Amateure? Nein, danke!

Es begab sich aber zu einer Zeit, dass ein Gebot der Glücksgöttin Fortuna ausging, dass alle Welt, die noch bereit und der Lage dazu war, an ihrem wahren Glauben geschätzt werden sollten. Dies war nicht die erste Schätzung, und ob Quirinus noch Statthalter in Syrien war, war mir an diesem Tage relativ schnuppe. Und so ging ein jedermann, der sich noch glücklich schätzte, Fortuna-Anhänger zu sein, in die gemäß dem Heiligen Spielplan aufzusuchende Stadt, um sich ernsthaft zu prüfen.

Da machte auch ich mich aus Bonn auf in die Stadt der Zebras und abgewrackten Fabrikruinen, die da hieß Duisburg, weil ich von Haus aus ebenso nicht dem logischen Denken verhaftet bin, wenn es um Fortuna ging, wie die weitere tapfere Schar, die denselben Weg einschlug, damit ich mich schätzen ließe, mit einem Bekannten und Fahrer, was im Gegensatz zur Weihnachtsgeschichte den Vorteil hatte, dass dieser nicht schwanger sein konnte. Und als sie dort waren, kam die Zeit, die Wertschätzung gegenüber der Fortuna einer strengen Überprüfung zu unterziehen, und dies geschah im Wedau-Stadion, denn es gab leider keine andere Abbruchbude, in der man hätte Fußball spielen können.

Und es waren tatsächlich noch 900 weitere unentwegte Fans in der Gegend, die hüteten den ihnen zugewiesenen Block. Und der Engel des Herrn in Gestalt des Stadionsprechers trat akustisch zu ihnen, um die Mannschaftsaufstellungen zu verkünden, und sie wunderten sich gar sehr. Doch der Engel sprach: „Wundert euch nicht! Denn seht, ich verkündige euch große Freude, die euch heute widerfahren wird: denn wie ihr wisst, hat im Frühsommer der DFB-Bundestag Änderungen für die Vereine der Regional- und Oberligen beschlossen. Gegen den Willen der Amateurklubs gebot die Fußball-Mafia, Limitierungen für den Einsatz von Lizenzspielern in den Amateurteams weitgehend aufzuheben. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder lobte die Änderung zwischen zwei Pils damals als ‚Reform für den Nachwuchs’. Junge Profis sollen demnach mehr Einsätze in Pflichtspielen bekommen bzw. rekonvaleszente Spieler mit Einsätzen in den Amateurteams wieder an die erste Mannschaft herangeführt werden. Und hiermit verkünde ich das Zeichen, auf dass ihr dankbar seid, wenn mal ein bisschen Zweitliga-Flair in euren öden Oberliga-Alltag kommt: die Mannschaftsaufstellung.“

Und es konnten wundersame Namen gehört werden: Dominik Jansen, Emerson Monteiro, Sebastian Backer, Morten Rasmussen, Guiseppe Spitali, Sercan Güvenisik, Louis Gomis, Hilmi Mihci (letztere beide mit 28 bzw. 26 Jahre ja auch wirklich als echte Jungspunde zu bezeichnen). Und es war viel Freude über Duisburg und seinem Stadion, bei Gott in der Höhe und den Menschen zum Wohlgefallen – zumindest was die circa 100 Fans der MSV Duisburg „Amateure“ betraf.

Soweit, so schlecht. Natürlich geht nur die echte Weihnachtsgeschichte gut aus, die eher frei formulierte Schilderung des Heiligen Tages (soll wohl Tageslicht gewesen sein, dieses schmutzig-trübe Grau in Mausgrau in Steingrau, das an diesem Nachmittag herrschte) ging für Fortuna so ziemlich in die Hose und wurde auch nur gewählt, um meine Verbundenheit mit den nunmehr anstehenden festlichen Tagen zu suggerieren. Und während der gemeine Leser noch verwirrt „Hä? Wieso?“ murmelt, weiß der in den Niederungen des deutschen Fußballs versierte Fan bereits Bescheid. Die oben genannten Herren waren nämlich sämtlichst aus dem Zweitliga-Profikader des MSV entliehen, da wahrscheinlich rekonvaleszent oder sehr spielpraxisbedürftig, um die abstiegsgefährdeten Amateure mal ein wenig zu unterstützen. Wer das kicker-Sonderheft vom Sommer auch als unverzichtbares Survival-Utensil im gnadenlosen deutschen Fußball-Dschungel betrachtet und demzufolge noch greifbar neben der Tastatur liegen hat, kann durch unfallfreies Aufblättern der Seite 139 sogar nachlesen, dass Bernhard Dietz, zu diesem Zeitpunkt noch Profi- und Amateur-Trainer des MSV in einem, bis auf Marius Ebbers gar seinen kompletten Zweitliga-Sturm aufgeboten hatte. Wahrlich beeindruckend natürlich, wie die Profis in der 2. Liga mit so vielen rekonvaleszenten und spielpraxisbedürftigen Stürmern fünf Punktspiele in Folge gewinnen konnten, bevor es letzten Sonntag in Freiburg erstmals wieder eine Niederlage gab. Respekt! Aber das gehört nicht hierher.

