Von Essen über Essen zum Parkplatz von Essen

Nunmehr sind 13 bzw. 12 Spieltage der Oberliga Nordrhein absolviert, und der Oberligameister der Herzen liegt auf Platz 8. Nicht gerade erfreulich, aber auch nicht so schlecht wie in den letzten beiden Jahren Regionalliga, und man ist ja dankbar für alles.

Die letzte Kunde aus der Oberliga war der lockere 4:1-Heimsieg gegen die lustige Pleite-Truppe des Rheydter SV am 08.09.2002 Genauso schnell, wie ihr diesen Satz jetzt gelesen habt, könnt ihr ihn auch wieder vergessen, der Rheydter SV ist nämlich inzwischen wirklich pleite, blank, abgezockt, aus die Maus, no credits, game over, player one – sorry, no bonus. Zwischenzeitlich stieg ein Sponsor, der wohl schon zugesagt hatte, doch wieder aus, die Wirtschaftlichkeitsrechnung des Vereins sah aus wie meine Kontoauszüge, und damit war Feierabend. Der Club wurde mit 0 Punkten und 0:0 Toren ans Tabellenende gesetzt, steht somit als erster Absteiger fest, und alle Spiele, die die Mannschaft bis dahin absolviert hatte, wurden annulliert – eben auch unser souveränes 4:1. Dies nur zur Erklärung, bevor der geneigte Leser beim Betrachten meines Einleitungssatzes der Meinung ist, ich wäre schon dermaßen in die Demenz abgeglitten, dass ich die einzelnen Spieltage nicht mehr unfallfrei zusammenrechnen könnte. Nun spielen wir das Ding halt mit 17 Vereinen zu Ende.

Nach diesem Spiel verabschiedete ich mich erst mal drei Wochen in Urlaub, und es geschah gar Wundersames: Fortuna gewann auch die nächsten beiden Spiele, insgesamt somit vier Partien in Folge, und stand plötzlich auf Platz 3! Zunächst ein hochdramatisches 3:2 beim ETB SW Essen, ein Spiel, das jeder, der es gesehen hat (ich also nicht), wohl nicht vergessen wird. Zur Halbzeit 1:1, und Fortuna nur noch zu zehnt nach Gelb/Rot für Sesterhenn. Anfang der zweiten Halbzeit macht Mayer das 2:1, die zehn Fortunen verteidigen den Vorsprung auf Biegen und Brechen, kassieren kurz vor Schluss doch noch den Ausgleich, in der 90. Minute fliegt noch ein Essener vom Platz, und als seine Sportskameraden ihm direkt hinterher unter die Dusche folgen wollen, schießt Fortuna in der Nachspielzeit noch das 3:2-Siegtor durch Schön, gefolgt von einem absolut friedlichen Platzsturm begeisterter Anhänger, die nach dem 7. Spieltag bereits den Aufstieg feiern wollten, dabei aber völlig übersahen, dass der Schiri das Spiel noch nicht beendet hatte. So gab es zwar drei Punkte, der Spaß kostete aber 1.500 € Geldstrafe, wobei Fortuna nicht Fortuna wäre, wenn nicht ein Großteil des Geldes in den letzten Wochen von den Fans gespendet bzw. gesammelt worden wäre. Nebenbei durfte auch Essen ein wenig zahlen, denn die hatten mit sensationeller Organisation auch zum guten Gelingen des Spiels beigetragen, z.B. durch einen Bierstand, der mitten auf der Laufbahn (!) stand und nur durch Trassierband (!!) gegen das Spielfeld abgegrenzt war. Wohl dem, der solche Ideen hat!

