Von fliegenden Klobürsten und ungeschriebenen Gesetzen

ARAG-Pokal: Fortuna Düsseldorf – RW Essen 3:2

Wir wollen uns erinnern:. am 28.08.2002 wurde die 1. Runde des Niederrhein-Pokals gespielt, Fortuna gewann 2:0 gegen Türkgücü Düsseldorf. Aufgrund des kultigen Spiels und der doch etwas merkwürdigen Art und Weise, wie meine damalige An- und Abreise zustande kam, hatte ich damals vollmundig angekündigt, zur zweiten Pokalrunde, zum Spiel gegen RW Essen, nicht anzureisen, das wäre, im Vergleich zu dieser aufopferungsvoll kämpfenden Theken-Truppe Türkgücü, ja wohl eher langweilig. Aber wie das Leben so spielt: der liebe Gott, der Verband oder wer auch immer legte dieses Spiel ausgerechnet auf die Woche, in der ich nach Bonn zurückkehrte, nachdem ich durch einen wohlverdienten Urlaub die letzten drei Fortuna-Spiele verpasst hatte. Am Tag der Deutschen Einheit, dem 03.10.2002, wurde gekickt. Da gab es natürlich kein Halten mehr, da muss man bei der erstbesten Gelegenheit wieder ins Stadion, selbst wenn der Gegner nur Rot-Weiß Essen heißt.

Aufgrund der zu erwartenden massiven Sicherheitsvorkehrungen reisten wir somit auch schon ein wenig früher an und bekamen tatsächlich nicht nur noch einen Parkplatz ganz in der Nähe des Stadions, sondern auch eine Premiere geboten: zum ersten Mal, seitdem ich ins PJS gehe, wurde ich tatsächlich beim Einlass an der Westtribüne kontrolliert! Na endlich, hatte mich schon wie ein Aussätziger gefühlt, bei all den Klagen anderer Fans über die Durchsuchungsmethoden der Ordner bzw. Security-Leute. Jetzt kann ich endlich mitreden. Bzw. kann ich eben nicht, denn die Durchsuchung verlief vollkommen korrekt. Was aber nicht für alle gegolten haben kann, erfuhr ich doch bereits in der Halbzeit, dass ein Fan beim Einlass (allerdings an der Nordtribüne) genötigt werden sollte, seine Schuhe (!) auszuziehen, sicherlich ein besonderes Vergnügen beim vorherrschenden Wetter, und der, als er dieser Aufforderung nicht augenblicklich nachkam, mit sofortiger Wirkung vom Spielbetrieb suspendiert, d.h. abgeführt wurde. So kann man natürlich auch die Atmosphäre schon vor dem Spiel vergiften. Was das ganze sollte, entzieht sich meiner Kenntnis, man kann auch alles übertreiben. Ob noch mehr Leute heute ähnliche Erfahrungen gemacht haben, vermag ich nicht zu sagen, es würde mich allerdings nicht wundern.

Pünktlich mit Betreten des Stadiongeländes begann es dann auch noch zu regnen. Ach, wie habe ich das im Urlaub vermisst! Habe schon fast gar nicht mehr gewusst, wie so ein Regenschauer aussieht bzw. sich anfühlt. Endlich wieder Deutschland, endlich wieder Regen. Das ist Pokalwetter!

RW Essen, als Regionalligist mit zuletzt drei Siegen in Folge in der Meisterschaft natürlich klarer Favorit, so klar, dass zu meinem Bedauern mein persönlicher Freund, Mittelstürmer Achim Weber, gar nicht erst auflief. Mit dem habe ich nämlich in Jugendjahren mal kurzfristig zusammen in einer Mannschaft gespielt und konnte ihn schon damals nicht besonders leiden. Wollte ihm nur gratulieren, dass er jetzt endlich den Verein gefunden hat, der am besten zu ihm passt, aber wie gesagt: ich habe ihn nicht gesehen.

In der 1. Halbzeit war so gut wie nix los, Fortuna leicht feldüberlegen, aber harmlos, RW Essen ballsicher, ruhig, die spielten einfach nur ihren Stiefel runter, ohne sich groß anzustrengen, und das hatte auch seinen Grund: bereits nach 7 Minuten führten sie nämlich mit 1:0, als Birlin am rechten Strafraumeck eine hohe Flanke von der linken Seite aufnahm, noch drei Schritte lief und die Kugel dann unhaltbar für Koch gegen den rechten Innenpfosten und von da aus ins Netz setzte. Sah von der Westtribüne sehr nach Abseits aus, aber was soll’s, die Fahne des Schiri-Assis blieb unten, und damit galt das Tor. Wenig später ging sie zum Glück hoch, als Sascha Wolf nach schöner Kombination per Koch’schem Beinschuss das zweite Tor erzielte, das aber wegen Abseitsstellung nicht gegeben wurde. Und als Tribünensitzer, der eh wieder alles besser weiß, darf ich auch hierzu sagen: das sah weniger nach Abseits aus als das 1:0. Vielleicht eine Konzessionsentscheidung des Assis? Egal, es zählte nicht, und Fortuna blieb im Rennen.

