Himmelgrau

Ja, es sind harte Zeiten für den Leid geprüften Fortuna-Fan. Und damit meine ich nicht die doch eher enttäuschenden letzten Begegnungen des Teams. Auch nicht die Tatsache, dass man sich in der Tabelle doch eher nach unten als nach oben orientieren muss (Platz 10). Schon gar nicht die Tatsache, dass wir heute im letzten Spiel der Hinrunde der Oberliga Nordrhein beim „heimlichen“ (da ein Spiel weniger als Bor. Mönchengladbach Amateure) Tabellenführer Wuppertaler SV mit einer Mannschaft antreten mussten, die sich quasi von selbst aufstellte aufgrund diverser Verletzungsausfälle.

Sondern das Mitleid, das einem nach den zuletzt – wohlwollend bemerkt – ziemlich dürftigen Leistungen der Truppe von überall entgegen schlägt sowie die Verwunderung, immer noch Anhänger dieses Vereins zu sein, der nun schon seit Jahren immer wieder erfolgreich demonstriert, dass es wirklich und wahrhaftig noch schlechter geht. Diesen Kalauer habe ich in letzter Zeit derart oft gehört, dass, bekäme ich nur einen Euro für jeden dieser Sprüche und würde ich das Geld dem Verein spenden, Fortuna bald wieder mit einem Bundesliga-Etat an den Start gehen könnte.

Wobei diese Leute momentan gar nicht mal so Unrecht haben: die kleine spielerische Krise, die wir uns Anfang Oktober genommen haben, haben wir unbeeindruckt auch den ganzen November hindurch aufrecht erhalten. Ist auch eine Art von Stehvermögen! Über die finanzielle Krise des Vereins braucht hier kein weiteres Wort verloren zu werden, da sie seit 2 Jahren permanent existent ist, als der damalige kunstsinnige Präsident die Gelder des Investors sportwelt mit vollen Händen aus dem Fenster warf und nicht unlogisch gedacht haben mag: wenn da jemals eine Rechnung kommt, dann nicht (mehr) an mich. Auch eine Art von management by delegation.

Aber zurück zum Sportlichen. Wie im letzten Kapitel angedeutet, folgte das Spiel gegen Spitzenreiter Mönchengladbach Amateure, wobei ich mit meinem obligatorischen 2:2-Tipp fast richtig lag: die Gladbacher schossen die prognostizierten zwei Tore, wir aber leider keins, und somit war die erste Heimniederlage der Saison perfekt. Wobei die Gladbacher sich gar nicht großartig anstrengen mussten und mit Schlaudraff, Schüssler und Melka auch ausnahmsweise nur drei Spieler aus dem Profikader einsetzten. Dies spielte auch keine Rolle, selbst wenn bei denen die van Hou(d)ts, van Lent, Korrell und wer auch immer an diesem Nachmittag im Flinger Broich aufgelaufen wären, es wäre klar gewesen, dass auch dann nur einer die Tore gemacht hätte: Marinko Miletic, Ex-Fortune, vor der letzten Saison zu den Fohlen-Amateuren gewechselt, in dieser Saison dort nicht ein Spiel über neunzig Minuten absolviert, gegen uns aber von Trainer Holger Fach von Anfang an gebracht, da dieser bezüglich Fortuna ja auch recht gut weiß, was „besondere Motivation gegen seinen alten Verein“ heißt. Und natürlich spielte Miletic nicht nur das gesamte Spiel durch, sondern genauso selbstverständlich erzielte er auch beide Treffer zum Sieg. Was wieder alle meine Mitleids-Bekunder rechtfertigt: die extreme Leidensfähigkeit, die der gemeine Fortuna-Fan ja bekanntlich besitzt, wird aber auch an fast jedem Spieltag einer neuen Prüfung unterzogen.