Danach folgte das Heimspiel gegen Aufsteiger Union Solingen, vom Hörensagen das bislang langweiligste Spiel, da Fortuna völlig überlegen spielte, bereits zur Halbzeit 2:0 führte, und die Solinger höflich beklatscht wurden, wenn sie gelegentlich erfolgreich die Mittellinie überschritten. Und plötzlich stand die Truppe auf Platz 3. Ich erhielt die Sieges-SMS übrigens, während ich grad auf einer Tagestour durchs Gebirge von La Gomera kurvte und überlegte spontan, den Urlaub noch ein wenig zu verlängern, sah es doch so aus, als würde die Mannschaft erst dann ordentlich los legen, wenn ich nicht mehr im Stadion weilte. Leider erbrachte ein diesbezüglicher Aufruf zur finanziellen Unterstützung nicht die erforderliche positive Resonanz, so dass ich am darauffolgenden Samstag vom Flughafen Teneriffa-Süd aus per SMS verfolgen musste, wie das Team beim 1:2 gegen Borussia Wuppertal vor 3.000 mitgereisten Fortunen leider leichtfertig drei Punkte aus der Hand gab, denn der Gegner soll wohl keineswegs besser gewesen sein. Im Gegensatz zu den Ordnern der Borussia bzw. den Wuppertaler Ordnungshütern, die groß in Form waren, einigen Fortunen den Gang auf die Haupttribüne verweigerten, um die „rivalisierenden Fangruppen“ getrennt zu halten (Borussia Wuppertal verfügt über einen Stamm von circa 50 Fans – wohlwollend gezählt), und dabei großzügig übersahen, dass diese Leute zum Teil im Vorverkauf schon Tribünenkarten erworben hatten; auch diese mussten sich neue Stehplatzkarten kaufen. Des weiteren wurden völlig unmotiviert Leute aus Straßen- und Schwebebahnen oder Bussen herausgeholt und die restliche Strecke zu Fuß ins Stadion eskortiert, und noch einige andere Nettigkeiten mehr. Wobei gerade bei der Polizei dieses Verhalten verwunderte, konnte im Inneren der Einsatzwagen doch durchaus der eine oder andere WSV-Aufkleber gesichtet werden konnte. Die haben wohl schon mal geübt für den 30.11.2002, dann spielen wir nämlich erneut im Zoo-Stadion, diesmal halt gegen den WSV, der wieder mal nur Zweiter werden wird, diesen Tabellenplatz haben sie jetzt schon inne, wird also eine etwas langweilige Restsaison werden. Das gibt bestimmt ein nettes Spiel, wenn die Generalprobe schon so gelungen war…

Mein persönliches Fortuna-Live-Erlebnis begann somit erst wieder am 03.10.2002, Tag der Deutschen Einheit und Tag des Sieges über unsere Freunde von RW Essen im Niederrhein-Pokal. Zur Erinnerung, das ist der Wettbewerb, bei dem der Sieger automatisch in der nächsten Saison an der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals teilnehmen darf. Und dieses Erlebnis hatten die Essener bereits in dieser Saison (0:1 gegen Bayer Leverkusen), das war ihnen wohl zu langweilig. RW Essen war der letzte noch verbliebene Regionalligist in diesem Wettbewerb. Ich will es kurz machen wie unser Stürmer Frank Mayer, der alle 3 Treffer beim 3:2-Sieg erzielte, den letzten pokalgesetz-wirksam in der 90. Minute, so dass die Essener, die das ganze für ein besseres Trainingsspiel hielten, sich nun wirklich voll und ganz auf den Aufstieg in die 2. Liga konzentrieren können, den sie natürlich auch wieder nicht schaffen werden. An jenem Nachmittag sah ich zum ersten Mal nach drei Wochen wieder einen bewölkten Himmel und durfte spüren, was es heißt, wenn es das ganze Spiel über regnet, dafür war es auch eine Klasse-Partie mit endlich mal glücklichem Ausgang für uns. Wer es in aller Ausführlichkeit nachlesen will, der möge sich bis zum nächsten Kapitel gedulden.

