13. – 16. Spieltag

Ja, der Oktober 2004 präsentierte sich in diesen Breiten eher grau und trübe. Genau wie die Tabellensituation des Oberligameisters der Herzen, der anscheinend darauf bedacht ist, mein Lieblings-Schlagwort in der nächsten Saison wieder mit Leben zu füllen. Grau und trübe ist es bei Fortuna allerdings auch nur, was die Tabellensituation anbetrifft. Hinter den Kulissen ist so viel los, dass man meinen könnte, es wär schon Winterpause. Um Zeit zu sparen, und da dieser Artikel auch noch ein wenig vom Fußball handeln soll, wollen wir die Entwicklung hinter den Kulissen im Zwiegespräch aller Beteiligten Revue passieren lassen, bevor wir uns aufs Sportliche konzentrieren. Denn auch wenn man momentan durchaus anderer Meinung sein könnte, bei Fortuna wird derzeit auch noch Fußball gespielt. Aber davon später mehr.
Bei den fettgedruckten Sätzen handelt es sich übrigens um Zitate der jeweiligen Personen.

Anwesend sind der General Manager Fußball (GMF) Thomas Berthold, der Trainer Massimo Morales, der scheidende Vorstandsvorsitzende Charly Meyer (CM) und Gott persönlich, Aufsichtsratsvorsitzender und Oberbürgermeister von Düsseldorf, Joachim Erwin (JE).

GMF: Also, fassen wir die letzten Wochen doch mal zusammen. Das ist alles großer Käse hier. Das muss professioneller werden. Ähm, kann mir noch jemand sagen, was so alles vorgefallen ist?

CM: Also zunächst mal habt ihr Anfang Oktober Hoersen und Podszus aus dem Kader entfernt und in die zweite Mannschaft verbannt. Beide können sich zur Winterpause einen neuen Verein suchen.

MM (erregt): Das war auch gut so! Die beiden kann ich nicht gebrauchen! Die haben im Training gestänkert, was das Zeug hielt! So richtig mit Mund aufmachen und sprechen und so. Wo kommen wir denn dahin, wenn das jeder machen würde??? Außerdem kann zumindest der Podszus richtig gut Fußball spielen. Was soll ich mit so einem?

CM: Ähm, der Presse hast du aber gesagt, die Ausbootung hätte „technische Gründe“.

MM (lacht): Bin doch hier in Deutschland, oder? Muss man doch diplomatisch sein, zumindest gegenüber der Presse. Bei mir zuhause wäre das Ganze kein Problem gewesen. Kleines Gespräch unter Freunden, mal eben bei der Betonfabrik vorbei schauen, erledigt. Hier muss man ja für alles eine Erklärung finden.

CM: Die Fans waren daraufhin ja etwas erregt und haben ihren Protest auch lautstark kundgetan.

JE (gähnt): Ist das langweilig…

TB (zu CM): Und du musstest uns ja dann auch in den Rücken fallen! Lässt dir einfach von einigen Spielern erzählen, wie der Coach sie beim Training immer beleidigt und empfiehlst dessen Ablösung!

CM: Ich habe mir diesen Schritt nicht leicht gemacht. Aber wenn die Fans wegen des Trainers auf die Barrikaden gehen und selbst die Spieler sagen, dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist, dann muss man, auch aufgrund der sportlichen Situation, schon mal die Reißleine ziehen.

GMF: Ich lach mich tot. Was sind das denn alles für Weicheier hier? Das muss alles professioneller werden. Spieler beschweren sich? Haben zuviel Druck, oder was? Druck hab ich, wenn mein Kind schwer krank ist. Solang die Blagen gesund sind, will ich Leistung sehen! Ich hab den Kader nicht umsonst vor der Saison komplett auseinander genommen und wieder zusammen gewürfelt. Die sollen gar keine Zeit haben, sich zu finden, vielleicht gar anzufreunden. Die sollen Fußball spielen und sonst nix. Und einem Italiener redet man nicht in die Trainingsarbeit rein.

MM: Hättest du ja mal versuchen können bei Trapattoni. Was meinst du, wie der mit Spielern umgesprungen ist? Ich hab damals doch nur die Hälfte übersetzt von dem, was er so auf Trainingsplatz gesagt hat. Außerdem bin ich nicht zu hart zu den Spielern. Ich bin bislang eher zu weich gewesen.

TB: Und ich hör immer Fans. Was gehen die mich an? Sollen sie doch motzen. Was die Fans in ihrer Freizeit machen, interessiert mich nicht.

JE (gähnt): Ist das langweilig…

MM: Außerdem faulenze ich nicht rum. Wenn ich zwei Spieler in die Zweite verbanne, hol ich mir von da auch Neue. Habe ich gemacht, mit Cakir und Gümüstas, und guck – auf Anhieb drei Tore bei Aufstiegsfavorit Paderborn geschossen!

CM: Ja, nur hat der Gegner leider vier geschossen, fünfte Niederlage in Folge.

MM: Nicht immer kritisieren, selbst mal mit gutem Beispiel voran gehen. Zum Beispiel zurücktreten.

CM: Bin ich schon. Weil ich mit meiner Idee von der Trainerentlassung nicht durchkam.

GMF (kichert): Kann mich erinnern. (nickt zu JE hin) Gott hat daraufhin gesagt, dass ich in den Vorstand aufrücken werde. Schönen Dank dafür. (denkt nach) Paderborn, Paderborn…war da nicht was?

CM: Da bist du nach dem Spiel mit Polizei- und Ordnerschutz vom Platz gegangen.

MM (erschrickt): GMF, hast du einen Becher auf Spielfeld geworfen während des Spiels, oder warum?

GMF Neenee, da stand am Tribünenausgang der Düsseldorfer Mob und wollte mir ans Leder. Das muss ich mir ja nicht bieten lassen.

CM: Stimmt, waren genau fünf Mann. Und die haben auch nur Sprechchöre zum Besten gegeben und gar nix gemacht.

GMF: Na und? Bei Bayern hätte es so was nicht gegeben, wenn da einer Uli Hoeneß beleidigt hätte, sofort 5 Jahre Stadionverbot und Aufnahme in die Datei potentieller bayrischer Gewalttäter. Hier muss man sich von der Polizei abholen lassen. Unglaublich.