Wobei eins ganz klar gesagt werden muss: Fortuna verlor nicht nur wegen des Einsatzes der 8 Spieler aus dem Profikader des MSV mit 0:3. In der ersten Halbzeit war davon nämlich rein gar nichts zu bemerken. Fortuna war klar überlegen, erspielte sich Chance auf Chance, die jedoch jeweils entweder kläglich vergeben oder vom sehr guten Torwart Rott zunichte gemacht wurden. Als Höhepunkt mag der verschossene Elfmeter von Axel Bellinghausen stehen, der eigentlich recht gut geschossen war, aber von Rott mit glänzendem Reflex abgewehrt werden konnte. Schon wieder einen Elfmeter verschossen, genau wie in der Woche zuvor in Wuppertal! Dies brachte mich an diesem wirklich eiskalten Nachmittag im tristen Wedau-Stadion dann doch auf die Idee, auf gleich zwei Regeländerungen in nächster Zeit zu hoffen: zum einen, dass dieser unglaubliche Unsinn mit der nahezu unbegrenzten Anzahl von Spielern aus den Profikadern, die bei den Amateuren eingesetzt werden dürfen, endlich aufhört, denn auch wenn diese an diesem Nachmittag nicht alleine an der Niederlage der Fortuna Schuld waren, so bleibt es doch Wettbewerbsverzerrung, dass die Amateurvertretungen der Bundesligisten plötzlich über einen Kader von 30 Mann verfügen, den andere Oberliga-Vereine eben nicht auf die Beine stellen können.

Zum anderen wünsche ich mir, solange unser Mr. Standardsituation Michael Rösele weiter verletzt ist, eine Rückkehr der in meinen Kinderjahren sehr beliebten Bolzplatz-Regel „Drei Ecken, ein Elfer“, nur umgekehrt: wenn der Schiri demnächst auf Elfmeter für Fortuna entscheidet, bekommen wir statt dessen drei Ecken am Stück zugesprochen. Da sind zur Zeit die Chancen immer noch größer den Ball reinzumachen als vom Elfmeterpunkt. Wobei auch hier die Frage erlaubt sein darf, warum die erfahrenen Spieler wie Schön oder Böcker nicht zur Tat schritten und den jungen Bellinghausen im Regen stehen ließen. Aber was soll’s: die hätten ihn ja auch nicht reingemacht. Und es tröstet wirklich nur ein wenig, dass der Elfmeterpfiff selbst eigentlich ein schlechter Witz war, und man somit glatt von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen könnte.

So kam es, wie es kommen musste, Duisburg machte mit dem ersten Angriff das 1:0, in der zweiten Halbzeit dann mit dem zweiten das 2:0, mit dem vierten das 3:0, und der Fisch war gegessen. Groß anstrengen mussten sie sich nicht, und sicherlich ist es keinerlei Wettbewerbsverzerrung, dass sich der Duisburger Profi-Sturm die Treffer teilte. Denn eigentlich hätte es zu diesem Zeitpunkt schon 3:0 für Fortuna stehen müssen. Aber das war ja irgendwie nichts Neues für uns.

Etwas Neues hätte ich hingegen, für den durchaus anwesenden Reporter eines lokalen Boulevardblättchens: Lesen bildet! Und wenn man sich noch ein wenig im deutschen Fußball auskennt, schadet das als Fußball-Journalist auch nicht ganz so viel. Aber völlig unbeleckt von Mannschaftsaufstellung und Kenntnis der einzelnen Spieler, schrieb dieser faire Sportsmann sodann von der „Blamage“, gegen einen „abstiegsgefährdeten“ Club mit 0:3 verloren zu haben. Immerhin bedeutet das, dass er die Tabelle unfallfrei zu lesen vermochte. Recherche hingegen kann nicht seine Stärke gewesen sein, denn dann hätte er feststellen können, dass diese Duisburger Mannschaft, die da am 7. Dezember auf dem frostigen Rasen des Wedau-Stadions stand, mit derjenigen gleichen (Vereins-)Namens, die ansonsten in der Oberliga gegen den Abstieg spielt, wirklich gar nix mehr zu tun hatte. Ist ja auch Scheiße, wenn Recherche die schönsten Schlagzeile kaputt machen würde.

