11. – 14. Spieltag

Von B über B und B nach B

Und weiter geht’s im fröhlichen Reigen. Fortuna Düsseldorf, Oberligameister der Herzen, hatte natürlich auch in den letzten vier Wochen spannende Spiele gegen zum Teil noch spannendere Gegner auszutragen. Höchste Zeit also, mal wieder eine Zusammenfassung über das Geschehen der letzten Wochen abzuliefern.

Fortunas „B-Movie“ begann nach dem lustigen Kick gegen Freialdenhoven mit der Partie beim damaligen Tabellen-Vorletzten SSG Bergisch Gladbach. Ein leichtes Unterfangen, wie es schien, hatten die Bergischen bis zu jenem 11. Spieltag gerade einmal ganze sechs Tore erzielt, und drei davon auch noch in einem einzigen Spiel. In der Vergangenheit hat Fortuna solche Spiele eigentlich stets vergeigt, aber doch nicht in dieser Saison! Einziges Manko: Torjäger Mayer fehlte, er hatte die erwarteten zwei Spiele Sperre für den Platzverweis gegen Freialdenhoven erhalten, der, wir erinnern uns, ein ziemlicher Witz war, die zwei Spiele Mindestsperre, die bei einer Roten Karte zwangsläufig zu erteilen ist (zumal ja der „Videobeweis“, wie schon vermutet, abgelehnt wurde), für eine angebliche „Kopfnuss“ sagt wohl alles. Mir ist es zwar immer noch ein Rätsel, warum dann nicht auch auf den Schauspieler der Gegenpartei zurückgegriffen wurde, aber egal. Abgehakt, vergessen, das nächste Spiel zählte: auf nach Bergisch Gladbach.

Wie angekündigt organisierten die Fortuna-Fans einen Auto-Korso von Düsseldorf aus. Laut Polizeibericht waren es circa 135 Fahrzeuge, die sich an einer strategisch günstigen Buletten-Bude nahe der A 3 trafen und diese Bahn dann zeitgleich enterten, nachdem die Insassen zuvor noch eine Enttäuschung erleben mussten: zwar machte Thommy Gottschalks Lieblings-Bräter an jenem Nachmittag wohl eines der besten Geschäfte des Standorts, dennoch rückten sie die Schlossallee nicht raus. Schlechter Stil.

Dann ging es aber ab auf die Bahn und siehe da, das Wunder geschah: nachdem die Polizei im Vorfeld schon von dem Korso abgeraten hatte, nachdem von Verboten die Rede gewesen war, von gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr nebst diesbezüglichen Maßnahmen der Gegenseite…als sich trotzdem alles in Bewegung setzte, da ging es auf einmal doch: der Korso von circa 135 Autos (ich möchte mir jetzt nicht genau vorstellen, was die Polizei denn unter einem „circa-Auto“ versteht – vielleicht waren ein paar Smarts mit von der Partie?) wurde um einige grün-weiße Teilnehmer erweitert, die sogar Autobahn-Auffahrten kurzfristig sperrten, um dem Konvoi ein gefahrloses Dahingleiten zu ermöglichen, innerhalb des rot-weißen Jubelzugs hielt man sich leidlich an die Verkehrsregeln – und nix passierte. Alle gelangten gesund und munter nach Bergisch Gladbach, es war der Verlust eines einzigen Fan-Schals auf der Autobahn zu beklagen, der aus einem Fenster flatterte, ansonsten nichts. Es geht doch, wenn man nur will.

Tja, Bergisch Gladbach. Wie beschreibt man Bergisch Gladbach? Am besten gar nicht, wen es interessiert, es liegt in etwa zwischen Köln und Leverkusen und zeichnet sich durch einen gewaltigen Überschuss im Gemeindesäckel aus, was die Verkehrssicherheit betrifft: Ampel folgte auf Ampel, die Bergischen können anscheinend nicht genug bekommen von diesen vielen roten, gelben und grünen Lichtern, immer wieder blitzte und blinkte es, so dass man durchaus mal eine Studie anfertigen könnte, ob der gemeine Bergisch Gladbacher eventuell zu erhöhtem LSD-Konsum neigt. Das würde es ein wenig erklären.