JE (gähnt): Ist das langweilig…

MM: War unglückliche Niederlage, Schiri hat in der 89. Minute Elfmeter gegen uns gepfiffen, unberechtigt.

CM: Na und? Niederlage ist Niederlage, Abstiegsplatz ist Abstiegsplatz. Rein sportlich spricht schon lange nichts mehr für dich.

TB: Sport? Ich hör immer Sport. Was hat das hier mit Sport zu tun? Wir sind ein aufstrebendes wirtschaftliches Unternehmen. Wir haben eine feste betriebswirtschaftliche Zielsetzung. Wir müssen spätestens in 2 Jahren dem Gott (nickt zu JE hin) seine Arena voll machen. Das ist doch nur ein kleines Zwischentief auf dem Weg dorthin. Denn: Erfolg ist planbar. Das muss alles professioneller werden hier.

MM (erregt): Aber meinetwegen, reden wir doch über Sport. Die Woche danach, Spiel gegen Bielefeld, haben wir 3:1 gewonnen. Da kann man mal sehen, dass die Mannschaft sich nicht vom Gerede im Umfeld verunsichern lässt. Die Mannschaft hat Charakter, weil auch der Trainer Charakter hat.

CM: Kann mich erinnern, war ein guter Brüller, als du den Satz nach dem Spiel bei der Pressekonferenz los gelassen hast.

JE (erschrickt): Die Mannschaft hat gewonnen? Wusste ich gar nicht. War wohl nicht im Stadion…

TB: Ich schon. Hinter Glas, in der Sprecherkabine. Man kann ja nie wissen. Und die Jungs sind endlich mal professionell mit einem Rückstand umgegangen.

MM: Hätten sogar noch höher gewinnen können, Mayer und Otta nur mit Lattentreffern…

TB (stolz): Otta! Hörst du das, CM, einer, den ich über mein ausländisches Netzwerk besorgt habe! Von wegen Fehleinkauf!

CM: Der Mann ist Stürmer und hat bislang wie viele Tore erzielt? Null.

TB: Podszus hat doch auch nur eins gemacht, und der hat öfter gespielt!

MM: Genau, deshalb hab ich ihn auch gefeuert. Was soll ich mit gleich zwei Nulpen im Sturm?

CM: Policella hat auch nur eins gemacht.

TB: Policella! Der kommt doch auch aus meinem Netzwerk. Der braucht noch ein bisschen Zeit, war bislang doch immer so. Immerhin schindet der doch prima Freistöße raus. Zu nem Elfer hats auch schon gelangt.

JE (gähnt): Sport ist langweilig…

MM (erschrickt): Entschuldige, Gott, aber ich wollte noch zu sprechen kommen auf das letzte Auswärtsspiel bei den Amateuren von Borussia Dortmund.

JE (gähnt): Meinetwegen, war eh nicht da.

TB: Meinetwegen, war in Südafrika.

MM: Da waren wir doch ganz klar verbessert. Hätten gewonnen, wenn Schiri uns nicht beim Dortmunder Ausgleich ganz klar benachteiligt hätte. Ich habe eine Auflistung, aus der ganz klar hervor geht, dass wir in fast jedem Spiel benachteiligt worden sind. Aber ansonsten war es doch wirklich nicht schlecht. Besonders wenn man bedenkt, dass ich nur mit zwei Abwehrspielern angetreten bin…Sportlich sind wir ganz klar auf dem Weg der Besserung.

CM: Das ist richtig. Aber gewonnen haben wir trotzdem nicht. Und wir stehen immer noch auf einem Abstiegsplatz. Und wir haben an diesem Wochenende spielfrei, da können die anderen noch weiter davon ziehen.

TB: Wart mal die Winterpause ab. Da lass ich das Netzwerk noch mal rotieren…Dann kommen auch wieder mehr Zuschauer ins Stadion.

CM: Apropos Zuschauer: was sagst du eigentlich dazu, dass irgend jemand ausgeplaudert hat, dass dein „erfolgsorientierter“ Vertrag bei Fortuna darin besteht, dass du die Einnahmen von allem, was bei Heimspielen über 4.000 Zuschauern kommt, einkassierst? Inklusive Grundgehalt und Aufstiegsprämie hast du so in der letzten Saison über 300.000 Euro erhalten. In der Oberliga! Und als Gegenleistung seh ich momentan nicht viel.

TB: Das ist ja auch eine Frechheit sondergleichen! Also dass das ausgeplaudert worden ist, meine ich. Das gehört nicht in die Öffentlichkeit. Ich werde mich anwaltlich beraten lassen!

CM: Aber mit dieser Aussage weiß doch jeder, dass es stimmt!

TB (hämisch): Tja, Verträge werden immer von zwei Seiten unterschrieben, nicht wahr, Charly? Was kann ich dafür, wenn ihr so blöd seid? Außerdem: Schnickschnack! Leistung muss sich lohnen! Und immerhin sind wir ja wohl aufgestiegen, oder etwa nicht? Und immerhin stelle ich meine internationalen Kontakte zur Verfügung. Ist das nix? Undankbares Pack! Außerdem steht Gott hinter mir! (deutet auf JE)

JE (ist eingenickt, schreckt auf): Was? Wie? Geht’s immer noch um Sport?

TB: Neenee, wir sind durch.

