch das schlechte Geläuf schön geredet werden kann. Das Spiel begann, und von der ersten Minute an war klar: Mann, war das schlecht. Das war so schlecht, dass ich direkt mit der zweiten Halbzeit weiter mache. Da trug sich nämlich Entscheidendes zu: Fortuna-Trainer Uwe Weidemann, von dem ich hoffe, dass er zur Pause aufgeweckt werden musste, falls er die erste Halbzeit mit offenen Augen verfolgt hat, dann herzliches Beileid, jetzt weiß ich, was den Trainerjob so schwer machen kann, Uwe Weidemann also wechselte Stürmer Frank Mayer ein, der wenigstens ein bisschen Schwung brachte. Gleich in den ersten Minuten der zweiten Halbzeit kabbelte er sich vor den Augen des Schiri-Assis mit seinem Gegenspieler Zott, der sich nix gefallen ließ, und ordentlich dagegen hielt, sowohl körperlich als auch verbal. Endergebnis: Gelb für Mayer, Gelb/Rot für Zott, denn der war in Halbzeit 1 wohl schon verwarnt worden, aber ich hatte es verschlafen. Das dritte Überzahlspiel in Folge für die Fortuna, das erste, das auch endlich mal genutzt wurde, und zwar durch den Mann, der die Überzahl erst ermöglichte: Frank Mayer beendet seine Torflaute in der 75. Minute dieses Jahrhundertspiels und erzielte den so wichtigen 1:0-Siegtreffer. Ein Glück, dass der NDR, anscheinend mit hellseherischen Kräften in der Redaktion ausgestattet, keine Kameras entsandt hatte. Flanke von rechts, von Bocchio (na ja, was heißt Flanke, der hatte eigentlich nur das gemacht, was er das ganze Spiel über getan hatte, die Kugel relativ planlos nach vorne gebolzt), auf den langen Pfosten, Policella legt per Kopf in die Mitte ab auf Mayer, der versucht, sich am 5-Meter-Raum um Gegenspieler Schmidt herumzuringeln, beide geraten ins Stolpern, aber Mayer ist schneller wieder auf den Beinen und trifft aus der Drehung ins Netz, Kirschstein war noch dran, konnte es aber nicht mehr verhindern. Wenn sie beim NDR eine Zeitlupe von dem Tor gezeigt hätten, wären die Zuschauer eingepennt, so langsam ging das. Aber egal, drin ist drin, und der Tabellen-4. war geschlagen.

Ein ganz, ganz wichtiger Sieg in einem der übelsten Spiele der Menschheitsgeschichte. Da konnte man auch über Kleinigkeiten hinweg sehen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass einige Minuten zuvor der HSV fast geführt hätte, aber ein Kopfball landete nur am Pfosten – mit zehn Mann, wohlgemerkt. Oder der weiteren Tatsache, dass Fortuna kurz vor Schluss fast noch den Ausgleich kassiert hätte – gegen neun Mann, denn Kapitän Schmidt verletzte sich ohne Einwirkung eines Gegenspielers und musste aufgeben, und die Hamburger hatten bereits dreimal gewechselt. Wer weiß, was los gewesen wäre, hätte es tatsächlich noch einen Treffer für den HSV gegeben. So ging dieser Grottenkick mit einem Fortuna-Sieg zu Ende, und man konnte den Rest des Wochenendes in Hamburg genießen. Empfehlenswert unter anderem noch das Grönninger (oder so ähnlich) auf der Ost-West-Straße, eine Brauerei unter der Erde, in einem Gewölbe, ellenlang, die Gewölbe ziehen sich wohl unter der gesamten Straße entlang. Hier kann man sich das Essen noch selbst aussuchen, zusammenstellen und abholen, was auch besser ist, da die Bedienungen vor lauter Getränkeschleppen zu gar nix anderem mehr kommen. Technisch klar im Vorteil der Herren-Kegelclub neben uns, der aufgrund seiner schieren Masse direkt ein Fässchen ans Kopfende der Tafel gestellt bekam und zusehen konnte, wie er damit klar kam. Ein höchst unterhaltsames Wochenende, welches am Sonntag viel zu früh beendet war.
Und wo steht man im Stau, wenn man mit dem Wagen sonntags von Hamburg nach Bonn fährt? Natürlich in Köln, am Heumarer Dreieck.

