Von billigen Taxen und verletzten Coaching-Zonen

ARAG-Pokal: Türkgücü Düsseldorf – Fortuna Düsseldorf 0:2

Diesmal sollte es etwas Besonderes sein: „Ground Hopping“ zum Pokalhammer Türkgücü Düsseldorf-Fortuna Düsseldorf, mit getauschtem Heimrecht, Spielstätte somit das Paul-Janes-Stadion, 1. Runde ARAG-Pokal. Oder doch Kreispokal? Wer weiß das schon so genau heute! Wir spielen anscheinend in so vielen Pokalwettbewerben mit, dass wir uns, was die körperliche Belastung unserer Ballzauberer angeht, im November/Dezember dem dann unter Garantie zu vernehmenden Gejammere der Bayern oder des BVB locker anschließen können.
Immerhin, eine brisante Partie, ein Lokalderby – könnte es sich da nicht lohnen, einige Zeilen über dieses Match zu verlieren?

Bis ich zu Ende gegrübelt hatte, verriet mir ein Blick auf die Uhr, dass es 18.12 Uhr war. Das Spiel begann um 19.30 Uhr. Wie jetzt noch aus dem heimatlichen Bonn ins ferne Düsseldorf gelangen? Nun, zum einen natürlich mit der Bahn. Wer aber der Meinung ist, die Rechnung [19.30 Uhr abzüglich 18.12 Uhr = 1:18 Stunde Fahrtzeit für ca. 80 km = machbar] ginge zu allen Seiten der Gleichheitszeichen auf, der blättere zurück zum 1. Kapitel…

Also zermarterte ich mir weiter das Hirn. Eine selbständige Anfahrt mit einem privaten Kfz fiel leider aus, da ich (noch) nicht über die erforderliche Fahrerlaubnis verfüge. Nicht, dass mir das etwas ausmachen würde, im Gegenteil, das ist eher praktischer, was ich nicht habe, kann mir niemand abnehmen, allerdings hatte die Person, deren Wagen in der Tiefgarage zur Verfügung gestanden hätte, doch arge Bedenken, mir diesen anzuvertrauen. Und selbst fahren wollte sie auch nicht – Verrat: letztes Wochenende mit nach Bocholt gurken, weil da alles so schön grün ist, aber jetzt die wesentlich kürzere Strecke zur Müllverbrennungsanlage nach Düsseldorf verschmähen! Sehr bedenklich.

Erschüttert über so viel Misstrauen im zwischenmenschlichen Bereich griff ich zum Telefon und somit zur letzten denkbaren Alternative: eine Bekannte meinerseits, mit Namen Danny, von Beruf Taxifahrerin, wurde angeklingelt. Vielleicht hatte sie ja frei und auch Lust, mit mir zum Pokalspiel zu fahren.

Leider hatte sie weder das eine noch das andere, bot mir aber mehr im Scherz an, mich quasi zum Selbstkostenpreis nach Düsseldorf zu kutschieren. Normaler Preis: ca. 115,– €. Plus 115,– € zurück. Ihr Angebot: 85,– €. Dafür aber dann auch hin und zurück.

Erst lachte ich, dann dachte ich, und zwar nach. In Bonn war eh nix los, auch sonst standen keine wichtigen Termine an, außerdem war es der 28. und am 30. bekomme ich Geld. Da könnte man doch…und so eine Gelegenheit kommt auch so schnell nicht wieder, sagte ich mir. Stimmt, wann spielen wir schon mal wieder gegen Türkgücü? Selbst bei unterirdischster Leistung unserer Lieblinge in den nächsten Monaten kann das ja noch drei Jahre dauern, denn Türkgücü spielt Bezirksliga, das sind noch drei Abstiege. Also warum nicht?

Was hab ich früher über die Leute gelacht, die zum Frühstück mal eben nach Paris fuhren! Yuppie-Volk, habe ich mir gedacht, Bonzen, Aufschneider! Naja, aber ernsthaft: was ist der Louvre, was sind Montmartre, Moulin Rouge und so ein alberner Eiffelturm, von dem selbst viele Franzosen sagen, dagegen könnte mal ein Flieger donnern – was ist das alles gegen die 1. Hauptrunde im ARAG-Niederrhein-Pokal gegen Türkgücü Düsseldorf? Eben.