JE (erhebt sich): Dann will ich mal zusammenfassen: ich sitze im Aufsichtsrat von Fortuna. Ich bestimme hier, wo es lang geht. (kichert) Wenn ihr wüsstet, wie lustig das aussieht, wenn die anderen Mitglieder alles nur abnicken…aber lassen wir das. Unser Hauptsponsor ist die Sparkasse Düsseldorf. Da sitz ich im Aufsichtsrat. Ein weiterer großer Sponsor sind die Stadtwerke Düsseldorf, nach denen haben wir ja jetzt auch unsere Tribüne benannt. Da sitz ich im Aufsichtsrat. Wir haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, in zwei Jahren in der Arena zu spielen, damit die Arena-Betreibergesellschaft die Kosten für den Bau, den ich eingefädelt habe, weil jeder OB ein ordentliches Denkmal haben sollte, wieder reinholen kann. Ich weiß, wovon ich spreche, denn da sitz ich im Aufsichtsrat. Nach alldem, was ich für Fortuna getan habe, erwarte ich ein bisschen mehr Dankbarkeit, und dass man meine Ein-Mann-Show nicht torpediert. Hab mir schließlich ziemlich viel Mühe gemacht, meine Leute an den entsprechenden Positionen zu installieren. Meine rechte Hand ist der GMF, dem segne ich alles ab, der kann auch zum Frühstück bei mir vorbei kommen, ich unterschreib das, solange es um Argentinier mit italienischem Pass geht. Und dessen rechte Hand ist der Trainer. Und solange hier niemand von uns dreien von dieser Linie abweicht, wird auch niemand gefeuert und alles geht so weiter. Basta! Obwohl… (überlegt kurz) …meine Praktikantin hat mir neulich mal die Tabelle vorgelesen. Hm, ist ja gar nicht schön. Habe mir dann noch mündlich von ihr erklären lassen, wie das so aussieht, wenn man nach einer gewissen Zeit des Hochs plötzlich mal schlapp am Boden liegt. Ist wirklich nicht schön. Also, ich würde mal sagen, wenn wir das nächste Spiel nicht gewinnen, dann bist du leider weg. (tätschelt MM beruhigend auf den Arm) Du kennst das ja, von wegen Gesetzmäßigkeit im…(schluckt)…Sport, und der Trainer als schwächstes Glied in der Kette. Aber beruhige dich, wird schon nicht allzu schlimm werden, die Begründung wegen schlechter Menschenführung und sportlicher Situation haben wir ja schon seit Wochen, da brauchen wir uns nix Neues ausdenken. Wird also schnell gehen, da mach dir mal keine Sorgen. Und unterversorgt bist du ja dann auch nicht. Kannst ja wieder zum Trappatoni gehen, der ist doch grad bei Benfica Lissabon, hab ich mir sagen lassen, da kannste dann noch ne siebte Sprache lernen. Kennt ihr eigentlich meine Praktikantin? (lächelt verschmitzt) Muss ich euch mal vorstellen. Naja, eigentlich nennt sie sich Referentin. Wenns ihr Spaß macht, soll sie ruhig daran glauben. Aber Moment… (unterbricht sich) …die werdet ihr ja bald noch viel besser kennen lernen, vielleicht turnt sie ja demnächst im Vorstand rum. Zusammen mit dem GMF, damit ich diesen Laden auch endlich richtig in den Griff kriege. Tja, Charly, so ist das, wenn man Widerworte gibt. Da wirst du durch deinen Rücktritt echt was verpassen, aber du hast es ja nicht anders gewollt. (lacht) Ich zwing ja niemanden zu seinem Glück.
Ach ja, und noch was, wegen dem Bayern-Spiel am 18.01. in der Arena: da haben sich doch schon wieder ein paar Rotzlöffel über die Eintrittspreise beschwert, weil sie bis zu 40 Euro für ein Freundschaftsspiel für etwas viel halten. Proletenvolk! Düsseldorfer können so viel bezahlen. Ende der Durchsage. Und wenn nicht alle weiterhin ganz lieb zu mir sind, dann geh ich einfach, hab ich ja schon angedroht. Und da sie mich so lange haben machen lassen, was ich wollte, werden sie dann schon sehen, was sie davon haben. Ich sag nur Aufsichtsratsmandate…
So, ich glaub, das war’s fürs Erste. Was steht in den nächsten Tagen an?

GMF: Keine Ahnung, bin in Südafrika.

MM: Keine Ahnung, bin in Italien.

CM: Keine Ahnung, bin in Rente.

JE (klatscht in die Hände): So lob ich mir das. Dann geh ich mal mit meiner Praktikantin in medias res und denk mir was schönes Neues aus. Bitte die nächsten drei Stunden nicht stören…

Soweit zum Hintergrund. Natürlich könnte das alles ein wenig überzogen, ja, einseitig wirken. Die Gefahr muss man auf sich nehmen, wenn man überspitzt. Und außerdem betrachte ich das Ganze ja nur aus der Ferne, die großen Zusammenhänge bleiben mir verborgen, und das, was so über die Zeitungen rüberkommt, ist teilweise auch widersprüchlich. Es gibt natürlich auch die andere Seite. Da schrecken Leute, die den Trainer absägen wollen, vor keiner noch so beknackten Banalität zurück, um sie gegen ihn zu verwenden. Da werden völlig unwichtige Aussagen wie die, dass er im Vergleich zu anderen Regionalliga-Trainern nur mittelmäßig verdiene, schön verdreht und es wird gesagt: der Trainer beklagt sich über sein niedriges Gehalt, das ist doch auch gelogen! Da kann man mal sehen, was das für einer ist! Da heißt es erst, der Trainer beleidige und demütige die Spieler während es Training, aber wenn er öffentlich dagegen spricht und sagt, er wäre bisher sogar zu weich zu den Spielern gewesen, und somit, wenn die Vorwürfe denn stimmen, so richtig gelogen hätte, dann hört man nichts mehr, was mich zumindest darüber nachdenken lässt, ob die ganze Sache durch Charly Meyer über die Medien nicht etwas zu sehr aufgebauscht wurde, um die Entlassung des Trainers rechtfertigen zu können. Da wird eine Anti-Berthold-Homepage aufgemacht, auf der man sich eintragen und seine und des Trainers Ablösung fordern kann, da wird gehetzt, was das Zeug hält, von Leuten, die jetzt ihre große Stunde gekommen sehen. Klar, die müssen sich auch beeilen, denn jeder gute Demagoge weiß, dass das Volk (in diesem Fall: der Fan) käuflich ist. Beim Sport zahlt der Fan sogar noch dafür, um sich kaufen zu lassen. Käuflich ist die gemeine Masse natürlich nur mit Erfolgserlebnissen, weshalb sich einige dieser Agitatoren, denen es laut eigener Aussage „nur um den Verein Fortuna Düsseldorf“ geht, dann auch nicht entblöden, vor den Spielen gegen Paderborn oder Dortmund auf ein gepflegtes 0:6 gegen die eigene Mannschaft zu tippen, in der Hoffnung, dies könne den Trainerwechsel beschleunigen. Natürlich, es geht ihnen ja nur um Fortuna. Was machen diese Strategen eigentlich, wenn es tatsächlich mal zu der von ihnen gewünschten Pleite kommt, und einem neuen Trainer am Ende genau die drei Punkte zum Klassenerhalt fehlen, die sie ausdrücklich nicht haben wollten, zum Wohle des Vereins? Natürlich eine theoretische Frage, Demagogen sind nie Schuld und haben sich nie etwas vorzuwerfen, schließlich haben sie ja nur die Stimmung des Volkes erkannt und für sich genutzt. Dann ist eben der alte Trainer Schuld, weil er nicht rechtzeitig freiwillig gegangen ist. Aber so sehr man auch die Vorkommnisse hinter den Kulissen in den letzten Wochen hinterfragen sollte, wer sich den sportlichen Niedergang der Mannschaft wünscht, um dem Verein zu helfen, der ist in meinen Augen ein ganz armes Licht. Selbstverständlich geht es diesen Leuten kein Stück um den Verein, sondern nur um ihre persönliche Enttäuschung, weil sie vor der Saison auch den größten Blödsinn geglaubt haben, wenn er vom GMF oder vom Trainer kam, und jetzt vor den Scherben ihrer eigenen Einfältigkeit stehen. Das ist nun mal Fan-Dasein, man will ja, dass die eigene Mannschaft Erfolg hat und glaubt nur allzu gern, wenn dies im Vorfeld vorausgesagt wird, auch wenn ein halbwegs nüchterner Blick auf den Kader einen diesbezüglich eigentlich laut auflachen lassen müsste. Ein bisschen mehr über den Tellerrand zu blicken, bei aller Euphorie, sollte schon mal drin sein. Und wenn nicht, muss man das nicht dahin gehend auslassen, dass man wirklich auch die letzte unwichtige Einzelheit von Leuten, die einen persönlich enttäuscht haben, hervor zerrt und dazu benutzt, Druck auszuüben.