Das Stadion selbst, das immerhin knapp 10.000 Zuschauer fasst, lag dann auch sehr idyllisch mitten in einem Industriegebiet, das dazu passende Wetter wurde gleich mitgeliefert, die erste Halbzeit ein einziger durchgehender Regenguss, in der zweiten Halbzeit ein durchgängig böiger Wind, in der dritten Halbzeit, nämlich einen Tag später, lag ich mit ordentlicher Grippe flach. Die Anlage in industrieller Einöde, umgeben von grauen Betonklötzen, dagegen wirkt das Stadion am Zoo in Wuppertal anheimelnd und freundlich. Hinzu kommt, dass das Stadion zwar eine gewagte und interessante Tribünendach-Konstruktion besitzt, aber eben so ein typisches 70er-Jahre-Stadion ist, mit ganz viel Plastik, auch schön in den damaligen Trend-Farben knallorange und giftgrün. Wie gesagt, es wäre mal eine LSD-Studie Wert.

Als ersten würde ich den Stadionsprecher vorschlagen, seit dem jetzt schon legendären Auftritt seines Freialdenhovener Pendants Franz Weidinger im Internet höre ich bei diesen Herrschaften genauer hin. Das lohnte sich bei ihm auch. Zunächst mit größten Mühen bei der wenigstens halbwegs korrekten Aussprache von ausländischen Spielern beider Teams, versuchte er aber immer noch, freundlich zu sein. Das verging ihm dann bei einer kleinen Rauchentwicklung vor Spielbeginn auf der Tribüne, die vollständig in Fortunen-Hand war. Denn nach dem Standard-Spruch, dies bitte zu unterlassen, schob er dann noch patzig nach: „Der Schiedsrichter braucht das Spiel auch gar nicht erst anzupfeifen!“ Und man meinte sogar, über Lautsprecher dieses gewisse Stampfen zu hören, das zu vernehmen ist, wenn ein bockiges Kind mit seinem Füßchen aufstapft. Wieder mal großer Sport aus der Sprecherkabine!

Auf die Reaktion der Fans hin wurde er dann noch richtig fies. Er sagte zwar nichts mehr, veranstaltete jedoch wahrscheinlich absichtlich eine so exquisite Marter für die Tribüne, dass sich die Chinesische Wasserfolter dagegen wie Topfschlagen ausnahm: obwohl es nix durchzusagen gab, ließ er einfach die Lautsprecher-Anlage an, wohlwissend, dass viele Leute im Stadion die Zwischenstände an die Daheimgebliebenen per SMS übermitteln würden, was natürlich alle zwei Minuten eine ordentliche Rückkopplung zur Folge hatte, dass es auf der ganzen Tribüne nur so brummte. So werden Fortuna-Fans auf Auswärtsfahrten weich gekocht! Aber das wurde genauso fröhlich ignoriert wie der eigens aus Köln eingeflogene Sicherheitsdienst, der zum größten Teil auf merkwürdig unbehaarten Gestalten beruhte, die die mangelnde Haarpracht auf dem Kopf sehr wirkungsvoll durch überdurchschnittliche Bräune im Gesicht wettzumachen versuchten. Und dann war da noch das blonde Mädel, das komplett mit angeleintem Hund unter den Asi-Toaster-Liebhabern weilte, und auch einige bewundernde Blicke und Zwischenrufe erntete, bis sie vor meinen Augen damit begann, ihren Hund abzuknutschen. Was mich wieder auf die Frage mit den Drogen bringt, aber gut…

Und natürlich wollen wir auch am Lob nicht sparen: die ganze Veranstaltung war erstklassig organisiert, und es waren richtig liebenswerte Gastgeber. Okay, dass der Spitzname der Truppe ausgerechnet „Die Roten Teufel“ lautet, das ist eigentlich nicht zu verzeihen. Jedoch kann ich das entspannter sehen, wenn in den wohl extra für diesen Auftritt angefertigten „Teufel“-Trikots mit der Aufschrift „Wir bleiben drin!“ nette Mädels stecken, die im Zelt bedienten, und nicht irgendwelche Blutgrätscher, Schwalbenkönige oder Dauerpöbler aus der Region. Als es kurz vor Spielbeginn so richtig anfing zu schütten, und viele Fans noch vor dem Eingang standen (das Spiel begann deshalb auch mit 10 Minuten Verspätung), da wurde unbürokratisch den Leuten mit den Stehplatzkarten für einen Euro Aufschlag der Zugang zur Tribüne ermöglicht, so dass diese wirklich knüppelvoll war, und erst dann die Letzten im Regen stehen mussten. Für all dies und noch mehr gebührt den Gastgebern ein großes Lob, da hat so ein kleiner Aufsteiger all diesen Sicherheits-Leuten mal gezeigt, wie gut man Deeskalation schaffen kann, wenn man nur mal flexibel reagiert. Daher machte das etwas martialische Auftreten des Sicherheitsdienstes dann auch nix mehr, das wurde locker mit einem vielstimmigen Chor: „Und ihr macht unseren Sport kaputt!“ beantwortet und ansonsten ignoriert.