Schön, wenn sich dann wenigstens der Gegner anpasst. Die mitgereisten Gladbach-Fans entrollten nämlich ein Spruchband mit den schönen Worten „Wie tief wollt ihr noch sinken?“ Ja, es ist aufbauend zu sehen, dass auch der Gegner sich richtig einschätzen kann! Denn anders kann es doch nicht gemeint gewesen sein, oder?

Am Freitag nach diesem trüben Sonntag Nachmittag ging es dann ins Oberhausener Niederrheinstadion zur Partie beim SV Adler Osterfeld. Ein Spiel, bei dem uns die Götter zunächst nicht gnädig gestimmt waren: Dauerregen, Sturm, Eiseskälte, dazu noch Ordner, die, eine Woche zuvor von den 20.000 Zuschauern des 2. Liga-Spitzenspiels RWO-1.FC Köln völlig überfordert, mal so richtig zeigen wollten, was sie denn so alles gelernt hatten. Die Mannschaft passte sich dem Wetter an, spielte in der 1. Halbzeit grottenschlecht, lag 0:2 zurück, und das auch noch recht glücklich. Dann aber der Wink des Schicksals, der Hinweis der Götter, dass ein gewisser Einsatzwille vielleicht doch noch belohnt werden könne: das Phrasenschwein-Tor durch Mayer zum „psychologisch günstigen Zeitpunkt“ unmittelbar vor dem Pausenpfiff. Und siehe da: nachdem in der Pause anscheinend wärmender Tee gereicht und etwas lautere Worte gepredigt wurden, ging es auf einmal, die Mannschaft kämpfte bis zum Umfallen auf dem mittlerweile völlig zerfurchten Acker, erzielte den Ausgleich durch einen tollen Freistoß von Michael Rösele und hätte das Spiel auch noch gewinnen können, obwohl es nicht verdient gewesen wäre, aber immerhin, ein Punkt blieb. Und sage noch einer, Fortuna wäre langweilig! Binnen fünf Tagen nicht nur die erste Heimniederlage, sondern auch endlich das erste Auswärts-2:2, nachdem es in den Heimspiele ja schon viermal mit diesem Ergebnis geklappt hatte! Das nenne ich Abwechselung!

Ebenso beim darauf folgenden Heimspiel gegen Abstiegskandidat Viktoria Köln. Nachdem man geschlagene zweieinhalb Monate bis zum ersten Auswärts-0:0 in Velbert Ende Oktober gebraucht hatte, legte man nun flugs das erste torlose Heim-Unentschieden nach. Und was für eins! Ich sage nur: 12:1 Torchancen, also wenn man nur die klaren nimmt! Viktoria Köln mit der doppelten Ristic-Beton-Mauer, bei Ecken und Freistößen in Strafraumnähe wirklich und wahrhaftig mit allen elf Mann im eigenen Strafraum, was das mit Fußball zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es wird ja belohnt, also muss es anscheinend ein Erfolg versprechendes System sein. Es war einer dieser Tage, da hätte die Mannschaft auch noch geschlagene zwei Stunden weiter spielen können, ohne das Tor zu treffen. Immer stand ein Kölner Feldspieler-Bein im Weg, und wenn das mal nicht der Fall war, stand der Kölner Torwart im Weg, und wenn das mal nicht der Fall war, stand man sich selbst im Weg. Spätestens in der 65. Minute, als Mayer aus drei Metern Entfernung das Tor nicht traf, konnte man sicher sein, dass die Null vorne stehen würde. Da machte es auch nichts mehr, dass Varveri (oder war es Vukadinovic? Also mit den Einwechselspielern habe ich manchmal noch genauso meine Probleme wie unser Stadionsprecher) kurz vor Schluss stolperte, als er eine Flanke gerade im leeren Tor versenken wollte. Es war einfach nur logisch. Und ich war beinahe froh, dass kurz vor Schluss ein wirklich glasklarer Elfmeter für uns nicht gegeben wurde. Den hätten wir an diesem Tag nämlich auch noch verschossen.

