Verhaltener Beginn

Der Oberliga-Meister der Herzen hat nunmehr die ersten 6 Partien in der höchsten deutschen Dorfklasse absolviert, mit sehr unterschiedlichem Erfolg – Zeit, ein kurzes Resumée des Saisonstarts zu ziehen.

Das Fazit lautet kurz und bündig: es könnte besser sein. Nicht, dass jemand der Meinung ist, ich würde die Oberliga Nordrhein unterschätzen! Gewiss nicht, denn was sich da auf dem Platz und an der Seitenlinie an ehemaligen Erst- und Zweitligaprofis tummelt, ist schon erstaunlich. Einige Mannschaften haben gut aufgerüstet. Ein Beispiel: Der selbst ernannte Meisterschaftskandidat und „Wenn-wir-schon-nur-30-Fans-haben-dann-aber-auch-alles-Kategorie-C++“-Möchtegernaufsteiger SSVg Velbert (das ist der Parkplatz von Essen) läuft mit dem quietschfidelen Marek Lesniak im Sturm auf. Dass unser Ex-Marek sich mal dermaßen erniedrigt, bei diesem finsteren Verein einen Vertrag zu unterschreiben, hätte ich nie für möglich gehalten. Aber ich bin da sicherlich befangen, schließlich stamme ich aus der dem Kenner wohlbekannten Kleinstadt Wülfrath (remember Oberliga Nordrhein 1992/93, damals noch 3. Liga – Drittligafußball auf Kalksandstein, sicherlich in Fachkreisen unvergessen, oder?), die sich von je her durch eine gewisse, sagen wir, Rivalität im sportlichem Bereich zu Velbert auszeichnet. Fakt ist allerdings, dass die Velberter Fans bereits in ihrem letzten Heimspiel uns Neuankömmlinge in der Liga mit begeisterten „Scheiß-Fortuna“-Gesängen begrüßten – dabei spielten sie gegen Bonn! Das zeigt nicht nur die fortschreitende Demenz der Anhänger dieses Un-Vereins, das lässt auch so einiges für unser Gastspiel dort am 27.10.2002 erwarten, wobei es auch nicht gerade beruhigend wirkt, dass die Velberter sich anscheinend einiger Unterstützung durch unsere Freunde von RW Essen gewiss sein dürfen – manche Leute wird man anscheinend nie los, da kann man absteigen wie man will. Aber ich schweife ab.

Gut gestartet ist auch der SV Adler Osterfeld. Falls sich der geneigte Erstligafan fragen sollte, wo sich das denn geographisch befinden könnte, bitte, demjenigen kann geholfen werden, Osterfeld ist ein Stadtteil von Oberhausen. Die Adler sind in diesem Jahr wohl ebenfalls zu den Aufstiegsfavoriten zu zählen, was sie zu Saisonbeginn mit drei Siegen und einem Unentschieden auch eindrucksvoll unter Beweis stellten, bevor es bei unserem Mitabsteiger Fortuna Köln die erste Saisonniederlage gab. An der Linie der Adler: Coach Hans-Günter Bruns, den älteren unter uns durchaus noch als Eisenfuß in Diensten von Borussia Mönchengladbach bekannt.

Der Wuppertaler SV steht erwartungsgemäß wieder mal an der Tabellenspitze, wo er allerdings genauso erwartungsgemäß am Ende der Saison nicht mehr stehen wird, die tun mir fast Leid (aber nur fast), jedes Jahr ist kurz vor Toresschluss immer alles umsonst. Ein früher sehr beliebter Gesang bei einigen ihrer Fangruppierungen war übrigens mal: „Wir sind asozial, sind die Fans aus Wuppertal!“ Noch Fragen? Wird auch ein lustiges Spielchen dort am 30.11.2002. Und seit der letzten Saison wächst die Konkurrenz in der eigenen Stadt mit Emporkömmling Borussia Wuppertal, der dem WSV stadtintern den Rang ablaufen will und dazu auch vor solchen Verpflichtungen wie der von Holger Gaißmayr (1.FC Köln, Kickers Offenbach, LR Ahlen) nicht zurückschreckt. Der verletzte sich jedoch zu Saisonbeginn, die Borussen legten einen etwas holprigen Start hin und entließen den Trainer, seitdem geht es ein wenig bergauf. Man darf gespannt sein. Höchststrafe für den WSV dürfte jetzt schon sein, dass die Borussia ihre Heimspiele auch im legendären Stadion am Zoo austragen muss, da der eigene Platz „Am Ölberg“ vielleicht predigt-, aber leider nicht oberligatauglich ist. Obwohl es mir viel Spaß gemacht hätte, die Gesichter der insgesamt fünf engagierten Herren zu sehen, die zumindest in der letzten Saison den kompletten Ordnungsdienst von Borussia Wuppertal darstellten, wenn 2.000 Fortuna-Fans zum Auswärtsspiel auf den Ölberg gepilgert wären.