Diese Herrschaften haben übrigens keinen Plan, wer Nachfolger des Trainers werden soll. Das muss ja auch nicht sein. Demagogen müssen sich keine Gedanken über das Morgen machen, der Pöbel lebt im Augenblick. Alternativen, die nicht nur dem eigenen Wunschdenken entsprechen und vielleicht sogar realistisch sind, gab es aus Volkes Stimme bislang nicht zu hören. Dafür von anderer Seite, aber dazu später.

Und auch der Vorstand und der Rest des Aufsichtsrates muss sich doch mal kritisch fragen lassen, was er in den letzten anderthalb Jahren eigentlich gemacht hat. Beziehungsweise nicht gemacht hat, denn das fröhliche Dreigestirn konnte ja schalten und walten wie es wollte. Klar, dass da keiner was gesagt hat: Fortuna war ja auch erfolgreich. Und obwohl jeder in Düsseldorf genau weiß, was passiert, wenn man sich den Oberbürgermeister ins Boot holt, haben alle geschwiegen. Denn der Mann ist anscheinend zu wichtig für Fortuna, besonders was das Heranschaffen von Sponsoren angeht. Tja, und dann muss man sich halt an dem Strick aufhängen, den man sich selbst gedreht hat. Weiß jemand noch, was eine Zwickmühle ist? Joachim Erwin weiß es bestens, der spielt nämlich seit Jahrzehnten nichts anderes. Politik ist halt so. Und wenn man die Politik den Sport übernehmen lässt, darf man sich nicht wundern, was hinten dabei rauskommt. Aber auch nicht anderthalb Jahre später jammern.

Mist, ich hab gerade gemerkt, dass es hier um Fußball gehen soll. Na gut, Fußball gespielt wurde natürlich auch noch in den letzten Wochen. Schaun mer mal.

16.10.2004: SC Paderborn – Fortuna Düsseldorf 4:3

Was habe ich gelacht! Und zwar Anfang September über den aus Aachen stammenden Schiri der Partie HSV (A) gegen Paderborn (0:1), der ich damals eher zufällig beiwohnen durfte. So eine schwache Leistung hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Das Lachen verging mir allerdings an diesem trüben Samstag Nachmittag in der westfälischen Einöde, als plötzlich derselbe Schiri auflief und Fortuna in der 89. Minute einen verdienten Punkt klaute, mit einem Elfmeter, bei dem selbst der eingefleischteste Paderborner hinterher auf Nachfragen nicht beantworten konnte, warum dieser gegeben wurde. Es war wohl mehr eine Konzessionsentscheidung, denn einige Minuten vorher hatte der Schiri auf Elfmeter für Fortuna entschieden, berechtigt zwar, weil Policella im Strafraum gut sichtbar am Trikot gezogen wurde, aber der Stürmer legte natürlich wieder mal eine derartige Pirouette aufs Feld, dass dem Schiri im Nachhinein vielleicht Zweifel gekommen sein mögen. Und als Schüssler einige Minuten später dann genau so theatralisch zu Boden sank, da mag er gedacht haben: ausgleichende Gerechtigkeit. Ein Pfiff, ein Schuss, und der Punkt war futsch, zusätzlich noch Policella und Ndjeng mit Gelb/Rot. Und verdient war es wirklich nicht.

Es war ein schwaches Spiel. Okay, bei sieben Toren mag das verwundern, war doch zumindest der Unterhaltungswert recht hoch. Aber ansonsten war es nicht grad eine Augenweide. Beide Mannschaften standen nicht unerheblich unter Druck. Paderborn, zum Aufstieg verdammt, hatte zwei Wochen zuvor ein 0:6 bei den BVB-Amateuren eingefahren, die, was die ganze Sache noch viel lustiger machte, an jenem Tag gänzlich ohne Profi-Verstärkung angetreten waren. Daraufhin hatte der Hauptsponsor und Präsident der Paderborner mal das Wort ergriffen und der Mannschaft mitgeteilt, dass, wenn sie so weiter spielen und nicht aufsteigen würden, er in der nächsten Saison leider den Geldhahn zudrehen würde. Die Spieler, auch in den ländlichen Zeitungen arg kritisiert, standen also ein wenig unter Druck. Kein Wunder, wenn man solche Spieler wie Spork, Schüssler, Löbe oder Donkov in seinen Reihen hat und sich dann von der Dortmunder A-Jugend sechs Stück einschenken lässt. Zumal auch alle anderen in Paderborn felsenfest vom Aufstieg überzeugt sind. Die Opas neben mir auf der Tribüne fingen an zu meckern, als es nach einer Viertelstunde noch 0:0 stand, „Gegen einen Abstiegskandidaten muss man gewinnen!“, der Stadionsprecher begrüßte die Mannschaften, die Hand in Hand mit Jugendteams einliefen, mit den Worten: „Hand in Hand in die 2. Liga“, und noch so einiges mehr. Es ließ einen schon darüber nachdenken, wann dort in der Einöde der letzte BSE-Fall bekannt geworden ist.

