Nebenbei ein Fußballspiel gesehen

Fortuna Düsseldorf – MSV Duisburg (A) 2:2

Endlich! Die fußballlose Zeit ist vorbei! Wen interessiert schon ein Testspiel gegen lustlose Zweitligaprofis (0:0 gegen Alemannia Aachen am 29.07.2002), bei dem man sich immerhin prima sonnen konnte, wenn es für Fortuna endlich wieder um Punkte geht? Wen juckt eine Lachnummer namens Liga-Pokal, bei dem die Spiele extra in fußballerischer Provinz ausgetragen werden, um dem dortigen Fan mal erstklassiges Gekicke bieten zu können, die meisten Mannschaften jedoch nur mit der zweiten Garnitur auflaufen, während sie allerdings erstklassige Antrittsgelder kassieren? Und wen kümmert die Live-Übertragung eines Bundesligaspiels zweier so lächerlicher Mannschaften wie Borussia Dortmund und Hertha BSC Berlin auf SAT.1 mit ganz wenig Werbung, wenn die Amateure des MSV Duisburg mit „Enatz“ Dietz als Coach am Flinger Broich auflaufen? Ich konnte alle drei Fragen locker mit „Mich nicht“ beantworten, deshalb suchte ich heute meinen Weg von meiner derzeitigen Heimatstadt Bonn zum heimischen Stadion, um das Auftaktspiel der Oberliga-Nordrhein-Saison 02/03, Fortuna Düsseldorf gegen MSV Duisburg (A), zu verfolgen. Was herauskam, war die reinste Groundhopping-Tour. Aber entscheide selbst, geneigter Leser.

Ich verlasse die heimatliche Stube in Bonn um 16.30 Uhr, die Buslinie 638 bringt mich in 20 Minuten zum Hauptbahnhof. Denke ich mir so, tatsächlich fährt der Bus erst 16.45 Uhr, da der Freitags-Plan von demjenigen, der Montag bis Donnerstag gilt, leider ein bisschen abweicht, und der Bus dann auch prompt statt der erwarteten 20 Minuten deren 25 braucht. Um 17.10 Uhr bin ich am Bonner Hauptbahnhof, um 17.10 Uhr fährt auch der Intercity (IC) nach Düsseldorf ab. Keine Chance, den noch zu erwischen, da man vom Busbahnhof zu den Gleisen erst mal über die Hauptstraße oder durch eine Unterführung muss, in jedem Fall dauert es zu lange, der IC fährt mir vor der Nase weg. Das ist eigentlich auch nicht schlimm, denn ich hatte sowieso mit dem nachfolgenden InterRegio (IR) um 17.29 Uhr kalkuliert. Ich treffe also gegen 17.12 Uhr auf dem Bahnsteig ein, und das Drama beginnt .

I. Akt: Versuch, einen Fahrschein für die Strecke Bonn-Düsseldorf zu erwerben

17 Minuten Zeit, um eine Fahrkarte zu lösen, kein Problem. Zunächst ein Fahrkartenautomat auf dem Bahnsteig. Hm, „Automat zur Zeit außer Betrieb“. Na gut, nehmen wir den nächsten, der steht nur zwanzig Meter weiter. „Automat zur Zeit außer Betrieb“. Na gut, kann mal vorkommen, auch so ein Automat will vielleicht mal Wochenende haben. Macht nix, befinden sich in der Bahnhofshalle doch weitere drei Automaten, sowie drei Fahrkarten-Automaten, an denen man mit Karte bezahlen kann.
So ein Automat ist lustig. Erst mal warten, weil natürlich alle besetzt. Aber dann, einer wird frei! Man stellt sich davor, liest auf der dort hängenden Tabelle die vierstellige Codenummer des gewünschten Ziels ab, stellt erstaunt fest, dass das Fahrtziel „Rumeln-Kaldenhausen“ mit der PIN-Nummer der eigenen EC-Karte übereinstimmt und drückt die vier Ziffern im Tastenfeld für das Fahrtziel Düsseldorf. Und zwar schön langsam, wenn man es zu schnell macht, liest der Automat eine Ziffer nicht mit und man darf von vorne anfangen, will heißen, den „C“-Knopf drücken und geschlagene 30 Sekunden warten, bis das Hauptmenü erscheint.