Vorne tat sich allerdings herzlich wenig, das einzige, woran ich mich in der 1. Halbzeit erinnern kann, waren ein oder zwei Situationen, in denen einer unserer Stürmer knapp an irgendwelchen verunglückten Fernschüssen vorbeirutschten.

Nachdem unser Kapitän Frank Schön Mitte der 1. Halbzeit durch Sascha Wolfs rechten Haken unbeabsichtigt noch kurzfristig K.O. ging, gab es erst wieder in der 40. Minute Leben im Spiel.
Bzw. eben nicht, denn der Schiri pfiff das Spiel ab und unterbrach es für volle fünf Minuten, nachdem RWE-Keeper Sejna, der die 1. Halbzeit vor der Nordkurve verbringen musste, von dort wiederholt mit diversen Gegenständen beworfen wurde. Was dann unter den Augen des Schiris vom Rasen gesammelt wurde, dürfte uns endgültig für’s Guinness-Buch der Rekorde oder für einen Auftritt in irgend so einer RTL-2-Billig-Serie „Die dümmsten Fans der Welt“ qualifiziert haben. Neben Bierbechern und Bierdosen (haaaallo, Security! Soviele Schuhe kontrolliert, dass zur Kontrolle der Taschen keine Zeit mehr blieb, oder wie bitteschön, kommen volle Bierdosen ins Stadion?) wurde tatsächlich mit übergroßen Türklinken (!!) und sogar mit Klobürsten (!!!) geworfen, die findige Handwerker wohl kurzerhand aus dem Toilettenhäuschen abmontiert bzw. entfernt hatten (und damit Sachbeschädigung und Diebstahl begangen hatten, aber das nur am Rande). Nun, die Aufzählung dieser Gegenstand hier schwarz auf weiß mag zum Lachen animieren, schade nur, und um diesen Kalauer komme ich jetzt wirklich nicht rum, dass der Schiri das mit den Klobürsten ziemlich Scheiße fand, und einen fetten Sonderbericht anfertigte. Da half es auch nix, dass sogar Vorstandsmitglied Pöstges am Spielfeldrand auftauchte, und dem Schiri, nicht zu Unrecht, wie ich finde, vorwarf, er solle doch die Halbzeit zu Ende spielen lassen, da in der 2. Halbzeit beide Torleute vor ihren Fan-Blöcken stehen würden und die Werferei dann ein Ende habe. Aber das in dieser Situation sicherlich fehlende Fingerspitzengefühl des Schiris darf nicht darüber hinweg täuschen, dass hier wieder einmal nicht wieder gut zu machender Schaden angerichtet wurde. Von diesen Hohlköpfen hat natürlich keiner darüber nachgedacht, was das kosten könnte bzw. wie dicht das Spiel vor dem Abbruch stand. Dann will ich mich einmal, nur einziges Mal, ordentlich wichtig machen und zugeben, dass ich in diesem Fall über „Insiderwissen“ verfüge: bereits zur Halbzeit war von 10.000 € Geldstrafe die Rede (da unser geliebter Klub nämlich diesbezüglich bereits als „Wiederholungstäter“ gelten darf), außerdem war einer Aussage des Schiris zu entnehmen, wenn das zu Beginn der 2. Halbzeit so weiter ginge, würde er nach 10 Minuten abpfeifen und fertig. Aber Hauptsache, einige Schlaumeier hatten so richtig Spaß. Wer sind diese Leute eigentlich? Wer heldenhaft ein Toilettenhäuschen demontiert, unter Aufbietung aller körperlichen Kraft erfolgreich das Hirn ausschaltet und versucht, den gegnerischen Torhüter mittels gezieltem Türklinken-Wurf außer Gefecht zu setzen (und der Wurf zumindest war ganz klar gezielt, konnte man sehr gut sehen), der sollte sich doch mal melden, um sich richtig huldigen zu lassen. Auch dafür, dass Mannschaftsbetreuer Aleks Spengler, der das Publikum ein bisschen beruhigen wollte, sich so Nettigkeiten wie „Arschloch, Wichser“ usw. anhören durfte. Warum melden sich diese „echten“ Fans nicht mal, um sich zu ihrem beeindruckenden Engagement für den Verein gratulieren zu lassen? Tut nur keiner. Warum, ist klar: weil’s ordentlich teuer werden könnte. Sind wahrscheinlich dieselben Leute, die immer mal gerne rummeckern, warum der Verein kein Geld für eine Überdachung der Nord- bzw. Osttribüne hat. Demnächst wird’s wohl noch ein bisschen weniger sein, denn eine Geldstrafe, egal in welcher Höhe, kommt bestimmt, und bald können wir uns mal auf ein Heimspiel in Krefeld oder Ratingen einrichten, oder was sonst noch so an Rasenplätzen hier in der Gegend ist, denn die erste Platzsperre dürfte nicht mehr weit sein. Danke schön, ihr Pappnasen, das habt ihr gut gemacht. Mir tut es nur Leid, dass ich für solche Schwachmaten noch so viele Worte verschwenden muss, aber langsam hängt es mir echt zum Hals raus. Naja, wird den „echten“ Fans, denn das sind diese Werfer bestimmt alle, wohl auch ziemlich egal sein.