Den absoluten Knaller erblickte ich aber auf der Tribüne. Liebes Erst- und Zweitliga-Event-gestählte Leservolk: Kaffee und Kuchen, von Vereinsmitgliedern, Spielerfrauen und was weiß ich wem serviert, direkt an jedem Treppenaufgang! Dass man das noch erleben darf! Dementsprechend wurde auch jeder Neuzugang, der mit einem Stück Backware zu unseren Sitzreihen vordrang mit einem stürmischen „Streuselkuchen, Streuselkuchen, hey, hey!“ begrüßt. Ja, so schön kann Fußball noch sein! Wenn es in einer anderen Stadt, in einem anderen Stadion, mit einem anderen Wetter gewesen wäre, hätte man sich glatt so richtig wohl fühlen können.

Ach ja, und mit einem anderen Spiel natürlich. Fortuna wollte nämlich erstmals in dieser Saison an alte Zeiten anknüpfen, hatte den Kuchen wohl schon gegessen, bevor er überhaupt gebacken worden war und erstolperte sich ein mühevolles 1:1. Der Punktgewinn war zwar aufgrund der Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit verdient, aber trotzdem recht glücklich. Dabei hätte man gewarnt sein können: mit Herrn Gamgoum lief nämlich bei den Bergischen mal wieder jemand auf, der einst glücklos das Trikot der Fortuna getragen hatte. Wie heiß der auf den Auftritt war, konnte man schon daran sehen, dass er den Zorro gab und mit einer Gesichtsmaske auflief, aufgrund einer noch nicht abgeheilten Verletzung. Fortan grätschten er und seine Kollegen auf dem durchgeweichten Rasen alles weg, lieferten ein furioses Kampfspiel, und natürlich war es Gamgoum, der nach dem ungeschriebenen Gesetz ehemaliger Fortuna-Spieler kurz vor der Halbzeitpause nach einem prima Konter das 1:0 erzielte. Sichtlich verdutzt begab man sich in die Pause, während die circa 200 Fans der Bergischen, die sich unter den 4.500 Zuschauern befanden, und deren größter Teil sich auf der Tartanbahn am Spielfeldrand wiederfand, weil auf der Tribüne kein Platz mehr war, schon vom großen Coup träumten.

Er gelang dann doch nicht ganz, denn Fortuna schaffte in einer druckvollen zweiten Halbzeit durch einen Kopfball von Böcker noch den Ausgleich, aber nur kurz zuvor hatte wiederum Gamgoum die Entscheidung auf dem Schlappen, zielte aber Zentimeter über den linken Torwinkel. Und nachdem es noch das kürzeste Überzahlspiel in einer Partie gab, an das ich mich erinnern kann – erst musste Lorenzón mit Gelb/Rot wegen wiederholten Foulspiels vom Platz, im Gegenzug folgte ihm dann Ex-Profi Mademann auf Seiten der Bergischen mit der selben Farbkombination unter die Dusche -, war auch schon Schluss, und man konnte mal kurz tief durchatmen. Noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen.

Aber bei allem Ärger über den verschenkten Sieg: ist nicht eine verpatzte Generalprobe die Grundvoraussetzung für eine gelungene Premiere? Denn eine Woche später kam es zum ersten „richtigen“ Spitzenspiel der Saison, Erster gegen Zweiter, Fortuna gegen die Amateure von Borussia Mönchengladbach.

Und man braucht nur ein Wort, um die Stimmung am darauf folgenden Sonntag im Flinger Broich zu beschreiben: ausverkauft! Naja, nicht ganz, 7.100 passen angeblich rein, an diesem Nachmittag waren es 7.055 Zuschauer, die die Hütte voll machten. Vielleicht hätten noch ein paar in den Gästeblock gepasst, aber ich wage es zu bezweifeln. Es wurden nicht nur Zuschauer auf dem Dach des Fan-Containers gesichtet, sondern auch auf dem Stück Bahndamm, der oberhalb der Süd-Ost-Ecke des Stadions verläuft, und der ein zwar nicht ungefährliches, aber immerhin kostenloses Zuschauen für einige Dutzend Fans ermöglichte. Laut Fortuna-Geschäftsführer Paul Jäger hätte man für das Spiel 12.000 Karten verkaufen können. Endlich mal wieder ein Spitzenspiel in Düsseldorf!