Hat man die richtige magische Formel eingegeben, erscheint nach kurzer Warteschleife auch das korrekte Ziel „Düsseldorf“ in der Anzeige nebst Zahlungsaufforderung. Leider verschwindet auch gleichzeitig etwas, nämlich ein Teil der Symbole, die die Zahlungsmöglichkeiten anzeigen. Dies sind mittlerweile alle Euro- und Cent-Münzen sowie die Euro-Scheine bis 50 €. Doch kaum will man nach Düsseldorf, schwupps, schon verschwinden der 50 €- und der 20 €-Schein von der Anzeige, der Automat nimmt diese nicht an. Dafür hat er aber lange überlegen müssen. Besonders praktisch ist das, da ich zuvor an dem Reise-Bank-Automaten im Hauptbahnhof Geld gezogen und natürlich nichts herausbekommen habe, das kleiner als ein 20 €-Schein war. Die arbeiten wirklich Hand in Hand und kundenorientiert. Aber egal, es sind ja noch zwei andere Automaten da.

Nach geduldigem Warten, dass dort endlich die Omas verschwunden sind, die sich nach langer Diskussion über die Funktionsweise zwei Fahrkarten für den Nahverkehr ziehen, obwohl am Busbahnhof, zu dem sie ja sowieso müssen, massig Nahverkehrs-Automaten stehen, versuche ich erneut mein Glück. Aber, potzblitz, immer bei „Düsseldorf“ streiken die Automaten und nehmen keinen 20 €-Schein mehr an. Wohl treu nach dem Motto: wenn du nach Düsseldorf fährst, lass dein Kleingeld hier, ist in der Schicki-Micki-Stadt eh kein gültiges Zahlungsmittel, da wirst du die großen Scheine noch brauchen. Also eigentlich ziemlich fürsorglich.
Ich versuche es nunmehr mit den Fahrkarten-Automaten, an denen man mit diversen Geld- und Kreditkarten bezahlen kann. Sollen sie es mir doch vom Konto abbuchen, der Kontoauszug kommt dann in das nicht vorhandene Sammelalbum für die nicht vorhandenen Enkel, die Abbuchung dick umrahmt und mit dem Schriftzug „09.08.2002: Mein erstes Viertligaspiel“ versehen.

Dieser Automat jedoch ist dummerweise vom Verfassungsschutz konzipiert worden, denn er nimmt mich zunächst in ein gnadenloses Kreuzverhör, um meine freiheitlich-demokratische Gesinnung und anscheinend auch meine Gewaltbereitschaft gegenüber wehrlosen Maschinen zu prüfen: hier eine, wohlgemerkt, kleine Auswahl: Hinfahrt? Hin- und Rückfahrt? Heute? Morgen? Mit Bahn-Card? Ohne? Mit Reservierung? Ohne? 1. Klasse? 2. Klasse? Mit NRW-Ticket plus? Ohne? Merken Sie eigentlich, dass wir Sie nur verarschen? Ja? Nein? Sie ahnen es?

Nachdem man sich Blutblasen an den Fingern gedrückt hat (TouchScreen), darf endlich zur Bezahlung geschritten werden, mittels Einführung der EC-Karte in das dafür vorgesehene Lesefach. Die Antwort ist klar: möchten Sie mit Geldkarte oder Kreditkarte bezahlen? Und das, obwohl die EC-Karte groß und breit als akzeptiertes Zahlungsmittel auf dem Automaten draufpappt. Und zwar auf allen dreien. Aber keiner will meine EC-Karte. Scheint so, dass das Fahrtziel Düsseldorf bei diesen Geräten eine Art technischen Diarrhoe auslöst.

Inzwischen ist es 17.20 Uhr. Immer noch ohne Fahrkarte und inzwischen leicht nervös begebe ich mich ins Reise-Zentrum, in dem sich anscheinend halb Bonn versammelt hat. Proppenvoll, der Laden. Immerhin, zwei Schalter tragen die Aufschrift „Express – keine Information – keine Reservierung“. Aber da ist der Reisende ja flexibel, das kümmert keine Sau. Auch die Damen und Herren hinter dem Schalter nicht, die fleißig beraten, was das Zeug hält. Sie müssen auch richtig gut sein, denn die Kunden wollen gar nicht mehr gehen. Als ich selbiges tun will, weil mein Zug in drei Minuten fährt, bin ich tatsächlich an der Reihe, sage mein Sprüchlein auf, werde aber mit einem lockeren: „Isch muss ersma Wechseljeld holen“ in die Schranken gewiesen. Ich frage höflich an, ob die Bahn schon so pleite ist, dass dieses Wechselspiel zwischen Automaten und Mitarbeitern zu dem einstudierten Plan gehört, den Reisenden zu zwingen, seine Fahrkarte im Zug nachzulösen, denn der Insider weiß, Nachlösen kostet 3,60 € mehr. Als Antwort darauf reißt die Dame, die eben noch so schön beraten konnte, die Wechselgeld-Rolle betont langsam auf, versucht dabei noch krampfhaft, sich einen Fingernagel abzubrechen, damit sie den Schalter kurzerhand schließen kann, schafft es aber nicht und schiebt mit verkniffenem Gesicht ein längliches Stück Papier über den Tresen. Meine Fahrkarte! Ich reiße sie an mich, bevor die Dame sie mit den Worten „War nur Spaß“ wieder wegziehen kann, und verlasse fluchtartig das „Service“Center. Es ist 17.28 und ich habe geschlagene 16 Minuten gebraucht, mir das gute Stück zu erobern. Insgeheim schwöre ich mir: dafür gebe ich es jetzt auch nie mehr her…