Der Bonner SC läuft unter anderem mit Ex-Erstliga-Spieler Thomas Richter (Nürnberg, 1860 München) und Ex-Zweitliga-Spieler Frank Süß (Wattenscheid, Fortuna Köln) auf, bei Freialdenhoven steht Trainer Wilfried Hannes an der Seitenlinie, beim 1. FC Bocholt ist das wieder mal Jupp Tenhagen, bei den Amateuren von Borussia Mönchengladbach Holger Fach, bei SW Essen Frank Benatelli …also, es gibt einiges zu sehen in dieser Liga. Und auch unseren alten Freund Ben Manga werden wir bald wiedersehen, der Mann, der bei uns mit nur einem einzigen Spiel, dem 3:1-DFB-Pokalsieg gegen Bayern München im Jahre 1995, berühmt wurde, hat ebenfalls in der Oberliga angeheuert und ziert mit dem Aufsteiger GFC Düren (das ist der Gürzenicher Fußballclub 09 Düren, Fußballherz, was willst du mehr?) souverän nach 5 Spieltagen das Tabellenende.

Aber zurück zum Fußball: am Mittwoch nach dem Auftaktspiel gegen die Amateure des MSV Duisburg zog es den Fortuna-Tross nach Aachen, zum Spiel gegen die dortigen Amateure der Alemannia, bei denen auch ein guter alter Bekannter das Zepter schwingt, nämlich André Winkhold. Und was war das für ein nettes Spiel, so richtig Fortuna eben: ein schöner lauer Sommerabend, über 2.000 Zuschauer auf dem Aachener Tivoli, davon über 1.600 Düsseldorfer Fans, keine drei Minuten gespielt, noch keine Torchance hüben wie drüben – schwupps, stehen bei Aachen nur noch zehn Mann auf dem Feld, Rot für einen Aachener Abwehrspieler nach einer Notbremse. Da müsste die Fortuna dann natürlich klar im Vorteil sein und könnte ihre überlegene Technik ausspielen, während der Gegner selbstverständlich mit Mann und Maus hinten drin stehen und das 0:0 verteidigen müsste.

Folgerichtig fiel auch kurz darauf das 1:0 für Aachen, als unsere Abwehr nach einer schönen Kombination mit anschließender Flanke in den Strafraum wieder mal nicht im Bilde war (diese hohen Bälle immer – sollten wirklich verboten werden), und der Aachener Stürmer seelenruhig zum Führungstreffer einnicken konnte.

Na, aber jetzt würde sich doch die zahlenmäßige Überlegenheit unserer Mannschaft in einem eindrucksvollen Powerplay bemerkbar machen! Aber leider tat sich nichts, außer dass unser Stürmer Frank Mayer das Kunststück fertig brachte, den Ball aus drei Metern über das leere Tor zu setzen.

Dann sorgte unser Kapitän Frank Schön ordentlich für Abwechselung. Erst köpfte er das 1:1, um nur 5 Minuten später, ehe sich unsere Spieler endgültig klar machen konnten, dass sie immer noch einen Mann mehr auf dem Platz hatten, mittels kapitalen Fehlpasses auf den Aachener Mittelstürmer deren 2:1-Führung einzuleiten. Nicht dass es uns gewundert hätte – nach den letzten zwei Jahren Regionalliga wundert uns eigentlich gar nix mehr. Höchstens noch, dass Michi Rösele vor der Pause mit einem wirklich tollen Treffer (Lupfer aus 16 Metern Entfernung) überraschenderweise der erneute Ausgleich gelang. Und das mit den mindestens 5 Kilo Übergewicht, die unser Ex-Kölner zu diesem Zeitpunkt noch mit sich herumschleppte. Aber es wird von Woche zu Woche weniger, okay, letzte Woche war er krank und konnte nicht spielen, hoffen wir, dass er sich nicht zu sehr an Mutters Fleischtöpfen gelabt hat.