Warum ich so darauf rumreite? Zum einen, weil Duisburg kein Einzelfall war und ist; wenn bei Leverkusens Amateuren in der Regionalliga schon Daniel Bierofka das entscheidende Siegtor erzielt, oder irgendwelche Bauern aus Schweinfurt staunen dürfen, dass beim Heimspiel gegen die Amateure des 1. FC Kaiserslautern vor ihrer Nase plötzlich Ciriaco Sforza bei den Betzeberger Kotzbrocken herumdilettiert, dann kann das nicht im Sinne des Erfinders sein. Und ich halte mich für „neutral“ genug, um dies ebenfalls zu sagen, wenn Fortuna als Erst- oder Zweitligist so oder ähnlich handeln würde.

Zum anderen stand am letzten Sonntag das letzte Spiel des Jahres 2002 an, im heimischen Paul-Janes-Stadion gegen Alemannia Aachen „Amateure“. Haha, sagte der mittlerweile erfahrene Fortuna-Fan und griff zur Spielvorbereitung zunächst zum langsam schon gängigen Mittel, dem Zweitliga-Spielplan nämlich. Aha, Aachen spielt bereits Freitag auf St. Pauli, die „Amateure“ bei uns erst am Sonntag, da werden doch wohl ein paar Rekonvaleszente frei werden! Sodann wurde fleißig Seite 145 des kicker-Sonderheftes auswändig gelernt oder der Einfachheit halber direkt kopiert und mit ins Stadion genommen, so dass beim Verlesen der Aachener Mannschaftsaufstellung auch eine Art akustische Choreo geboten werden konnte, in dem man bei übereinstimmenden Namen immer begeistert „Hurra, wieder einer!“ ausrief. Dies war achtmal der Fall. Die Namen Memmersheim, Benthin, Gunesch, Marso, Rosin, Ferl, Schäfer und Keller tauchten doppelt auf, wobei mir persönlich völlig schnurz ist, ob dies Zweitliga-Stammspieler sind (in diesem Falle wohl eher nicht), oder ob diejenigen „nur“ mit den Profis unter eben solchen Bedingungen trainieren.

Zu meiner Überraschung erlebte ich auch ein Wiedersehen mit André Winkhold, Ex-Fortune aus besseren Tagen (durfte wenigstens in der Oberliga spielen, als diese noch drittklassig war, außerdem natürlich Erst- und Zweitligaeinsätze). Nicht, dass ich überrascht gewesen wäre, ihn als Trainer der Aachener Amateure zu sehen, das war mir sehr wohl bekannt. Nein, mich hat nur gewundert, dass die Aachener, wenn sie schon die komplette Ersatzbank aus dem Zweitligaspiel gegen St. Pauli antreten ließen, nicht direkt auch noch Jörg Berger mitschickten. Das wäre für ihn doch ein schöner Wiedereinstieg nach überstandener Krankheit gewesen, ein bisschen Praxis sozusagen, bevor er im Januar die Profis wieder übernehmen will. Oder Dann-wieder-Co-Trainer Engel, als Ausklang seiner Cheftrainer-Tätigkeit gewissermaßen. Also ich finde, darüber hätte man ruhig mal ein wenig nachdenken können, anstatt dem André Winkhold die Ersatzbank hinzustellen und zu sagen: mach mal!