In der Woche darauf spielten wir zur Abwechslung mal gegen Hamburg. Und zwar in der LTU-Arena gegen den FC St. Pauli. Das war schon ein anderes Kaliber als die kleinen HSVer. Dort 100 Unverwüstliche, die ihre Amateure in der Heimat sehen wollten, hier über 2.000 Anhänger des FC St. Pauli, die mal eben an einem Freitag Abend nach Düsseldorf fuhren und rambazamba machten. Da auch der restliche Besuch stimmte – insgesamt waren es über 20.000 Zuschauer –, wurde es ein ordentliches Spektakel. Und da St. Pauli, mal wieder ein neuer Tabellen-4., der gegen uns antrat, an jenem Abend auch so richtig schön schlecht spielte, wurden sie kurzerhand 3:0 weggehauen.

Es war das vielleicht beste Spiel der Fortuna in dieser Saison, denn zusätzlich zum erheblichen Druck, den die Mannschaft in der ersten Halbzeit erzeugte, trafen sie diesmal sogar ins Tor. Zunächst war es Marcel Podszus, der von Kruse am Sechzehner wunderbar frei gespielt wurde, die Kugel lässig über Hollerieth hinweg lupfte und hinterher eine echte Fußballer-Erklärung für diesen Treffer parat hatte: „Die letzten dreimal hab ich einfach drauf gedroschen, nie ging der Ball rein. Da dachte ich, diesmal versuchs ich mal mit Gefühl.“ Ja, immer gut, wenn Stürmer im 16er vor dem Abschluss noch mal so in sich gehen!
Das 2:0 erzielte natürlich Gustl „Arena-Gustav“ Policella. Den würd ich mal zum Therapeuten schicken. Sieben Treffer hat er bislang erzielt, sechs davon bei Heimspielen (den ersten Auswärtstreffer, wie gesagt, anderthalb Wochen zuvor in Köln), und davon wiederum fünf in der Arena. Der hat sie doch nicht alle – aber eben auf eine recht erfolgreiche Weise, was diese Heimspiele angeht. Nebenbei bemerkt wissen wir jetzt, warum wir das Freundschaftsspiel im Januar gegen Bayern verloren haben, es war das einzige Arena-Spiel, in dem Policella nicht traf. Das 2:0 gegen St. Pauli hingegen war prima rausgespielt, Freistoß von Bellinghausen, von der rechten Seite hinter den langen Pfosten gezogen, St. Paulis Abwehr so aufmerksam wie die Damen auf der Reeperbahn, nachdem der Kunde soeben bezahlt hat, alle dachten wohl, die Kugel geht ins Aus, aber Bocchio machte das Bein lang, brachte den Ball in die Mitte und „Poli“ staubte zum 2:0 ab. Und endlich verlor die Mannschaft auch in der folgenden Spielzeit nicht den Faden bzw. nur geringfügig und ohne Folgen. Und als Frank Mayer kurz vor Schluss einen Konter mit Hilfe des Innenpfostens zum 3:0 versenken konnte, da war nicht nur der Sieg eingetütet, sondern auch noch Ungeheuerliches geschehen: drei Stürmer auf dem Platz – und alle drei trafen! Spontan versuchte ich mich zu erinnern, wann dies zuletzt der Fall war. Die vergangene Saison schied schon mal aus – wer kennt schon einen italienischen Trainer, der drei Stürmer gleichzeitig aufstellt? Als die Erinnerung dann allerdings kam, verdrängte ich selbige möglichst verzugslos wieder. Meines Wissens war dies nämlich zuletzt im Jahr 2001 der Fall, beim Heimspiel gegen Preußen Münster. Damals netzten alle drei Stürmer ein (für Fortuna-Hartgesottene: Frank Mayer, Asmir Dzafic, Ganiyu Shittu; für mitleidige Kopfschüttler: dies waren gleichzeitig alle Stürmer, die damals im Kader standen…) – Fortuna verlor 3:4. Das war aber beim Spiel gegen St. Pauli beim besten Willen nicht mehr möglich, und so wurde auch das dritte von vier Arena-Spielen gewonnen. Und hätte ein Herr Gräfe nicht ne Parallaxe im Auge, wären es vier von vier gewesen. Die Arena scheint unseren Jungs zu liegen, egal ob 38.000 da sind, wie beim ersten Spiel gegen Union Berlin, oder 10.000, wie gegen Osnabrück.