Nachdem ich Danny davon überzeugen konnte, dass ich nicht scherzte, holte sie mich um 18.45 Uhr von zu Hause ab. Aller Anfang ist schwer, zwar habe ich den Zubringer zur A 565 so ziemlich direkt vor der Haustür, damit leider aber auch eine ganze Blechlawine, denn auf dieser Bonner Stadtautobahn war schon Stau gemeldet. Also fuhren wir umsichtig ins Bonner Zentrum und dann von dort erst auf die Autobahn, da war der Stau nämlich schon zu Ende. Ja, wohl dem, der den Verkehrsfunk zu hören und auch zu deuten weiß!

Danach zügig weiter über die A 59 auf die A3 Richtung Düsseldorf und – stopp! Groben Fehler gemacht, Heumarer Dreieck vergessen. An diesem fantastischen Verkehrsknotenpunkt, an dem anscheinend Autobahnen aus allen Himmelsrichtungen zusammen finden, wird ja die Quadratur des Kreises versucht, sprich auf kürzester Distanz von einigen Kilometern aus sechs Spuren drei zu machen. Ist wahrscheinlich sehr unterhaltsam für die Verkehrswacht, die im Hubschrauber oben drüberweg fliegt, hat aber zur Folge, dass dort regelmäßig Stau oder zumindest zäh fließender Verkehr herrscht. Und zwar so regelmäßig, dass es meist gar nicht mehr im Verkehrsfunk auftaucht, nur noch ab einer bestimmten Länge.

Wir hatten Glück, wir hatten „bestimmte Länge“ und tauchten daher im Verkehrsfunk auf, 4 km. Zwischenzeitlich erhaschte ich immer wieder mitleidige Blicke von Fahrern neben mir, bei denen bei unserem Anblick wohl auch der innere Taxameter zu ticken begann und die dann ausrechneten, was ich wohl auf der Uhr haben würde, wenn sie in einer halben Stunde immer noch neben mir stehen würden. Tja, Leute, Pauschalpreis! hätte ich ihnen liebend gern zugerufen, aber das hätte mich wohl gezwungen, darüber nachzudenken, was für einen Schwachfug ich hier grad veranstaltete, vom logischen Standpunkt aus gesehen, und daher unterließ ich jede Konversation. Logisches Denken hat noch nie zur Leitkultur des gemeinen Fortuna-Fans gehört, ansonsten hätte z.B. die Truppe der vorletzten Hinrunde frühzeitig unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt.

Nachdem der Stau dann vorbei war, ging es zügig weiter über Köln, Leverkusen, Opladen, Hilden, Düsseldorf – ach herrje, soviel Schwung gehabt, glatt die Ausfahrt zur A 44 verpasst! Also noch ein bisschen weiter bis zum Breitscheider Kreuz (auch sehr nett da), Stück zurück, dann auf die A 52, immer schön geradeaus, bis man genau in das neue ARAG-Hochhaus reinbrettert. Dann über Mörsenbroich gefahren, an meiner alten Arbeitsstelle vorbei, was meine furchtlose Fahrerin gar nicht interessierte, Metro (ist das noch Gerresheim?) und an der DEA dann links rein, geradeaus, nach links auf die Dorotheenstraße, und schwupps, schon war das Stadion ausgeschildert und wir vor Ort bei diesem packenden Pokalkrimi!

Kleiner Nachteil: es war bereits 20.05 Uhr, als ich vor der natürlich abgesperrten Zufahrt zum Stadion ausstieg, der Stau hatte wohl doch ein kleines bisschen länger gedauert als erwartet. Problem Nr. 2: irgendwie hatte ich vergessen, auch noch Geld mitzunehmen, da der Aufbruch nach spontanem Entschluss ja relativ hastig erfolgt und keine Zeit geblieben war, noch ein entsprechendes Geldinstitut aufzusuchen. Aber die Bonner (bzw. Bad Godesberger) Taxifahrer sind ja nicht umsonst die besten der Welt, jawohl! Nicht nur, dass Danny mir großzügig den Fahrpreis bis zur Rückfahrt stundete, sie versorgte mich auch noch mit ein bisschem Barem, damit ich das Spiel auch wirklich optisch und nicht nur akustisch vor dem Stadiontor genießen und mich dabei noch an einem der legendären Flinger-Broich-Würstchen laben konnte! Und wieder ein großes Dankeschön!