Achja, Fußball wurde auch noch gespielt. Die 2. Halbzeit war dann auch wirklich klasse, da konnte man alles vergessen, den Regen, die werfenden Pappnasen, die Security, das war einfach nur noch ein Erlebnis, und endlich, endlich mal wieder ein Festtag (Okay, das SW Essen-Spiel soll auch ein solcher gewesen sein, aber da war ich ja leider nicht anwesend).

Zunächst hätten die Essener Anfang der 2. Halbzeit den Sack zumachen müssen, drei, vier Hundertprozentige hatten sie, den Hundertprozentigsten klärte ausgerechnet Michi „Leichtgewicht“ Rösele, der seinen durchtrainierten Körper grad noch rechtzeitig zwischen Ball und Torlinie brachte. Was habe ich früher mal geschrieben – der Rösele habe Übergewicht? Im Leben nicht! Kampfgewicht hat er, Kampfgewicht! Sensationell. Ebenso, was Tobias Koch teilweise wegfischte. Klasse Leistung. Mittendrin doch ziemlich plötzlich der Ausgleich, als Tytarchuk rechts im Strafraum einen langen Pass von Rösele aufnahm, aus spitzem Winkel auf den Torwart zu lief und dann, wir befürchteten schon, zu spät, doch noch der Pass nach innen, wo Frank Mayer nur noch den Schlappen hinhalten brauchte, um aus ca. 1 m Entfernung einzunetzen. Ja, der Mayer! Jetzt macht er sogar schon die 100%igen rein, so langsam wird er mir unheimlich. Aber es sollte ja noch besser kommen…

Nach dem Ausgleich die beste Phase der Fortuna, Angriff auf Angriff rollte auf das Essener Tor, RWE viel zu pomadig und anscheinend wirklich der Meinung, das wäre hier ein besseres Trainingsspiel. Fortuna auch kämpferisch klar überlegen, es machte Riesenspaß, der Truppe zuzusehen.

Wie man das aber so von Fortuna kennt, in dieser spielerisch tollen Phase wurde wieder mal kein Tor erzielt, das schoss dann der Gegner, nach einer feinen Kombination über links brauchte Sascha Wolf in der Mitte auch nur noch den Schlappen hinhalten, 2:1 in der 75. Minute, keine Chance für Koch. Da dachten eigentlich alle, die Partie sei gelaufen.

Die Essener zum Glück auch, und so konnte Frank Mayer nur einige Minuten später nach Linksflanke von Niestroj völlig frei im Essener Strafraum auftauchen und zum erneuten (und auch verdienten) Ausgleich einköpfen, endlich wieder nach gewohnter Mayer-Manier: frei vor dem Tor, den Ball per Flugkopfball optimal erwischt, aber schön unter die Latte gesetzt, so dass wir im ersten Moment alle dachten, der geht mal wieder drüber. Bei jeder klaren Torchance dieses Mannes werde ich innerlich 5 Jahre älter, aber diesmal hat’s ja geklappt, ein wunderschönes Tor.

Dann wurde es dramatisch. Zunächst hinter mir, dort saß ein kleines Mädchen, ca. 8 Jahre, und wurde während des gesamten Spiels – vom Vater? Onkel? Großen Bruder? keine Ahnung – über die Feinheiten des Spiels aufgeklärt. Nachdem er ihr erklärt hatte, wer da gegen wen spielt („Das ist Fortuna, und das sind die doofen Essener“), wie sie die Mannschaften unterscheiden könne („Essen spielt blau-gelb, wie die Braunschweiger“ – die Erklärung wird das Kind sicherlich verstanden haben) und er ihr auch unseren besten Mann gezeigt hatte („Der mit den hellen Haaren, das ist der Mayer“ – Gegenfrage des Kindes ob der doch sehr blonden Haare unseres Goalgetters: „Hat der Mayer überhaupt Haare auf dem Kopf?“), war sie zum Schluss der Partie voll engagiert und als die Essener nach dem 2:2 aufs Fortunen-Tor spielten, da jammerte sie bitterlich: „Bitte kein Tor mehr schießen, Essen!“ Ja, und auch Essener sind tatsächlich nur Menschen, und wer hätte angesichts dieses verzweifelten Stimmchens noch ernsthaft daran gedacht, den entscheidenden Treffer zu markieren? Ist doch immer schön, wenn es auch im Fußballstadion noch menschelt…