Noch ein paar Streiflichter vom St. Pauli-Spiel: es war wirklich sehr unterhaltsam. Victor Bocchio holte sich in der ersten Halbzeit zunächst eine Platzwunde am Kopf und anschließend einen politisch korrekten rot-weißen Verband um selbigen ab. Aber an diesem Abend gab jeder Fortune alles, und so fand sich der Kopfputz schon Ende der 1. Halbzeit, etwas verloren wirkend, auf dem Rasen wieder. Vielleicht diente er dort ja als zusätzliche Motivation, oder Bocchio hatte einfach nur unglaublich clever ein Loch im Geläuf damit zugedeckt, um nicht dasselbe Schicksal zu erleiden wie einen Monat zuvor noch Wuppertals Torwart Maly, dem ein Loch im Strafraum einen Gegentreffer beschert hatte. Auf jeden Fall ging alles gut, sowohl mit dem Turban als auch mit dem Rasen als auch mit Bocchios Verletzung.

Zehn Minuten vor Ende des Spiels hätte es übrigens noch mal spannend werden können: St. Paulis Bounoua tauchte völlig frei vor Deuß auf, hatte alle Zeit der Welt, stoppte die Kugel in aller Ruhe und hämmerte sie – am langen Eck vorbei. Das kam mir jetzt dermaßen bekannt vor, dass ich dem Mann spontan ein Fortuna-Trikot übergestreift hätte, hätte mir eins zur Verfügung gestanden. Denn eigentlich dachte ich, dass es uns bestimmt sei, im Jahr 2005 solche Klamotten zu versieben. Mittlerweile treffen wir, und der Gegner haut sie daneben. Ein deutlicheres Zeichen für den Aufschwung konnte es nicht geben. Zumal es wirklich noch mal hätte spannend werden können, es wäre das 1:2 gewesen, und die Fortunen wirkten bereits relativ platt. Aber auch Herr Bounoua wollte die Feier an diesem Abend nicht stören, danke schön.

Bliebe noch Achim Hollerieth. Der nennt nicht nur einen unglaublichen schwäbischen Dialekt sein eigen, der hütet auch das St. Pauli-Tor und dachte sich Mitte der ersten Halbzeit, er könne mal ein wenig Ruhe ins Spiel bringen. Also nahm er einfach in seinem Fünf-Meter-Raum Platz und begann, seinen Schnürsenkel neu zu binden. Das war allerdings nicht von Erfolg gekrönt, sodass er sich Verstärkung heranrief, und ein Pauli-Abwehrspieler nun versuchte, dem Kleinen das Senkelchen zu knoten. Das Ganze dauerte schlappe 5 Minuten, und Herr Hollerieth bekam das, was er gewollt hatte: da die Aktion vor dem Fortuna-Fanblock stattfand, waren natürlich ein oder zwei Spacken, die wahrscheinlich nicht mal unfallfrei bis eins zählen können, bereit, ihn mit kleineren Gegenständen zu bewerfen. Die lassen sich von so einer schwäbischen Maultasche auslachen und haben selbst wahrscheinlich noch Spaß daran. Eine ähnliche Aktion hatte der Hollerieth nämlich bereits am Mittwoch zuvor beim Nachholspiel gegen die Amateure des HSV durchgezogen, ebenfalls vor dem gegnerischen Fanblock, mit demselben Ergebnis. Zum Glück sah der Schiri – Herr Kemmling, tatsächlich – großzügig darüber hinweg und steckte seinem Assi lachend die Fundstücke zu. Es soll wirklich und wahrhaftig eine Armbanduhr dabei gewesen sein. Ich hoffe, da kommt nicht noch was wegen aktiver Bestechung.