Aufgrund der knappen Barschaft, die sich somit in meinem Portemonnaie tummelte, beschloss ich, zum ersten Mal im FB den Stehplatzbereich Osttribüne aufzusuchen. Im Kassenhäuschen ein etwas älterer Herr, der grad die Tageseinnahmen zählte, umringt von fünf Securityleuten, die wohl aufpassten, dass sich nicht ein Cent versehentlich zum Schaden des Vereins irgendwo „hinausveränderte“. Da mir an diesem Tag schon so viel Gutes im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen widerfahren war, beschloss ich spontan mein Glück zu versuchen, setzte meinen treuherzigsten Dackelblick auf und sprach ergriffen die Worte: „Muss ich denn noch Eintritt zahlen?“ Dies wurde locker bejaht, aber der Mann hatte ein Herz und fügte daher hinzu: „Wenn Sie noch 5 Minuten warten“ (nämlich bis zum Halbzeitpfiff) „dann nicht mehr“ Aber wie hätte ich nach dieser Anfahrt auch nur fünf Minuten auf unsere geliebte Fortuna verzichten können!? Also überlegte ich nur kurz und teilte dem Mann das diesbezügliche Ergebnis ebenso kurz mit: „Scheiß drauf!“

Aufgrund dieses Beweises echten Fan-Bewusstseins zeigte der Mann dann seinerseits eindeutig Größe. Er schob mir nämlich eine Karte für den ermäßigten Eintrittspreis von 3,– € zu und sagte kurz und bündig: „Sie sind arbeitslos!“ Welch ein Genie! Und auch hellseherisch veranlagt! Denn woher weiß der Mann, dass ich Beamter von Beruf bin??? Danach aussehen tue ich eigentlich nicht grad. Aber egal, einmal gedankt, drei Euro rübergeschoben (und ich hoffe, dass das kein Offizieller hier liest, ich will ja nicht für noch einen Arbeitslosen mehr in der Statistik verantwortlich sein, also, liebe Offiziellen: alles nur erstunken und erlogen) und dann endlich: meine erste Begegnung mit der legendären Osttribünen-Security. Körperkontakt vom Feinsten und auch an den diversen Inhalten meiner Hosentaschen waren sie sehr interessiert, aber es gelang mir, den stahlharten Jungs klar zu machen, dass ein Kugelschreiber für mich kein potentielles Wurfgeschoss, sondern ein Arbeitsutensil darstellt. Aber das hatte schon alles seine Richtigkeit! Die Jungs hatten das nämlich genau getimed. Kaum war ich aus ihren zärtlichen Händen entlassen und den Weg zu den Stehplätzen emporgeeilt, fiel nämlich auch schon ein Tor. Und ich habs gesehen! Der Mayer hats gemacht, jawohl! Mein Gesprächspartner, der mir dort über den Weg lief, sagte dann auch, es handele sich um das 1:0. Na super, dann habe ich ja noch nicht mal was verpasst. So schön kann Fußball sein.

Während ich mich am Würstchenstand verpflegte, schlug der Mayer noch einmal zu, aber natürlich war es Abseits. Und unmittelbar danach war noch etwas ganz anderes, nämlich Halbzeit. Zur Leistung in der ersten Halbzeit kann ich daher nur sagen: „Es war ein typischer Pokalfight“ – das passt ja immer.

Schnell ein paar Hände geschüttelt, ungläubiges Staunen in Wort und Blick bei einigen Bekannten, die mich im Internet um kurz nach sechs noch online gesehen hatten, und schon ging die zweite Halbzeit los.

Türkgücü bemüht, aber völlig harmlos, mit vielleicht einer halben Torchance, die größte Gefahr bildete der Trainer, der auf den Vornamen Cem hörte, und vor lauter Erregung immer wieder Gefahr lief, aus der Coachingzone zu hüpfen, was aber von uns aufmerksamen Fans immer wieder bemerkt und auch lautstark geäußert wurde. Cem war auch dankbar, dass ihm das regelkundige Publikum so unter die Arme griff und vor einem drohenden Verweis auf die Tribüne durch den bestimmt anwesenden DFB-Offiziellen bewahrte, schließlich gibt es auf dem Aschenplatz von Sparta Bilk, wo Türkgücü sonst seine Heimspiele austrägt, höchst wahrscheinlich keine Coachingzone. Also winkte Cem immer wieder erfreut ins Publikum, kassierte mehr als einen verdienten Beifall für seine engagierte Leistung und verließ die Coachingzone auch nur noch einmal, um sich um einen verletzten Spieler zu bemühen. Der Mann sollte sich mal bei uns bewerben, der hat Ausstrahlung, ich sag mal: Charisma, und konnte schon sehr gut mit den Fans interagieren, was bei einem Klub wie Fortuna ja ganz wichtig sein kann.

