Kein Schützenfest in Schützenland

ARAG-Pokal: SC Kapellen/Erft – Fortuna Düsseldorf 0:1

Was ist nicht alles über diesen Knüller geschrieben worden! Schon Wochen vorher, als die Auslosung feststand, konnte man in den Zeitungen nachlesen, dass hier der Bär steppen würde. Kapellen ist eine 3.500-Seelen-Gemeinde, die zu Grevenbroich gehört, der SC spielt in der Landesliga. Der gesamte Erftkreis, dem das Dorf kommunalrechtlich zugeordnet ist, zeichnet sich eigentlich nicht durch fußballerische Hochburgen, sondern eher durch die geballte Ansammlung von Schützenfesten aus, wobei durch geschickte Terminplanung in den Augen eines unwissenden Außenstehenden (also mir) tatsächlich eine durchgehend ganzjährige Auslastung erreicht wird. Außer an Karneval natürlich. Für die war das von Anfang an das Spiel des Jahres. Unterschätzen durfte man den SC aber beileibe nicht, das ist eine ganz solide Landesliga-Truppe, die seit Jahren immer im oberen Drittel der Liga mitspielt, aber wohl nicht aufsteigen darf, aus finanziellen Gründen. Es bestehen wohl gute Kontakte zu Borussia Mönchengladbach, es finden immer mal wieder Spieler den Weg zu den Ostholländer Amateuren in die Oberliga, und umgekehrt kommt so manch ein Gladbacher noch für ein, zwei Jährchen nach Kapellen, um die Karriere ausklingen zu lassen. Diesmal ist es der Trainer Horst Steffen, ehemaliger Gladbacher und Duisburger Profi, der das bekannteste Gesicht im Kader ist.

Wie gesagt: im Erftkreis gab es zuvor mächtig Rummel um dieses Spiel. Denn die Vorkommnisse beim letzten Spiel, das Fortuna im Niederrhein-Pokal abgeliefert hat, nämlich dem Endspiel in Velbert am 01.05.2003, sind auch bis hierher gedrungen und sorgen teilweise für nackte Panik. Dabei wird gerne übersehen, dass Kapellen nicht Velbert ist. Dass eine 1. Runde nicht das Endspiel ist. Und dass irgendwelche Hooligans sich bestimmt nicht an einem Sonntag Nachmittag aufmachen, um ein Dorf zu verwüsten, das sie vorher noch nicht mal auf der Landkarte gefunden hätten. Egal, die Kapellener hatten Angst um ihren Sportplatz aufgrund des großen Zuschauerandrangs, den sie erwarteten. Daher wurde kräftig Polizei geordert, die schon Tage vor dem Spiel verkündete, wie sehr sie gewappnet sein würde. Es sollten Bauzäune geliefert werden, um die Fans vom Spielfeld und unter einander zu trennen. Da die Deutsche Bahn natürlich mitspielte und auf der Strecke zwischen Neuss und Kapellen Gleisarbeiten durchführte, so dass Bahnreisende von Düsseldorf aus nur bis Neuss und nicht weiter gelangen können, wurden Shuttle-Busse vom Neusser Bahnhof zum Stadion bereit gestellt, die von der Polizei eskortiert wurden. Es wurden auch wieder mal Ordner von Fortuna angefordert. Es war viel Rauch um Nichts.

Am 17.08.2003 gilt es zunächst, von Bonn bis Rommerskirchen zu gelangen, das gar nicht weit von Kapellen entfernt liegt. Pünktlich mit einer Viertelstunde Verspätung erreicht die Bahn ihr Ziel. Das merkt hier sowieso niemand, denn dieser Bahnhof ist so was von tot, das glaubt einem kein Mensch – „Return of the Living Dead“ könnte hier gedreht worden sein. Jedoch: als ich neulich schon einmal von hier Richtung Heimat abfuhr, saß ich am Bahnsteig, als es von der Hochspannungsleitung her plötzlich zweimal zischte und ich aus den Augenwinkeln sah, wie zwei gefiederte Körper zu Boden plumpsten und regungslos liegen blieben. Kein Witz! Da war ich dann doch erschüttert. Okay, RoKi (Fachjargon!) ist schon ordentlich tot – aber deswegen gleich Selbstmord? Es gab mir zu denken.