Die Mannschaft der Fortuna hingegen hätte es leicht gehabt. In der Woche zuvor waren nämlich die Geschichten über die Menschenführung des Trainers aufgekommen, der nach vier Niederlagen in Folge eh schon in der Kritik stand. Da die vorherrschende Meinung war, dass auch die Spieler unter diesem Trainer nicht weiter machen wollten, kam es bei diesen ganzen Fortuna-Verstehern bzw. Leuten, die ach so sehr um den Verein besorgt sind, zu diesen lustigen Tipps wie 0:6 oder 1:7, in der Hoffnung, damit endlich den Coach absägen zu können. Und die Mannschaft hätte es auch leicht bewerkstelligen können. Aber sie machte es sich nicht leicht und kämpfte, was das Zeug hielt. Dabei waren genug Gelegenheiten vorhanden, den Trainer auch sportlich abzuschießen. Bei der 1:0-Führung für Fortuna sah Bocchio noch ein bisschen erschrocken aus, weil er nach einem Freistoß einfach in den Strafraum gelaufen war und den Ball vor den Kopf bekommen hatte. Folgerichtig fiel auch kurze Zeit später der Ausgleich für Paderborn, nach einer Trainingskombination, Doppelpass auf rechts, Flanke in den Strafraum, und Löbe so was von frei, dass er sich nach dem Tor noch nicht einmal freute, er dachte wohl auch, er wäre im Training. Mit diesem Unentschieden ging es in die Pause, und danach hätten die Fortunen wirklich genug Gelegenheiten gehabt, das Spiel schleifen zu lassen. Sie taten es nicht, sondern glichen nicht nur das 2:1 durch Lorenz postwendend durch Ndjeng aus, sondern ließen sich auch durch das 3:2 von Donkov nicht irritieren und spielten weiter nach vorn. Als Lohn folgte der Strafstoß kurz vor Schluss. Eine Uli-Hoeneß-Gedächtnis-Granate Richtung benachbarter See und Paderborner Yacht-Club (den gibt’s wirklich!) von Pasini, und die Trainerfrage hätte wohl einen entscheidenden Schub bekommen. Der dachte jedoch gar nicht daran, semmelte die Kugel in den Winkel, und man hatte den Punkt, der wirklich verdient gewesen wäre. Dann jedoch griff die Aachener Printe mit der Pfeife noch mal derart spielgestaltend ein, dass es die Großväter neben mir vor Lachen fast von der Tribüne haute, und das Ding war verloren. Schade.

Ein Wort noch zu Paderborn. Schön, dass ihr aufsteigt. Ich habe im Umfeld des Spiels auch irgendwas läuten hören, dass dann ein neues Stadion fällig wird. Das wird auch dringend erforderlich sein, denn wie ihr mit dieser Bruchbude Zweite Liga spielen wollt, ist mir ein Rätsel. Eine Tribüne, deren Holzbänke wohl beim letzten Schützenfest geklaut worden sind, Toiletten ohne Licht, in denen man munter Zielschießen mit ungewissem Ausgang veranstalten konnte, ein Parkplatz, der pfiffigerweise sehr nah an der Autobahn liegt und auch ausgeschildert ist, leider nicht mal in näherer Umgebung zum Stadion gelegen ist und einem einen halbstündigen Fußmarsch durch die Paderborner Botanik beschert sowie eine Stimmung auf der Tribüne, die hart an Kreisliga C erinnert (wozu auch die Mannschaft anfeuern, die steigen ja eh auf), und noch so einiges mehr – das DSF wird sich freuen. Und ob man von da draußen an einem Montag Abend überhaupt noch zum Bahnhof kommt und ob von dort überhaupt noch ein Zug gen Heimat fährt, dürfte auch zu den Dingen gehören, die man besser nicht hinterfragt, wenn man unbequeme Antworten scheut. Dafür muss ich ausgleichend natürlich sagen, dass eins bei euch im Stadion für mich das Beste war, das seit langer Zeit angeboten wurde: ich spreche von der Currywurst, die wirklich Klasse war. Tja, schade, liebe Bocholter, diesen Titel seid ihr erst mal los, wenn es mit Fortuna allerdings so weiter geht, kommen wir eh nächste Saison wieder zum Testen vorbei. Aber bis dahin ist Paderborn klar die Nummer 1, insbesondere, die in den meisten Stadien dieser Republik völlig unbekannte Variante, auf Currywürste auch tatsächlich Currypulver zu schütten, ließen Augen und Gaumen frohlocken. Und wenn das Stadion schon so unglaublich und das Spiel so schlecht ist, dann bietet diese Würstchenbude wenigstens eine perfekte Alternative, die 90 Minuten zu verbringen. Mehr davon!

23.10.2004: Fortuna – DSC Arminia Bielefeld (A) 3:1

Ein ganz wichtiger Sieg, erst mühevoll, später hoch verdient heraus gespielt gegen den mit Abstand schwächsten Gegner, den ich in dieser Saison bislang gesehen habe. Dem passte sich Fortuna erst einmal wieder nahtlos an, die ersten dreißig Minuten sollen wohl sehr an Osnabrück erinnert haben. Prompt lag man auch 0:1 zurück, als Guthleber, der einen derart schwarzen Tag erwischt hatte, dass er schon nach knapp 30 Minuten ausgewechselt wurde, völlig unbedrängt im eigenen Strafraum herum stehend, eine harmlose Flanke der Bielefelder sauber an den 16-Meter-Raum zurück legte, wo Loose noch genug Zeit hatte, sich herzlich bei ihm zu bedanken, bevor er die Kugel volley im Netz versenkte.