II. Akt: Versuch, von Bonn Hbf nach Düsseldorf Hbf (ca. 75 Bahnkilometer) zu gelangen

17.28 Uhr, ich stehe am Bahnsteig und erwarte frohgemut den bereits angezeigten IR nach Münster/Westfalen, über Köln, Düsseldorf und der Rest ist mir völlig egal. 17.28 Uhr und 30 Sekunden, eine nette weibliche Stimme schaltet sich in das Gemurmel ein und spricht salbungsvoll die nette Botschaft, dass der IR eine Verspätung von 20 Minuten haben wird. Unfassbar! Da hätte ich doch noch genussvoll dabei zusehen können, wie die unfreundliche Service-Tante sich den Fingernagel abbricht, um dann hohnlachend zu sagen: Macht nix, hab noch Zeit, machen Sie doch noch einen!
Aber jetzt nix wie hin zum Fahrplan. Aha, keine Panik, der nächste IC fährt um 17.38 Uhr, geht auch klar. Leider habe ich den Namen dieses Zuges noch nicht zu Ende gelesen, als mich die selbe freundliche Stimme darauf hinweist, dass auch dieser Zug „mit international festgelegtem Qualitätsstandard“ (Vorwort Begleitheft „Städteverbindungen“, das der gewiefte Städtehopper stets am Mann führen sollte) circa 20 Minuten Verspätung haben wird. Nichts geht mehr, keiner weiß, warum, es gab keinen Unfall, keine Baustelle und niemanden, der das Wörtchen „Train-Hopping“ erfunden und gleich mal in die Tat umgesetzt hat. Nur ein normaler Nachmittag bei der Deutschen Bahn AG.

Diese greift jetzt zur Kundenbefriedigung zu den abstrusesten Mitteln: um 17:36 Uhr wird ein Zug bereit gestellt, der auf der Anzeigetafel als „D-Zug, nur 2. Klasse“ angekündigt wird. Was da reinrauscht, ist aber ein international festgelegter Standardqualitätszug IC, der nur 1.Klasse-Wagen führt. Man glaubt es kaum. Immerhin, man darf einsteigen und das Ding fährt auch zügig los.
Leider nur bis Köln Hauptbahnhof, den wir Punkt 18.00 Uhr auf Gleis 1 erreichen. Endstation. Die Lautsprecherdurchsage verkündet, der IR nach Hassenichgesehen über Düsseldorf fährt um 18.02 Uhr von Gleis 3. Zwei Minuten Zeit zum Umsteigen, oder sagen wir lieber 120 Sekunden, klingt nach mehr. 100 davon brauche ich alleine schon, um aus diesem verdammten D-Zug-2.-Klasse-in-IC-1.Klasse-Tarnung herauszukommen, da vor mir leider zwei Omas frisch erholt von der Kur aus Passau (da begann der Zug nämlich ursprünglich seine Fahrt als unschuldiger IC) mit runderneuerter Dauerwelle, aber auch fünf Koffern aussteigen. Unterwegs mit fliegendem Schritt, remple ich noch ein paar Leute an, egal, sehen eh alle aus wie Kölner. Ab auf Gleis 3, ab nach Düsseldorf!

Ich hätte nicht rennen brauchen. Kaum stehe ich auf Gleis 3, kommt auch schon die Durchsage, dass auch dieser Zug circa 15 bis 20 Minuten Verspätung haben wird. Aber die Hoffnung naht: EC „Berner Land“ aus selbigem zur Weiterfahrt nach Wasweißich über Düsseldorf, Abfahrt 18.08 Uhr vom selben Gleis. Hurra. Ich habe meine Zigarette noch nicht angezündet – muss ich mehr schreiben? 15 bis 20 Minuten Verspätung.