Und das galt auch durchaus für die beteiligten Spieler. Unter der Woche hatte Fortuna nämlich zuvor im Kreispokal antreten müssen, es gab ein ungefährdetes 2:0 beim FC Büderich, einem Kreisligisten mit Cheerleadern, der sich über 1.600 Zuschauer freuen durfte, aber nicht über die Pokalsensation. Viel wichtiger war jedoch, dass diese bessere Trainingseinheit natürlich ein Pflichtspiel darstellte, als solches in der Sperre von Torjäger Mayer berücksichtigt wurde, die mit dieser Partie abgelaufen war, und der somit gegen Mönchengladbach auflaufen durfte. Also durfte er antreten gegen einen ebenbürtigen Konkurrenten auf der anderen Seite, Marcel Podszus, Torjäger der Gladbacher Amateure, der auch eine besondere Affinität zu Fortuna besitzt: im letzten Jahr in der Sommerpause fast verpflichtet, zog es ihn dann doch zunächst zu Fortuna Köln und anschließend nach Mönchengladbach, wobei er natürlich ausgerechnet gegen Fortuna besonders gutes Zielwasser zu sich zu nehmen scheint: mit Fortuna Köln zwei Hütten am Flinger Broich, in der letzten Rückrunde ein Tor für Mönchengladbach gegen Fortuna am Bökelberg, im unlängst durchgeführten Niederrheinpokal-Spiel am Flinger Broich wieder eingenetzt – da war äußerste Vorsicht geboten. Auch wenn der gewiefte Fortunist natürlich weiß, dass Herr Podszus in keinem der drei aufgeführten Spiele als Sieger vom Platz ging. Aber das konnten die Gladbacher mit einer anderen Statistik kontern: im letzten Jahr spielten sie am ersten November-Wochenende in Düsseldorf und brachten Fortuna die erste Heimniederlage bei. In diesem Jahr war es wieder das erste November-Wochenende, Fortuna wiederum zuhause (und überhaupt) noch ungeschlagen. Duplizität der Ereignisse? Gladbachs Trainer Manni Stefes tat alles, um es wahr werden zu lassen und konnte sich dabei auch der Mithilfe von Holger Fach gewiss sein – klar, sind ja auch beides Ex-Fortunen. So bot Stefes im Sturm neben Podszus tatsächlich noch Peter van Houdt auf, und im Mittelfeld sollte Marcel Ketelaer die Fäden ziehen. Außerdem standen mit Torwart Melka und Abwerhspieler Gaede noch zwei weitere Spieler mit Profi-Erfahrung auf dem Platz. Sie wollten es also wissen.

Sie erfuhren es sofort: nach 30 Minuten stand es 3:0 für Fortuna, Mayer, Tytarchuk, Mayer, fertig war die Laube. Die Gladbacher wurden in der ersten Halbzeit auseinander genommen, gerupft, ach, was sage ich, demontiert. Was Ketelaer im Mittelfeld veranstaltete, hatte zwar Hand und Fuß, aber jedes Mal, wenn er den Ball abspielte, war der Angriff auch schon wieder vorbei, van Houdt hätte sich während des gesamten Spiels auf den Bahndamm stellen können, es wäre niemandem aufgefallen, Podszus gab nicht einen Torschuss ab. Dass Fortuna-Keeper Deuß das gesamte Spiel über nahezu arbeitslos war, sagt wohl alles. Gladbachs Abwehr-Chef und Urgestein Schulz-Winge, seit Jahren aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken und ebenso lange nicht mehr beim Friseur, träumt wohl heute noch von der ersten Halbzeit, nach der er entnervt aufgab, weil ihm die Fortuna-Stürmer Knoten in Beine spielten, wie es ihm wahrscheinlich zuletzt in der D-Jugend passiert ist. Und nimmt man den Freistoß von Zeyer an den Pfosten und die 100%ige Torchance von Sesterhenn, der freistehend an Melka scheiterte, noch dazu, hätte es zur Halbzeit 5:0 stehen können – und zwar verdient!
Eine Bekannte von mir, die ich in der Halbzeitpause traf, meinte völlig entgeistert: „Da geht man jahrelang zu Fortuna, aus Mitleid, damit die überhaupt noch Zuschauer haben, und jetzt zerlegen die den Tabellenzweiten in einer Halbzeit in seine Bestandteile! Daran muss man sich erst mal gewöhnen!“ Mir ging es ähnlich, und auch andere Leute standen mit offenem Mund da.

