Von Bockwürstchen und Dorfspielplätzen

GFC 09 Düren – Fortuna Düsseldorf 4:1

Gegen Mannschaften aus dem Tabellenkeller hat Fortuna schon immer schlecht ausgesehen. Remember Fortuna Köln (oder Paderborn) in der letzten Saison. Gegen Mannschaften vom Dorf lief es auch nie viel besser. Remember Teveren (oder Lüneburg). Was kann man also erwarten, wenn Fortuna beim Tabellenletzten Gürzenicher FC 09 Düren aufläuft? Richtig, eine ordentliche Packung. Und die gab es mit dem 1:4 am 17. 10.2002 auch.

Das Spiel hatte natürlich eine Vorgeschichte. Der GFC Düren darf Spiele mit erhöhtem Zuschauerzuspruch nicht auf dem heimischen Sportplatz An der Papiermühle austragen, da dieser nicht oberligatauglich ist. Bisher war man immer in den Sportpark nach Langerwehe ausgewichen. Bis die Fortuna kam. Aufgrund des guten Rufes, der uns Anhängern überall vorauseilt, wollte Langerwehe eine Bestätigung vom GFC, dass dieser für eventuell auftretende Sachschäden haften würde. Der GFC bedankte sich und lehnte ab. Dann wurde bei Alemannia Aachen angefragt, ob das Spiel nicht auf den Tivoli verlegt werden konnte. Die Aachener nannten ihre Platzmiete. Der GFC bedankte sich und lehnte ab. Dann wurde tatsächlich angefragt, ob das Spiel nicht im Flinger Broich in Düsseldorf ausgetragen werden könnte. Der Fußballverband Niederrhein bedankte sich und lehnte ab. Wettbewerbsverzerrung. Also machte man sich daran, den Sportplatz (ich sage bewusst nicht „Stadion“) des Ortsrivalen Dürener SV zum Spiel herzurichten. Abgesehen davon, dass es, um es gleich vorweg zu nehmen, nach dem, was ich gesehen habe, absolut friedlich blieb, und das ganze von „Gastgeber“seite durchaus als „gelungene Veranstaltung“ bezeichnet werden kann – das, was da als „oberligatauglicher“ Sportplatz präsentiert wurde, war ein schlechter Witz. Allerdings konnte man es, wenn man das Spiel außer Acht lässt, durchaus mit Humor sehen, denn so was wird einem auch nicht alle Tage geboten. Zunächst am Eingang ein mobiles Kassenhäuschen, sprich ein kleiner Transporter, auf den einfach ein Schild „Kasse“ geklebt wurde (an solchem Unternehmergeist sollte sich der angeblich so arg gebeutelte Mittelstand ruhig mal ein Beispiel nehmen). Der „Catering Point“ war, wie ein Schild am Eingang des „Gäste-Bereichs“ auswies, nicht nur eine offizielle Grillhütte der Stadt, sondern das gesamte Gebiet um dieses Büdchen zugleich auch ein „Hundeausführplatz“. Völlig rätselhaft in diesem Zusammenhang, warum die Dürener die Grillhütte, wenn sie denn schon vorhanden ist, nicht auch ordentlich ausnutzten. Wenn ich bedenke, was da in Bocholt an diversen Wurtsorten und Pommes über den Tisch und die Bezahlung in deren Kasse gegangen ist, hat der GFC heute echt was verpasst. Es wurden lediglich Bockwürstchen fragwürdiger Qualität offeriert, diese allerdings zum wirklich fairen Preis von € 1. Zwei mobile Bierstände, ein Toilettenanhänger vom Rummelplatz, an dem ich wirklich die radebrechende Klofrau und das Pappschild „50 Cents, danke schön“ vermisst habe, sowie ein fahrbarer Schalverkauf am Eingang rundeten das Bild ab. Gemütliches Ambiente, wobei ich persönlich mich allerdings fragen möchte, ob Schals mit der Aufschrift „Scheiß St. Pauli“ (für mich okay, bin ja selbst HSV-Sympathisant), „Keine Macht den Zecken“ nebst Deutschem Kreuz darüber wirklich verkauft werden müssen. Wie gesagt, nur eine persönliche Anmerkung, ist halt Geschmackssache, andere Leute freut es eben.