Nur drei Tage später erschien die SpVgg Germania Ratingen 04/19 zum Gastspiel am Flinger Broich, Ratingen ist der Parkplatz von Düsseldorf, dementsprechend auch die Dimensionen der jeweiligen Anhängerschaft im Stadion, 3.500 Düsseldorfer und 50 Ratinger. Auch landen bei Ratingen immer gerne Spieler, die bei Fortuna irgendwann den Durchbruch nicht geschafft haben, und einer dieser Herren scheint in der C-Jugend nach einwöchigem Probetraining nicht genommen worden zu sein, weshalb er sich seine Wut jahrelang bis zu diesem Nachmittag aufgespart hatte. Und weil eine solch sportliche Einstellung auch belohnt werden muss, sei hier der Name des Kämpfers auch überregional genannt: danke, Herr Antonio Destino, dafür, dass die Partie fast eskaliert wäre, als Sie nach dem zur 2:1-Führung verwandelten Elfmetergeschenk Ihrer Truppe freudestrahlend auf die Düsseldorfer Tribüne zuliefen, dort am Zaun unmittelbar vor den Fortuna-Fans allerlei lustige Gesten zum besten gaben und sich hinterher noch darüber beschwerten, dass der Schiri Ihnen Gelb zeigte! Auch sonst benahm sich der ein oder andere Ratinger etwas merkwürdig, da wurden im laufenden Spiel schon mal diverse Mittelfinger Richtung Tribüne gezeigt, die Ersatzspieler warfen diverse Getränkereste auf diverse Art (kann sich jetzt jeder selbst vorstellen, wie er möchte) ins Publikum hinter ihnen, und ein ganz besonders Bewusstloser im Trainingsanzug wollte nach Spielschluss immer wieder debil grinsend auf den Heiligen Rasen aschen, ohne zu merken, dass er gar keine Zigarette in der Hand hielt. Neben einigen schweren Geistesstörungen scheinen in der gesamten Truppe Dutzende nicht aufgearbeitete Traumen bezüglich der Fortuna vorhanden zu sein. Meine Empfehlung: Gruppentherapien gibt es schon ab 9 Leuten verbilligt und die Krankenkassen geben auch etwas dazu.
Einen Gruppentermin solltet ihr euch schon mal auf den Tag des Rückspiels legen. Das empfehle nicht ich, sondern ein Offizieller eures eigenen Vereins, der unmittelbar nach Spielschluss bereits laut darüber nachdachte, auch das Rückspiel im Flinger Broich auszutragen, da man in Ratingen keine Zäune habe, um das aufgebrachte Fortuna-Volk aufzuhalten. Tja, wie wäre es gewesen, wenn Du das Deinen geistigen Amokläufern mal vor dem Spiel gesagt hättest? So werden wir vor dem Rückspiel bereits bei der Anfahrt mit der Straßenbahnlinie 712 voller Vorfreude an Herrn Destino und seine lustigen Spielgefährten denken, da bin ich mir relativ sicher.

Fußball wurde auch noch gespielt, Pico Niestroj machte noch das 2:2 und rettete der total platten Mannschaft so einen Punkt. Gute kämpferische Leistung, aber natürlich zu wenig, Ratingen ist ein Abstiegskandidat, auch wenn sie gut kontern können.

Aber dann: das Highlight. Ich sag nur: 13.10.2002 Wer von uns wird diesen Tag je vergessen? Er ist es wahrlich Wert, etwas genauer geschildert zu werden, was ich auch getan habe und daher bezüglich dieses lustigen 1:4 beim GFC 09 Düren auf das entsprechende Kapitel verweisen darf .

Und wieder kann ich sagen: Fortuna wäre nicht Fortuna, wenn nicht das passiert wäre, was nun folgte: da lässt sich die Mannschaft auf dem Land vom bis dato sieglosen Tabellenletzten demütigen, auseinandernehmen, teilweise lächerlich machen; dann kommt nur fünf Tage später der Tabellenzweite nach Düsseldorf, und was passiert: sie holen in einem großartigen Kampfspiel bei strömendem Regen ein 2:2 gegen Fortuna Köln. Okay, zum einen ärgerlich, weil man nach zwölf Minuten schon 2:0 geführt hatte (beide Tore wieder durch Mayer), allerdings hatte der Zwei-Tore-Vorsprung, wie üblich, gerade mal eine Minute Bestand, dann kam der Anschlusstreffer, zum anderen aber auch glücklich, denn – es schmerzt, dies zu schreiben – Fortuna Köln war mit Abstand die beste Mannschaft, die ich bislang in dieser Saison gesehen habe. Blindes Verständnis, erstklassige Technik und tolle Kombinationen auf diesem rutschigen Boden – das war aller Ehren Wert. Zum Glück vergaßen sie dabei das Toreschießen, zum Glück hielt unsere Fortuna kämpferisch voll dagegen, zum Glück hatte unser Torwart Tobias Koch einen guten Tag erwischt – so gesehen ein durchaus verdientes Unentschieden, auch wenn die 2:2-Spiele mir langsam ein wenig auf den Wecker gehen. Obwohl, man muss dankbar sein – es hätte ja auch alles 0:0 enden können.