Jedoch hat RoKi einen gewissen Vorzug, es ist der letzte Bahnhof in Richtung Niederrhein, der noch zum Verkehrsverbund Rhein-Sieg gehört und somit kostenmäßig durch mein Job-Ticket bereits abgedeckt ist. Dies rechtfertigt allerdings keinen längeren Aufenthalt. Also nix wie raus aus dem Zug und weg. Ich werde von einem Bekannten abgeholt und zunächst zu dessen Wohnung kutschiert.

Um kurz vor zwei Uhr verlassen wir das traute Heim, denn wenn die Fans, die mit dem Zug kommen, wirklich alle auf einen Schlag dort anlangen, wird es etwas eng an den circa 2 Kassenhäuschen, die wir erwarten: jeder Zuschauer muss sich nämlich noch eine Eintrittskarte sichern, einen Vorverkauf gab es nicht. Wir fahren einen kleinen Umweg, da die Hauptverkehrsstraße, die zum Stadion führt, ordentlich blockiert sein dürfte und kommen schnell an. Das Stadion liegt hinter einer Wohngegend. Eine hübsche Anlage mit Rasenplatz, Aschenplatz und Hartgummiplatz nebst Klubhaus, von Bäumen umgeben. Nett hier.

Was die Kassenhäuschen angeht, haben wir uns getäuscht: es gibt nicht zwei, nicht fünf, es gibt gar keine, dafür zwei Tische, an denen die Karten verteilt werden. 6 € Eintritt, natürlich nur Stehplatz, eine Sitztribüne gibt es nicht. Nana, was ist das denn für ein Preis? Den werden sie wohl kaum nächste Woche beim ersten Saisonspiel gegen den 1. FC Viersen nehmen, das riecht nach „Top-Zuschlag“.

Wir landen auf der Gegengerade im Fortuna-Fan-Block, das weiß ich deshalb, weil es auf einem sorgfältig gemalten Hinweisschild am Eingang steht. Wir wechseln allerdings die Gerade, um auf die Kapellener Seite zu gelangen, da wir per Handy den Live-Ticker füttern müssen und daher etwas mehr Ruhe brauchen. Zunächst wollen die Ordner in der Kurve uns nicht durchlassen, weil ich ein „Mythos Fortuna“-T-Shirt anhabe und daher anscheinend für einen potentiellen Unruhestifter im gegnerischen „Fan-Block“ gehalten werde, aber schließlich dürfen wir doch durch. Ob nun die mehrminütige Quängelei oder meine schönen blauen Augen den Ausschlag geben, lasse ich mal dahin gestellt.

Alles hier ist auf Deeskalation ausgelegt. Ein Radiomoderator des Lokalsender NE-WS 89,4 fungiert als Stadionsprecher, es gibt Interviews vor dem Spiel, unter anderem mit Fortuna-Trainer Morales, es gibt circa 50 Appelle, das Spiel ordentlich über die Bühne zu bringen, es wird auch gerne mal bedauernd unsere Einpferchung im Gäste-Blöckchen von Velbert erwähnt, man hat auf die Bauzäune verzichtet, die Busse, die die Fans aus Neuss abgeholt haben, fahren nach dem Spiel kostenlos bis Düsseldorf durch, für die Kinder im Stadion gibt es ein Tippspiel, bei dem sie etwas gewinnen können – sie haben sich alle Mühe gegeben, eine entspannte Atmosphäre zu zaubern, und es gelingt. Ich jedenfalls fühle mich wohl. Mein Bekannter entdeckt auch seinerseits sofort einen alten Bekannten im Fortuna-Fan-Block – der Klowagen, der dort steht, ist derselbe wie beim letzten Schützenfest, man hat wirklich keine Kosten und Mühen gescheut. Sogar die Bratwurst (2 €) schmeckt irgendwie deeskalierend. Alles im grünen Bereich.