Wenn man am Bockwürstchen rechts abbog, gelangte man in die „Gästegerade“, dazu gibt es nur ein Wort: Naturtribüne, hier und da erheiterte zunächst und versperrte später der ein oder andere Baum die freie Sicht aufs Spielfeld, das zusätzlich rundum mit extra in diesen Tagen noch gelieferten Bauzäunen vom Zuschauerbereich abgetrennt war. Das Spielfeld selbst…also das Spielfeld…na ja, Rasen war es wohl, allerdings konnte man beim Warmmachen beider Teams schon erkennen, dass das Adjektiv „eben“ für diesen Platz nicht mal ansatzweise zu gebrauchen war. Und da stellen sich mir doch zwei Fragen: zum einen, wenn dieser Platz oberligatauglich gewesen sein soll, darf ich dann mal den eigentlichen Spielort des GFC An der Papiermühle sehen? Würde mich stark interessieren, wie es dort aussieht, wenn in eine solche Bruchbude umgezogen werden musste. Zum zweiten die Frage an die Dürener Politik-Lokalgrößen, die auch allesamt im Stadion waren und sich in der Halbzeit vom Stadionsprecher ordentlich abfeiern ließen: wenn ihr euch Tage vorher in der Lokalpresse schon beschwert, wie außerordentlich aufwändig das ist, gegen Fortuna Düsseldorf spielen zu müssen, warum habt ihr nicht mal ein Machtwort gesprochen und das Spiel kurzerhand ins Stadion von Düren 99 verlegt, das erheblich größer und in besserem Zustand ist? Naja, nach dem Spiel heute, da bin ich sicher, wird der GFC alle seine Heimspiele nur noch in dieser Spielstätte austragen wollen.

Das Spiel hielt dann auch, was der Platz versprach, ein größtenteils planloses Gekicke und Gebolze, Stockfehler, dass einem das Herz aufgehen konnte und der Verlust von mindestens drei Bällen in der 1. Halbzeit, die über die Zäune hinter den Zuschauerrängen flogen und nie wieder gesehen wurden. Bemerkenswert hierbei der Befreiungsschlag des Dürener Torwarts, der die Kugel in einen Baum in der Dürener „Fangerade“ beförderte, wo dieser praktischerweise gleich hängen blieb und somit nicht als verloren abgeschrieben werden musste.

Und wie das so ist, wenn man sich so schön einlullen lässt: nachdem Mayer schon nach wenigen Minuten völlig freistehend die Chance zur Führung vergab (war wohl selbst überrascht, an den Ball zu kommen), erster gefährlicher Dürener Angriff, Schuss aus 16m ans Lattenkreuz, dann noch eine Kopfballchance, völlig freistehend, gute Parade von Koch, aber dann folgerichtig das 1:0 für Düren, als Koch eine harmlose Flanke fallen ließ und der Mittelstürmer der Dürener einnetzte, nicht ohne vorher noch zwei Gegenspieler auf dem Radius eines Bierdeckels auszutanzen. Klarer Torwartfehler, aber die Frage darf erlaubt sein, warum der Spieler mit dem Abpraller noch ungehindert im Fortuna-Strafraum umher spazieren durfte, ehe er die Kugel versenken konnte. In welche Ecke des Tores er den Ball geschossen hat, kann ich übrigens nicht sagen, ein Baum versperrte mir die Sicht…

Bei Fortuna gab es bis auf die Anfangsaktion von Mayer eigentlich nur eine halbe Chance, ein Fernschuss von Frank Schön, raffinierterweise als Aufsetzer angesetzt. Gute Idee. Wenn der Ball den richtigen Hügel auf dem Spielfeld trifft, fliegt er in den Winkel. Er tat es leider nicht, und so war eigentlich logisch, dass der durchaus unverdiente Ausgleich durch eine Standardsituation zustande kam: Freistoß aus 20m in Höhe des rechten Strafraumecks, und Rösele dreht die Kugel rotzfrech fast aus dem Stand rechts um die Mauer herum ins kurze Eck, während der Dürener Torwart noch auf die Flanke wartete. Ein schönes Tor.

Halbzeit 1:1, und die Polizei, deren Hunde, die eigens mitgereisten Fortuna-Ordner und die zusätzliche Security hatten so wenig zu tun, dass man untereinander für ein bisschen Bewegung sorgte, als neben dem Toilettenwagen ein Hund mit Maulkorb unbedingt einen Ordner mit diesem schönen neongelben Fortuna-Leibchen annagen wollte. Ja, auf dem Land erlebt man Sachen…

Zweite Halbzeit, und zunächst schien alles klar: erst eine Riesenchance für Tytarchuk nach schöner Vorarbeit von Mayer, völlig frei stand er fünf Meter vor dem Tor, wirkte jedoch verwirrt, weil die zwei bis drei Gegenspieler fehlten, die er ansonsten zu umdribbeln pflegt. Als echter Sportsmann wartete er natürlich, bis diese anrückten und verlor den Ball dann. Einige Minuten später noch mal Tytarchuk mit einem Kopfball nach Freistoßflanke, leider neben das Tor gesetzt. Fortuna machte das Spiel, drängte den GFC in die eigene Hälfte, ohne großartig viele Torchancen herauszuarbeiten, aber doch überlegen, die Fans sangen schon „Und wir gewinnen sowieso“ – alles klar also.