Langer Rede kurzer Sinn: in der 2. Halbzeit hatten die Aachener Amateure konditionell nichts mehr entgegen zu setzen, so dass wir das Spiel durch Treffer von Mayer und Tytarchuk noch 4:2 gewannen, daneben aber noch ein halbes Dutzend hochkarätiger Torchancen ausließen und als Krönung noch einen Foulelfmeter verschossen (Jan Tauer).

Wer das Vergeben glasklarster Torchancen in diesem Spiel allerdings zum Haareraufen fand, der wird vier Tage später wohl vor der Vollglatze gestanden haben. Heimspiel. Der Weltverein SC Borussia 1912 e.V. Freialdenhoven (das liegt bei Jülich), dessen bekanntestes Gesicht im Aufgebot Trainer Wilfried Hannes sein dürfte, kam zum Flinger Broich, lockte wahrscheinlich aufgrund seines kultigen Namens fast 4.000 Zuschauer ins Stadion, und spielte in der 1. Halbzeit so, wie ein Dorfklub gegen einen Ex-Europapokalfinalisten, Ex-DFB-Pokalsieger und Ex-7:1-gegen-Bayern-München-Sieger-Club auch spielen sollte: richtig schlecht. Aber in dieser ersten Halbzeit übertrafen unsere Spieler im Auslassen klarster Torchancen alles, was ich bisher erlebt habe, es sprang lediglich ein Treffer durch Tytarchuk heraus, und so kam in der 2. Halbzeit, was kommen musste: Freialdenhoven kam mit seinem wieselflinken Stürmer Labas zweimal vors Fortunen-Tor, und der Mann besaß auch noch die Frechheit, bei beiden Gelegenheiten ins Tor zu treffen. Frank Schön rettete uns in der Schlussminute wiederum mit einem Kopfball wenigstens noch das Remis. Freialdenhovens Trainer Hannes meinte nach dem Spiel: „Wir sind nicht Schuld daran, dass die Fortuna das Spiel in der ersten Halbzeit nicht gewonnen hat.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Immerhin, ungeschlagen ging es dann in die münsterländische Einöde zum 1.FC Bocholt, zum Hünting, den wir dank einer unglaublichen Variante meines Routenplaners erst erreichten, nachdem wir unmittelbar vor dem Stadion durch eine Tempo-30-Zone, eine verkehrsberuhigte Zone und an drei Kuhweiden vorbei geschickt wurden, um dann auf dem Parkplatz des Vereinsheims von Olympia Bocholt zu landen. Dadurch hatten wir aber den Stau auf der Hauptzufahrt erfolgreich umgangen. Ein Lob an den Routenplaner – staufrei, und noch was vom Lande gesehen, was will man mehr.

Leider blieb dies das einzig positiv Erwähnenswerte an diesem Nachmittag, Fortuna verlor 0:1 nach einer völlig indiskutablen Leistung – und zwar von beiden Mannschaften. Ein Unentschieden wäre sicherlich gerecht gewesen, aber Tytarchuk traf per Kopf nur die Latte und Frank Schön brachte das Kunststück fertig, den Abpraller aus drei Metern ans Bein des Abwehrspielers auf der Torlinie anstatt über dieselbe zu schießen – da war schon klar, dass das an diesem Nachmittag nix werden würde. Die zweite Halbzeit gehörte dann auch mit zum Schlechtesten, was ich in diesem Jahr an „Fußball“ gesehen habe. Erfreulich war einzig und allein, dass wieder 2.500 Düsseldorfer Anhänger mitgereist waren. Für mich und meinesgleichen aus Bonn bedeutete das übrigens hin und zurück 300 km. Naja, wenigstens hatten sie eine wirklich gute Currywurst.