Nun, in der zweiten Halbzeit hatten wir reichlich Gelegenheit, ihn wieder zuzumachen, denn Fortuna verwaltete das Ergebnis nur noch, was allerdings auch kein Problem darstellte, da Mönchengladbach auch so nichts auf die Reihe bekam. Der Ehrentreffer von Ex-Profi Peter Wynhoff (ja, die Glatze spielt immer noch, und war neben Ketelaer einer der Fleißigsten – das sollten sich die Jungspunde mal zu Herzen nehmen) in der 87. Minute war tatsächlich der erste Torschuss der Ostholländer im gesamten Spiel. Der wiederum brachte Fortuna-Trainer Massimo Morales so auf die Palme („Ein Italiener kassiert nicht gerne solche Tore!“), dass er zur Trinkflasche griff, aber nicht einen kleinen Beruhigungsschluck nahm, sondern dieselbe erbost von sich schleuderte, wobei sich der Pressesprecher nur mit kühnem Sprung zu retten wusste. Mamma mia!

Alles in allem eine überzeugende Vorstellung, die von höheren Weihen träumen ließ. Aber falls der gemeine Borussia Ostholland-Fan und Hobby-Statistiker hier bei der Erwähnung des Namens „Podszus“ zu Beginn des Spielberichts leicht zusammen gezuckt ist, dann darf ich ihm versichern, dass es einer ganzen Reihe Leute auf der Tribüne genauso ging. Denn war der nicht einen Tag zuvor beim Bundesliga-Spiel der Gladbacher Profis gegen Hansa Rostock eingewechselt worden? In der Tat. Nanu? Dies führte zu einigen Fragen, die sich aber mit Blick auf die entsprechende Vorschrift und anschließendes Kopfschütteln leicht klären lassen.

§ 11 Spielordnung ( SpO) DFB

Spielberechtigung von Amateuren und Nicht-Amateuren ohne Lizenz in anderen Mannschaften des Vereins nach dem Einsatz in einer Lizenzspieler-Mannschaft

1. Amateure oder Nicht-Amateure ohne Lizenz eines Vereins dürfen in Lizenzspieler- Mannschaften eingesetzt werden (§ 53 Nr. 3. der DFB-Spielordnung).

3. Nach einem Einsatz in einem Pflichtspiel einer Lizenzspieler-Mannschaft sind Amateure oder Nicht-Amateure ohne Lizenz des Vereins, auch wenn sie nicht Stammspieler der Lizenzspieler-Mannschaft sind, für das nächste Pflichtspiel der ersten Amateur-Mannschaft und alle anderen Mannschaften ihres Vereins mit Aufstiegsrecht, längstens für zehn Tage, nicht spielberechtigt.

Dies war die Regelung bis zum Ende der letzten Saison, demnach wäre der Einsatz unzulässig gewesen, und wir hätten das Spiel im Moment des Anpfiffs gewonnen, aber jetzt kommt´s: pünktlich zu Beginn der neuen Saison war der DFB, der große Hüter und Bewahrer des Amateur-Fußballs, so frei, folgende Ergänzung in seine SpO aufzunehmen:

4. Die Einschränkungen gemäß Nrn. 2. und 3. gelten nicht für Amateure und Nicht-Amateure ohne Lizenz der Lizenzvereine oder Tochtergesellschaften, deren 1. Amateur-Mannschaft in den Spielklassen Regionalliga oder Oberliga spielt. In den Spielklassen unterhalb der Oberliga gelten die Einschränkungen gemäß Nrn. 2. und 3. nicht für Amateure und Nicht-Amateure ohne Lizenz, die mit Beginn des Spieljahres am 1.7. das 24. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.

Wofür die „Regel“ (die jetzt wohl eher eine „Ausnahme“ ist) dann überhaupt noch gut sein soll, bleibt mir leider verschlossen und bedarf daher meinerseits keines weiteren Kommentares.

Erstaunlich darüber hinaus, dass die Offiziellen der Borussia eine ganz andere Erklärung für Podszus’ Einsatz hatten: danach befragt, erklärten sie nämlich, ein Einsatz wäre möglich, weil Podszus in der vorherigen Bundesliga-Partie gegen Hansa Rostock weniger als 15 Minuten auf dem Spielfeld gestanden habe…Ich hoffe ja mal, dass das eine Art galliger Scherz im Angesicht der klaren Niederlage war…ansonsten sollte man sich ernsthaft Gedanken über eine Fortbildung im Funktionärswesen auch bei Bundesliga-Vereinen machen. Aber so ärgerlich dies auch ist, an jenem Tag kümmerte es wirklich keinen mehr sonderlich.