Dann wechselte Trainer Petrovic die Herren Tauer und Cuscarevski ein. Während Tauer schon bei seiner ersten Ballberührung von seinem Gegenspieler an der Seitenlinie Richtung Bauzaun gecheckt wurde, brillierte Cuscarevski, die Entdeckung vom Freundschaftsspiel gegen Schalke 04 letzten Mittwoch (habe ich der Presse entnommen, ich selbst war am Mittwoch nicht im Stadion), durch seinen Wissensdurst, war er doch anscheinend noch mit der Zählung sämtlicher Maulwurfshügel auf dem Spielfeld beschäftigt, als ihn sein Gegenspieler auf der linken Seite in der 70. Minute einfach überlief (die Zeitangabe bedeutet,
dass sein Gegenspieler 68 Minuten länger auf dem Platz stand und ihn trotzdem wie eine Marmorstatue stehen ließ), schön nach innen flankte, wo am kurzen Pfosten die Dürener Nr. 9 lauerte und den Ball per Kopf ins lange Eck setzte. Ein prima Konter-Tor, das die Fortunen völlig außer Tritt brachte und das Spiel schließlich in der 84. und 89. Minute noch in eine Demütigung ausarten ließ: zunächst vernaschte ein Dürener bei einem weiteren Konter Torwart Koch, der „etwas“ zu weit vor seinem Tor stand, mit einem Heber aus 30m Entfernung (okay, aufgerückte Abwehr, der Torwart quasi als Libero, das lasse ich gelten), dann tanzten zwei Dürener den Fortuna-Hühnerhaufen, der die Bezeichnung „Abwehr“ trug, am Strafraum mittels einfachem Doppelpass aus, und der Ball landete flach zum 4:1-Endstand im Netz. Ich war froh, als der Schiri abpfiff, so wie die Fortuna hinterher auseinander fiel, wäre wahrscheinlich jeder Schuss ein Treffer gewesen. Aber man muss auch fair sein: herzlichen Glückwunsch dem GFC Düren zum ersten Saisonsieg. Da mühten sie sich zehn Spieltage vergeblich, aber man muss ja nur warten, bis die Fortuna kommt, dann klappt es schon. Weil wegen „auf dem Land“ und „Tabellenletzter“ und so. Scheint bei Fortuna langsam zum Naturgesetz zu mutieren.

In der anschließenden Pressekonferenz sagte Fortuna-Trainer Slavko Petrovic mit soooo einem dicken Hals, dass die Niederlage auch in dieser Höhe absolut verdient war, einige Spieler hätten den Gegner anscheinend unterschätzt bzw. während des Spiels (besonders nach dem Ausgleich) wohl zu leicht genommen. Auch ließ er ausdrücklich weder das Fehlen einiger Stammspieler noch die katastrophalen Platzverhältnisse als Entschuldigung gelten, unter letzteren hatten ja auch beide Teams zu leiden, auch wenn die Dürener wohl eher daran gewöhnt sein dürften, wenn ihr eigener Platz noch schlimmer aussieht. Eine absolut faire Aussage eines absolut enttäuschten Mannes.

Allerdings kam auch noch Spaß bei der PK auf, der Pressesprecher des GFC, ein Herr Heubeck, war wohl vom ersten Saisonsieg seiner Mannschaft (oder vielleicht von dem ein oder anderen Bierchen im Klubheim?) so mitgenommen, dass er den (relativ neuen) Trainer Jung des GFC mit dem Namen des alten ansprach, den Vorstandsvorsitzenden der Fortuna, Herrn Sesterhenn, als Vorstandsmitglied von „Fortuna Köln“ vorstellte (Einspruchsgrund gegen die Spielwertung???) und dem neben ihm sitzenden Slavko Petrovic immer wieder beruhigend auf den Arm klopfte und ihm gleich dreimal noch viel Glück für den weiteren Saisonverlauf wünschte. Großes Kino, ebenso die sehr intelligente Frage des Reporters des einheimischen Käseblättchens an Dürens Trainer Jung, wie viel Anteil denn die beiden Neuzugänge an dem Sieg hätten. Prima Antwort des Trainer: „Zwei Elftel.“ Dafür Daumen hoch, obwohl er den Mann noch richtig vom Hocker hätte hauen können, denn Düren hatte dreimal ausgewechselt, es standen also insgesamt vierzehn verschiedene Dürener Spieler während des Spiels auf dem Platz, so dass die richtige Antwort „Zwei Vierzehntel“ hätte lauten müssen, und das kann der mathematisch versierte Bruchrechnungs-Experte ja noch kürzen. Hätte gerne mal das Gesicht des Reporters bei der dann völlig korrekten Antwort „Ein Siebtel“ sehen wollen. Naja, man kann nicht alles haben.

Fazit: ein Spielort, den wir lange nicht vergessen werden, insoweit ein unterhaltsamer Nachmittag, ein Spiel, das wir schnell vergessen sollten, was aber nicht möglich sein wird, weil uns diese Blamage jetzt wohl noch wochenlang unter die Nase gerieben wird. Völlig verdiente Niederlage der Mannschaft, die den Sack Anfang der zweiten Halbzeit hätte zumachen müssen und sich dann wunderte, dass der Gegner auch Fußball spielen und wirklich prima kontern konnte.

Und am Freitag kommt der Tabellenzweite Fortuna Köln in den Flinger Broich…

Aber auch wenn wir es gerne hätten: Köln ist kein Dorf, und der Tabellenzweite ist logischerweise nicht der Tabellenletzte, so dass die Hoffnung bleibt, dass bei dieser Konstellation nicht gleich die nächste Blamage folgt.

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