In der ersten Septemberwoche stand dann mein einziges „Heimspiel“ in dieser Saison an, quasi vor meiner Haustür, beim Bonner SC. Der war vor dem Spiel Tabellenzweiter und hatte die Möglichkeit, mit einem Sieg gegen Fortuna Tabellenführer zu werden, da Adler Osterfeld einen Tag zuvor bei Fortuna Köln die erste Saisonniederlage hatte hinnehmen müssen. Und wieder setzte sich der gesamte Fortuna-Tross in Bewegung, 250 Anhänger reisten sogar per Schiff an. Da die wohl ein wenig Gegenwind auf dem Rhein hatten und verspätet einliefen, wurde das Spiel mit 15minütiger Verspätung angepfiffen, eine nette Geste der Gastgeber.

Laut offiziellen Angaben des Bonner SC sahen das Spiel 4.500 Zuschauer, zwei Drittel davon Fortuna-Fans, würde ich schätzen. Die meisten saßen noch nicht richtig, da führten wir schon 1:0 durch Mayer. Erstaunlich. Richtig aufregend wurde es aber erst in der 2. Halbzeit, ein Klassespiel. Erst das 2:0 durch Mayer nach sensationeller Vorarbeit durch Bellinghausen, und damit sind die beiden besten Akteure auf dem Spielfeld auch bereits genannt. Aber Fortuna wäre nicht Fortuna, wenn wir es nicht noch mal spannend machen würden. Torwart Tobias Koch fing eine Flanke von Ex-Profi Thomas Richter locker ab, leider kam ihm dabei der Torpfosten in die Quere und als unsere Nr. 1 den Sturz abgefangen hatte, fand er sich mitsamt Ball hinter der Torlinie wieder. Jaja, die hohe Bälle. Zwar legte Mayer sofort das 3:1 nach, aber Fortuna wäre nicht…siehe oben. Nachdem zwei hundertprozentige Torchancen zum 4:1 leichtfertig verballert wurden, durfte der Bonner Stürmer Faluyi, obwohl im „Sandwich“ zweier Abwehrspieler, unbedrängt köpfen, und da Koch in dem Moment ein bisschen weit vor der Linie stand, war auch diese Kugel drin, nur noch 2:3. Jaja, die hohen Bälle – sagte ich es bereits? Die scheinen momentan wirklich die Achillesferse unserer Abwehr zu sein. Aber wenigstens wurde diesmal der Sieg über die Zeit gerettet, und das ist wörtlich zu nehmen, denn dem Schiri machte das Spiel so viel Freude, dass er insgesamt 11 Minuten nachspielen ließ, wovon wirklich nur die vier Minuten in der ersten Halbzeit gerechtfertigt waren. Wo er die sieben Minuten der zweiten Halbzeit herholte, weiß kein Mensch, er selbst wohl auch nicht. Naja, wann kann man als Oberliga-Schiri schon mal vor solch einer Kulisse pfeifen? Der wollte es halt auskosten.

Tja, und da stehen wir nun auf Platz 8 der Tabelle, mit eben so vielen Punkten und einem Torverhältnis von 11:9, d.h., in den Spielen mit Fortuna sind bislang 20 Treffer gefallen, das ist einsame Spitze in der Oberliga, die Mannschaft hat also hohen Unterhaltungswert. Leider nicht für unser Nervenkostüm, denn anscheinend ist es so, dass wir immer mindestens 3 Tore schießen müssen, um drei Punkte sicher zu haben, und irgendwie gelingt das nicht jede Woche. Aber es sind nur 3 Punkte bis zum Spitzenreiter WSV und aufsteigen müssen wir in dieser Saison sowieso nicht.