Eine Woche später ging es ins Münsterland, zum 1. FC Bocholt, und da will ich es so kurz machen wie die Mannschaft es am Hünting tat: sie daddelte 25 Minuten ein wenig rum, zog dann kurz das Tempo an und führte zur Halbzeit 3:0 durch ein Kopfballtor von Schön und zwei Treffer von Tytarchuk gegen bedauernswerte Gastgeber, die kein Bein auf die Erde bekamen.

6.700 Zuschauer, davon 6.000 Fortuna-Fans (!), hatten danach reichlich Zeit, den landschaftlich reizvoll gelegenen Hünting in allen Einzelheiten zu studieren, denn in der zweiten Halbzeit tat sich nicht mehr viel, Bocholt kam einmal nach vorne, erhielt einen Elfmeter und netzte zum 1:3-Ehrentreffer ein, mehr nicht.

Und am gestrigen Sonntag kam es dann zum Aufeinandertreffen mit dem Club meines derzeitigen Wohnortes, dem Bonner SC. Ein Verein, bei dem es sich immer lohnt, das Tagesgeschäft zu beobachten, ist doch dort teilweise mehr los als sonntags auf dem Platz. Die Leser des letzten Kapitels werden sich erinnern, dass diesbezüglich schon so einiges an Skandalen und Vorfällen in dieser Saison erreicht wurde, wovon auch Schlacke 05 zu seinen „besten“ Zeiten nur hätte träumen können.

Aber der Inhalt dieses letzten Kapitels ist ja auch schon wieder vier Wochen alt. Ein Grund mehr für die Bonner, mal wieder richtig loszulegen, nicht, dass mir hier noch der Stoff ausgeht. Zum Schreiben, meine ich. Jede soeben vermutete Ähnlichkeit mit den Bewohnern von Bergisch Gladbach weise ich im Zusammenhang mit der Wortwahl weit von mir.

Da gibt – nein, gab – es bei Bonn einen Spieler namens Mikhail Sajaia. Ein Guter, nicht nur bereits mehrfacher Torschütze in dieser Saison, sondern besonders im kongenialen Zusammenspiel mit Stürmer Sieah, der mit 10 Treffern immer noch an der Spitze der Torjäger-Liste der Oberliga Nordrhein steht. Diesem Sajaia hatte man vor der Saison einen Vertrag gegeben mit der Option, in der Winterpause wechseln zu können, bei entsprechendem Angebot. Nun, das Angebot kam wohl früher als erwartet, denn vor zwei Wochen fing Sajaia an, öffentlich über das Training des neuen Coaches Höck zu stänkern. Dies sei so ziemlich das Letzte. Und obwohl das auch von Sajaia so ziemlich das Letzte war, zumal eins der Angebote wohl von der SpVgg Bayreuth kommen soll, Club des Ex-BSC-Coach und Sajaia-Fans Lettieri, so offenbarte sich noch etwa gänzlich Unerwartetes nach diesen Worten: aus der Mannschaft gab es teilweise Zustimmung, und rund um den Bonner Nordpark berichtete man sich, dass auch die anderen Spieler weder Coach noch Training allzu Ernst nähmen und so ziemlich machten, was sie wollten. Club-Diktator Viol griff mal wieder durch und suspendierte Sajaia für das Spiel gegen Velbert, in dessen Halbzeitpause er ihn dann feuerte. Und zwar mit Worten, die jeder in diesem Lande, der vom selben Schlage eines Herrn Viol ist, so richtig gut versteht: „Jetzt kommen die ganzen Quertreiber hoch. Erst wenn die ausgemerzt sind, wird wieder Ruhe in den Club einkehren.“ Da weiß man doch gleich, wo man gelandet ist. Viol sieht nicht nur Nürnbergs Chef-Exekutor Michael Adolf Roth ziemlich ähnlich, der nach dem Lübeck-Spiel seiner Truppe schon mal lautstark darüber sinnierte, den ein oder anderen seiner Angestellten kurzerhand zu erschießen, nein, er benimmt sich auch so. Sehr zur Freude der Gegner seines Teams, denn ohne Sajaia (und den zuvor schon suspendierten Kapitän Jakob Guhn) lahmt das ganze Bonner Spiel, hängt vor allem Sieah ziemlich in der Luft, was man auch daran sehen konnte, das er beim gestrigen Spiel am Flinger Broich genau einen Torschuss während der gesamten Partie abgab.