Ich beschließe, mir direkt am Bahnsteig eine echt Kölner Currywurst zu kaufen, denn es könnte sein, dass ich erst in Düsseldorf bin, wenn die Bäckereien aufmachen und dann gibt es da naturgemäß nicht viel Warmes. Dies rettet mich vor dem Schicksal so manch anderer Fahrgäste, denn plötzlich kommt die Durchsage, dass der IR in zwanzig Minuten „ausnahmsweise“ auf Gleis 1 einlaufen wird. Fluchtartig verlassen die Reisenden das Gleis und nehmen auch einige mit, die auf den EC warten, aufgrund dieser Verspätung jedoch erst einmal im IR weiterfahren wollen.

Da wird einer im Kontrollzentrum wahrscheinlich jetzt noch lachen: er wartet, bis sich die ganze Meute auf Gleis 1 versammelt hat, um dann zu verkünden, dass der Schwyzer EC jetzt doch schon in 5 Minuten auf Gleis 3 ankommen wird. Was für ein Heidenspaß! Mich hat die Currywurst gerettet. Um 18.15 Uhr läuft der EC ein, fährt (natürlich halbleer) schnell wieder an, bleibt relativ unmotiviert auf der Strecke stehen, um dann doch um circa 18.45 Uhr in Düsseldorf einzulaufen. Hosianna! Ich komme mir vor, als ob ich das Gelobte Land erreicht hätte, habe zwar für diese „Wahnsinnsstrecke“ nur zweieinviertel Stunden und nicht 40 Jahre gebraucht, fühle mich aber eher nach letzterem.

Am Düsseldorfer Hbf will ich als korrekter Unterstützer der einheimischen Verkehrsbetriebe auch einen Fahrschein für die Busfahrt mit der 725 erwerben, und zwar an den bereits ausführlich beschriebenen Automaten. Deren 5 davon stehen in der Nähe des Hauptausgangs. Davon sind aber drei außer Betrieb. Trotzdem ist hier alles anders als in Bonn, hier steht nämlich auf den Schildern „Automat zur Zeit leider außer Betrieb“ Na, da macht mir das ja nur noch die Hälfte aus! Hier bin ich zuhause, ich fühle es ganz deutlich…

Schließlich geht die Fahrt in der proppenvollen 725 zur Haltestelle „Fortuna-Platz“ weiter. Erschwert wird das ganze durch ein Pärchen, das am Worringer Platz versucht, von seinem im Grundgesetz verankerten Recht Gebrauch zu machen, in einen total überfüllten Bus auch noch einen Kinderwagen hinein zu zwängen, woraufhin die Fahrgastmasse jedoch mangels Bewegungsfreiheit von ihrem ebenfalls staatlich verbrieften Recht Gebrauch macht, eine solide Abwehrmauer zu bilden, bei der selbst ein Herr Trapattoni unweigerlich in Schwärmen geraten würde. Aber nach einigem Hin und Her klappt es doch noch.
Während der Fahrt redet sich noch so ein Opa um Kopf und Kragen, der lauthals über die früheren Vorzüge der Fortuna parliert und dabei automatisch auf die Themen Bundesliga, Bayern, Dortmund, Nationalelf kommt. Als er die Leistung von Udo Lattek als Nationaltrainer analysiert und trotzdem nicht aus dem Bus entfernt wird, weiß ich, das alles gut wird.

Ankunft am Vereinsheim um 19.00 Uhr. Ich möchte auf die Knie sinken und den Boden küssen, wie JoPo 2 es zu tun pflegt. Leider habe ich dafür keine Zeit, ein kurzes Hallo zu den Kollegen und dann ab in den Block auf der Westtribüne, jetzt nach drei Stunden Fahrt endlich Fußball gucken!

III. Akt: Versuch, ein ungenießbares Fußballspiel zu genießen

Kaum sitze ich, darf ich schon wieder aufstehen. Gedenken an Rainer Geye, gestern verstorben, im Alter von nur 52 Jahren. Er war ein Großer. Nur, das weiß ich schon etwas länger, warum denkt niemand daran, solange die Leute noch leben? Trotzdem natürlich eine schöne Geste.
Wieder hingesetzt, stehe ich auch schon wieder. Gedenken für Herrn…ich schäme mich, ich habe ehrlich den Namen vergessen, jemand, der auch letzte Woche gestorben ist und zehn Jahre in der Jugendabteilung gearbeitet hat. Der war schon ein Eher-nicht-so-Großer, daher auch hier ein Dank an die Offiziellen für diese Geste. So soll es sein.