Zuletzt kam der Rheydter SV (Stadtteil von Mönchengladbach) in den Flinger Broich. Eine mopsfidele Truppe, bei der der Trainer nach dem ersten Spieltag das Handtuch warf (1:5-Heiniederlage gegen den WSV), die zusätzlich in diesem Spiel noch vergaß, die mindestens vier vorgeschriebenen U24-Spieler mit Spielberechtigung für eine deutsche Nationalmannschaft zu melden (wer denkt sich so einen Quatsch überhaupt aus?), das Spiel also in jedem Fall verloren hätte, zusätzlich noch ein Insolvenzverfahren laufen hatte, das aber ganz flugs wieder zurückgezogen werden sollte, mit den Spielergehältern gab es wohl auch das ein oder andere Problem – kurz gesagt, ein Chaosverein, der auch noch beim letzten Heimspiel gegen Bocholt eine 2:0-Halbzeitführung noch verdaddelte (2:3), aber erstaunlicherweise seine beiden bisherigen Auswärtsspiele nicht verloren hatte. Und es zeigte sich Erstaunliches: keine Probleme bei hohen Bällen und bei flachen sogar auch nicht. Unser Torwart fehlerfrei, die Abwehr mit prozentual weniger Stockfehlern als sonst, der Gegner das bisher Harmloseste, was in der Liga gegen uns antrat – folglich ein souveräner 4:1-Sieg. Naja, so souverän vielleicht nicht, denn wieder kassierte das Team das 1:2, diesmal durch einen Elfmeter, bei dem noch nicht mal die Rheydter Spieler genau sagen konnten, warum der Schiri ihn pfiff, und wieder verlor die Mannschaft die Ordnung, diesmal aber zum Glück nur kurz und ohne Folgen. Umso erstaunlicher war dies allerdings schon deswegen, weil es nicht nur Elfmeter für Rheydt, sondern in derselben Situation auch Rot für die sympathischen Mönchengladbacher (handgezählte 32 Fans, 5 Polizisten und 1 Zaunfahne) gab. Ein Rheydter Spieler freute sich anscheinend so sehr über den Elfmeter, dass er seinem Gegenspieler direkt eine langen musste, was dazu führte, dass die Rheydter noch vor der Ausführung des Strafstoßes nur noch zu zehnt auf dem Platz standen. That’s entertainment, that’s Oberliga!

Ansonsten war es ein nettes Spiel, Tore von Tytarchuk (2), Bellinghausen und Mayer, wobei besonders die beiden Kopfballtreffer Erwähnung finden sollten, könnte man sie doch beide auch dem Rheydter Torwart anschreiben, der in beiden Fällen zuletzt am Ball war und etwas, sagen wir, unglücklich wirkte. Sensationell insbesondere das 4:1, als der Keeper den Kopfball von Tytarchuk erst mit beeindruckender Parade an die Latte lenkte, das Leder dann aber im Sinkflug aus Versehen zielsicher per Fallrückzieher im eigenen Tor versenkte. Wir müssen uns nicht im Fernsehen Herrn Piplica ansehen, wir bekommen das live und in Farbe geboten!

Es war ein recht ordentliches Spiel mit einigen guten Kombinationen, einem Tytarchuk, der endlich mal seine Torchancen nutzte und nicht mehr jeden zweiten, sondern nur noch jeden dritten Ball verfummelte, wenn der manchmal ein bisschen weniger eigensinnig spielen würde, wäre er noch wesentlich effektiver, Torwart Koch mit guten Paraden und Michi Rösele schlank und flink wie eine Gazelle, das Trikot schlottert schon richtig um seinen Körper, sollte der vielleicht nicht doch besser wieder ein paar Kilo zunehmen, bevor amnesty international eingreift?

Nun stehen wir da, wo auch der Trainer die Mannschaft vor dem Saisonstart in etwa einordnete: auf Platz 5, hinter dem WSV, Fortuna Köln, SSVg Velbert und SW Essen. Insoweit können wir mit dem Saisonstart also zufrieden sein. Und nächsten Sonntag gibt es im Essener Uhlenkrug tatsächlich ein echtes Spitzenspiel, der beste Sturm (Fortuna) gegen die beste Abwehr (SW Essen), die in sechs Spielen erst ein einziges Gegentor zuließ (und das war auch noch ein Elfmeter). Die Woche danach (Samstag, 15.30 Uhr, weil nach nur sechs Wochen bemerkt wurde, dass der ursprüngliche Termin Sonntag, 18 Uhr, ein bisschen mit der Bundestagswahl kollidiert wäre) wird die Bude dann rappelvoll, Aufsteiger Union Solingen kommt, da gibt es was zu sehen. Nämlich unsere neue Nordtribüne (Stehplätze), die mit diesem Spiel eingeweiht wird, so dass das Fassungsvermögen des Paul-Janes-Stadions auf 7.100 Zuschauer anwachsen wird. Der Bau der Tribüne hatte sich irgendwie ein wenig verzögert, so dass schon Vermutungen aufkamen, man sei dort auf Erdöl oder eine antike Siedlung gestoßen, aber jetzt hat es wohl doch geklappt. Also: es erwarten uns Oberliga-Festwochen.