Am Ende kann man solche Partien dann natürlich auch noch locker verlieren, aber diesmal hatten wir Glück: Ex-Fortune Sven Demandt, vor einigen Wochen völlig überraschend bei der Kölner Viktoria aufgetaucht, war nämlich verletzt und saß somit noch nicht einmal auf der Ersatzbank. An diesem Tage hätte der unter Garantie das Siegtor für Köln geschossen.

Weiter ging es mit der nächsten Runde im Niederrhein-Pokal, Auswärtsspiel bei Olympia Bocholt, Landesliga. Wir wollen den Mantel des Schweigens über diese Partie breiten, nur soviel: 0:1 zurückgelegen, 2:1 gewonnen, das Siegtor war ein Eigentor. Sagt wohl alles. Aber immerhin stehen wir jetzt im Halbfinale und treffen dort auf den 1. FC Kleve aus der Verbandsliga, der aber schon drei Oberligisten ausgeschaltet hat und daher ebenfalls mit Vorsicht zu genießen ist. Das andere Halbfinale bestreiten die SSVg Velbert und die Amateure des MSV Duisburg, und der Finalsieger darf dann tatsächlich in der nächsten Saison beim DFB-Pokal mitmischen, wobei ich wetten möchte: sollten wir das sein, wird es in der ersten Runde ein so attraktives Los wie Energie Cottbus, SpVgg Greuther Fürth oder Wacker Burghausen sein, mit dem wir geschlagen sein werden, nebst unglücklicher 0:1-Niederlage. Wobei wir ja nebenbei bei einem Los Wacker Burghausen wenigstens noch die Wiedersehensfreude mit Ex-Fortune Rudi Bommer hätten, der die Wackeren zur Zeit in der 2. Liga stramm auf Kurs Klassenerhalt hält, sowie Ex-Fortune Macchambes Younga-Mouhani, der dann selbstverständlich das 1:0-Siegtor erzielen wird. Aber wir brauchen noch nicht weiter über ungelegte Eier zu sprechen, davor liegen noch zwei Siege und ein „glückliches“ Händchen der Auslosungsfee im Sommer.

Die Erwartungen zum Spiel bei Spitzenreiter Wuppertaler SV waren eher gering: mit den obligatorischen zwei Gegentreffern gegen Spitzenmannschaften im Gepäck (Mönchengladbach, Borussia Wuppertal, Fortuna Köln) würden wir uns auf die Heimreise begeben, und damit wäre die Hinrunde abgeschlossen. Zeit für ein abschließendes Fazit bleibt jedoch nicht, denn in den nächsten zwei Wochen stehen noch zwei Spiele der Rückrunde an, erst im Duisburger Wedau-Stadion gegen die Zebra-Amateure, dann das Jahresabschlussspiel am heimischen Flinger Broich gegen die Amateure von Alemannia Aachen.