Interessant ist das Interview mit dem Organisator des SC Kapellen, der, auf frühere Pokal-„Highlights“ angesprochen, ein Spiel vor Jahren bei RW Essen erwähnt. Er bezeichnet es als „fürchterlich“, sie sind mit einigen Fans dort hingefahren und mussten in einem Trainingskäfig spielen, weil man nicht im eigentlichen Stadion an der Hafenstraße kicken durfte, das Team war natürlich chancenlos. Mich amüsiert die Schilderung ein klein wenig. Als wir das letzte Mal dort spielten, durften wir zwar ins große Stadion, dafür mussten unsere Bahnfahrer aber auch nach dem Spiel auf dem Weg zum Hauptbahnhof um ihr Leben laufen. Ist halt alles relativ.

Und als das Spiel beginnt, kann der Stadionsprecher kurze Zeit später stolz verkünden, dass sich 2.100 Zuschauer eingefunden haben. Rekord. Die machen aber teilweise ordentlich Krach. Insbesondere das beliebte Trommeln auf die Werbebanden vor einem Freistoß oder Eckball sorgt auf beiden Seiten immer wieder für ordentliche Akustik.

Das Spiel selbst sollte eigentlich weniger Beachtung finden, es ist nämlich nicht besonders. Kapellen steht hinten drin und fightet um jeden Ball, Fortuna zunächst noch abwartend, nur einige Freistöße sorgen für Gefahr. Erstaunlich, dass Kapellen die erste Torchance aus dem Spiel heraus hat: Fregene unterläuft eine Flanke, und die Kugel landet auf dem Kopf von Torjäger Toni Fernandez, ein Kerl, der anatomisch eine gewisse Ähnlichkeit mit Jan Koller aufweist. Der Toni ist hier auf dem Land bekannt wie ein bunter Hund, seinen Torjägerinstinkt umschreibt mein Bekannter locker mit einem Satz: „Der ist schon morgens um fünf hier aus dem Schützenzelt rausgewankt und hat sechs Stunden später im Spiel drei Buden gemacht.“ Klar, so wird man hier zur Legende.

In dieser speziellen Situation jetzt ist er aber ein wenig überrascht ob der Chance, die sich ihm unverhofft bietet, er hätte Zeit, den Ball mit der Brust zu stoppen, aber er köpft ihn dann doch, trifft nicht richtig, und die Chance ist dahin. Möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn der Ball drin gewesen wäre, denn hinten stehen sie sehr gut drin, unsere Stürmer sind fast völlig abgemeldet.

Zwischendurch blicke ich mich mal um und sehe hinter dem Zaun tatsächlich einige Leute, die kostenlos gucken. Erinnert alles ein bisschen an Freialdenhoven. Nicht allerdings der Typ, den ich jetzt hinterm Zaun erblicke, ein Jugendlicher mit Glatze und einem Sweater, auf dem mit großen altdeutschen Lettern geschrieben steht: „Odin statt Jesus“
Der steht da hinterm Zaun schon ganz richtig. Fehlt nur noch das „Bitte nicht füttern“-Schild.

Zur Halbzeit steht es 0:0. Wir begeben uns ins Clubhaus, leider gibt es im Erdgeschoss nur eine einzige Toilette. Ein freundlicher Ordner weist uns den Weg in den ersten Stock, dort befindet sich noch eine, nebst dem Vereinsheim, in dem – ich glaube es kaum – Kaffee und Kuchen serviert werden. Jetzt noch ne Bockwurst, und ich glaube, ich bin wieder beim 1. FC Wülfrath gelandet. Leider gibt es keine. Schade, Nostalgie könnte so schön sein.