Und wieder war allen klar, dass dies wohl das letzte Spiel des Trainers sein dürfte, wenn man noch weitere 60 Minuten vor sich hin stümperte. Diesmal drehte die Mannschaft das Spiel binnen zwei Minuten, zunächst Handelfmeter für Fortuna, korrekte Entscheidung, was den alten, unbestechlichen WDR jedoch nicht davon abhielt, diese Szene in seiner bildlichen Zusammenfassung des Spiels mit folgendem Kommentar zu versehen: „Der Spieler soll gestoßen haben. Wir haben uns die Szene mehrfach angesehen und konnten beim besten Willen kein Foul erkennen. Aber der Schiedsrichter stand sehr gut postiert, deshalb wollen wir ihm das mal glauben.“ Nee, glauben braucht ihr nicht, hingucken hätte es schon getan. Aber egal, Bocchio verwandelte zum1:1, anschließend gab es die oben erwähnte Auswechslung, und während die entsprechende Durchsage noch lief, schenkte Fortuna schon das 2:1 nach, endlich mal wieder im Original Oberliga-Style: langer Ball auf Bellinghausen, der überlief auf links seinen Gegenspieler, harter, flacher Pass in die Mitte, und Mayer staubte zum Führungstreffer ab. So einfach kann das gehen! Gleichzeitig war dies auch die Entscheidung in diesem Kick. Lambertz, wieder mal bester Fortune (wie lange noch? Ich meine, wie lange noch im Fortuna-Trikot?), legte kurz nach der Pause das 3:1 nach, mit einer prima Einzelleistung, als er bei einem Fehler in der Bielefelder Hintermannschaft am schnellsten schaltete und auch noch den Torwart umkurvte, und der Fisch war gegessen. Gegen harmlose Bielefelder (deren 25 mitgereiste Fans im Gästeblock eigens vom Stadionsprecher gewürdigt und von den Tribünen auch mit ordentlichem Applaus bedacht wurden) hätte man das Ergebnis anschließend auch noch höher schrauben können, allerdings wurde die ein oder andere Torchance noch vergeben, und zweimal hatte man wirklich noch Pech: zunächst ein Lattentreffer von Frank Mayer, mit einer derartig akrobatischen Einlage, dass ich zum einen um die Gesundheit des Spielers fürchtete, das Ding aber zum anderen sofort als „Tor des Monats“ vorgeschlagen hätte, wäre die Kugel auch drin gewesen. Ich weiß nicht, ob das alles so beabsichtigt war, aber es sah auf jeden Fall prima aus, Hut ab! Kurz vor Schluss dann noch der Lattenkopfball von Walter Otta, dem amtierenden chilenischen Torschützenkönig von 1997. Da kam fast Mitleid hoch, wer weiß, vielleicht explodiert der Mann ja endlich, wenn er mal ein Erfolgserlebnis hat, ich erinnere an Herrn Ouejdide in der Rückrunde der letzten Saison. Es könnte natürlich auch helfen, wenn man ab und zu ein bisschen weniger eigensinnig spielen würde, auch Assists können sich ja durchaus leistungssteigernd auswirken, aber das müsste ihm mal jemand sagen. Und da der Trainer zwar spanisch spricht, aber ja angeblich in jeden Training nur damit beschäftigt ist, die Mannschaft runter zu machen, ist das Ganze wohl noch nicht an Ottas Ohr gedrungen. Und da muss ich sagen, von den bisherigen Leistungen her würde auch ich einem Marcel Podszus jederzeit den Vorzug geben, dazu wird es aber unter diesem Trainer nicht mehr kommen und somit muss ich mir keine Gedanken um ungelegte Eier machen. Vielleicht hilft ja noch beten.

02.11.2004: Borussia Dortmund (A) – Fortuna 1:1

Dieses Spiel wurde auf Dienstag verlegt, damit die Fortuna am vorher gehenden Freitag mal schnell mit einem 0:2 in Wuppertal gegen den WSV aus dem Niederrhein-Pokal ausscheiden konnte. Schwamm drüber, interessiert mich in dieser Saison sowieso nicht, dass wir nächste Saison leider nicht im DFB-Pokal antreten können. Ärgerlich nur die Rote Karte inklusive vier Wochen Sperre für Victor Bocchio. Aber hier noch kurz was zum Thema Belastung: im Vorfeld des Spiels waren schon Gerüchte aufgekommen, aufgrund dieser Terminansetzung: Pokalspiel freitags, Meisterschaftsspiel dienstags, habe der Trainer schon wieder die perfekte Ausrede geliefert bekommen. Das erweitere ich gerne und gebe zusätzlich noch an, dass die BVB-Bubis nicht nur am Wochenende kein Pokalspiel absolvieren mussten, sondern am voraus gegangenen Wochenende, als wir gegen Bielefeld antraten, auch noch spielfrei hatten. Für Fortuna somit drei Pflichtspiele binnen 10 Tagen, für Dortmund eins. Jaja, Ausreden. Bis Mitte Oktober hatte Fortuna gemeinsam mit Sowieso-Aufsteiger Paderborn die meisten Pflichtspiele der Regionalliga-Teams absolviert, nämlich deren 15 in 60 Tagen. Natürlich nur eine Ausrede, ist schon klar. Und natürlich haben sie sich diese Masse an Spielen auch selbst zuzuschreiben, durch das Soft Opening der Arena gegen Union Berlin, welches extra vorverlegt werden musste, damit es noch vor den Oberbürgermeisterwahlen in Düsseldorf statt finden konnte (kleine persönliche Annahme von mir) und das Nachholspiel gegen Köln, welches man direkt nur fünf Tage später ansetzte. Und natürlich können die Leistungen des Teams und schon gar nicht der Kuddelmuddel hinter den Kulissen, allein mit dieser Belastung erklärt werden. Ich halte sie jedoch schon für einen von mehreren Faktoren und nicht für eine Ausrede.