Der Rest ist schnell erzählt. Obwohl Winkhold bereits nach dreißig Minuten einen der drei Einzelkämpfer (=Amateure) vom Feld holte und mit Iddi Baba gar den neunten Spieler brachte, der im Profikader geführt wird, gewann die Fortuna hochverdient mit 2:1, was beweist, dass die Truppe an guten Tagen auch gegen Zweitliga-Gurkentruppen mithalten kann, denn die Aachener spielten besonders in der ersten Halbzeit grottenschlecht, oder auffallend lustlos, je nach Geschmack. Und da bei Fortuna Bilalovic (konnte nix dafür, stolperte in die prima Vorarbeit von Eyüboglu und musste ihn einfach reinmachen) und endlich mal wieder Tytarchuk (obwohl niemand da war, den er hätte umspielen können, wartete er nicht wie sonst sportlich fair, bis einer ankam – ein Zeichen der Besserung!) trafen, bevor wir die Alemannen durch einen Elfmeter kurz vor Schluss noch mal herankommen ließen, gab es nach elf sieglosen Spielen in Folge endlich wieder ein Erfolgserlebnis, und verdient war es auch. Daran konnte auch die Erscheinung des Schiedsrichter-Assistenten an der Linie auf der Westtribünenseite nichts ändern, der in der zweiten Halbzeit immer dann kräftig sein Fähnchen hob, wenn irgendein Fortune in der Nähe des Aachener Tores mit einem langen Pass angespielt wurde. So viele falsche Abseits-Entscheidungen in einer einzigen Halbzeit – das ist fast schon Kult. Aber nur fast. Obwohl es da ins Bild passte, dass er bei zwei (richtigen) Abseits-Entscheidungen des Schiris vorsichtshalber erst das Fähnchen hob, nachdem dieser bereits gepfiffen hatte. Oder wie Erik Meijer einst (noch in Diensten von Bayer Leverkusen) sagte: „Wenn du so gerne Fähnchen schwenkst, dann such dir doch nen Job am Flughafen.“ Über diese sensationelle Leistung wird wohl noch lange geredet werden. Aber immerhin richtete er außer permanenter Spielflusszerstörung bis Spielende keinen nennenswerten Schaden mehr an. Somit gab es doch noch den versöhnlichen Abschluss des Jahres, das, auf einen kleinen Nenner gebracht, viel sportlichen Frust und einige wenige schöne Erlebnisse brachte.

Und nach diesen beiden sportlichen Erlebnissen binnen acht Tagen dürfte dem geneigten Leser klar sein, dass sich die Überschrift nicht auf mein elitäres Denken, sondern eher auf die Einstellung gewisser Übungsleiter von gewissen Bundesliga-Clubs bezieht.

Tja, und da stehen wir nun: 18 Spiele, 22 Punkte, fünf Siege, sieben Unentschieden, sechs Niederlagen 26:35 Tore, Platz 11 (den Sieg gegen den mittlerweile insolventen Rheydter SV nicht mitgerechnet). Das Torverhältnis bedeutet den immerhin siebtbesten Sturm, aber auch die zweitschlechteste Abwehr, schlechter ist nur noch die unseres letzten Gegners, und es ist wahrlich nicht alles Gold, was glänzt. Zusätzlich wurden wir in den letzten Wochen mal wieder mit einigen Trainerdiskussionen beglückt sowie mit der Forderung nach Verstärkungen, der Vorstand soll um einen vierten Mann erweitert werden, eine Art Spielerobmann mit großer sportlicher Kompetenz, ein Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainer, der Aufsichtsrat nennt das dann Sportdirektor und verkauft es als seine eigene Idee – was einem halt alles so einfällt, wenn das Fußballjahr abgeschlossen ist und man nun bis zum nächsten Punktspiel in sechs Wochen wieder alles durcheinander bringen kann.

Ändern wird sich natürlich nichts, aber ich hoffe mal, dass die Mannschaft in der Rückrunde noch ein paar Plätze nach oben klettern kann. Dass sie in der Lage ist, ordentlichen Fußball zu spielen und auch mit vielleicht stärkeren Teams mitzuhalten, hat sie bereits bewiesen (Fortuna Köln, SW Essen). Und warum der Trainer Schuld sein soll, wenn die Truppe von sechs Elfmetern die Hälfte verhaut, habe ich auch noch nicht so ganz verstanden. Also: auf ein Neues im neuen Jahr, in dem alles beim Alten bleibt, Oberliga-Mittelmaß halt in dieser Saison, aber ans Mittelmaß sind wir gewöhnt. Es macht uns nur noch unempfindlicher gegen Spott und Hohn von Arbeitskollegen und sogenannten mitfühlenden Freunden und Bekannten. Ich zum Beispiel freue mich darauf, gleich im ersten Spiel des Jahres 2003 ausgerechnet beim Weltverein SC Borussia 1912 Freialdenhoven antreten zu dürfen. Da kann einen doch nix mehr schocken, oder?

Übrigens: der Wuppertaler SV geht tatsächlich als Tabellenführer der Oberliga Nordrhein ins neue Jahr. Schön für sie. Aber was nutzt das, wenn man am Ende doch nur wieder Zweiter wird?

Und so verabschiede ich mich für dieses Jahr aus dem relativ tristen Oberliga-Mittelmaß. Aber wie sagte schon Woody Allen: „Komödie ist Tragödie plus Zeit.“ In diesem Sinne ein sportlich eher düsteres „Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch“, aber ein hohnlachendes „Wir sind wieder da“ am 02.02.2003 in Freialdenhoven. Und aus gegebenem Anlass zum Schluss noch ein echter Insider in die Nähe von Jülich: „Danke für 1945, Ihr Bauerntrampel!“
Auflösung folgt.

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