In der Pause wird dann auch das Schicksal des SC Kapellen besiegelt. Es gibt nämlich ein weiteres Interview mit jemandem, bei dem ich nicht ganz verstehe, um wen es sich handelt, entweder ein ehemaliger oder ein derzeit verletzter Spieler. Der Sprecher fragt ihn, wer von den Fortunen ihn am meisten beeindruckt und nennt als Beispiel unseren Torjäger Frank Mayer. Der Spieler legt sich jedoch auf Michael Zeyer fest, unseren Ex-Bundesliga-Profi, weil der schließlich schon alles in diesem Geschäft gesehen und mitgemacht hat. Ende des Interviews.

Und auch Ende der Kapellener Pokal-Träume, denn witzigerweise sind es genau diese beiden namentlich genannten Spieler, die in der 75. Minute für die Entscheidung sorgen, Flanke Zeyer von rechts, Kopfball Mayer – 1:0, das reicht. Ansonsten hat Fortuna noch einen Latten-Kopfball von Schön zu bieten, 12 Ecken, von denen 9 vom Torwart abgefangen werden, der darf sich jetzt „Ecken-Spezialist“ in seinen Spielerpass schreiben lassen, völlig einfallslos das alles, und dann noch die „Sind wir nicht alle ein bisschen Takahara?“-Einlage des Tages: als der SC in den letzten Minuten noch eine Art Powerplay aufzieht, ohne allerdings wirklich gefährlich zu werden, und sogar deren Torwart nach vorne stürmt, weil es keine Eckbälle mehr abzufangen gibt, fangen sie sich einen Konter ein, und Fortunas Einwechselspieler Kizilaslan bringt das Kunststück fertig, das leere Tor ebenso zu verfehlen wie Hamburgs japanischer Stürmer vor einigen Monaten im Spiel gegen Bielefeld. Danach habe ich genug gesehen und bin froh, dass der Schiri abpfeift, bevor noch irgend so ein Fernschuss der Kapellener dreimal abgefälscht wird und im Netz landet, es ist ja Pokal, der hat bekanntlich seine eigenen Gesetze.

Schluss, aus, fini, eine Runde weiter, der Rest interessiert nicht, obwohl die Leistung nachdenklich machen muss für das Auftaktspiel am kommenden Freitag gegen Solingen, da fehlte wirklich einiges, fragt sich nur, wo und wann man das noch finden will. Aber natürlich bin ich Optimist, muss man bei Fortuna ja auch sein, sonst wäre Fortuna längst als Krankheitserreger bezüglich Depressionen oder ähnlichem von der Gesundheitsbehörde anerkannt.

Ein unterhaltsames, wenn auch nicht gutes Spielchen in einer schönen Anlage, mit netten Gastgebern, halbwegs gutem Wetter (es tröpfelte zwischendurch ein wenig, aber es blieb dann doch trocken) und null Zwischenfällen. Alle Aufregung umsonst, und vielleicht haben wir in dieser Ecke von Nordrhein-Westfalen ein paar zusätzliche Sympathisanten gewonnen. Wäre doch nicht schlecht.

Ein Wort noch zur Rückfahrt: wenn man – egal an welchem Tag – die Bahn um 18.11 Uhr in RoKi nimmt, dann ist diese laut Fahrplan um 18.35 Uhr in Köln auf Gleis 4. Die Regionalbahn nach Bonn fährt vom Gleis 8 los – ebenfalls um 18.35 Uhr. Die nächste Regionalbahn nach Bonn startet von Gleis 9 – um 18.38 Uhr. Kann mir jemand sagen, wer sich so etwas ausdenkt?

Aber wie das so ist, bei der Bahn: den Anschluss bekomme ich. Aus dem einfachen Grund, dass der Anschlusszug 20 Minuten Verspätung hat. Schön, wenn die ungewollte Flexibilisierung der Fahrzeiten bei der Bahn ab und zu noch zu einem gelungenen Sonntag beitragen kann. Das war fast erfreulicher als das gesamte Spiel.

Kommentare sind geschlossen.