Für dieses Spiel durften wir auch endlich mal wieder Bundesliga-Luft schnuppern, die Partie musste nämlich (wie alle „Risikopartien“ des BVB, so auch gegen St. Pauli oder Braunschweig) ins Westfalenstadion verlegt werden. Na, und da war ja richtig was los! Aufgrund unglaublich freier Straßen trafen wir bereits gegen 17.30 Uhr am Tatort ein, bekamen von zwei Neonleibchen einen Parkplatz unter der Südtribüne zugewiesen und standen dann erst mal da. Alle Ränge waren frei begehbar, es war arschkalt und anderthalb Stunden vor dem Spiel niemand da, bis auf ein paar Ordner. Sogar das Flutlicht war nicht eingeschaltet, es wirkte alles dermaßen finster, dass ich mit dem Gedanken spielte, auf der Dortmunder Geschäftsstelle anzurufen und nachzufragen, ob das Spiel wirklich an jenem Tage ausgetragen werden würde. Diese Idee verwarf ich aber sofort, hatte ich doch bereits in der Woche zuvor versucht, mal beim BVB durchzuläuten. Damals war zunächst versucht worden, mich mittels zuckersüßer Bandansage auf die Telefonnummer zu locken, unter der man Karten bestellen kann, als ich mich weigerte, versprach dieselbe Stimme, mich umgehend mit der Telefonzentrale zu verbinden. Dies geschah auch postwendend, und ich durfte in mehreren Anläufen insgesamt ca. 25 Minuten dem Freizeichen lauschen. Niemand hob mal den Hörer ab, und das Ganze während der Geschäftszeiten! Also, ich weiß ja, dass die kein Geld mehr haben, aber dass sie nur noch eine Telefonistin beschäftigen, und der Betrieb anscheinend zusammen bricht, wenn diese eine leidige Magen- und Darm-Geschichte hat oder grad ihre vertraglich geregelte Frühstückspause, das war schon erschütternd. Naja, wenigstens spielten sie in der Warteschleife nicht das Biene-Maja-Lied, man muss dankbar sein für alles heutzutage. Gut, dass ich im Unterbewusstsein schon mit so etwas gerechnet und mir von der Borussen-Homepage die Durchwahl der Amateur-Abteilung besorgt hatte, bei der ich auch sofort durchkam.

Nachdem wir eine halbe Stunde vor uns hin gefroren hatten und immer noch niemand zu sehen war, machten wir uns auf den Weg zur Osttribüne, diese und die Nordtribüne für die Fortuna-Fans waren nämlichen die einzigen, die an jenem Abend geöffnet wurden. Unterhalb der Osttribüne befindet sich der Zugang zum Stadion Rote Erde, in dem die BVB-Amateure ihre Heimspiele auszutragen pflegen, wenn der Gegner nicht 2.000 Leute mitbringt, unmittelbar davor die „Rote Erde“-Gaststätte. An jener Gaststätte stand eine einsame Frau am Grill und brutzelte Würstchen. Der Ruf jener Würstchen muss legendär sein, denn als wenig später Fortuna-Torwart Nulle den Tunnel zur „Roten Erde“ beschritt, weil die Mannschaften sich dort warm machen konnten, sah er den Grill, rechnete mal kurz im Kopf und bestellte bei der Dame sodann für 20.45 Uhr ein Würstchen. Ja, auch wenn der Verein pleite ist, es gibt immer noch die kleinen Hoffnungsschimmer! Vielleicht kann man ja über die Gastronomie enttäuschte Kundschaft zurück gewinnen. Was mich natürlich dazu animierte, auch diese Würstchen einer strengen Qualitätskontrolle zu unterziehen, und ich muss sagen – jawohl, das war aller Ehren wert. Dies dachten wohl auch andere, denn nach dem Spiel waren sowohl die Würstchen als auch der Stand verschwunden, und daher nehme ich mal an, dass Nulle leider leer ausging.

Zum Spiel: es waren 2.400 Zuschauer, in der Überzahl natürlich Fortunen, die unter dem Dach der Nordtribüne, in einem einzigen Block zusammen gepfercht, richtig gut Stimmung machten, die Akustik in diesem Stadion ist ja auch fantastisch. Als die paar Hundert Dortmund-Fans auf der Osttribüne dagegen hielten, wurde es richtig kreativ von Düsseldorfer Seite, Sprechchöre wie: „Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf!“ und „Ihr seid ärmer als Fortuna Köln!“ konnten gehört werden. Ja, selbst wir mit unseren sechs Millionen Euro Schulden können uns das erlauben, im Angesicht der geradezu unglaublichen Bilanz, die Borussia Dortmund diesbezüglich aufzuweisen hat.

Aber auf der Osttribüne war auch mächtig was los. Zunächst war es ein erhebender Anblick, auf die gegenüber liegende, riesige, komplett leere Westtribüne zu blicken und zu denken: „Wow, das gehört heute alles mir!“ Aber es war auch komisch, was sich auf der Ost alles an bekannten Leuten versammelt hatte. Thomas Berthold übrigens nicht, der weilte in Südafrika, ob auf Urlaub oder um sein internationales Netzwerk zu begutachten, keine Ahnung. Okay, dass BVB-Coach van Marwijk und Stefan Reuter anwesend waren, dürfte jetzt nicht sehr verwundern. Van Marwijk rempelte mir fast noch meine Verpflegung aus der Hand, als er mich beim Tribünenaufgang übersah, aber der Mann hat Manieren und entschuldigte sich höflich. So soll es sein! Was nicht hätte sein sollen, war das „zufällige“ Erscheinen von Leute wie Peter Vollmann (arbeitslos) und Holger Fach (arbeitslos) an jenem Dienstagabend. Dazu passte es, dass die Düsseldorfer Boulevardpresse schon vor dem Spiel ausgeplaudert hatte, bei einer Niederlage sei der Trainer endgültig weg. Der Fach brachte in der „Rote Erde“-Gaststätte dann auch noch den gefährlichen Spruch, er sei „schon immer Fortuna-Fan“ gewesen. Für mich persönlich gibt es kaum einen Unterschied zwischen einem Neu-Trainer Ristic und einem Neu-Trainer Fach, bei beiden wäre bei mir das Ende der Fahnenstange erreicht. Ich bin auch nur begrenzt leidensfähig. Ausgerechnet der Fach, für den die Disziplin „Die Pferde mitten im Strom wechseln“ eigentlich eigens olympisch werden müsste, und der bei seinen spielerischen Engagements bei Fortuna nicht nur jedes Mal Abstiege, sondern auch verbrannte Erde hinterlassen hat, und der beim erstmaligen Auftreten der Ostholländer Amateure in der Oberliga vor zwei Jahren, als er dort noch Trainer war, auch durch einige lustige Bemerkungen zum Thema Fortuna glänzte, ausgerechnet dem fällt jetzt wieder ein, dass er schon immer Fan gewesen ist. Seit jenem Dienstagabend gehe ich übrigens regelmäßig in die Kirche, zünde eine Kerze an und bete, dass der sich für den Regionalliga-Abstiegskampf zu fein oder zu unterbezahlt ist. Das hat mittlerweile bei mir Priorität, erst danach erfolgt die Fürbitte für unseren chilenischen Torschützenkönig, der an jenem Abend aber gar nicht erst spielte.