Ein Wort noch zu den St. Pauli-Fans: großartig. Die sangen, was die Stimme hergab, und als ihre Mannschaft Mitte der ersten Halbzeit absoluten Käse spielte und 0:2 zurücklag, da sangen sie einfach weiter. Und als die Truppe in der 2. Halbzeit feldüberlegen war, ohne sich große Chancen herauszuspielen, bis auf die Nummer von Bounoua, da sangen sie einfach noch ein bisschen mehr. Prima. Gerne nächste Saison wieder.

Abschließend ging es dann mal wieder in die Fremde. Am letzten Freitag, 15.04., gastierten wir an der Alten Försterei in Berlin, beim Tabellenletzten Union Berlin. Nun ist Tabellenletzter eigentlich ein sehr bequemer Beruf, besonders wenn der Verein schon öffentlich für die Oberliga plant. Niemand nimmt einen mehr Ernst, man kann schön seinen Stiefel runterspielen und sich vielleicht sogar noch für andere Vereine empfehlen. Da kann man warnen so viel man will – anscheinend nistet sich so was im Hinterkopf ein. „Die sind ja eh nur Tabellenletzter“.

Nun, es begann mit einer netten Spazierfahrt von Bonn nach Berlin am Freitagmorgen. Und wenn man mal eben von Bonn nach Berlin fährt, wo erwischt man den einzigen Stau auf der gesamten Strecke (an einem Freitag!)? Natürlich in Köln, Heumarer Dreieck. Aber ich glaube, ich schrieb es bereits in ähnlichem Zusammenhang.

Gegen 14 Uhr trafen wir in Berlin ein, im schönen Stadtteil Neukölln. Zunächst wurde das von der Fahrerin gebuchte Hotel aufgesucht, welches den Vorteil hatte, direkt am Ende der Autobahn zu liegen, sodass man sich langes Umherkurven ersparen konnte. Danach wurde in der Straße etwas Essbares gesucht. Eine Kneipe mit dem schönen Namen „Jahn-Klause“ und dem vielsagenden Attribut „Altberliner Gaststätte“ lachte uns an. Und das Interieur war auch dementsprechend wilhelminisch inklusive Zille-Zeichnungen an den Wänden. Etwas irritierend wirkte zwar der Anblick einer Flasche Düsseldorfer Killepitsch hinter dem Tresen, aber ich denke, das spricht nur für uns! Ermutigt von diesem Anblick bestellten wir eine echte Berliner Currywurst – wir bekamen sie zum Preis von 1,60 Euro, ein Betrag, der hiesige Imbissbuden-Besitzer bewusstlos vor ihrem Grill niedersinken lassen würde. Und geschmeckt hat sie auch noch. Sensationell.
Und da die Wunder an diesem Tag nicht aufhören wollten, fanden wir auch das Stadion in Köpenick ohne langes Herumkurven. Herrlichstes Sonnenwetter gab es gratis dazu. Was kann da schon schief gehen?