Aber genug getrauert, jetzt…jetzt muss es doch losgehen! Tut es auch, der Schiri aus Mönchengladbach (!!!) pfeift das Spiel an. Endlich! Die fußballlose Zeit ist vorbei, es rollt wieder, das runde Leder, die Pille für den Mann, der Stoff, aus dem die Träume sind, auch wenn es nur Oberliga ist, hurra, mein Verein spielt sein erstes Saisonspiel…

…leider erst mal nicht mehr weiter, denn der Schiri hat das Spiel nach 60 Sekunden wieder abgepfiffen. Jetzt ist es der Rauch, der sich von der Südtribüne aufs Spielfeld legt und ihn stört. Willkommen in der Oberliga! In der Regionalliga hätte sich jeder Schiri über das bisschen Flair gefreut…

Ja, zum Kuckuck, wird hier denn heute noch gespielt? Doch, es geht tatsächlich nach zwei Minuten weiter. Erste Großchance für Duisburg, dann eine 100%ige für Tytarchuk. Mir fällt die Beschriftung auf der Rückseite der Jacke meines Vordermannes auf der Tribüne auf. Aha, die große weite Fußballwelt hat sich eingefunden: „Trachten-Tanz-Kreis DJONATHAN Neuss-Kleinenbroich e.V.“ ist eingetroffen zum gnadenlosen Support. Ja was kann denn da noch schief gehen?

Zwei Reihen vor mir wird die Menschenmasse plötzlich durch vier sich durchdrängelnde Leute zerteilt: drei Bodyguards und, guck an, der Litti ist da! Seines Zeichens Cheftrainer der Zweitliga-Truppe des MSV, will sich Pierre Littbarski mal vor Ort seine Zebra-Bubis anschauen. Sehr löblich. Er nimmt zwei Reihen unter mir Platz. Ein Bild für die Götter: vor mir der „Trachten-Tanz-Kreis Neuss-Kleinenbroich e.V.“, ein paar Meter daneben Pierre Littbarski. Das ist Oberliga!

Litti hat sich den Hintern noch nicht ganz angewärmt, da gibt es Elfmeter für Fortuna, weil ein Duisburger im Strafraum mit der Hand auf den Ball gefallen ist. Aus meiner Sicht berechtigt. Jan Tauer verwandelt sicher zum 1:0, 11. Minute.

Dummerweise beflügelt das nur die Mini-Zebras, die klar besser sind, sich Chance auf Chance erspielen. Koch hält hier, Koch hält da, und als es einmal nichts mehr zu halten gibt, haut „Tante Augustine“ Augustine Fregene die Kugel von der Torlinie. Die Fortunen wirken nach 30 Minuten bereits relativ platt und vor allem unsicher. Vom angekündigten Pressing ist nichts zu sehen – höchstens das weltberühmte Ristic-Forechecking: wir schicken mal einen vor und der checkt dann die Lage, während der Rest hinten bleibt. Zwei Torschüsse noch von Mayer, das war’s. Zur Pause allgemeine Unzufriedenheit, ehrlicherweise muss man sagen, die Zebras müssten 3:1 führen.

Die zweite Halbzeit wird auch nicht viel besser. Dazu trägt unter anderem auch das Schiri-Gespann mit einigen merkwürdigen Entscheidungen bei. Die wollen anscheinend bloß nicht den Verdacht aufkommen lassen, sie würden die „große Mannschaft“ bevorzugen. Um das zu verhindern, benachteiligen sie sie einfach, ein Plan, genial durch seine Schlichtheit. Daran werden wir uns gewöhnen müssen, das wird noch oft der Fall sein, der Name macht die Musik. Die Wuppertaler beschweren sich nicht umsonst seit drei Jahren darüber, diese Saison sind wir auch dran, darauf kann man wetten.
Aufsehen erregend auch der Schiri-Assistent auf der Westtribünenseite, dessen beträchtlicher Bauchumfang und die im Gegensatz dazu minimal ausgeprägte Laufbereitschaft zu allerlei Spekulationen bezüglich seiner sportlichen Qualifikation Anlass gibt. Und er hebt auch immer so schön sein Fähnchen. Auch dann, wenn er es nicht soll. Aber, für alle, die sich über diesen Herrn aufgeregt haben: seid froh, Leute – wenn wir noch eine Liga tiefer absteigen, dann pfeift so einer die Spiele.
Die Leistung des Schiri-Gespanns passt zu der der Fortuna – einfach schlecht.