Und Peter Vollmann? Sicherlich ein Trainer, der eine Mannschaft wieder hoch bringen kann, hat bei ihm bis jetzt jedes Mal geklappt. Leider klappt bei ihm auch etwas anderes, nämlich, sich jedes Mal geschwind abzusetzen, wenn dicke Luft im Verein ist, insbesondere bei finanziellen Problemen (Trier, Fortuna Köln). Und nicht nur das, er nimmt auch regelmäßig die besten Spieler mit. Sollte es hierfür einen anderen Ausdruck als „Leichenfledderer“ geben – also mir fällt spontan keiner ein. Der muss es auch nicht unbedingt sein.

Fortuna-Trainer Morales überraschte dann mit einer Aufstellung, in der Böcker und Lorenzón standen. Überraschend deshalb, weil die beiden die einzigen gelernten Verteidiger in der Startelf waren. Der Rest war verletzt, gesperrt, oder weilte in Frankreich, um die Ehefrau beim großen Wurf zu unterstützen. Einzig Fregene saß als Abwehrspieler noch auf der Bank. Dadurch mussten Bellinghausen und Ndjeng leider Außenverteidiger spielen, was eigentlich schade ist, denn ich denke, in Bestbesetzung und guter Form haben wir eines der besten Mittelfelder der Liga. Leider nur, was die Offensivausrichtung angeht, und da Markus Lösch bereits seit Wochen verletzt ist, steht dahinter kein Defensivmann mehr. Diese Aufgaben mussten die beiden somit ebenfalls übernehmen.

Sie taten es zufrieden stellend, wie überhaupt die gesamte Mannschaft an jenem Abend gut spielte, ein Aufwärtstrend war durchaus zu sehen. Das frühe Pressing verwirrte die BVB-Bubis gehörig, die mit einigen Profis der Kategorie B wie Ricken und Senesie angetreten waren, die aber nicht weiter störten, und sie produzierten in der Abwehr Stockfehler in Serie, wirklich erstaunlich, zumal sie ansonsten natürlich einen gepflegten Ball spielten. Fortuna hatte die klareren Chancen und ging zu Beginn der zweiten Halbzeit auch verdient mit 1:0 in Führung, durch einen abgefälschten Kopfball von Frank Mayer, der sich daraufhin eigentlich Gelb/Rot hätte abholen müssen, denn zunächst zog er sich das Trikot über den Kopf, das war Gelb, anschließend hängte er sich an den Zaun zur Nordtribüne, und das wäre es gewesen. Wie er selbst nach dem Spiel sagte, konnte er dem Schiri dies aber ausreden, es gab nur Gelb. Vielleicht war der Schiri aber auch beeindruckt von den Kletterkünsten der Mannschaft, hängten sich doch neben Mayer noch vier weitere Mitspieler an den Zaun und hätten auch alle verwarnt werden müssen. Er unterließ es, merkte es sich aber wohl, denn er ermöglichte den Dortmundern den Ausgleich, indem er einen schnell ausgeführten indirekten Freistoß der Dortmunder, der im Netz landete, gelten ließ. Nun braucht ein Schiri indirekte Freistöße nicht freizugeben, wenn er dies nicht ausdrücklich vorher angezeigt hat. Auch muss man sagen, die Fortunen waren es selbst Schuld, es hätte sich ja jemand (nicht unbedingt Mayer) vor den Ball stellen und die Ausführung des Freistoßes verhindern können, die Gelbe Karte wär zu verschmerzen gewesen. Aber es kann doch irgendwie nicht angehen, dass die eine Mannschaft einen Freistoß ausführen kann, während die andere durch den Schiedsrichter behindert wird, weil der mitten in der Mauer steht, diese ausrichtet und Kapitän Dirk Böcker gerade die Gelbe Karte zeigen will! Denn genau das war passiert und somit finde ich das Ganze, bei aller eventueller Regelkonformität, eine ziemliche Frechheit. So wurde man um den nicht unverdienten Lohn gebracht.
Dieses Tor animierte Fortuna-Trainer Morales übrigens dazu, am nächsten Tag in der Presse diesen lustigen Satz abzugeben, dass er eine Liste besitze mit allen Fehlentscheidungen der Schiris gegen Fortuna. Das glaube ich ihm gerne, diese Liste habe ich auch im Kopf, aber ich wette, jeder andere Regionalliga-Trainer hat sie auch, und deshalb dann ein Komplott gegen Fortuna zu vermuten, ist mehr als nur ein bisschen albern. Aber zum Glück ging der Trainer, der anscheinend nie etwas Schuld ist, anschließend auf Tauchstation und fuhr einige Tage in Heimaturlaub. Vielleicht sollte er sich dort mal die Schiedsrichterleistungen angucken, die sind auch nicht besser.

So, nun ist es langsam gut. Nasch diesem spielfreien Wochenende finden wir Fortuna weiterhin auf Abstiegsplatz 15, es ist weiterhin nix verloren, es sind nur zwei Punkte zum rettenden Ufer, zumal bei nunmehr herrschender Spielgleichheit, mit diesen Spielen im Voraus ist Fortuna also glimpflich davon gekommen, kein anderer Verein im Tabellenkeller konnte die Gelegenheit nutzen und sich absetzen. Der Trainer spielt auf Bewährung, schon pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass er endgültig weg ist, wenn nächsten Samstag gegen Lübeck nicht gewonnen werden sollte, und die sind ja zu allem Überfluss kein Fallobst, sondern Tabellensechster. Danach geht es nach Chemnitz, die auch grad rechtzeitig für uns in Schwung kommen, am Wochenende gabs ein 5:1 gegen Bielefeld, und am 27.11. beenden wir mit dem Heimspiel gegen Werder Bremen die Hinrunde, nur um eine Woche später gegen Münster die Rückrunde zu starten. Und gegen Bremen werden wir dann auch spätestens wieder mal gewinnen. Warum das so ist, ergibt sich glasklar aus unserer Bilanz: vier Spiele bislang gewonnen – und zwar gegen Braunschweig, Berlin (Hertha BSC), Berlin (Union) und Bielefeld. Also, welcome Bremen, danke für die Punkte. Ob man allerdings mit nur zehn Siegen gegen die fünf „B“s der Liga die Klasse halten kann, wage ich zu bezweifeln.

Es grüßt aus dem Komödienstadl: janus

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