Mich leider nicht, denn ich setze mich nächste Woche erst mal in den verdienten Urlaub ab. Übernächsten Sonntag werde ich mal genüsslich am Strand liegen und abends in aller Ruhe nachgucken, wer denn mein neuer Chef werden könnte. Und sollte es einer aus dem tiefen Kompetenz-Süden dieser Republik sein, werde ich mal überlegen, ob ich nicht direkt in meinem Urlaubsort bleibe und einen Job als Poolboy annehme. Aber wahrscheinlich werde ich doch zurückkehren. Und da bei dieser Truppe anscheinend alles drin ist, würde ich mich nicht wundern, wenn sie dann Tabellenführer wäre. Oder Zehnter. Oder so. Wer weiß das bei uns schon so genau? Und vor allem: wen interessiert es? Denn wie heißt es doch so schön: Fortuna Düsseldorf – Alles andere ist nur Fußball. Und Aufsteigen kann ja jeder. Aber nach de facto drei Abstiegen in vier Jahren (auch wenn vorletzte Saison durch diverse Lizenzentzüge anderer Clubs nachträglich noch der Klassenerhalt gelang) noch 4.000 Zuschauer in der Oberliga zu haben – das muss uns erst mal jemand nachmachen.

Noch ein Wort zum Fanaufkommen. Es gibt da eine CD der Mittelalter-Rock-Band In Extremo, die heißt: „Verehrt und angespien“ Genau so komme ich mir bei manchen Auswärtsfahrten auch vor: die Kassierer reiben sich die Hände, weil sie mit unseren Einnahmen die Hälfte ihres Jahresetats decken, aber unser guter Ruf eilt uns überall voraus. Natürlich haben auch wir unsere Deppen, die ihren eigenen sozialen Abstieg anscheinend analog dem sportlichen der Fortuna ausleben, aber das ist auch bei uns nur eine Minderheit, wegen der dann aber die friedliche Mehrheit, wenn sie denn zu Auswärtsspielen einfällt, regelmäßig für die Nachkommen von Attilas Hunnen gehalten wird.

Bestes Beispiel in Bonn: als zu Spielbeginn einige Bengalen und Rauch gezündet wurden, kam postwendend die Durchsage des Stadionsprechers, dieses zu unterlassen, und es zogen Ordner und Polizei inklusive Hunde vor unserem Block auf. Als die 10 Ultras, über die der Bonner SC verfügt, fünf Minuten vor dem Abpfiff ihre Plätze auf der anderen Seite der Haupttribüne vollkommen einräucherten – na, wie viele Leute hat das interessiert? In der Tat, keine einzige Uniform und keine Ordnerbinde konnte dort gesichtet werden, auch der Stadionsprecher „vergaß“ seine Durchsage, vielleicht, weil auch er in der Sprecherkabine nichts mehr sehen konnte? Auch wurden die Eigner des Schiffes, das ein Fortuna-Fan-Club für die 250 Fans gemietet hatte, von der Polizei telefonisch vorgewarnt, so dass diese eigentlich schon gebuchte Fahrt bis 36 Stunden vor Auslaufen noch gefährdet war, zumal es sich um ein Bonner Unternehmen handelte. Es würde mich interessieren, ob die Polizei den Kapitän und die Crew des Dampfers nach der Rückkehr ebenso intensiv befragt hat, diese waren nämlich hochzufrieden, es gab keinerlei Beschädigungen, der Verlust eines einzigen Plastikstuhls auf dem gesamten Schiff war zu beklagen, und der Kapitän spendierte nach der abendlichen Ankunft um 22 Uhr am Düsseldorfer Schlossturm den Organisatoren sogar noch ein Bier. Hätte er wohl kaum getan, wenn die ihm soeben einen schrottreifen Kahn hinterlassen hätten. So sieht dann die Wahrheit aus. Aber wir sind Fortuna – wir gewöhnen uns an alles. Auch daran, dass man uns nicht mag, aber unser Geld. Und wenn es dem Aufschwung in der Provinz nützt, hat man wenigstens das Gefühl, eine gute Tat getan zu haben.

Aber vielleicht ist nach meinem Urlaub ja schon wieder alles anders. Denn eins ist sicher bei Fortuna: dass nichts sicher ist. Das macht es auch so spannend. Arme Bayern- und BVB-Fans. Ihr tut mir jede Woche richtig Leid.

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