Ach ja, das Spiel. Nein, bevor wir dazu kommen, hat der liebe Gott noch den Bonner SC geschaffen. Denn dieser Vorfall mit Sajaia ereignete sich in der vorletzten Woche. Und eine komplette Woche bis zum nächsten Spiel lässt man hier nicht gerne ungenutzt verstreichen. Und so gab es in der letzten Woche im Training mal wieder eine kleine Schlägerei, an der mal wieder der schon prügel-erprobte Daniel Sengewald sowie der Ex-Bonner-und-momentan-wieder-Testspieler René N’Dombasi beteiligt waren. Und da so eine Hauerei mittlerweile anscheinend gute Bonner Art ist, war Sengewald trotzdem im Kader für das Fortuna-Spiel und Trainer Höck möchte N’Dombasi trotzdem verpflichten, obwohl der nach Zeugenaussagen dem Kontrahenten auch noch in die Rippen getreten haben soll, als dieser bereits am Boden lag. Der Coach stellt sich anscheinend wirklich auf Abstiegskampf ein.

Also, ich finde, irgendeinen Preis müssten die Bonner, unabhängig von ihrem Abschneiden in dieser Saison, eigentlich gewinnen, denn Entertainment wird hier wirklich reichlich geboten. Freiwilliger Trainer-Rückzug, ausstehende Gehälter, Spielerstreik, Rausschmiss des Kapitäns, Prügeleien in der Kabine und auf dem Platz, fliegende Wasserflaschen mit anschließenden Platzwunden bei Unbeteiligten, schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit, noch ne Suspendierung, ganz nebenbei sitzt Stamm-Keeper Martin Sheybal seit Wochen in seiner Heimat Slowakei fest, weil seine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis abgelaufen ist – und dabei ist die Vorrunde noch nicht mal vorbei. Man möge mir also verzeihen, wenn auch dieses Kapitel, das doch eigentlich dem Spitzenreiter der Oberliga Nordrhein gelten sollte, wieder in etwas finstere Gefilde abgleitet – aber den Bonner SC kann man derzeit eigentlich nur gern haben.

Okay, jetzt zum Spiel, kurz und schmerzlos, in der ersten Halbzeit hatte Bonn zwar die erste Chance, aber das war es dann auch, Bellinghausen und Niestroj besorgten eine 2:0-Halbzeit-Führung, alles war gut.

Danach wechselte Bonns Trainer Höck den bewussten Herrn Sengewald ein, und bei dessen Anblick war allen sofort klar, warum der jede Pöhlerei mit seinen Mannschaftskameraden in den letzten Wochen unbeschadet überstanden hat, der sieht nämlich so aus, als ob sie ihn unmittelbar vor jedem Spiel vom Tresen wegholen würden und ähnelt damit so einigen Kugelblitzen, die wir bislang als Schiri-Assis an der Linie bewundern durften. Früher wurde so was „Die Walz von der Pfalz“ genannt und für teuer Geld nach Verona verscherbelt. In seiner ersten Aktion rannte er Stürmer Mayer über den Haufen, der anschließend geglaubt haben mochte, es wäre ein Panzer über ihn hinweg gerollt. Im Laufe der zweiten Halbzeit wurde aber auch klar, warum der Trainer ihn wohl auch gebracht hätte, wenn er in der Nacht vor dem Spiel zum Aufwärmen den Bonner Platzwart umgenietet hätte: der Mann war in der zweiten Halbzeit mit Abstand bester Bonner, klar, wenn das Spiel zu schnell wurde, kam er nicht mehr nach, aber seine Pässe nach vorn hatten Hand und Fuß – nicht ein Fehlpass dabei! Und einen ordentlichen Schuss hat er auch noch, wie Torwart Deuß feststellen durfte. Der war daraufhin anscheinend so verwirrt, dass er bei einer harmlosen Flanke kurz vor Schluss noch daneben griff, und Scherer per Kopf den Anschlusstreffer erzielte. Aber sie waren einfach zu harmlos, im Gegenzug spielte Fortuna mal eben wieder schnell und Zeyer erzielte vor 5.300 Zuschauern das 3:1. Unheimlich, so langsam aber sicher.