Denn das Tor des Tages schoss auch wieder der Spieler des Tages. 90. Minute: Mayer läuft rechts im Strafraum einem Pass hinterher, den er nicht mehr erreicht. Als Dankeschön wird er aber noch mit ziemlichem Scheppern von Heiko Bonan an eine neben dem Tor stehende Werbebande gekegelt. Als er dort aufsteht, erntet er zunächst einige geworfene Liebesbezeigungen der dort stehenden Essener Fans (auch gesehen, Herr Schiedsrichter?) und humpelt dann mit schmerzverzerrtem Gesicht aufs Feld zurück, das rechte Knie ist angeschlagen. Er schleicht bis zur Mittellinie, wir diskutieren schon, ob er es noch in die Verlängerung schafft oder ob sofort amputiert werden muss, die Fortuna fängt den laufenden Essener Angriff ab, langer Pass nach vorne, und da ist er wieder, der Mayer, flink wie Gott ihn schuf, keine Delle im Knie und keine Bierdusche (auch in Essener Bechern, die aus Spielfeld fliegen, dürfte ab und zu noch Inhalt sein) stören ihn, er ist mit Ball schneller als Gegenspieler Brinkmann ohne, und dann schlenzt er die Kugel links unten ins Eck – 3:2, Sieg, unglaublich!

Unglaublich auch, dass wir uns mit der letzten Aktion des Spiels fast noch den Ausgleich gefangen hätten, aber Koch pariert einen Volleyschuss von Koen fantastisch, und die anschließende Ecke lässt der Schiri gar nicht mehr ausführen – Schluss, aus, Feierabend, Fortuna steht in der 3. Runde des Niederrhein-Pokals, um einen denkwürdigen Nachmittag reicher, aber wahrscheinlich um 10.000 € ärmer, nur, wen interessiert das in diesem Moment?

Ein völlig verdienter Sieg gegen eine Essener Mannschaft, die in der 1. Halbzeit, ohne sich groß anstrengen zu müssen, alles im Griff hatte, dann aber noch mehr nachließ, vor allem den Kampf nicht annahm, weil man meinte, hier im Schongang durchmarschieren zu können. Was die Leistung unserer Mannschaft besonders im 2. Durchgang aber keinesfalls schmälern soll. Ein tolles Spiel, dass auch dem Verein noch lange in Erinnerung bleiben wird, besonders, wenn die nächste Zahlungsaufforderung des Verbandes eintrudelt.

Im Internet schrieb ein Essener Fan nüchtern von einem verdienten Sieg unseres Teams, aber für sie – die Essener Fans – würde ein Spiel gegen Düsseldorf eben nicht mehr „ziehen“, schon gar nicht, wenn es nur auf Verbandsebene stattfindet. Liebe RWEler: was zieht denn jetzt für euch: Leverkusen Amateure? Dortmund Amateure? Bremen Amateure? Immer mal den Duft der großen schönen Bundesligawelt schnuppern, bei diesen Gegnern, oder was? Mein Gott, seid ihr nach der wirklich guten letzten Saison (Tabellendritter und Niederrheinpokalsieger, somit Teilnehmer am DFB-Pokal) abgehoben! Besonders schön, dass der Schreiber in dem selben Beitrag das eigene Team als „Söldner“ bezeichnete. Schon mal überlegt – wenn die „wahren“ Fans so ein Spiel schon nicht mehr wichtig nehmen, vielleicht haben die Spieler dasselbe gedacht? Wie kann man denn da als wichtige „Aber-wir-haben-auch-gegen-die Profis-von-Leverkusen-im-Pokal-gespielt“-Fans jetzt die Spieler beschimpfen, nur weil sie eure Einstellung übernommen haben? Versteh ich nicht. Aber ich bin ja auch kein RWE-Fan.

Ein dickes Kompliment an die Mannschaft für dieses tolle Spiel, viel Glück für das Spiel Sonntag gegen Ratingen, das wird nicht leicht, mit diesen knapp 100 Minuten von heute in den Knochen, sowie die eindringliche Bitte, den nächsten Pokalgegner, Olympia Bocholt, nicht zu unterschätzen. Der letzte Ausflug nach Bocholt im August, zum Lokalrivalen 1. FC, sollte uns allen noch in Erinnerung sein.

Ein schöner Tag neigt sich dem Ende zu. Und den Regen, den fand ich zum Schluss gar nicht mehr so schlimm.

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