In der 2. Halbzeit gar das 2:0 für Fortuna, wieder durch Jan Tauer, 62. Minute. Erst vertändelt Hopp eine weitere 100%ige, als er die Kugel ins Tor tragen will, bekommt den Ball aber noch mal zurück, über drei Banden springt das Spielgerät aus dem 16-Meter-Raum, Tauer zieht aus 20 Metern Entfernung ab, ein Duisburger hält sein Bein dazwischen und fälscht den Schuss unerreichbar ab. 2:0, nicht verdient, aber wen kümmert es?
Doch Fortuna wäre nicht Fortuna, wenn nicht praktisch im Gegenzug das 1:2 fallen würde, was auch geschieht, und in der 77. Minute gar der Ausgleich, eingeleitet durch einen famosen Querschläger eines Fortuna-Abwehrspielers, den der MSV-Stürmer aufnimmt und aus halbrechter Position aus 10m flach in die linke Ecke verwertet. Hochverdient, der MSV hatte auch in der 2. Halbzeit die klar besseren Chancen.

Unmittelbar nach dem Tor steht der Litti mit seinen Bodyguards auf und geht. Der Mann hat Fußballverstand, es passiert nämlich tatsächlich nichts mehr bis zum Schluss, von einigen sterbenden Duisburger Schwänen abgesehen, die der Schiri lächelnd gewähren lässt und einer Situation, in der es durchaus nochmals Elfer für Fortuna hätte geben können, aber um nicht in diese Notsituation zu kommen, hatte der Pfeifenmann vorsichtshalber gar nicht erst hingeguckt. Einfach, aber genial.

Das Spiel ist aus, 2:2, immerhin nicht verloren, aber man ist doch ein bisschen enttäuscht. Wieder kein Auftaktsieg. Das Spiel insgesamt zu statisch, zu wenig Bewegung, Fehlpässe en masse, kaum herausgespielte Torchancen. Natürlich darf man das nicht überbewerten, es war das erste Spiel, die Mannschaft muss sich erst noch finden, aber ein bisschen mehr hatte ich mir doch erhofft. Naja, vielleicht am Mittwoch, bei den AAAs, das sind nicht die Anti-Hippokraten, sondern die Amateure von Alemannia Aachen. Wird schon werden, sagen wir. Hoffen wir. Ansonsten hatten wir heute mit sehr ordentlichen 4.600 Besuchern nämlich schon Saisonrekord.

IV. Akt: Heimfahrt und Bilanz

Die Heimfahrt verläuft reibungslos bis Köln, dauert jedoch zwanzig Jahre. In dem fabelhaft modernen Regional-Express, mit dem ich reise, befindet sich nämlich in jedem Wagen eine kleine elektronische Anzeigetafel, die beharrlich verkündet, das wir heute den 09.08.2022 schreiben. Hurra, nur noch 12 Jahre und ich hab die Rente durch. Das hab ich mir nach dem heutigen Tag auch verdient.

Da in Köln mit Anschluss nach Bonn erst in einer Stunde (!) gerechnet werden kann, holt mich eine Bekannte vom dortigen Hauptbahnhof ab und kutschiert mich nach kurzer Einkehr bei McD in heimatliche Gefilde. Punkt Mitternacht bin ich zuhause und habe nur zwei Gedanken, erstens: ein enttäuschendes Spiel mit glimpflichem Ausgang für eine unsichere, noch nicht eingespielte Mannschaft, die sich allerdings bemühte. Zweitens: ein Briefchen an die Deutsche Bahn AG in der nächsten Woche. Keine Schilderung meiner heutigen Fahrten, nein, wenn ich da aus Höflichkeit alle Verbalinjurien rausnehmen würde, die mir heute durch den Kopf geschossen sind, blieben ja nur noch drei Zeilen übrig. Sondern ein höfliches Dankeschön für die dank der Bahn heute entgültig erfolgten Bekehrung: nach meinem Urlaub melde ich mich für den Führerschein an. Was zuviel ist, ist zuviel. Aber das dauert noch.

Und es sind noch dreiunddreißig Spiele…
Vier davon werde ich noch in diesem Jahr wegen Terminen und Urlaub verpassen.

Mich ärgert das. Meine Nerven nicht.

Kommentare sind geschlossen.