Habe ich da nicht grad was von Schiri-Assi erwähnt? Die Herren an der Linie scheinen in letzter Zeit in der Tat das Problem zu sein, denn während wir uns über die Schiedsrichter-Leistungen zuletzt nicht beklagen konnten, winken sich die Männeken an den Linien teilweise abenteuerliche Sachen zusammen, und zwar durchaus jeweils bei beiden Mannschaften, also nicht nur durch die Fortuna-Brille gesehen. Nachschulungsbedarf scheint hier durchaus gegeben. Der Herr auf der Westtribünenseite gestern war so „gut“, dass er schon gar nicht mehr beschimpft, sondern mit Sprechchören „Wir woll’n die Fahne seh’n!“ gefeiert wurde. Klar, als ungeschlagener Spitzenreiter erträgt man solche Herrschaften natürlich leichter.

Womit wir bei der Tabellensituation wären. Fortuna wie gesagt Spitzenreiter, mit drei Punkten Vorsprung vor dem mir langsam unheimlich werdenden Aufsteiger Yurdumspor Köln. Die haben seit der 1:4-Pleite gegen uns im Oktober sämtliche nachfolgenden Spiele gewonnen! Hängt natürlich auch ein bisschen damit zusammen, dass ihr Neuzugang Gülünoglu, dem ein oder anderen vielleicht noch aus seiner Zeit beim VfL Bochum unter Klaus Toppmöller bekannt, immer besser in Schwung kommt. Beim 6:0 gegen Freialdenhoven markierte er mal eben vier Treffer. Dieses Spiel hatte auf dem Dorf natürlich weitreichende Folgen, man munkelt, Stadionsprecher Franz „das Kölsch“ Weidinger sei heimlich in der Düsseldorfer Altstadt gesehen worden, wo er unter der Hand einen Sechser-Pack Schlösser-Alt erstand, während Pressesprecher Lothar „1945“ Offermanns sämtliche Hilfslieferungen nach Köln-Chorweiler eingestellt und bereits mit Steckrüben-Boykott im nächsten harten Winter gedroht haben soll. Immerhin hatten die Freialdenhovener danach noch ein Erfolgserlebnis, als sie bei den Amateuren von Borussia Mönchengladbach, die derzeit völlig von der Rolle sind, ein 1:1 holten, obwohl die Gladbacher mit Pletsch, Eberl und Skoubo auf dem Platz mal wieder alle Register des § 11 SpO zogen.

Fünf Punkte zurück sind die Amateure von Bayer Leverkusen, die aber nächste Woche bereits Tabellenführer sein können. Diese mathematische Unmöglichkeit erklärt sich durch die U20-Weltmeisterschaft vom 24. November bis 19. Dezember in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Da voraussichtlich drei oder vier Bayer-Talente zum WM-Kader gehören, finden alle restlichen Oberliga-Hinrunden-Spiele der Leverkusener im Monat November statt. Das für den Sonntag, 7. Dezember, angesetzte Auswärtsspiel bei Yurdumspor Köln findet jetzt am nächsten Samstag, 22. November (14.30 Uhr), statt. Und das Heimspiel gegen Borussia Wuppertal wurde auf übermorgen, Mittwoch, 19. November (20 Uhr), terminiert. Da es bei uns am nächsten Samstag in Ratingen (14.30 Uhr) nicht um Punkte, sondern um Pokal-Ehren geht, könnte Leverkusen also mit zwei Siegen vorbei ziehen.

Beschenkt hat Fortuna die Fans nicht nur mit bislang tollen Leistungen und weiterhin null Niederlagen in Pflichtspielen, nein, die Fans schenkten auch zurück und danken mit einer neuen Anzeigetafel. Und wenn man keinen Platz und kein Geld für so eine teure elektronische Spielerei hat, dann bastelt man sich so ein Ding halt selbst. Das Teil trotzt jedem Wetter und ist wohl nur durch übermäßigen Alkoholgenuss der Bedienung zu erschüttern. Wobei der „Gast“-Halter derzeit ja nur wenig Arbeit hat. Hoffen wir, dass es so bleibt.

PS. Nein, ich komm nicht drumherum. Heute las ich in der Zeitung, dass Bonns Machthaber Viol ein ebensolches Wort bezüglich der Oktober-Gehälter gesprochen hat. Die gibts am nächsten Donnerstag. In bar. Oder am nächsten Sonntag nach dem Spiel. Per Scheck. Oder so.

In diesem Sinne: eine schöne Adventszeit!

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