Das erste Hindernis stellte der Parkplatz dar, der war nämlich noch geschlossen. Also auf der fast gar nicht belebten Wuhlheide einen U-Turn drehen, den Weg zurück, noch einen U-Turn und wieder ab. Jetzt war der Parkplatz auch offen. Bewacht wurde er von einem, der über die legendäre „echte Berliner Schnauze mit (angeblich) Herz“ verfügt. Von Herz hab ich bei denen noch nie was bemerkt, liegt wahrscheinlich daran, dass ich versuche, mich möglichst wenig mit diesen Leuten abzugeben, ich mag die Art einfach nicht. Aber das ist ja nun mal meine Sorge.
Die Berliner Schnauze war anscheinend etwas erbost, dass wir ihn von seinem Klappstühlchen hochgescheucht hatten, auf dem er noch die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießen wollte. Entsprechend brummig sah er einen Packen Briefumschläge durch, von denen zwei für uns sein sollten. Auch noch zwei, für nur zwei Leute, unfassbar! Er fand sie nicht, wir baten ihn, erneut sein Glück zu versuchen, er wurde pampig. Da wir aber die Einfahrt blockierten, musste er nochmals zur Tat schreiten, diesmal mit Verstärkung – er hatte sich seine Brille aufgesetzt. Beide Umschläge tauchten auf, durchaus lesbar beschriftet. Nun musste er sie doch rausrücken, was er dann auch höchst unwillig tat. Entschuldigung selbstverständlich ausgeschlossen, ist halt Berliner Schnauze mit Herz. Davon sollte der Abend noch mehr zu bieten haben.
Auf dem Stadiongelände angekommen, musste ich feststellen – schöne alte Bruchbude. Herrlich, so was mag ich ja. Übertroffen wurde das Stadion eigentlich nur noch durch die Organisation. So mühte man sich im Pressezelt zehn Minuten lang, die Mannschaftsaufstellung in einen PC einzugeben, aber der Mann an der Maus klickte irgendwie immer nur auf die einzelnen Sponsoren-Logos, woraufhin er mit deren Websites verbunden wurde. Die kenn ich nun auch alle. Als gar nix mehr lief, kam eine Viertelstunde vor Spielbeginn die Mutti von der Geschäftsstelle angeradelt (!), hinten auf dem Drahtesel ein Körbchen, darin befindlich ein Packen Fotokopien mit den Aufstellungen. Ich fand’s immer besser.

Andere leider nicht. Denn „unser“ Ordner war wohl nicht der einzige, der einen schlechten (oder normalen?) Tag erwischt hatte. Vor dem Gästeblock marschierten einige Herren herum, pickten sich wahllos Leute aus der Schlange heraus und fragten: „Hast du getrunken?“ Bejahte man, war der Stadionbesuch für’s Erste erledigt. Verneinte man, auch mit 2,5 Promille intus, wurde man eingelassen. Das nenn ich noch Einlasskontrollen! Auch durften einige ebenfalls angereiste Anhänger von Erzgebirge Aue ihre Fan-Utensilien nicht mit ins Stadion bringen, ebenso mussten bei den Fortunen einige Freundschaftsartikel, wie z.B. gemeinsame Schals, dran glauben. Schöne Begründung: „Hier spielt Union gegen Fortuna, und niemand sonst, wenn’s dir nicht passt, bleib draußen!“ Und in der Tat wurden die Leute erst eingelassen, nachdem sie ihre Fan-Artikel zur Aufbewahrung übergeben hatten (und natürlich die Trinkerfrage verneint hatten). Ganz toll. Das nennt man wahrscheinlich Deeskalation. An der Getränkebude im Gästeblock hing übrigens ein Schild mit der Aufschrift „Es ist verboten, alkoholische Getränke an alkoholisierte Personen zu verkaufen.“ Hä? Ah ja. Mann, waren die daneben an jenem Abend.

Was man von den Union-Fans nicht behaupten konnte. Trotz des aussichtslosen Tabellenplatzes waren über 4.000 da, um die Mannschaft zu unterstützen, zusammen mit den Fortuna-Fans kam man auf glatte 5.005 Zuschauer. Eine prima Kulisse für das Spiel des designierten Absteigers gegen eine ebenfalls gefährdete Mannschaft. Und mir persönlich ist auch kein Unioner vor oder während des Spiels unangenehm aufgefallen. Deren Support ist schon exzellent. Sie tun mir auch Leid, an ihrer Stelle dürfte ruhig eine weitere Amateur-Truppe absteigen.