Tja, und nun wird das schöne „Grau“ in meiner Überschrift bildlich gesehen tiefschwarz. Beim Tabellenführer darf man ja durchaus verlieren – aber gleich 0:6??? Das hatte durchaus etwas von einer Hinrichtung. Danke für diesen schönen Nachmittag im Wuppertaler Einheitsgrau. Das alte Stadion am Zoo immer noch potthässlich, die umliegenden Bauten ebenso, das Wetter mies, da dachte sich die Mannschaft wohl, dem passen wir uns mal fürsorglich an. Torwart Petrick griff schon in der 1. Minute so richtig daneben (da noch ohne Folgen), Mayer brachte das Kunststück fertig, einen Elfmeter zu schießen, den selbst meine Oma zehn Zentimeter über der Grasnarbe liegend locker rausgeköpft hätte, nebenbei klärte er auch noch eine brenzlige Situation, indem er den Ball Richtung Eckfahne beförderte – leider im gegnerischen Fünfmeterraum, die Hintermannschaft lies sich besonders in den ersten 20 Minuten nach Belieben ausspielen – ich kann gar nicht alles aufzählen, was alles schief gelaufen ist. Wobei es sich bei diesem Endstand merkwürdig anhört, aber: Fortuna war nicht chancenlos. Nachdem man schnell 0:2 zurücklag und sich mit desolater Leistung anscheinend nur noch in die Halbzeitpause retten wollte, erkämpfte sich Mayer überraschend einen Ball in des Gegners Hälfte und wurde vom Torwart umgesäbelt. So kurz vor der Pause der Anschlusstreffer, und der Gegner dann eine Halbzeit in Unterzahl, das wäre was gewesen! Leider trat keins von beiden ein, zum einen, weil Mayer den Elfmeter mit der oben beschriebenen Wucht schoss, zum anderen, weil der Schiri anscheinend der Meinung war, diese schicke „Notbremsen“-Regelung gilt nur in den oberen beiden Ligen. Direkt nach der Pause war die Mannschaft 10 Minuten drückend überlegen, erspielte sich Chance auf Chance, wobei deutlich wurde, dass auch die Wuppertaler Abwehr alles andere als sattelfest war, vergab diese Möglichkeiten aber wirklich äußerst kläglich, kassierte dann einen Doppelschlag zum 0:4, zum einen nach einer Standardsituation, zum anderen durch ein Tor des Monats von Oliver Ebersbach (Ex-Fortune, aber das muss ich wohl nicht extra erwähnen, oder?) und ergab sich dann. Ich habe gestern zum ersten Mal nach langer Zeit wieder ein Spiel gesehen, in dem ein zweistelliges Ergebnis möglich war. Unfassbar, aber wahr – aber nach 60 Minuten hätte es auch genauso gut 3:3 stehen können.

Nunmehr muss ich in Gedanken wohl die Ecke meiner Wand erweitern, die ich für „Eintrittskarten von Spielen, die keiner sehen wollte, aber trotzdem niemand vergisst“ reserviert hatte. Ich dachte eigentlich, diese Ecke in dieser Saison mit der Eintrittskarte des Düren-Spiels schon ausreichend befüllt zu haben. War wohl nix.

Tja, was nun? Zutiefst beschämt verkrieche ich mich unter meiner Bettdecke und hoffe, dass die Winterpause kommen möge. Immerhin: trotz dieses Debakels haben wir immer noch nicht die schlechteste Abwehr der Liga. Aber ich bin sicher, daran werden die Jungs nächste Woche in Duisburg auch noch hart arbeiten. Und noch etwas Positives bleibt: ich muss über Weihnachten nicht zur Familie. Denn da diese in einem Vorort von Wuppertal ihr Dasein fristet, ist, so glaube ich, nicht schwer zu erraten, welchem Fußballverein deren Herz gehört. Und Weihnachten ist ja immer noch das Fest der Liebe und nicht des Amoklaufs. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern, einen schönen 1. Advent gehabt zu haben. Ich hingegen wäre momentan eher dafür, Weihnachten abzusagen.

Und liebe Freunde, Arbeitskollegen und sonstige Gönner: danke für euer Mitleid. Der gestrige Tag hat mich umdenken lassen. Nach dieser Klatsche brauche ich alle Zuwendung, die ich kriegen kann. Und wenn es nur Mitleid ist.

Wir sind Fortuna – irgendwann konnten wir sicherlich mal Fußball spielen…

Und irgendwann geht sicherlich mal wieder die Sonne auf. Aber was das angeht, spielt Fortuna derzeit wohl in der Polar-Liga – und da kann es bekanntlich noch ein bisschen dauern, bis man die Sonne wieder sieht.

„Komm mit“, sagte der Hahn, „etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden.“
(Bremer Stadtmusikanten)
Dummerweise gingen sie zum Spiel MSV Duisburg Amateure – Fortuna Düsseldorf, Samstag., 07.12.2002, 14.15 Uhr, Wedau-Stadion – was die Aussage des Hahns nach dem jetzigen Stand doch sehr in Zweifel ziehen wird…

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