Dann aber ereignete sich Ungeheuerliches: Türkgücü wechselte aus. Die mächtige Stimme von Dieter informierte uns darüber, dass für irgendeinen Herrn –ic nun ein Enver –ic auflaufen sollte. Na, und diese Namen kennen wir doch alle! Hierbei kann es sich doch nur um irgendwelche bosnisch-serbisch-kroatischen Talente handeln, die von Aleks Ristic irgendwann mal übersehen worden sind. Und das bei Türkgücü??? Das schuf Diskussionsbedarf. Wie war das mit dem vierten Nicht-Türken? Oder existiert diese Regelung nicht bei solchen Clubs? Wohl eher nicht, aber das konnte nur einer beantworten: Cem wurde zur Lage befragt, aber er lachte nur, so dass uns die Antwort klar war: Fortuna ist in weiser Voraussicht der Ausländerproblematik sowieso nur unter Protest aufgelaufen und hat somit eh schon gewonnen. Als ehemaliger Regionalligist hat man mit diversen Protesten und Spielannullierungen ja so seine Erfahrung. Na, das hat uns aber mächtig beruhigt.

Ach ja, Fußball gespielt wurde auch noch: Es fiel noch der 2:0-Siegtreffer dank der Bauernschläue eines abgezockten Ex-Profis: als eine Flanke von links in den Strafraum segelte, nahm Michi Rösele in der rechten Seite des Strafraums die Kugel volley mit dem rechten Fuß und drosch sie wieder nach links zurück Richtung VIP-Zelt. Bevor die dort vor dem Zelt versammelte Hundertschaft jedoch in Deckung gehen und den Michi wegen des Anschlags auf ihre Gesundheit festnehmen konnte, hielt ein Abwehrspieler von Türkgücü den Schlappen hin und lenkte den Ball ins eigene Tor. Ja, der Michi ist pfiffig. Denn dass das kein Zufall war, bewies er einige Minuten später mit einer völlig ungefährlichen Freistoß-Rückgabe, die wieder einen Türkgücü-Körper traf, diesmal jedoch nur an der Latte landete. Aber wer schon mal beim 1. FC Köln gespielt hat, der kennt wirklich jeden Trick.

Was danach noch an glasklaren Chancen versemmelt wurde, vermag ich gar nicht mehr alles aufzuzählen, insbesondere scheint die Fußball-Mafia DFB gestern vor Spielbeginn spontan die Höhe des Tores neu reglementiert zu haben, es ging wirklich alles drüber, was da aufs Tor kam, egal aus welcher aussichtsreichen Position. Das kann doch kein Zufall sein!

Fazit: 2:0 gewonnen und – es war der typische Pokalfight, natürlich…

Außer mir haben dieses pokaltechnische Highlight übrigens angeblich 1.201 Zuschauer verfolgt. Die Betonung liegt auf „angeblich“…

Was die Rückfahrt anbetrifft, erst einmal ein Dankeschön an Jürgen, der mich nach Derendorf zu meiner wartenden Taxifahrerin brachte, ungeachtet der Tatsache, dass ich durch die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit die ein oder andere Straße auf dem Weg dorthin verwechselte.

Von Derendorf aus gönnten wir uns dann eine etwas exklusivere Heimfahrt, schließlich wollten wir noch was sehen vom deutschen Autobahnnetz. A 57, A 1, A 4, A 559, A 59, A 565 – wir haben sie alle gehabt! Und trotz dieses Autobahn-Hoppings waren wir schneller zu Hause als bei der Hinfahrt in Düsseldorf – bereits um 23.15 Uhr hieß es vor der heimischen Haustür Abschied nehmen.

Diese Eintrittskarte werde ich mir aufheben, das könnt ihr mir glauben. Herzlichen Dank nochmals an dieser Stelle an Danny, dass sie bei dieser idiotischen Idee mitgemacht hat. Ein Spiel für drei Euro Eintritt, aber fünfundachtzig Euro Fahrtkosten. Und zum Glück kam mir erst später im Bett der Gedanke, den ich von Amts wegen eigentlich um 18.12 Uhr hätte haben sollen: „Bist du eigentlich beknackt?“

Und zur zweiten Pokalrunde gegen RW Essen reise ich nicht an. Kann im Vergleich zu heute ja nur langweilig werden…

Aber was denkt man nicht alles so im Halbschlaf…

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