Nun, erwartungsgemäß war in der ersten Halbzeit nichts davon zu bemerken, dass es sich bei Union eventuell um den Tabellenletzten handeln könnte. Fortuna bemühte sich, die unterirdische Leistung aus der AOL-Arena zu wiederholen und sah kein Land gegen die engagierten, starken Gastgeber. Erst Hauswald ans Außennetz, dann Hauswald an den Außenpfosten, dann schlug es ein. Und bringt endlich mal wieder meinen guten Freund aus Oberliga-Zeiten, den Wahrscheinlichkeitsstatistiker ins Spiel. Eine Ecke von links verlängerte Thomas Boden per Kopf und Tom Persich grätschte die Kugel zur hochverdienten Führung über die Linie. Persich ist 33 Jahre alt, trägt wahrscheinlich deshalb auch die Nummer 33 auf dem Rücken – und das Tor fiel in der 33. Minute. Bitte rechnen Sie jetzt!

Wie gesagt, es war so was von verdient, verdienter ging’s kaum. Fortuna spielte indiskutabel, hatte noch Glück, dass Kapitän Böcker sich nur Gelb und nicht Rot einfing, das Foul hätte man durchaus auch als Notbremse auslegen können (trotzdem fehlt er im nächsten Spiel, es war nämlich die zehnte Gelbe) und rettete sich in die Halbzeitpause. Trainer Uwe Weidemann, dem man wirklich viel antun muss, um ihn in Rage zu versetzen, kam nach fünf Minuten wieder aus der Kabine raus und meinte nach dem Spiel: „Ich habe den Jungs gesagt, was ich davon halte. Dann habe ich die Kabine verlassen, weil die Luft dort drinnen auf einmal so schlecht war.“ Auweia!

Nun, sie blieb auch erst mal schlecht, genau wie die Fortuna. Ganz allmählich bekam sie jedoch Oberwasser, nicht, weil sie besser geworden wäre, sondern weil sich Union meiner Meinung nach viel zu früh zurückzog, um den Vorsprung zu verwalten. Auch hier hätten wir Nachhilfe geben können, unterließen es zum Glück aber. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass Unions Trainer Frank Lieberam als aktiver Spieler selbst eher den defensiven Part spielte, oder ob sich seine Mannschaft erschreckt hatte, dass die Möglichkeit des zweiten Sieges in 2005 plötzlich gegeben war. Jedenfalls überließen sie den Fortunen mehr und mehr das Mittelfeld, und so konnte mit einem Ndjeng-Schuss in der 66. Minute, der nur knapp über das Tor flog, tatsächlich die erste (!) rot-weiße Torchance der an diesem Abend ganz in Blau gewandeten Helden gesichtet werden. Ich war schon darüber begeistert. Was allerdings in jenen Minuten 82 bis 85 dann geschah, lässt mich innerlich jetzt noch ausflippen. So etwas erlebt man auch nicht alle Tage.

82. Minute: Uwe Weidemann setzt alles auf eine Karte, bringt mit Engin Kizilaslan den vierten Stürmer, nimmt dafür den gelb/rot-gefährdeten Libero Dirk Böcker aus dem Spiel. Als ich unseres Fummelkönigs ansichtig werde, schicke ich einen stummen Wunsch an die Ordner, sie mögen die beiden Eckfahnen am Berliner Gehäuse entfernen. Ich bin nämlich sicher, die pflegt der Kizi auch noch zu umdribbeln, wenn ihm die Gegner ausgehen. Schön anzusehen, nur kommt selten etwas Zählbares dabei rum. Langsam macht sich Resignation bei mir breit (nicht allerdings im Fortuna-Fanblock, in dem fast die komplette 2. Halbzeit durchgesungen wird – großes Kompliment von mir).

84. Minute: Ecke von links. Der Ball kommt irgendwie zu Kizi, hinten am rechten Strafraumeck. Der hat keine Lust zu fummeln, flankt auf den Kopf von Tim Kruse, und der setzt die Kugel per Aufsetzer rechts ins Eck. Doch noch der Ausgleich! Nicht unbedingt verdient, aber sooo wichtig!