Ein solches folgte dann am letzten Sonntag bei der SSVg „Deutschnational“ Velbert, das ist immer noch der Parkplatz von Essen. Aber hier zunächst mal ein Dankeschön an die Velberter „Fans“: ich persönlich wusste schon immer (wegen herkunftlicher Nachbarschaft), was ich von euch halten musste. Für den Fall, dass bei den anderen Düsseldorfer (oder gar neutralen) Zuschauern diesbezüglich noch Nachholbedarf bestanden haben sollte, hattet ihr gut vorgesorgt. Ein Transparent mit der Aufschrift „Lieber tot als rot“, Zaunfahnen diverser Wehrsportgruppen, äh Fan-Clubs mit so sportlichen Namen wie „White Boiz“, „Brigade Velbert“ oder „Velbertfront“ – ja, zum Kuckuck, da weiß man doch direkt, wo man gelandet ist, und braucht sich diesbezüglich keinen Illusionen mehr hinzugeben. Danke schön. Wobei mir durchaus bewusst ist, dass auch wir einige dieser ziemlich verwirrten Herrschaften in unseren Reihen haben, man zeige mir einen Verein mit etwas größerer Anhängerschaft, bei dem das nicht der Fall ist, bei euch sieht es aber wirklich so aus, als müsste man sich um den diesbezüglichen Nachwuchs keine Sorgen machen. Der Verein SSVg Velbert hat sich schon des öfteren von diesen Leuten distanziert, und so will ich denn mal gerne glauben, dass die Rekordeinnahme bei 2.600 Zuschauern letzten Sonntag (sonstiger Schnitt in Velbert: 650) in die Vereinskasse der SSVg und nicht in die Spendenkasse der NPD fließt.

Das Spiel anzupfeifen hielt ich persönlich für einen ziemlichen Witz, da es jener Sonntag war, an dem dieser nette kleine Orkan mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 130 km/h über Nordrhein-Westfalen fegte; aber das war falsch gedacht, die Sturmböen, die über den Platz donnerten und so überraschende Nebenwirkungen hervor riefen wie z.B. die Bäume, die sich in unseren Gästeblock hineinbogen, oder die Trainingstore, die mit ordentlichem Getöse andauernd gegen die Werbebanden schepperten, dieser Sturm und der Regen, der sich direkt nach Anpfiff dazu gesellte, ermöglichten doch einige unverhoffte Torchancen auf beiden Seiten, es war ein gutes Spiel, bei dem nur die Tore fehlten. Überraschend auch unser Ersatzkeeper Petrick, der schon auf der ihm vertrauten Bank Platz nehmen wollte, als sich Stammtorhüter Koch beim Aufwärmen verletzte. Er wurde ins kalte Wasser geworfen und hielt besonders in der 2. Halbzeit mit einigen tollen Paraden den Punkt fest.

Tja, und da stehen wir nun, auf Platz 8, mit 17 Punkten und einem Torverhältnis von 22:21, das ist trotz des torlosen Unentschiedens am letzten Sonntag der drittbeste Sturm, aber die fünftschlechteste Abwehr. Im großen und ganzen kann man nicht unzufrieden mit der jungen Truppe sein, aber es wurden zu viele Punkte leichtfertig verschenkt, besonders zuhause, wo es nach der Annullierung des Rheydt-Spiels ein 2:0 gegen Solingen und ansonsten vier 2:2 gab! Und drei davon musste man gewinnen, dann sähe das Tabellenbild auch etwas freundlicher aus.

Am nächsten Sonntag, 14.30 Uhr, kommt Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach Amateure in den Flinger Broich.
Das klingt spannend. Spannend wird für mich aber nur sein, mit wie vielen rekonvaleszenten Profis die Ostholländer nach dieser absurden Regeländerung des DFB diesmal rein zufällig auflaufen werden. Das Spiel selbst kann ruhig spannend sein, ich werde nicht nervös werden, denn ich weiß, wie es ausgehen wird.

Und ein 2:2 gegen den Spitzenreiter ist doch nicht das Schlechteste, oder?

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