85. Minute: Anstoß Union. Sie spielen nach vorn, bekommen eine Ecke. Plötzlich tauchen viele kleine Unioner im Fortuna-Strafraum auf, wollen anscheinend noch den Siegtreffer. Die Ecke wird abgewehrt, langer Ball auf Mayer an der Mittellinie, der dreht sich blitzschnell, noch längerer Ball auf Kizi. Der geht über rechts in den Strafraum, vernascht seinen Gegenspieler – und spielt ab! Das muss auch die Unioner völlig verblüfft haben. Deshalb steht Marcel Podszus frei, nimmt die Kugel an und haut sie aus 12 Metern flach links ins Eck zum Siegtreffer.

Verstanden hat das niemand. Aber ist ja auch egal. Drei ganz wichtige Punkte, binnen 100 Sekunden herausgespielt. Unverdient wie nur irgendwas – denn in der AOL-Arena konnte man ja wenigstens noch sagen, dass auch der HSV grottenschlecht gespielt hatte –, aber vielleicht entscheidend. Denn nach dem dritten Sieg in Folge stehen für Fortuna nunmehr sieben Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz zu Buche. Zwar haben wir, bedingt durch den für uns erst noch kommenden spielfreien Spieltag, immer noch ein Spiel mehr als sämtliche Konkurrenten im Abstiegskampf, aber wir können es aus eigener Kraft schaffen. Und nach den letzten Wochen wäre es auch verdient. Fortuna hat in der gesamten Rückrunde erst ein einziges Spiel verloren, ist zweitbeste Rückrunden-Mannschaft. Das muss doch jetzt zu packen sein!

Abschließend sei noch erwähnt: kommt ihr jemals nach Berlin, schaut mal im Restaurant „La Serra“ auf der Buschkrugallee in Neukölln vorbei. Selbiges taten wir sehr viel später auch noch und dachten zunächst, bei den Preisen wolle man uns veräppeln. Sowieso schon sehr günstig, waren die Beträge aufgrund eines Angebotes nochmals um 50% reduziert worden. Ich hatte eine Thunfisch-Pizza für 1,83 Euro, und die war nicht klein! Rumpsteak vom Grill mit frischen Champignons in Rahmsauce, dazu Kroketten – 4,98 Euro. Jeder Restaurant-Besitzer hier in Bonn holt die Bretter raus und beginnt, den Eingang zuzunageln, wenn man ihm mit solchen Preisen kommt. Wie gesagt: sehr empfehlenswert. Und laut der Speisekarte, die ich mitnahm, weil es mir sonst keiner geglaubt hätte, gelten diese Preise „für immer“. Wegen der „großen Nachfrage“. Mich wundert das nicht wirklich.

Und da ich über die Rückfahrt kein Wort verlieren muss außer „Heumarer Dreieck“, sind wir auch schon wieder am Ende. Weiter geht’s am Freitag, da kommt Spitzenreiter SC Paderborn in den Flinger Broich, da hat man nun wirklich nichts zu verlieren. Eine Woche darauf geht es auf die Bielefelder Alm, pardon, in die Schüco-Arena, zum Kräftemessen mit den dortigen Amateuren.
Die sind eigentlich auch schon so gut wie abgestiegen. Hoffentlich erzählt das niemand der Mannschaft.
Und da ich abschließend noch in der Zeitung lesen durfte: „Wir sind Papst“, da sag ich mal zum Abschluss: hätte mir nie träumen lassen, was ich in diesem Land noch alles werden kann. Als erstes lege ich somit göttlichen Beistand für die Spiele gegen die vier weiteren Abstiegskandidaten Bielefeld, Dortmund, Chemnitz und Bremen fest. Noch einmal so was wie in den 80 Minuten Union muss ich nämlich nicht haben. Da sind mir dann auch die Spiele gegen Paderborn und Lübeck schnurz.

Obwohl: ich würde auch gerne den Paderbornern noch in die Aufstiegssuppe spucken. Ich fand schon letztes Jahr, dass denen ein 3. Platz in der Abschlusstabelle richtig gut zu Gesicht steht. Ja, auch als Papst hat man es anscheinend nicht immer nicht leicht.

Klassenerhalt – wenn nicht jetzt, wann dann? fragt janus.

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